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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
wgs9110
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7. Verschiedene Besuche. Anfang der häuslichen Tätigkeit.

Der kleine Vorfall wurde nicht wieder von den Eltern berührt, und Magda war froh, daß das, worüber sie sich zu schämen hatte, nicht noch einmal zur Sprache kam.

Nach einigen Tagen forderte die Mutter sie auf, sich zur Mittagszeit bereit zu halten, sie wolle mit ihr bei Laubes einen Gegenbesuch machen. »Fahren wir dorthin?« fragte Magda. »Nein, mein liebes Kind, es ist ein köstlicher Herbsttag, Vater wird uns durch die Stadt begleiten, ich denke, es soll dir Freude machen, etwas von derselben kennen zu lernen.«

Magda zog sich an, an schönen Sachen fehlte es ihr ja nicht. Sie brauchte sich auch ihrer Stiefmutter nicht zu schämen, die in ihrem Besuchskleid stattlich und vornehm aussah.

Bevor sie gingen, sagte die Forstmeisterin dem Mädchen, sie solle von der Suppe und dem Braten etwas in die bereitstehenden Gefäße tun: Luischen werde es, wenn sie aus der Schule komme, zu Frau Berner tragen, sie wisse schon davon. Nachdem so alles wohl versorgt war, begaben sie sich auf den Weg. »Ein herrlicher Tag heute,« rief die Forstmeisterin Frau Ehrlich zu, die vor dem Hause in der Herbstsonne saß. »Wunderschön,« war die Antwort, »man muß die Tage noch genießen, es wird bald vorbei sein.« Magda grüßte etwas von oben herab, sie war mit ihren Gedanken schon mehr bei der vornehmen Freundin.

Der Weg ging durch die Langendorffer Allee, die um diese Zeit von Spaziergängern belebt war, erst in der innern Stadt herrschte mehr Getriebe und Leben, vorzüglich in den Hauptstraßen, wo sich ein schöner Laden an den andern reihte.

Es machte Magda Vergnügen, die reich ausgestatteten Schaufenster im Vorübergehen zu betrachten, so wurde ihr der Weg kürzer, als sie geglaubt hatte. Endlich waren sie in der Straße angelangt, in welcher Frau Laube mit ihrer Tochter wohnte. Vor dem Hause verabschiedete sich der Vater, er wollte seine Knaben von der Schule holen und mit ihnen nach Hause gehen.

Es war ein vornehmes Haus, in welches sie eintraten, im ersten Stockwerk öffnete ein Diener und meldete die Herrschaften. Magda sah ihre Mutter an, als wollte sie sagen: »So bin ich's auch gewohnt.« Lucie empfing Magda mit großem Jubel und hatte allerlei Pläne, an denen diese teilnehmen sollte; Frau Laube bedauerte lebhaft, daß Magda so entfernt wohnte, sonst müßte sie täglich kommen. Frau Forstmeisterin meinte lächelnd, daß sie es Magda gerne gönne, allein es solle eine regelmäßige Tageseinteilung gemacht werden, welche Magda dann auch viel ans Haus fesseln würde. Frau Laube werde deshalb einsehen, daß Magda nicht täglich zu Privatstunden kommen könne; an den Malstunden dürfe sie teilnehmen, da ihr dies besonderes Vergnügen zu machen scheine, auf weiteres könne sie sich vorderhand nicht einlassen.

