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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 12
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei Ignatieff.

Der russische Diplomat war noch nicht in Berlin angekommen und also auch noch nicht im Hotel Royal abgestiegen, als ich mich bei ihm melden ließ.

Ich wurde abgewiesen.

Nach einigen Stunden war er indeß eingekehrt, und ich wurde vorgelassen. Als ich eintrat, stand er gerade, mit Ankleiden beschäftigt, vor dem Spiegel und schien sehr erfreut, sich zu sehen.

Denn bekanntlich bereist der General die europäischen Höfe, um einen Augenarzt zu consultiren. Es kann daher nicht die Rede davon sein, daß die Politik ihn zu uns geführt. Er bat mich also, kurz zu sein, da er dem Fürsten Bismarck einen Besuch zu machen gedenke und denselben nicht warten lassen könne. Aha, dachte ich, er will sich bei dem Deutschen Reichskanzler das Adreßbuch geben lassen, 52 um nachzusehen, wo gute Augenärzte wohnen und wann dieselben zu sprechen sind. Wie ich später einsah, täuschte ich mich. Er wollte zu Bismarck, um denselben wegen seiner Augen um Rath zu fragen.

Und was fehlt Ew. Excellenz? fragte ich.

Ich habe etwas im Auge, sagte er.

Das weiß ich, war meine Antwort, Sie haben die Türkei im Auge. Seien Sie indeß ganz beruhigt: Bismarck wird Ihnen schon die Augen öffnen. Aber wie sind Sie zu diesem Uebel gekommen?

Der General rollte die Augen im Kopfe herum und antwortete: Eines Tages – es mögen nun wohl 250 Jahre her sein, Peter der Große machte gerade sein Testament – warfen wir Russen ein Auge auf die Türkei. Aber das andere ging uns über, als wir allmälig sahen, daß, wenn die Würfel fielen, die Türken mehr Augen hatten, als wir. So auch jetzt, und daher kommt es, daß ich als Augenkranker die europäischen Hauptstädte besuche.

Sie suchen Hülfe, warf ich ein.

Ob ich sie finde? fragte er. Ich fürchte, Bismarck wird sich auf Nichts einlassen.

Ein großer Gedanke dämmerte in mir auf. Ich neigte mich zu dem Ohr des Diplomaten und flüsterte hinein: Sie speisen heute bei dem Reichskanzler?

53 In einer halben Stunde, antwortete mein Freund Ignatieff, ich muß gleich fort, sonst wird der Sect kalt.

Schlimm, rief ich lebhaft aus, sehr schlimm! Bismarck wird mit Ihnen gar nicht über Augenkrankheiten sprechen, über so wichtige Dinge spricht er nur beim Bier. Das Beste ist also, Sie stecken sich hinter Wehrenpfennig und lassen durch diesen den Reichskanzler in's Gebet nehmen.

Das geht nun nicht mehr. Vielleicht giebt es aber Bier bei Tisch. Wenn aber nicht, wenn der Fürst sich weigert, zu helfen, was dann?

Nun, Excellenz, tröstete ich, dann werden Ihnen die Schuppen von den Augen fallen und Sie werden sich freuen, wenn die Türkei, friedlich gesinnt, Ihnen nicht den Daumen auf's Auge setzt. Vielleicht bewegen Sie Bismarck, die Türkei zu veranlassen, Rußland zum Frieden zu zwingen, Gnade für Recht ergehen zu lassen und keine zu harten Bedingungen zu stellen.

Der Bediente, welcher in diesem Augenblick meldete, daß der Wagen bereit sei, gab mir auf einen Wink des Generals das Geleite bis auf die Straße. Der General, das sah ich bei dieser Gelegenheit, ist wirklich eine höchst frische und energische Persönlichkeit, als welche ihn auch die »Norddeutsche 54 Allgemeine Zeitung« bezeichnet. Nur davon, daß Rußland in der Türkei nicht zum Ziel kommt, kann er nichts hören. Ich halte ihn daher mehr für ohren-, als für augenkrank.

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