Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julius Stettenheim >

Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 26
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Bei dem Nihilisten Hartmann.

Niemals noch bin ich so angenehm enttäuscht worden, wie heute Vormittag, wo ich das Glück hatte, von dem berühmten Nihilisten empfangen zu werden. Ich hatte mir ein ganz anderes Bild von dem Manne gemacht, an dessen Stelle jetzt ein Graf Orlow die Reise von Paris nach St. Petersburg zurückgelegt hat, und der seit langer Zeit die Sicherheitsbeamten Rußlands dadurch verfolgt, daß er vor ihnen herläuft.

Ich glaubte, einen Wütherich zu finden, und fand einen bescheidenen Mitbürger.

Eintretend sagte ich: Habe ich die Ehre, Herrn Hartmann –

Mein Name ist Meyer, antwortete er.

Ich komme, Herr Meyer, fuhr ich fort, um –

Nennen Sie mich Hartmann, unterbrach er mich, und antworten Sie mir mit Ja oder Nein: Sind Sie ein regierender Fürst?

115 Ich verneinte.

Dann nehmen Sie Platz, sagte er höflich. Wenn Sie ein regierender Fürst wären, so müßte ich Sie bitten, sich umzudrehen, damit ich Sie durch Meuchelmord beseitigen kann.

Ich freue mich sehr, kein Fürst zu sein, verehrter Meuchelmörder, sagte ich vergnügt.

Ach, antwortete er betrübt, nennen Sie mich nicht mit diesem heiligen Namen. Ich verdiene ihn nicht. Ja, wenn das Moskauer Attentat geglückt, wenn der Zar in die Luft geflogen wäre! Aber er befand sich nicht im Zuge.

Es war nicht hübsch von ihm, versicherte ich, er hätte Ihnen wohl diesen Gefallen thun können.

Nicht wahr? rief der Eisenbahnmarder. Aber es fiel dem Zaren gar nicht ein, und nun verlangt er, daß wir ihn lieben sollen! Wenn er wenigstens bei der Explosion im Schloß umgekommen wäre! Aber auch bei dieser Gelegenheit war er nicht bei der Hand.

Ein ungefälliger Herr! versetzte ich. Und was gedenken Sie nun zu thun? Man sagt, Sie wollten nach Amerika gehen.

Dies Gerücht ist nichts als eine Reklame der Dampfschifffahrts-Gesellschaft, welche ihre Cajütenplätze verkaufen will, und allerdings reisen nun mit 116 jedem Dampfschiff Hunderte von Engländern nach Amerika, weil sie denken, ich sei unter den Passagieren. Natürlich befindet sich unter denselben irgend ein Hartmann, oder Meyer, und in dessen Gesellschaft fürchten sich nun die Engländer und sind befriedigt.

Sie bleiben also in Europa? fragte ich.

Natürlich, antwortete er. Ich muß hierbleiben, um die Gesellschaft zu zerstören. Die ganze alte Welt muß untergehen! Wer nicht Nihilist ist, muß vernichtet werden! Rauchen Sie?

Sehr viel, antwortete ich.

Nun, sagte er, dann geben Sie mir eine Cigarre.

Ich reichte ihm etwas überrascht meine Cigarrentasche, aus der er sich eine Havanna nahm und sie anzündete. Dann fuhr er fort: Ja, Alles muß vernichtet, Alle müssen gemeuchelt werden. Der Vater muß den Sohn, der Sohn den Onkel, der Onkel den Großvater, der Großvater den Hauslehrer, der Hauslehrer den Koch, der Koch den Vater tödten!

Welche Ordnung! rief ich voll aufrichtiger Bewunderung.

Der Nihilist fuhr auf: Wenn Sie das noch einmal sagen, so werfe ich Sie die Façade des Hauses hinunter, denn wir wollen von Ordnung absolut nichts wissen. Auch das Hinunterwerfen über 117 die Treppe gehört zur alten Ordnung, darum schlug ich Ihnen die Façade vor. Wir haben nur das eine Ziel im Auge: Die baldmöglichste Zertrümmerung dieser abscheulichen Ordnung der Dinge!

Der geschätzte Nihilist klingelte. Der eintretende Kellner brachte das Frühstück.

Manches von der abscheulichen Ordnung der Dinge behalten Sie doch bei, sagte ich zu dem jungen Revolutionär, denn, wie ich sehe, frühstücken Sie noch.

Allerdings, allerdings, sagte der Nihilist. Haben Sie Appetit?

Ich konnte vor Hunger kaum bejahen.

Nun, dann gehen Sie und frühstücken Sie irgendwo. Hunger thut weh. Ich würde Sie einladen, mit mir zu frühstücken, wenn dies nicht die alte Ordnung der Dinge wäre.

Ich verabschiedete mich ohne Aufenthalt. Im Vorzimmer suchte ich vergeblich meinen Paletot. Endlich sagte mir der Oberkellner, der Nihilist habe befohlen, den ersten Paletot, der heute im Vorzimmer abgelegt würde, einem darauf wartenden bedürftigen Flüchtling zu geben. Das Abgeben der Paletots im Vorzimmer gehöre zur alten Ordnung der Dinge, welche zertrümmert werden müsse.

118 So ging ich denn ohne Paletot, aber mit dem Bewußtsein, in dem Nihilisten einen wahren Gemüthsmenschen kennen gelernt zu haben.

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.