Lucie, welche Magda in ihr luxuriös ausgestattetes Zimmer genommen hatte, erzählte derselben, daß ihre Mutter geäußert: die Frau Forstmeisterin habe etwas »Apartes«, sei nicht so gewöhnlich, wie sie sich dieselbe vorgestellt habe, ob Magda wisse, woher sie stamme. Magda verneinte dies, die Großmutter habe nur gesagt, sie sei gewiß Wirtschafterin beim Vater gewesen. »Aber dein Vater hat wohl eine gute Pension? Mama sagt, eine so große Wohnung in der Stadt koste viel Miete und die Erziehung deiner Geschwister koste ebenfalls Geld.« »Ich weiß es nicht,« sagte Magda, »es ist ja auch alles sonst einfach bei uns.« »Möchtest du wieder zu deiner Großmutter?« »Es war mein eigener Wille, zu meinen Eltern zurückzukehren, es gefällt mir auch ganz gut, nur muß ich mich mehr eingewöhnen, es ist alles so anders!« »Das will ich glauben,« war die Antwort. »Komm nur recht oft zu uns, bei uns ist es amüsant, wir haben viele Bekannte und Verwandte hier, Mama will oft Gesellschaften geben, sie sagt, ich müsse mein Leben genießen, solange ich jung sei.« »Ja,« sagte Magda mit einem komischen Seufzer, »meine Mutter scheint ganz andere Ansichten zu haben.« »Höre,« sagte Lucie, als sie ins Besuchszimmer zurückkehrten, »laß dir nur nicht zu viel gefallen.«

Als die Mutter mit Magda das Haus verlassen hatte, meinte erstere, sie habe noch einen Besuch hier in der Nähe zu machen, und bog in eine Querstraße ein. Dort gab es kleinere Häuser, eins davon, welches allein stand und von einem kleinen niedlichen Garten umgeben war, sah besonders freundlich und einladend aus.

»Hier wollen wir einkehren, es wohnt hier eine kranke Freundin von mir, oder vielmehr eine Jugendfreundin meiner verstorbenen Mutter.« »Wie hübsch ist das Gärtchen,« sagte Magda, »wie reizend die Laube mit den buntfarbigen Herbstblättern des wilden Weins.« »Es ist auch drinnen freundlich.« Mit diesen Worten betrat die Forstmeisterin das Haus und klopfte. Auf ein schwaches »Herein« öffnete sie die Türe und betrat ein helles, sauberes Zimmer, einfach aber gemütlich und mit Geschmack eingerichtet. Eine blasse Dame saß am Fenster im Lehnstuhl, sie war sorgsam in eine Decke gehüllt, eine Arzneiflasche stand auf einem Seitentisch. Sie wollte sich erheben, als die Damen eintraten, aber die Forstmeisterin trat schnell auf sie zu und drückte sie in den Stuhl zurück.

»Bleiben Sie ruhig sitzen, Frau Berner,« sagte sie, »sonst geh' ich gleich wieder. Ich wollte Ihnen nur meine älteste Tochter vorstellen und mich nach Ihrem Befinden erkundigen.« »Das ist also Fräulein Magda, von der Sie mir früher schon sagten, wie froh bin ich, daß Sie nun eine Stütze im Haushalt haben.« Magda errötete und die Mutter erwiderte, bis jetzt sei noch nicht viel geschehen, aber von nächster Woche an hoffe sie, werde Magda ihr helfen. »Das wird sie gewiß tun,« versetzte Frau Berner, »ich weiß, was ich an meiner Irene habe, was sollte wohl aus mir werden, wenn ich sie nicht hätte, besonders jetzt, da ich so elend bin. Das Kind ist mir ein Segenskind geworden, ich habe es nie bereut, daß ich es an mein Herz und in mein Haus genommen habe.« »Im Gegenteil, Sie ernten schon jetzt den Lohn Ihrer Liebe und Treue, die sie dem verwaisten Kinde dargebracht haben.«

