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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 15
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei General Leer.

Als ich die Fremdenliste durchflog und mein Auge auf dem Namen des russischen Generals Leer haften blieb, fiel es mir plötzlich ein, daß derselbe mir seit längerer Zeit gänzlich unbekannt sei. Niemals hatte ich ihn in Jedermanns Mund gehört, und wenn ich einen großen Strategen nicht hatte namhaft machen hören, so war es General Leer.

Und doch – wenn ich mir den Namen Leer wiederholte, so war es mir, als müßte ich ihn schon gehört haben. Wenigstens war mir das Wort nicht fremd, nicht neu. Ich erinnerte mich, es in Verbindung mit einer Flasche, dem Theater, der Staatskasse, dem Stroh u. s. w. vernommen zu haben. Aber General Leer mußte doch ein anderes sein. Ich eilte also zu einem Freunde, welcher Tag und Nacht das neueste Conversationslexikon besitzt.

Wer ist General Leer? fragte ich ihn.

Mein gelehrter Freund nannte mir nun eine ganze Reihe von Schlachten, welche der Genannte 63 weder verloren, noch gewonnen hatte. Auch habe, so orientirte mich mein Freund weiter, der General Leer ein Buch, betitelt »Die positive Strategie« geschrieben, welches in's Oesterreichische, in's Berlinische, in's Sächsische, in's Bayerische, in die Fächer- und in die Blumensprache übersetzt worden war.

Ich wußte genug. Ich eilte in das Hotel. Ich fragte den Portier, ob er den General Leer kenne. Er kannte ihn nicht, aber er nannte mir die Nummer des Zimmers, in welchem der General wohnte.

Habe ich die Ehre, den General Leer zu interviewen? fragte ich, in das bezeichnete Zimmer tretend.

Der Angeredete besann sich einen Augenblick. Dann kannte er sich, und, bejahend nickend, bot er sich einen Sessel an, und wir nahmen Platz.

Womit kann ich dienen? fragte er höflich. Wollen Sie, daß ich Ihnen eine Grabrede halte? Ich bin derselbe, der eine solche dem General Skobelew gehalten hat.

Als er den Namen Skobelew aussprach, erhob er mich von meinem Sitz, um das Andenken des Verstorbenen zu ehren.

Auch bin ich, fuhr er fort, ein Mann, der viel über militärische Fragen nachgedacht hat. Soll ich Ihnen vielleicht über eine solche nachdenken? 64 Besonders interessire ich mich für die französische Armee. Ich habe den Manövern beigewohnt und bin bereit, mich wegen ihrer Vorzüglichkeit mit Ruhm zu bedecken.

Sie lieben Frankreich? warf ich dazwischen.

Als wenn ich keinen andern Augapfel hätte! rief der General. Wie leid thut es mir, daß es ein Sedan erlebt hat! Ich halte es für einen großen Fehler, daß Frankreich damals nicht gesiegt hat, und der zweite Fehler ist der, daß es Deutschland siegen ließ. Wenn Frankreich die deutschen Armeen geschlagen hätte, so wäre Vieles anders geworden. Was das deutsche Generalstabswerk auch über Sedan sagen möge, ich halte den Umstand, daß die französische Armee bei Sedan nicht siegte, geradezu für eine Unterlassungssünde.

So legte er mit großer Klarheit die Gründe der damaligen Niederlage dar, und dieselben leuchteten mir so ein, daß mich der russische Feldherr mehrmals vor die Stirn schlug.

Als ich dieselbe runzelte, beruhigte mich der General mit den Worten: Muth! Muth! Es kann Alles wieder gut werden. Frankreich hat viel verloren, aber es hat Gambetta. Gambetta ist ein großer Staatsmann, und wenn er an die Regierung kommt und Deutschland mit seiner Hülfe besiegt und 65 zerstückelt ist, dann wird Frankreich wieder das Alte werden.

Ich bewunderte so viel Scharfblick. Seine Worte wirkten wie ein Zauber auf mich, so daß ich deutlich merkte, wie der General meine Brust klopfte. Endlich fragte ich: Glauben Sie, daß Frankreich noch viel Zeit nöthig haben wird –?

Der General blieb plötzlich vor mir sitzen und rief, indem er mir die Augen aufschlug: Zeit? Die Armee ist bereit! Seit ich sie manövriren sah, ist sie bereit. Dank meiner Anwesenheit kann sie jeden Augenblick in's Feld rücken und glorreiche Siege erringen, und wenn die deutschen Armeen geschlagen werden, dann ist der Sieg der Franzosen unzweifelhaft.

Er traute seinen Ohren nicht und fuhr fort: Die französische Armee ist bereit, und wenn die deutschen Truppen vor ihr fliehen und bei Königsberg endlich stillstehen, dann werden die Franzosen ihren Einzug in Berlin halten, so wahr Sie mich jetzt verlassen!

Natürlich verließ ich ihn, damit dem Revanchekrieg Nichts mehr im Wege stehe. Ich hörte nur noch, wie der General Leer in seinem Zimmer mit großen Schritten wieder unbekannt wurde.

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