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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 10
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei Mr. Sargent.

Die Angst, welche ich bei dem Gedanken empfand, der Vertreter der vereinigten Staaten von Nordamerika könnte abreisen, ohne mich gesprochen zu haben, beflügelte meine Schritte. Da ich die größte Eile hatte, nahm ich keine Droschke zweiter Klasse. Zeitiger also, als ich mit einer solchen angekommen wäre, traf ich zu Fuß – ich ging natürlich erster Klasse – in dem Hause des Vielgenannten ein.

Der Herr – denn die Freistaaten kennen keinen Diener – wollte mich anmelden.

Ich hielt ihn mit der Bitte zurück, er möge den Diener – denn das freie Amerika kennt keinen Herrn – nicht stören.

So trat ich in das Arbeitszimmer des Gesandten.

Nein! rief Mr. Sargent, als ich ihn begrüßte.

Weshalb nein? fragte ich.

44 Weil Sie mich fragen wollten, ob ich nicht Lust hätte, Gesandter in Berlin zu bleiben. Das fragt mich Jeder. Ich freue mich, fortzukommen. Hier ist die Depesche, die mich abberuft.

Ich sah mir das historische Kabelgramm an. Da sagte Mr. Sargent: Es ist Alles gelogen!

Was ist gelogen? fragte ich, während ich mich nicht setzte.

Die Worte: Es ist Alles gelogen! sollten nur meine Antwort auf Ihre immerhin mögliche Frage sein, wie ich über die Artikel dächte, welche die hiesige officiöse Presse über mich gebracht hat, sprach der Gesandte und fuhr dann fort: Sie behauptete, ich sei bestechlich und bestochen, ich hätte mit den Mitgliedern der Fortschrittspartei unter Einer Decke gespielt und wie gespielt, ich hätte gemogelt und betrogen.

Das hat in Berlin Niemand geglaubt, beruhigte ich ihn. Man weiß, daß der Vertreter Nordamerikas unbestechlich ist. Wenn wir eine Flasche Wein vor uns hätten, so würde ich ein Glas auf die völlige Reinheit Ihres Charakters leeren.

Danke, danke, sagte Mr. Sargent gerührt. Ich habe bereits gefrühstückt.

Ich hatte eben auf das Frühstück verzichtet, da rief Mr. Sargent mit dem Ausdruck des tiefsten 45 Bedauerns: Einer, der mir leid thut! Der arme Mensch!

Ich erkundigte mich nach der Bedeutung dieser Worte, und der Gesandte sagte: Ich dachte mir, daß Sie neugierig sein und mich fragen würden, wer mein Nachfolger sei. Nun wissen Sie es: Ein Beklagenswerther, der jedenfalls etwas begangen hat, wofür ihm diese Stellung zudiktirt worden ist, ein harter strenger Posten, den er sofort antreten und abbüßen muß.

Wir versanken in ein tiefes Bedauern, aus dem sich der Gesandte riß, indem er sagte: Er reichte mir nicht die Hand.

Wer? fragte ich.

Nun, antwortete Mr. Sargent, Sie wollen doch gewiß fragen, ob Fürst Bismarck mir, als ich seiner Einladung zum Diner folgte, die Hand reichte. Nun wissen Sie, daß er dies nicht that. Wir begrüßten uns, das war Alles, wir sind höfliche Leute. Staatsmänner, welche sich nicht leiden können, begrüßen sich feindlich, speisen unversöhnlich zusammen, stoßen gegnerisch miteinander an und wünschen sich dann grimmig gesegnete Mahlzeit und wüthend gute Nacht. Nur in dieser Weise artet der diplomatische Verkehr in Thätlichkeiten aus.

Das ist eine angenehme Form, rief ich. Wenn 46 doch alle Menschen, statt sich zu hauen, sich zum Essen einladen möchten! Speist man gut bei Sr. Durchlaucht?

Vortrefflich, antwortete der Gesandte, nur mit einer Ausnahme: Es ist nicht gut mit ihm Kirschen essen. Dann sagte er plötzlich wie vorhin: Danke, danke, ich habe bereits gefrühstückt.

Weshalb theilen Sie mir das da capo mit, Sir? fragte ich.

Nun, antwortete er, Sie wollten doch gewiß sagen, daß Sie nach dem vielen Sprechen über Essen und Trinken einen nicht geringen Appetit verspürten. Darum will ich Ihren kostbaren Hunger nicht länger auf die Probe stellen, und wenn Sie gehen wollen, um ihn zu beschwichtigen, so bitte ich Sie, auf mich keine Rücksicht zu nehmen, sondern mich ohne Weiteres stehen zu lassen.

Haben Sie mir sonst nichts zu antworten? fragte ich noch.

Er ließ mich einen Augenblick besinnen, dann sagte er: Den mir angetragenen Posten eines russischen Gesandten nehme ich nicht an.

Natürlich, sagte ich, Sie wollen nicht zum zweiten Mal ein in den April Gesandter sein.

Mr. Sargent versuchte, ernst zu bleiben, und es gelang ihm. Dann fuhr er fort: Deutschland hat 47 mir gefallen. Berlin ist eine interessante Stadt, aber es ist nicht Washington. Meine Collegen vom diplomatischen Corps sind nette Leute, aber sie sind wie Mädchen, man muß sie zu nehmen wissen.

Diplomätchen! warf ich ein.

Mr. Sargent mußte sich an der Stuhllehne festhalten, derart schüttelte er sich vor Nichtlachen. Dann rief er: Sehr bald!

Ich fragte ihn nach der Bedeutung dieser Worte. Nun, sagte er, Sie wollten doch wohl jetzt endlich wissen, wann ich abreise, und da gab ich Ihnen diese Auskunft. Ich stehe schon mit einem Fuß im Dampfer.

So wünschte ich ihm denn glückliche Reise. Wenn ich überhaupt einen Stuhl gehabt hätte, so würde ich mich erhoben haben, um das Andenken dieses Gesandten des freien amerikanischen Volks zu ehren. Ich drückte ihm die Hand und sagte: Vergnügte Seekrankheit, und bewahren Sie Deutschland eine freundliche Erinnerung!

Yes! Sir! sagte Mr. Sargent.

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