In diesem Augenblick öffnete sich hinten eine Tür und aus der Nebenstube kam ein freundliches junges Mädchen in einfachem Hauskleide und hellgestreifter Latzschürze. Sie stutzte, als sie die Damen sah, als sie aber die Forstmeisterin erkannte, verklärten sich ihre Züge; sie verneigte sich höflich und sagte: »Wir haben Ihnen viel zu danken, liebe Frau Forstmeister, Sie haben soviel an uns getan während der Mutter Krankheit.« Die Forstmeisterin machte eine abwehrende Bewegung. »Der Wein, den Sie mir durch die Knaben schickten, hat mir sehr wohl getan,« sagte die Kranke. »Davon weiß ich garnichts,« rief die Forstmeisterin erfreut, »das hat mein Mann getan, er verwaltet den Weinkeller. Aber hier kommt Luischen, die habe ich mir herbestellt, damit Sie von unserm heutigen Mittag etwas kosten, es ist kräftige Fleischsuppe und ein Stückchen Braten.« »O wie schön,« rief Irene, »ich habe gerade heute nichts besonderes für Mütterchen, wie gut von Ihnen.« Luischen stand mit geröteten Wangen und einem zierlichen Körbchen an der Tür. »Du gutes Kind,« sagte Frau Berner, »du hast erst den Schulweg gehabt und nun kommst du noch zu mir. Irene, nimm ihr das Körbchen ab und packe es aus.« »Wir wollen zusammen in die Küche gehen,« rief Luischen fröhlich, »ich muß sehen, was Irene kocht.«

Die beiden Mädchen verschwanden, man hörte in der Ferne ihr Geplauder und ihr lustiges Lachen. »Bei der Irene ist alles Frohsinn, sie ist immer vergnügt, je mehr sie zu tun hat, desto lustiger wird sie.« »Sie hat jetzt eine schwere Krankenpflege gehabt,« sagte die Forstmeisterin. »Gott sei Dank, daß Sie nun auf dem Wege der Genesung sind. Heizt sich denn Ihr Zimmer gut im Winter?« »Ja, die Öfen sind ganz erträglich, es ist nur der Übelstand, daß die Tür nach dem Hausflur nicht dicht ist und dadurch viel Kälte und Zug ins Zimmer kommt, was ich leider oft recht empfinde.« »Sie sollten eine schützende Decke vor der Tür haben.« Frau Berner schwieg, sie mochte vielleicht nicht sagen, daß die Mittel zum Anschaffen einer solchen Decke nicht vorhanden seien. Frau Forstmeister sprach noch einige herzliche Worte mit der Kranken, strich Irene, welche mit Luischen aus der Küche kam, freundlich die Wangen, lobte sie, daß sie die kranke Mutter so treu gepflegt habe, und empfahl sich dann mit ihren beiden Töchtern. Als sie über den Markt schritten, kehrte die Forstmeisterin in ein Teppichgeschäft ein, kaufte einige Meter dicken wollenen Stoff, gab Frau Berners Adresse an und bat freundlich, es dorthin besorgen zu lassen. »Nun schnell nach Hause, Vater und die Buben warten auf uns,« rief sie fröhlich.

Magda, die immer eine stille Beobachterin gewesen, sah verwundert zu ihr auf. Sie war doch wohl eine sehr gute Frau, von ihr ließe sich manches lernen. Welch' eine Gabe mit andern Leuten zu verkehren: bei Frau Laube war sie die vornehme Dame gewesen, bei Frau Berner die liebevoll sorgende Wohltäterin. Gern hätte Magda mehr gewußt von Frau Berner und ihrer angenommenen Tochter, aber sie konnte noch nicht das Vertrauen zu der Mutter finden, das ihr das Fragen nach dergleichen leicht machte. Lag es vielleicht in dem steifen Wesen der Großmutter, daß Magda etwas Zurückhaltendes, Verschlossenes bekommen hatte? Die beiden Besuche, welche sie heute mit der Mutter gemacht, gaben ihr viel zu denken, der zweite, bei Frau Berner und Irene, hatte fast den Eindruck des ersten, bei Lucie und ihrer Mutter, verwischt; jedenfalls war der letzte Besuch ihr bei weitem wichtiger gewesen.

