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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 20
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei Dr. Koch.

Der berühmte Entdecker des Bacillus war eben in Toulon eingetroffen, als ich mir sagte, daß derselbe jedenfalls den Stoff zu einem längeren Artikel bilde, es käme nur darauf an, ihn geschickt auszuforschen. Gelänge es mir, von ihm zu erfahren, woher die Cholera komme, wohin sie ginge, wie sie zu beseitigen, wodurch sie zu heilen, auf welche Weise ihr auszuweichen sei, wann sie wieder verschwinden werde und wodurch sie zu mildern wäre, so könnte ich sicher sein, meinem Blatt und meinen Lesern einen außerordentlichen Dienst zu leisten.

Davon war ich kaum durchdrungen, als ich mich auch sputete, mir von Herrn Dr. Koch meine ohnedies sehr knappe Zeit rauben zu lassen. Ich klopfte bei ihm an und trat, als er nicht hereinrief, in sein Zimmer.

Der große Forscher hatte sich über ein Mikroskop gebückt und war in das Studium eines Präparats 87 versunken, welches ihm wichtige Aufschlüsse geben sollte. Trotzdem ließ ich mich nicht stören, sondern begrüßte ihn. Herr Geheimrath, fügte ich hinzu, Sie sind von Berlin hierher geeilt, um Frankreich Ihre Wissenschaft, ja Ihr Leben zur Verfügung zu stellen, das ist groß, und ich danke Ihnen.

Ich habe allerdings viel zu thun, antwortete der Columbus der Bacillen, und es wäre mir lieb, wenn –

O, warf ich ein, das macht Nichts. Kann ich Ihnen durch Fragen irgendwie gefällig sein, so nehmen Sie keine Rücksicht auf die Lage, in der ich mich befinde, und antworten Sie schlankweg. Ich bin Franzose, Sie leisten Frankreich einen großen Dienst, es wäre undankbar von mir, wenn ich einen Augenblick an mich und an meine Arbeit denken wollte.

Koch seufzte. Er verglich wohl die Höflichkeit eines Franzosen mit der seiner Landsleute. Nun denn, fragte er, was wünschen Sie?

Ich wünsche vor Allem zu wissen, wie man sich vor der schrecklichen Seuche zu schützen vermag, begann ich.

Vor Allem, belehrte mich der Geheimrath, muß man sich nicht ärgern. Wenn man z. B. bis über die Ohren in der Arbeit sitzt und das Wichtigste zu thun hat, und es kommt ein Besucher, den nichts 88 als die banale Neugier herbeiführt, so ärgert man sich und setzt sich dadurch der Gefahr aus, krank zu werden.

Vor was hat man sich sonst in Acht zu nehmen? fragte ich weiter.

Vor jedem Gespräch mit einem Manne, der, wie z. B. ich, mit Cholerakranken in Berührung kam, oder, ebenfalls wie ich, sich stundenlang mit Mikroben beschäftigt.

Was sind Mikroben?

Eindringlinge, die man im Magen hat.

Das sind ja abscheuliche Geschöpfe! rief ich aus.

Der Gelehrte war wieder zu seinem Mikroskop zurückgekehrt und schien mir das Alleinsein zu wünschen. Ich hatte indeß noch etwas Zeit und wollte über das Wesen der Cholera noch Mancherlei erfahren. Daher richtete ich die Frage an meinen berühmten Freund, wie man sich während der Herrschaft der Cholera zu verhalten habe.

Ich rathe Ihnen, belehrte mich Koch, sich nicht länger als dringend nöthig in einem geschlossenen Raum aufzuhalten, besonders wenn sich in diesem Raum ein zweiter Mensch befindet. Ist man nun durch Zufall in einen solchen Raum, z. B. in ein Zimmer wie dieses hier gerathen, so empfehle ich dringend folgende einfache und kostenfreie Schutzmaßregel. Man bleibe nicht länger als höchstens fünf 89 Minuten auf einem Stuhl sitzen. Nach dieser Zeit erhebe man sich, ergreife seinen Hut, mache sich Bewegung bis zur Thür, öffne diese, um frische Luft einzulassen, gehe hinaus und betrete das Zimmer nicht wieder.

Ich notirte dieses mir sehr nützlich erscheinende Recept wörtlich in mein Buch.

Und weiter? fragte ich dann.

Man beschäftige sich nicht mit Dingen, die Einen nichts angehen, sagte der Geheimrath, während ich schrieb. Zu diesen gehören für den Laien in erster Linie die Naturwissenschaften.

Und wie ist es mit der Nahrung? forschte ich weiter.

Nun, antwortete der Todfeind der Mikroben, ich kann nur rathen, besonders Vormittags reichlich zu essen, aber ganz allein. Ansammlungen von Menschenmassen, als welche ich schon zwei Lebewesen bezeichne, bergen Gefahren aller Art in sich. Haben Sie schon gefrühstückt?

Nein, antwortete ich, indem ich im Geiste serviren sah.

Nicht gefrühstückt? rief Koch sehr aufgeregt. So thun Sie es sofort! Gegenüber ist wahrscheinlich ein Restaurant, lassen Sie sich dort ein Separatzimmer geben und frühstücken Sie nach Kräften.

90 Und wie ist es mit dem Getränk? fragte ich, da es mit dem Frühstück nichts war.

Ich empfehle Trockenheit, warf der Geheimrath energisch ein. Trockenheit ist der Tod der Mikroben.

Auch meiner, versicherte ich mit einem Blick auf die Flasche Rothwein, die halbgeleert den Tisch zierte.

Ich machte eine nutzlose Pause und fragte, wie es mit dem Rauchen sei.

Rauchen Sie nur, verehrter Herr, sagte der außerordentliche Mann, aber speciell die Sorte, an die Sie gewöhnt sind. Ganz vorzügliches Feuer finden Sie beim Portier.

Er mußte wohl glauben, daß meine Rauchstunde gekommen war, denn es schien ihm leid zu thun, daß er mich schon so lange aufgehalten hatte. Ich dankte ihm für die wichtigen Aufschlüsse, die ich empfangen hatte, und fragte ihn, ob ich wiederkommen dürfe. Gewiß, gewiß, erwiderte er, ich reise gleich nach Marseille ab, und Sie können daher kommen, so oft es Ihnen beliebt.

Ganz entzückt verließ ich das Haus des Löwen des Tages, des vielgenannten Vertreters der Wissenschaft. Fast vergaß ich, daß er ein Deutscher, den ich zu hassen verpflichtet bin, weil er Frankreich das Elsaß genommen hatte und ihm nun auch die Cholera 91 nehmen wollte. Wann wird die Stunde der Revanche schlagen?

Ich war wieder ganz Franzose, als ich mir unten von dem Portier Feuer ausbat. Er reichte mir ein brennendes Wachskerzchen, mit dem ich mich entfernte, da er mir keine Cigarre dazu gab.

Nichts auf Erden ist vollkommen!

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