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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
wgs9110
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8. Frau Berner.

»So, Mutter, das war der erste Ausflug, nun setze dich, um auszuruhen,« rief Irene, nachdem sie der Mutter Hut und Mantel abgenommen hatte, »hoffentlich schadet dir der weite Weg nicht.« »Nein, mein Kind, ich bin sehr glücklich, daß ich wieder so weit bin; daß ich erschöpft und müde bin, ist ganz erklärlich. Die lange Krankheit und das viele Stubensitzen haben den Körper geschwächt. Ich denke aber, ich werde dir bald wieder im Haushalt helfen können.« »Ist gar nicht nötig,« rief Irene fröhlich, indem sie Frau Berner in den weichen Lehnstuhl drückte. »Ich werde ganz gut fertig, zumal Frau Hille mir jeden Morgen etwas hilft, du darfst jetzt gar nichts tun, Doktor Wendt hat's verboten, wozu hast du denn deine große kräftige Tochter?«

Mit diesen Worten richtete sich Irene in ihrer ganzen Länge auf, als wollte sie den Worten dadurch mehr Nachdruck geben. Der Mutter Augen ruhten mit Wohlgefallen auf diesem ihrem Pflegekinde, das in jugendlicher Kraft und Gesundheit blühte. Sie konnte sich keine bessere Pflegerin wünschen; Irene war stets unverdrossen und fröhlich, keine Arbeit war ihr zuviel und dabei hatte sie immer ein sorgsames Auge auf die Pflegemutter, der sie jeden Wunsch von den Augen las. Auch jetzt machte sie es ihr bequem, legte ihr ein weiches Kissen in den Rücken, schob ihr die Fußbank hin und legte eine Decke über sie, damit sie sich nach dem Gang, der sie erhitzt hatte, nicht erkälten sollte. »Soll ich die Lampe anzünden und dir vorlesen?« fragte Irene. »Ich sitze gern noch etwas in der Dämmerung, setz dich zu mir, liebes Kind, laß uns noch ein wenig plaudern. Welch eine liebenswürdige Frau ist die Forstmeisterin, man muß sie immer aufs neue lieb gewinnen, natürlich ist sie die gütige Fee gewesen, welche uns den wollenen Türvorhang gespendet hat, obwohl sie den Dank von sich wies. Wie stattlich sieht er aus und wie wird er im Winter die Stube wärmen. Ich wünschte nur, wir könnten das hintere Zimmer günstig vermieten, bis jetzt hat sich wohl niemand gemeldet?« »Eine ältere Dame, ich glaube eine Lehrerin, war gestern da: ich vergaß es dir zu sagen. Sie hat das Zimmer lange geprüft, von allen Seiten besehen, die Möbel untersucht, hatte aber an allem etwas zu tadeln. Als sie gewahrte, daß die Fenster nach dem Hof gingen, empfahl sie sich sogleich mit den Worten: wenn sie ein Zimmer habe, wolle sie auch etwas sehen.« »Aus diesem Grunde wird es sich schwer vermieten,« seufzte Frau Berner, »und doch würde es mir sehr fehlen, wenn ich die Miete dafür einbüßen müßte.« Irene streichelte ihr sanft die Hand. »Gute Mutter,« sagte sie, »ich wünschte, ich könnte so viel verdienen, daß du ganz ohne Sorgen leben könntest, aber das Stricken bringt wenig ein.« »Und doch hast du während meiner Krankheit ein halbes Dutzend dieser feinen Strümpfe fertig gebracht: ich habe es wohl gesehen, wie du oft, als du Nächte bei mir wachtest, beim trüben Schein der Lampe gestrickt hast, und wie eifrig fliegen die Nadeln beim Vorlesen. Nein, mein liebes Kind, du tust mehr als ich verantworten kann, ich wollte nur, ich brauchte dich nicht unversorgt zurückzulassen. Ich bin alt und schwach, mein Leben wird bald ein Ende haben, der Gedanke, dich einst einsam und ohne Verwandte zu wissen, macht mir Sorge.« »Hast du nicht selbst mich gelehrt, auf Gott zu vertrauen, liebes Mütterchen? Hoffentlich lebst du noch recht, recht lange, und nimmt dich Gott der Herr, so wird er auch für mich sorgen. Er, der mich damals als kleines Kind nicht mit meiner Mutter hat sterben lassen, er wird mich auch ferner nach seinem Willen führen. Du hast mich arbeiten gelehrt, mit meiner Hände Arbeit werde ich mir forthelfen und dabei auf Gottes Güte trauen. Sorge dich nicht mehr, liebe Mutter, erzähle mir lieber etwas von meinen Lebensschicksalen, du weißt, davon höre ich gern. Nicht wahr, auf Kuba bin ich geboren?« »Wahrscheinlich, wir können ja nur mutmaßen; mein Schwiegersohn hat dich gefunden auf einer Reise, die er auf der Insel machte, vor einem Hause, mit Blumen spielend. Das Haus ist verödet gewesen, Wahrscheinlich von den Einwohnern verlassen wegen der Empörer, die sengend und brennend umherzogen. Er hat dich mit sich genommen und sich überall nach deinen Eltern erkundigt. Endlich brachte er in Erfahrung, daß deine Mutter mit dir geflohen sei, dieselbe sei an der Cholera erkrankt und gestorben, eine Dienerin sei dann mit dir davongegangen. Wer aber deine Mutter gewesen, und was aus der Dienerin geworden, konnte niemand sagen, auch nicht, ob du einen Vater hattest.