»Magda ist noch so stille und in sich gekehrt,« klagte die Forstmeisterin ihrem Gatten. »Du hast sie mir munter und frisch geschildert.« »Ist sie auch von Haus aus, wir nannten sie immer unser Waldvögelein, es scheint alles dahin.« »Wir müssen versuchen, es wieder zu wecken,« meinte die Forstmeisterin. »Ein tätiges Leben schafft Frohsinn, ich will sehen, sie für die Wirtschaft zu interessieren, das ist vorderhand das Wichtigste.«

Am andern Morgen rief die Forstmeisterin nach dem Mädchen, welches sie in die Stadt senden wollte. Ida kam aus Magdas Zimmer. »Ich bin noch nicht fertig beim Fräulein,« hieß es. »Du mußt jetzt gehen; Fräulein Magda wird ihr Zimmer von jetzt an selbst in Ordnung bringen.« Als das Mädchen abgefertigt war, ging die Mutter in Magdas Stübchen. Da saß dieselbe am Fenster, mit einem Buch in der Hand, um sie herum lag und stand alles in Unordnung. »O, wie sieht es hier noch aus, liebe Magda, da müssen wir wohl Ordnung schaffen.« »Ja, Ida ist heute später gekommen,« sagte Magda verdrießlich, »ich kann auch nicht dafür.« »Ich denke, das machen wir von nun an allein,« sagte die Mutter freundlich. »Wir müssen Ida helfen, sonst kommt sie nicht durch. Ich habe auch stark auf meiner Tochter Hilfe gerechnet, in der ersten Zeit habe ich nichts verlangt, aber nun wollen wir uns einen geregelten Plan machen, nach dem wir arbeiten. Wie du schon gemerkt hast, macht Luischen ihr Bett selbst; was das kleine zehnjährige Mädchen tut, kannst du wohl auch, zumal du keine Schulstunden hast, die dich morgens abrufen. Ich habe als junges Mädchen stets mein Zimmer in Ordnung gebracht, es durfte mir niemand dabei helfen, obwohl wir mehrere Dienstboten hatten. Willst du es nicht auch versuchen, liebe Magda?« Diese Frage wurde mit einem so freundlichen, herzgewinnenden Ton gesagt, dabei hatte die Mutter ihren Arm so liebreich um das junge Mädchen geschlungen, daß Magda in ebenso freundlichem Ton hätte antworten müssen. Sie sah statt dessen die Mutter mit einem Blick an, als habe sie sie nicht verstanden. »Ich soll mein Zimmer selbst rein machen, o, was würde Großmama sagen, wenn sie es wüßte, oder Lucie! Nein, solche Arbeit kann nicht von mir verlangt werden, ich bin doch kein Dienstmädchen.« »Gehörst du zu denen, liebes Kind, die da meinen, die Arbeit erniedrigt den Menschen? Nein, es gibt andere Dinge, die uns erniedrigen. Wenn ich jetzt dein Gesicht sehe und dein unfreundliches Wesen, wodurch du deine Mutter betrübst, so will mir scheinen, als ob dich das mehr erniedrigt, als wenn du dein eigenes Zimmer in Ordnung bringst. Damit du aber siehst, daß ich die Arbeit nicht für erniedrigend oder meiner unwürdig halte, will ich dein Zimmer selbst in Ordnung bringen.« Die Mutter ging ruhig hinaus und kehrte mit Besen und was sonst dazu gehört, zurück. Magda stand am Fenster mit peinlichen Empfindungen. Dies hatte sie nicht erwartet, es kribbelte ihr in den Fingern, nun hätte sie gern selbst den Besen genommen, aber als sie die Hand danach ausstreckte, sagte die Mutter mit ruhiger Würde: »Jetzt nicht.« Nun stand sie da. Sollte sie hinausgehen, während die Mutter ihre Arbeit machte, oder sollte sie untätig dabei stehen? Es war zum Verzweifeln. »Bitte, laß mich dahin, wo du stehst,« sagte die Mutter, »du kannst, wenn ich fertig bin, deinen Platz wieder einnehmen.« – Was hätte Magda jetzt drum gegeben, wenn sie die Arbeit hätte verrichten dürfen. Nun bückte sich die Mutter und hob Papierschnitzel auf, die sie, Magda, gestern achtlos umhergestreut hatte, dann bürstete sie das Sofa, wischte den Staub, alles für die Tochter, die sich für zu gut hielt. Und nun, als ob das noch gefehlt hätte, stand Fräulein Minchen an der offenen Tür und sah verwundert mit ihren klugen, freundlichen Augen auf Mutter und Tochter. Hatte sie alles mit angehört und angesehen? O, Magda hätte vor Scham in die Erde sinken mögen, und doch wieder ärgerte sie sich über alle diese Menschen im Hause, die so ganz anders waren als sie, und doch dabei eine Bildung besaßen, wie sie sie zu haben meinte.

