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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 24
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei Prowe in Thorn.

Ich klingelte. An der Thür erschien ein gefälschtes Dienstmädchen. Es war der Pedell des Herrn Schuldirektors.

Wen darf ich melden? fragte der Verkleidete.

Mein Name ist nicht Rickert, antwortete ich.

Da wurde ich ohne Weiteres eingelassen, und bald darauf betrat ich das Arbeitszimmer des Herrn Prowe. Herr Prowe war sehr beschäftigt, indem er Briefe politischer Gegner anfertigte. Vor ihm stand eine Champagnerflasche, aus der er sich gerade eine Tasse Thee einschenkte. So falschen Sekt hatte ich noch nie gesehen.

Um ein Gespräch anzuspinnen, fragte ich: Wie geht's?

Wie man's treibt, antwortete Herr Prowe.

Ich wollte fragen, sagte ich, was Sie machen?

Was ich gewöhnlich mache: kleine Scherze, antwortete Herr Prowe.

104 Sie mißverstehen mich, Herr Schuldirektor, sagte ich etwas ungeduldig, ich wollte mich erkundigen, wie Sie sich befinden.

Ich befinde mich in einer unangenehmen Lage, antwortete Herr Prowe. Oder befindet man sich etwa in einer angenehmen, wenn man mißverstanden wird? Ich habe, wie Sie wissen. mit großer Mühe Rickert'sche Briefe verfaßt und zwar zu dem Zweck, den genannten freisinnigen Abgeordneten für eine Neuwahl unmöglich zu machen, und was muß ich nun erleben!

Ja, ja, warf ich ein, die gesammte Presse hält dies für ein Unrecht und greift Sie an.

Ist das nicht niederträchtig? rief Herr Prowe. Ich schiebe dem Herrn Rickert Worte in die Feder, die er nicht geschrieben. Nun, ich bin doch nicht dazu da, echte Rickert'sche Briefe zu schreiben, die kann dieser Mensch selber schreiben.

Sehr wahr, sagte ich, aber wozu Briefe fälschen?

Sie sind sehr naiv, meinte der Schuldirektor, indem er aus einem Schrotbeutel Zucker nahm und denselben in den Thee warf. Ich hatte noch nie eine so gefälschte Zuckerdose gesehen. Sie sind sehr naiv, wiederholte er dann, nachdem er getrunken hatte. Das ist Wahlagitation und die erlaubt, fordert, bedingt Alles. Alle Mittel gelten.

Alle? fragte ich.

105 Alle, antwortete er. Dabei reichte er mir ein dickes Buch, indem er sagte: Nehmen Sie gefälligst eine Cigarre.

Ich hatte noch niemals eine so gefälschte Kiste Cigarren gesehen.

Herr Prowe fuhr fort: Das Einfachste, was man im Interesse einer regierungsfreundlichen Wahl thun kann, ist doch das, was ich gethan habe. Ich schrieb dem Herrn Rickert Briefe in die Schuhe. Das haben in ähnlicher Weise fast alle Klassiker gethan.

Wie meinen Sie das? fragte ich den Schuldirektor.

Mit den Worten: Nehmen Sie ein Glas Rheinwein, reichte er mir seine lange Pfeife, – ich hatte noch niemals einen so gefälschten Rheinwein gesehen, – und fuhr fort: Da ist z. B. Schiller. In den Räubern kommt ein Brief von Franz von Moor vor. Schiller hat ihn gefälscht. Im Don Carlos spielt ein Brief des Königs Philipp an die Prinzessin von Eboli eine Rolle. Er ist von Schiller geschrieben, nicht von Sr. Majestät. Die Briefe von Falstaff an die lustigen Weiber sind nicht von Falstaff, sondern von Shakespeare verfaßt. Es existirt in Kabale und Liebe ein Brief von Louise an Herrn von Kalb. Der richtet jedenfalls mehr Unheil an, als die aus meiner Feder geflossenen Briefe Rickerts. Und wer hat diesen 106 Brief Louisens geschrieben? Der liebe Schiller. Nicht wahr? Und so könnte ich Ihnen Dutzende von Briefen bezeichnen, welche die Dichter im Namen ihrer Helden und Heldinnen geschrieben haben, ohne daß es Jemand einfiele, ihnen daraus einen Vorwurf zu machen. Doch ich sehe, Sie sind pressirt. Dabei zog er seine Schnupftabaksdose aus der Westentasche, warf einen Blick auf sie und sagte: Es ist zehn Minuten vor Zwei.

Ich hatte noch niemals eine so gefälschte Taschenuhr gesehen.

Fürchtend, Herr Prowe würde mir seine Dose reichen, damit ich mich überzeugen sollte, daß es wirklich schon so spät sei, – es war nämlich viel später, – erhob ich mich, indem ich fragte, was er jetzt unter der Feder habe.

Ach, antwortete er, Briefe von freisinnigen Abgeordneten schreibe ich nicht mehr, da ich leider sehe, daß die schlechte Presse mir daraus einen Vorwurf macht. Ich schreibe daher jetzt ein Bändchen Briefe und Postkarten Goethe's an seine Freunde, aus denen hervorgehen soll, daß Goethe den größten Theil seines Faust abgeschrieben, daß er also stark gemogelt hat. Das Werkchen wird viel Aufsehen machen.

Ich gab ihm Recht und verbeugte mich zum Abschied.

107 Vergessen Sie Ihren Paletot nicht, sagte er zuvorkommend, indem er mir die Papierscheere reichte. Ich hatte noch nie einen so gefälschten Paletot gesehen.

Dann ging ich, überzeugt, einen der merkwürdigsten Schuldirektoren der Neuzeit persönlich kennen gelernt zu haben.

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