Du weißt, mein verstorbener Mann war Kaufmann; er hatte in Hamburg ein großes Geschäft und gleichzeitig auch ein überseeisches. Dies letztere leitete ein junger Mann, der später mein Schwiegersohn wurde. Er hatte meine Tochter schon lieb, ehe er hinüberging in die andere Welt, und sie folgte ihm gern, wenn ihr auch die Trennung von den Ihrigen schwer wurde. Da sie keine Kinder hatten, nahmen sie dich armes Waislein, das der Schwiegersohn gefunden, als eigenes Kind an. Wer konnte denken, daß dein Pflegevater so bald am gelben Fieber sterben würde! Nun kam unsere arme Tochter wieder zu uns und brachte dich, ihre Irene – dieser Name stand merkwürdigerweise voll und ganz in der goldenen Kette, die du um den Hals hattest – natürlich mit. Nun traf mich Schlag auf Schlag, erst starb mein geliebter Mann, nachdem wir das Unglück erleben mußten, fast all unser Hab und Gut zu verlieren. Darauf zogen wir von Hamburg hieher, weil damals meine Verwandten hier lebten, welche mich unterstützten, dann starb auch meine Tochter, mein einziges Kind, und die kleine vierjährige Irene blieb mein Ein und Alles.« »Und mich hast du so treu aufgezogen, hast für mich gesorgt wie für ein eigenes Kind; wie soll ich dir alle Liebe vergelten!« »Die hast du mir schon wieder vergolten, meine Irene – doch es kommt jemand, es klopft –«

Schon zweimal hatte es geklopft, ohne daß Herein gerufen war. Es war ganz dunkel im Zimmer geworden; als es nun zum drittenmal stärker klopfte als vorher, ging Irene schnell an die Tür, öffnete dieselbe und rief: »Wer ist da?« »Mein Name ist Wendt, Dr. Wendt!« »Ach, Herr Doktor, bitte, treten Sie näher, ich will gleich Licht machen.« Während Irene an den Schrank ging, um die Lampe herunter zu nehmen, plauderte sie eifrig mit dem alten Hausfreund, dem Doktor, der ihr in der langen Krankheitszeit so treu zur Seite gestanden hatte.