»Ich wollte nur eine Frage stellen wegen Luischens Jacke,« sagte Minchen. »Verzeihen Sie, daß ich hier eindringe, ich klopfte, aber es hörte niemand.« »Ich komme,« sagte Frau Forstmeister freundlich, »ich bin eben fertig.« Da ging sie hinaus, die vielbeschäftigte Mutter, und Fräulein Minchen folgte ihr, nicht ohne vorher noch einen verwunderten Blick auf das in elegantem Morgenrock dastehende Töchterchen geworfen zu haben. Als sich die Tür geschlossen hatte, stampfte Magda mit dem Fuß, warf sich leidenschaftlich aufs Sofa und führte unter Weinen und Schluchzen ein Selbstgespräch, das man nicht gern wiederholt. »Bin ich dazu hergekommen, um mich von dieser Stiefmutter demütigen zu lassen, wäre ich doch bei der Großmutter geblieben, es wäre viel besser gewesen. Hier mag ich nicht bleiben, es ist schrecklich, eine solche Stiefmutter zu haben.«

Da legte sich eine Hand auf ihre Schulter und eine freundliche Stimme sagte: »Du armes Kind, tust mir leid, daß du deine Mutter schon so früh verloren hast.« Erschrocken blickte Magda auf und sah in das wohl schmerzbewegte, aber liebevolle Antlitz der soeben geschmähten Stiefmutter.

Nun war sie abermals tief beschämt und gedemütigt. Was mußte nur die Stiefmutter von ihr denken. Sie weinte leise, die Mutter strich ihr das blonde Haar, die heiße Stirn und sagte wieder: »Armes Kind, hätte deine Mutter länger gelebt, es wäre besser für dich gewesen.« Die freundlichen Worte der Stiefmutter beruhigten und besänftigten sie, ihre bessere Natur siegte, sie reichte der Mutter die Hand und sagte: »Vergib mir, ich meinte es nicht so böse, meine Heftigkeit bringt alles heraus, wenn ich gereizt werde.« »Ich wüßte nicht, daß ich dich gereizt hätte, liebe Magda. Ist denn ein Besen ein so erschreckliches Ding? Das hab' ich bis heute noch nicht gewußt. Ich könnte dir eine gar hübsche Geschichte von einem Besen erzählen, wenn ich wollte, vielleicht tut's der Vater einmal. Und nun, liebe Magda, ich verlangte nicht mehr von dir, als ich von Luischen verlangen würde, konnte aber nicht wissen, daß du die Sache so verkehrt ansiehst.«

»Ja – – aber,« stotterte Magda, »junge Mädchen sind doch eigentlich nicht dazu da, daß sie im Hause helfen.« – »Wozu sind sie denn da?« fragte die Mutter lächelnd. »Lucie und ihre Mutter sagen: Junge Mädchen müssen sich amüsieren.« »Ja,« sagte die Mutter, »es ist nur das zu bedenken, daß junge Mädchen, die sich nur amüsieren, gar nicht lernen, an andere zu denken. Sie beschäftigen sich nur mit sich und ihrem Vergnügen, fragen sich, was sie wohl zu diesem und jenem Fest anziehen sollen, wie sie gefallen – das nimmt die Gedanken so in Anspruch, daß sie gar keine Zeit haben, andern etwas zuliebe zu tun, und Liebe üben ist doch die Hauptaufgabe unseres Lebens. Und was das Schlimmste ist: was werden einmal für Hausfrauen aus solchen Mädchen, die sich nur amüsieren? Ja, es gibt viele Frauen, die den Mann und die Kinder daheim vernachlässigen, wenn sie sich nur amüsieren können.«

