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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 17
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei dem Mahdi.

Als ich hörte, daß in Egypten ein Mann existire, welcher »der falsche Prophet« genannt wird und gewohnheitsmäßig den heiligen Krieg predigt, beschloß ich, ihn zu besuchen. Die Karawane, in der ich die Reise zu ihm unternahm, bestand aus meiner leichtgläubigen Wenigkeit und noch einem Kameel.

Dieser Prophet, Mohamed Achmed, bewohnt ein hochherrschaftliches Leinwandzelt ohne Balkon, Wasserleitung, Gas, Waschküche, Mädchengelaß und Gartengenuß. Als er meiner ansichtig wurde, rückte er mir den Fußboden näher, auf dem er selbst mit untergeschlagenen Beinen saß, und forderte mich mit einer stummen Handbewegung auf, dieselbe Unterschlagung zu begehen.

Nun konnte ich ihn genau betrachten. Der Geschichtschreiber ist bekanntlich ein rückwärts gekehrter Prophet, und in der That sieht Achmed aus, wie ein 71 vorwärts gekehrter Geschichtschreiber. Seine Augen sind so hellsichtig, daß er sie durch eine dunkle Brille schützen muß. Er macht den Eindruck eines wohlhabenden Mannes, der über ein pupillarisch sichergestelltes Ahnungsvermögen verfügt.

In einer mir völlig unverständlichen Sprache fragte er mich, was mir zu Diensten stehe.

Ich begann mit einigen verbindlichen Redensarten und gab der Hoffnung Ausdruck, daß bald ganz Egypten nach der Pfeife, aus der er gerade rauchte, tanzen würde. Dann fragte ich ihn, ob er heute bereits prophezeit habe.

Er bejahte dies. Ich weissagte, sprach er in einem sonderbaren Kauderarabisch, daß die Engländer nicht wagen werden, Alexandrien zu bombardiren.

Ich entgegnete, daß sie dies bereits gewagt hätten.

Um so mehr habe ich Recht, sprach die egyptische Sehwarte. Ich bin aber der falsche Prophet und würde mich mithin einer Falschheit schuldig machen, wenn ich richtig weissagte. Sage ich aber falsch weis, so bleibe ich in Wahrheit der falsche Prophet, und auf die Wahrheit kommt es bei Prophezeiungen in erster Linie an.

Hiermit zufriedengestellt, forschte ich ihn nach dem Schicksal des Suez-Canals aus.

Kaum hatte ich das gesagt, als der Geist mit 72 Siebenmeilenstiefeln über ihn kam. Mit der Zuverlässigkeit des hundertjährigen Kalenders rief er aus: Gar nichts wird aus ihm werden! Ich weiß wohl, daß Lesseps den Suez-Canal graben will, aber es wird ihm nicht gelingen. Niemals wird er die Landenge vom Suez durchstechen, so steht es in den Sternen geschrieben!

Sie sind wohl nicht recht bei Orakel, Herr Pythius! konnte ich mich nicht enthalten, ihm zu entgegnen. Der Suez-Canal ist ja seit Jahren fix und fertig, und Lesseps hat längst die letzte Feile an ihn angelegt.

Du siehst, Giaur, schmunzelte der Prophet, daß ich schon wieder Recht gehabt habe. Wenn der Canal bereits fertig ist, so kann er eben nicht noch einmal gegraben werden. Frage weiter!

Ich benutzte diese Aufforderung und erkundigte mich nach der Zukunft des europäischen Concerts.

Ich sehe trübe, erwiderte er, indem er sich plötzlich einen Kassandrablick stehen ließ, Frankreich alliirt sich bestimmt mit Deutschland. Schon hat Forckenbeck eine Einladung nach Paris bekommen, und er wird sie annehmen! Der Allahseibeiuns soll mich holen, wenn das nicht eintrifft!

Als ich schwieg, prophezeite er weiter frisch von der Leber weg:

73 Aber sie haben die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Ehe der Mond sich dreimal erneut hat, wird Skobeleff mit dem Schwert in der Hand Alles vereitelt haben.

Was mich betrifft, fuhr er fort, indem er durch seine buschigen Augenbrauen verschmitzt in die Zukunft blickte, so weissage ich mich von Arabi Pascha los. Er ist ein Feigling und wird niemals zu den Waffen greifen. Bei der ersten Aufforderung des Sultans, nach Konstantinopel zu kommen, wird er dahin abreisen.

Er sah schrecklich in diesem Moment aus und schien Miene zu machen, die grüne Fahne zu entrollen. Diese ist die gefährlichste unter allen Fahnen, unter welchen sie eine ähnliche Stellung einnimmt, wie der graue Staar unter den Staaren.

Auf meine Frage, was er ferner beabsichtige, erwiderte er, indem er die Stirn in clairvoyante Falten legte:

Ich werde die Alleinherrschaft des Propheten begründen und den ganzen Occident ruiniren. Allah wird das Uebrige thun, indem er Europa in diesem Jahre eine so miserable Ernte bescheeren wird, wie solche seit Menschengedenken nicht erlebt worden ist. Die Großmächte haben den Mißwachs schon so gut wie in der Tasche.

74 Wie aber, warf ich ein, wenn Arabi Ihnen gründlich den Marsch bläst?

Du verwechselst mich mit dem Propheten von Meyerbeer, entgegnete der falsche. Dieser läßt sich einen Marsch blasen, ich nicht. Ich bin kühn, ausdauernd und grausam. Oder hältst Du mich für so weichherzig, wie den Präsidenten der Vereinigten Staaten?

Als ich ihn nicht verstand, erklärte er: Präsident Arthur ist nämlich der weichherzigste Mensch von der Welt und läßt überall Gnade vor Recht ergehen. Er wird auch den Guiteau begnadigen, das nehme ich auf meinen Propheten-Diensteid!

Ich erhob mich, machte die Zeltleinewand von draußen zu und war froh, als ich endlich wieder frischen Samum schöpfen konnte. Der falsche Prophet aber blieb drinnen und zog kauernd noch manchen Schleier von der Zukunft.

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