»Denken Sie nur, Herr Doktor, die Mutter hat heute schon einen zweiten Spaziergang gemacht, freuen Sie sich nicht mit mir? Der Appetit ist auch besser und nun wenn die Lampe brennt, sollen Sie sehen, wie viel kräftiger sie aussieht.« Mit diesen Worten hatte sie die Lampe angezündet und – was war denn das? Das war ja gar nicht Dr. Wendt! Der Herr, der bescheiden an der Tür stand, mit dem Hut in der Hand, war ein wildfremder, feiner junger Mann mit einer Brille auf der Nase, die ihm ein gelehrtes Aussehen gab. Irene errötete lieblich und stotterte verlegen eine Bitte um Entschuldigung, sie habe verstanden: Dr. Wendt, und so heiße ihr langjähriger Hausarzt. »Es ist auch mein Name,« versetzte der junge Mann lächelnd, »ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich die Damen so spät störe, ich wußte nicht – – las, daß hier ein Zimmer zu vermieten sei, und da ich schon viel herumgelaufen bin und nichts Passendes gefunden habe, glaubte ich hier vielleicht« – »Bitte, setzen Sie sich, mein Herr,« sagte die alte Dame freundlich. »Wir haben das Zimmer bisher an Damen vermietet, da es aber einen besonderen Eingang hat, bin ich auch nicht abgeneigt, es einem Herrn zu überlassen, nur muß ich gleich bemerken, daß es ein nach hinten gelegenes Zimmer ist.« »Ist mir doppelt angenehm, gerade nach einem solchen suchte ich, da ich viel zu studieren habe und möglichst Ruhe wünsche.«

»Wir wollen es doch dem Herrn zeigen, Irene,« sagte die Mutter und erhob sich. Irene mußte mit der Lampe vorangehen, Frau Berner folgte mit dem Fremden und so gelangte man bald an ein hübsch möbliertes, zweifenstriges Zimmer, das dem Herrn ganz für seine Zwecke zu passen schien. Wenn Frau Berner Entschuldigungen machte wegen zu großer Einfachheit, so erwiderte der Herr stets, er sei durchaus nicht verwöhnt, sondern von Jugend an in größter Einfachheit erzogen; seine Mutter sei eine arme Frau gewesen, er habe vieles edlen Wohltätern zu danken. Die Offenheit, mit welcher der junge Mann von seinen Verhältnissen sprach, sowie seine ganze Art und Weise gefiel Frau Berner; nachdem sie sich über den Preis des Zimmers geeinigt hatten, wurde ausgemacht, daß Dr. Wendt in acht Tagen einziehen solle. Er versicherte noch einmal, er werde den Damen in keiner Weise schwer fallen, bat nochmals um Entschuldigung, daß er gestört hatte, und verabschiedete sich höflichst. Dieser kleine Zwischenfall hatte dem traulichen Zwiegespräch ein Ende gemacht; Mutter und Tochter hatten nun andere, wichtigere Dinge zu besprechen. Wie froh waren sie, daß ihr Wunsch, das überflüssige Zimmer zu vermieten, so bald in Erfüllung gegangen war; gern wollten sie die einzige Bitte, welche der fremde junge Mann gestellt, ihm gewähren. Er hatte um den Morgenkaffee gebeten, das ließ sich sehr gut einrichten. Irene bereitete den Kaffee und Frau Hille, die Aufwärterin, welche sein Zimmer besorgen und die Stiefel putzen sollte, konnte ihn hineintragen. Der Herr hatte einen soliden Eindruck gemacht, er würde ihnen gewiß keine Unannehmlichkeiten bereiten.

Und das bestätigte sich, als er bei ihnen wohnte. In den ersten Tagen hörte man viel Hämmern und Pochen; Frau Hille berichtete, der Herr Doktor mache sich Haken und Nägel zu Bildern an und putze sich alles recht schön auf. Dann wurde es ganz still, man merkte kaum, ob der Doktor zu Hause war oder nicht. Er legte den Damen nichts in den Weg und sie bereuten nicht, ihn bei sich aufgenommen zu haben.

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