Magda sah die Mutter groß an, ihre Anschauungen waren so ganz andere, als die derjenigen Menschen, welche Magda erzogen hatten, aber im Herzen war es ihr doch, als müsse sie ihr Recht geben; sie war ganz froh, als die Mutter sagte: »Ich glaube, wir vergessen den kleinen Auftritt nun, du kannst mit mir in die Küche kommen, wir wollen einige Vorbereitungen zum Mittagessen treffen.« Magda war nun willig, der Mutter Handreichung zu tun, sie sah ein, daß sie sich wohl oder übel schicken müsse. Mit welcher Ruhe und Sicherheit besorgte die Forstmeisterin alles, wie geschickt war sie, man sah ihr nur gern zu. »Nun, liebe Magda, wollen wir einmal zusammen in den Keller steigen und das Frühstücksbier für den Vater heraufholen, da Ida nicht da ist. Ich zeige dir gleichzeitig den Weinkeller, der Vater ist eigen damit, er läßt nicht gern das Mädchen gehen; dich, die Tochter des Hauses, wird er lieber schicken.« Die beiden gingen miteinander. Als sie unten im Gewölbe standen und die Mutter den Keller aufschloß, huschte ein Wesen scheu an ihnen vorüber. Es schien eine ältere Person zu sein, sie trug eine große Mütze, aus der etwas graues Haar hervorsah, und hatte dunkle Augen. »Wer war das?« fragte Magda erschrocken, als die Person nach oben entschlüpft war. »Es ist die Haushälterin des Herrn, welcher den zweiten Stock bewohnt. Ich habe sie auch erst einmal gesehen, sie spricht mit niemand, außer der Wirtin, und ist selten zu sehen, noch seltener der Herr.« »Was ist's mit ihm?« fragte Magda. »Wir wissen es alle nicht, und die Wirtin, welche eingeweiht scheint, verrät nichts. Sie sagt nur, er habe schwere Schicksalsschläge gehabt und sei infolgedessen menschenscheu und sonderbar geworden.« »Bewohnt er das ganze Stockwerk?« »Ja, er scheint, da er fast nie ans Tageslicht geht, die großen Räumlichkeiten als Rennbahn zu benutzen: man hört ihn oft mit lauten Schritten die Runde machen.« »Wie unheimlich,« sagte Magda. »Besonders, wenn man im dunklen Keller von ihm spricht,« meinte die Mutter, »laß uns nun wieder an das Tageslicht gehen, der Vater wird auf sein Frühstück warten.«

Magda kam, bepackt mit allem, was zum Frühstück gehörte, ins Eßzimmer, wo der Forstmeister schon ungeduldig an die Fensterscheiben trommelte, denn Pünktlichkeit war er gewohnt und darauf hielt er. »Das laß ich mir gefallen, so ist's recht, Magda, hilf der Mutter, es ist ihr zu gönnen, daß sie es etwas leichter bekommt.« Magda errötete. Sie hätte längst von selbst darauf kommen müssen, sich zur Hilfe anzubieten, statt dessen hatte sie es der Mutter so blutsauer gemacht! Wie viel schneller verflog dieser Morgen als die früheren: es gab in der Küche zu helfen, dann mußte Magda den Tisch decken, alles neue Arbeiten für sie, die nur gewohnt war, sich an den gedeckten Tisch zu setzen und sich aufwarten zu lassen.

