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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 13
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei Crispi.

»Der ist nicht zu Hause!« antwortete mir der Portier des »Kaiserhof« mit bekannter Zuvorkommenheit.

Das kenne ich, antwortete ich ebenso und flog die Treppe hinauf. Im nächsten Augenblick klopfte ich an und trat, als nicht Herein! gerufen wurde, sofort ein.

Herr Crispi wollte sich in's Nebenzimmer flüchten, welches er zu diesem Zweck gemiethet hatte. Ich schnitt ihm den Rückzug ab und rief ihm zu, daß ich kurz sein wolle, worauf er sich setzte.

Ich hatte nun Muße, den berühmten Italiener, von dem ich seit gestern so viel gehört hatte, zu betrachten. Er sieht halb wie ein Parlamentarier, halb wie ein General aus, wie ein Forckenbeck mit einem Schuß Vogel von Falckenstein. Sein graues Haar ist schwarz melirt. Da ich wußte, daß 56 er ein geborener Italiener sei, so kam mir sein Typus gleich wie ein südländischer vor.

Ich eröffnete sofort das peinliche Verhör.

Ihre Sprache ist die Dante's, hub ich an, die meine die Goethe's, Schiller's und Lessing's. Da ich nur diese geläufig spreche, so verbietet mir mein Nationalstolz, mit Ihnen in der Sprache Dante's, oder in der Molière's, die Sie ohne Zweifel gleichfalls gründlich kennen, zu reden. Antworten Sie mir also in jeder Sprache, welche Ihnen beliebt, und sei es die Sprache Shakespeare's, ich werde ein Gesicht machen, als verstände ich Alles.

Der berühmte Gast griff zur Klingel. Das sind die Präsidenten großer parlamentarischer Versammlungen so gewöhnt. Ich erfaßte seine Hand, um ihn am Ordnungsruf zu verhindern, und sagte: Wenn Sie den Zimmerkellner wünschen, so sagen Sie mir gefälligst nur, wenn Sie etwas haben wollen, ich stehe zu Diensten.

Ich stand allerdings. Herr Crispi hatte mir keinen Sessel angeboten. Präsidenten fällt es ja niemals auf, wenn ein Redner steht.

Führt Sie eine politische Mission nach der Hauptstadt des Deutschen Reiches? fragte ich ihn. Antworten Sie ohne Scheu.

Herr Crispi schien zu sagen, Berlin gefiele ihm 57 sehr. Er habe im Vorbeigehen die Spittelkirche gesehen, welche allerdings kein Petersdom, aber doch immerhin baufällig sei. Auch habe ihn der Canalisationsbau sehr interessirt, und Berlin verdiene, wenn Rom die Siebenhügelstadt heiße, den Namen der Tausendhügelstadt.

Nun fragte ich ihn, was er von der künftigen Papstwahl halte. Er schwieg in der Sprache aller Dichter der Welt. Ich verstand ihn.

Und wie wird, fuhr ich fort, der russisch-türkische Krieg enden?

Herr Crispi mußte wohl glauben, daß ich gefragt hatte, wie viel die Uhr sei, denn er zog dieselbe und deutete mit dem Finger auf den kleinen Zeiger. Ich kann doch wohl nicht annehmen, daß er sagen wollte, der orientalische Krieg ende um sechs Uhr.

Ich ging nun auf andere wichtige brennende Fragen über, vor Allem auf die socialdemokratische. Habe ich Herrn Crispi richtig mißverstanden, so ist Italien noch frei von allem Most. Denn er reichte mir die Hand und warf dabei einen Blick auf die Thür, als wolle er sagen, daß, wenn sich die Socialdemokratie melde, Italien ihr die Thür zeigen würde.

Nachdem er nun meine Frage nach dem 58 Schicksal der Gotthardtbahn und dem Stand der diesjährigen Macaroni-Ernte nicht verstanden hatte, erkundigte ich mich nach dem Projekt, Rom zu befestigen. Auch dies verstand er nicht, oder doch nur dahin, daß ich bedauert hatte, gehen zu müssen, denn er erhob sich und reichte mir meinen Calabreser, den ich zu Ehren Italiens mitgebracht hatte.

Unsere Unterhaltung war zu Ende. Gerne hätte ich Herrn Crispi noch gefragt, was er von der Wirksamkeit unseres Reichsgesundheitsamts halte und welche Nummer in der nächsten Ziehung der Preußischen Lotterie mit dem großen Loos herauskommen würde. Da aber war ich selbst schon draußen.

Ich hatte aus der Unterredung mit dem ausgezeichneten Italiener die Ueberzeugung gewonnen, daß die Sprache Dante's von der Goethe's doch himmelweit verschieden sei.

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