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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 16
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei Midhat Pascha.

»Man muß die Ränke schmieden, so lange sie heiß sind!« Dies ist ein Grundsatz der Türkischen Herrscher, und da es in Konstantinopel immer heiß ist, so steht auch die Ränkeschmiede niemals still. Kein Wunder also, daß mein alter Freund Midhat Pascha erklärte, nicht zehn Roßschweife vermöchten, ihn in das Schloß von Dolmabagdsche zu ziehen, als er aufgefordert wurde, daselbst zu erscheinen. Erst auf den eindringlichen Meineid hin, er besitze noch das volle Vertrauen des Sultans, leistete er der Einladung Folge.

Begleitet von den Thränen seiner lachenden Erben betrat er den Palast. Um nicht mit der Pforte ins Haus zu fallen, fragte er hier einen Eunuchen du jour, wie spät es sei. Dieser sah auf seinen Repetirdolch und sagte: »Ihr letztes Stündlein hat geschlagen.«

67 Indeß der Dolch des Beamten ging entschieden vor, es war noch nicht so spät. Im Gegentheil empfing ihn Said Pascha, das Chefchen der Militärkanzlei des Sultans, nur mit den Worten, er sei ein Verschwörer gegen die Souverainetät des Sultans und wolle den verrückten Murad unverrückt auf den Thron zurückführen. Als Midhat Pascha den Kopf Said Paschas schütteln wollte, empfing er 500 Pfund von der türkischen Staatsschuld, und so von Allem entblößt brachte man ihn auf die Yacht »Izzedin.« Hier wurde nun sofort gestochen, aber zum Glück nur in See. Ein halbe Stunde später fuhr Midhat an dem tombackenen Horn vorüber und näherte sich langsam dem Exil seiner Reise: Brindisi.

Jeder schlug die Hände im Schooß zusammen, als das Vorgefallene bekannt wurde. Midhat lebte, ohne ermordet zu sein, – kein Wunder also, daß aus naheliegenden Gründen wenigen Türken der Verstand stillstand.

Ich glaubte natürlich nicht daran, daß Midhat Pascha dem Selbstmord entronnen war, und, in Brindisi angekommen, eilte ich zu ihm, um ihm Maß zum Nekrolog zu nehmen und seinen Sarg mit einer Thräne zu schmücken. Um so erstaunter war ich, als ich, bei ihm eintretend und »Sanft ruhe 68 Ihre Asche!« ausrufend, ihn wie ein Phönix aus derselben sich erheben und auf mich zukommen sah.

Salem alek! rief er mir entgegen.

Gleichfalls! antwortete ich und sah ihm in das blaue Auge, mit welchem er davongekommen war.

Er verstand mich und sagte: Ich hatte schon die Hände erhoben, um das Zeitliche mit einem Allah il Allah zu segnen, um nicht unvorbereitet, wie ich mich hatte, vor die Allerhöchste Scheere zu treten. Aber da erst jetzt in Konstantinopel ein statistisches Bureau eingeführt wird, so waren meine Tage noch nicht gezählt.

Im Hause des gestürzten Großveziers, sagte ich, soll man nicht von der seidenen Schnur reden. Aber haben Sie unterwegs nicht vielleicht etwas getrunken oder gegessen, was den Selbstmord in sich trägt?

Ich habe mich sehr in Acht genommen, sagte Midhat, indem ich von allen Speisen und Getränken einen meiner Begleiter nehmen ließ. Starb derselbe nicht daran, so aß und trank ich auch.

Angenehmes Feinschmeckerdiner! warf ich ein. Dann zündete ich mir ein halbstarkes Nargileh an, welches mir der Pascha mit einem brennenden Türkenloos reichte, indem er lächelnd sagte: Rauchen Sie das Kraut mit Vertrauen, es ist gegen den Tod gewachsen!

69 Während wir qualmten, mußte ich mir immer den verbannten Staatsmann ansehen. Er war wirklich nicht umgebracht. Er lebte. Er lag nicht in den letzten schönen Zügen, deren man von den Sultanen so viele erzählt. Freilich, jeden Augenblick konnte ein Bote des Sultans eintreten und den einstigen Minister um die nächste Ecke bringen. Ich stand ahnungsvoll auf und empfahl mich mit den Worten: Seien Sie auch ferner auf Ihrer Fez! Aber zu mir selbst sagte ich: Daß Midhat Pascha noch lebt, ist ein Beweis, daß die Türkei nicht mehr mordenskräftig ist und daß es also mit ihr zu Ende geht.

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