Am Nachmittag meinte die Mutter, es sei wohl an der Zeit, daß Magda einen Besuch bei Ehrlichs mache, sie sei so freundlich dazu aufgefordert worden. Magda machte ein etwas unzufriedenes Gesicht dazu. Die Mutter merkte es und sagte: »Ich will dir durchaus nicht zumuten, daß du mit den Fräuleins, die bedeutend älter sind als du, regelmäßigen Umgang haben sollst, aber wir müssen den Hausbewohnern freundlich und höflich begegnen und danach streben, daß uns die Freundlichkeit von Herzen kommt. Geh also ein Weilchen hinunter, ich hole dich später ab.« Als Magda unten an die Tür klopfte, rief eine Stimme: »Herein!« und als sie die Tür öffnete, rief dieselbe Stimme: »Siehst du, Jettchen, sagte ich es nicht, wenn wir einmal den Kaffee eine Stunde später trinken, kommt gewiß Besuch. Ach, es ist das Fräulein von oben. Sie nehmen es wohl nicht übel, wenn wir den Kaffeetisch nicht abräumen.«

»Bitte, Frau Ehrlich,« sagte Magda, sich ein wenig verneigend, »ich wollte nicht stören, ich komme ein anderes Mal wieder.« »Sie stören gar nicht,« sagte Minchen freundlich, »wenn Sie nur entschuldigen.« – »Sie trinken vielleicht eine Tasse mit,« bat Jettchen. Magda versicherte, eben vom Kaffeetisch zu kommen, und sah erstaunt auf die außergewöhnlich große Tasse, welche die alte Dame vor sich hatte. »Der Arzt hat mir verboten, zwei Tassen zu trinken, darum habe ich mir diese große Tasse angeschafft, die Sie verwundert anschauen,« versetzte Frau Ehrlich treuherzig. »Ich bin gleich damit fertig, setzen Sie sich zu mir aufs Sofa, es wird Zeit, daß wir etwas bekannter miteinander werden. Sie nehmen es mir nicht übel, mein Fräulein, aber ich finde, Sie sind noch immer reichlich – steif.« – »Mutter,« flüsterte Jettchen und zupfte die Mutter am Kleide.

»Jettchen, was zupfst du mich? Du weißt, daß ich immer die Wahrheit frei herausrede; es ist viel besser, ein Mensch weiß, wie er mit dem andern dran ist. Sagen Sie mir doch, liebes Fräulein, wie kommt es, daß Sie mich immer ein bißchen von oben herab grüßen?« Magda wurde es schwül neben der alten Dame. »Aber, liebe Mutter,« rief Minchen entsetzt, »was denkt Fräulein Magda?«

»Sie denkt, ich sei eine aufrichtige Frau. Nicht wahr, liebes Fräulein, Sie sind nicht böse, wenn ich diesen Punkt erst klar stelle. Sagen Sie einmal offen, Sie denken, Sie sind mehr als ich und haben deshalb nicht nötig, freundlich und herzlich zu sein. Ihr lieber Vater ist Forstmeister, der meinige war es auch, also stehen Sie im Rang wirklich nicht höher als ich. Zudem bin ich eine verheiratete Frau und bedeutend älter als Sie, also grüßen Sie mich nur immer ein bißchen freundlicher als bisher. Es macht einen guten Eindruck, wenn junge Mädchen einer alten Dame freundlich begegnen.« – »Sie müssen es meiner Mutter nicht übel nehmen,« rief Minchen, »sie sagt alles heraus, was sie denkt.« – »Ja, alles sagt sie, was sie denkt,« wiederholte Jettchen. »Mutter, das Fräulein ist das erste Mal bei uns, du hättest –« »Was hätte ich? Ihr sollt sehen, Fräulein Magda und ich werden bald die besten Freunde sein.« Mit diesen Worten hatte sie die Hand des jungen Mädchen ergriffen und drückte und schüttelte sie so herzlich, daß Magda, welche erst die Augen gesenkt hatte, plötzlich aufsah, und als sie die prächtigen, klaren Augen der Frau Ehrlich so freundlich auf sich gerichtet sah, da blitzte es in ihren Augen schalkhaft auf und sie mußte herzlich lachen. Es war, als ob den beiden Töchtern ein Stein vom Herzen gewälzt war. »Gott sei Dank,« sagte Minchen, »daß Sie es nicht übel nehmen« – »daß Sie es nicht übel nehmen,« wiederholte Jettchen. »Kinder, ihr seid recht wunderlich, euch kann man nie etwas recht machen,« sagte Frau Ehrlich kopfschüttelnd.

Nun fing Magda an, sich zu entschuldigen, sie sei noch fremd, die neue Umgebung, die gänzlich anderen Verhältnisse machten sie befangen. »Oder nein,« fügte sie ehrlich hinzu, »ein bißchen Stolz ist auch dabei gewesen. Ich dachte – ich glaubte, die Fräulein Töchter wären –«

»Schneiderinnen! sagte ich es nicht,« rief die Mutter. »Dies ewige Schneidern soll aufhören, es macht mich oft ganz nervös.« »Was soll denn aus allen angefangenen Kleidern werden?« sagte Minchen. »Nein, wenn unsere Freundinnen uns Kleider bringen, machen wir sie ihnen.« – »Und wenn Fräulein Magda uns deshalb steif grüßt, weil wir Schneiderinnen sind,« fügte Jettchen etwas gereizt hinzu –

»Seht, Kinder, nun seid ihr wieder beleidigt, dies ist eine große Übelnehmerei. Nein, Fräulein Magda, glauben Sie es nur, meine Töchter sind ebenso gebildet als Sie, und gerade dadurch, daß sie sich trotzdem nicht schämen, etwas zu schneidern, um Geld zu verdienen, beweisen sie, daß sie die wahre Bildung besitzen. Schändet uns denn irgend eine Arbeit? Es ist doch im Grunde gleich, ob sie sich durch eine englische oder französische Stunde, durch feine Handarbeit, Sticken und dergleichen etwas verdienen, oder durch das Anfertigen eines Kleides. Sie haben zum Schneidern besonderes Talent und auch Lust, warum sollten sie es nicht tun, besonders da sie einen edlen Zweck damit verbinden? Der Arzt hat mir für nächsten Sommer Stahlbäder verordnet, zur Kräftigung meiner schwachen Nerven, er will, wir sollen in ein nah gelegenes, kleines Bad gehen. Zu diesem Zweck sparen meine guten Töchter das Geld. Und nun, wer sie nicht ansehen mag, läßt es bleiben.«

Magda reichte Jettchen die Hand über den Tisch. »Seien Sie mir nicht böse,« sagte sie treuherzig und plötzlich umschlang sie die alte Dame und rief: »Ich will Sie auch immer recht, recht freundlich grüßen, es ist sehr unrecht von mir gewesen, einen solchen Stolz herauszukehren.« »Wie gut von Ihnen,« rief Minchen bewundernd, während Jettchen hinzufügte: »Wie reizend, daß Sie es der Mutter nicht übel nehmen.«

Die alte Dame aber zupfte befriedigt an ihren Haubenbändern und sagte: »Das ist der Sieg der Wahrheit. Dies steife Getue hätte noch Monate lang währen können, wenn ich nicht frei herausgeredet hätte. Und nun wollen wir von etwas anderem sprechen.«

Minchen hatte unterdes den Kaffeetisch abgedeckt und die Lampe angezündet, nun war es gar heimlich und traulich im Gemach.

Magda dachte nicht ans Fortgehen, sondern lauschte mit großem Interesse auf die Erzählungen der Frau Ehrlich. Mit besonderer Vorliebe drehte sich das Gespräch um ihre beiden Enkel, Fritz und Konrad, es seien zwar wilde kleine Buben, aber ihr, der Großmutter, doch sehr ans Herz gewachsen. Die Töchter meinten, die Mutter verziehe die Kinder und beschönige die Unarten, wogegen Frau Ehrlich Einsprache erhob.

»Wenn die Buben mich besuchen, kann ich nicht gleich das Strafamt ausüben, besonders da meine Töchter es schon besorgen.« »Nur im äußersten Notfall,« sagte Minchen, »es sind aber so drollige Knaben, daß man ihnen nicht lange zürnen kann.« – Als Frau Forstmeisterin mit Luischen kam, um Magda abzuholen, war letztere schon so bekannt in dem kleinen Kreise, daß die Mutter es mit Wohlgefallen wahrnahm.

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