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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
wgs9110
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28. Aufklärungen.

Minchen und Jettchen standen vor dem Herdfeuer in der Küche. »Er ist es, Minchen, deutlich habe ich ihn erkannt, als er den breitrandigen Hut zurückschob, er ist unser Flüchtling!« »Wie wunderbar,« sagte Minchen, »wer hätte gedacht, daß wir ihn je im Leben wiedersehen würden. Und diese Verkettung! Er, von dem wir so viel gesprochen, dessen Bild uns noch nach Jahren vor Augen schwebte, er entpuppt sich als Magdas Onkel, als der Bruder ihrer Mutter! Doch wir dürfen nicht zu lange plaudern. Was sagst du, daß die Geschwister so großartig zu Wagen ankommen, die Not muß noch nicht so groß sein?« – »Das ist nicht gesagt. Den Wagen mußten sie schon nehmen der Kinder und der Sachen wegen. Ich fürchte, die Not ist groß genug, wenn die Aussicht auf eine Stelle sich wieder zerschlagen hat. Die Mutter hat ihnen ja geschrieben, sie sollten zu uns kommen, bis sie etwas Sicheres hätten. Unser Sparpfennig wird wohl draufgehen; wir hatten eine so hübsche Summe erübrigt mit dem Schneidern.« »Das hatten wir,« seufzte Minchen; »aber es scheint, als sollten wir nichts zurücklegen.« »Es sind unsere Geschwister, Minchen, da dürfen wir nicht schwanken, einer muß dem andern beistehen.« »Aber wenn wir nun selber nichts mehr arbeiten können und haben keinen Notpfennig?« »Der Herr wird uns versorgen, er hat noch keins seiner Kinder umkommen lassen, haben wir nicht immer wieder erfahren, wie Gott der Herr aus aller Not zu erretten weiß?«

»Kinder, wo steckt ihr?« ertönte der Mutter Stimme; »soll ich mich denn mit Georg und Emma allein freuen.« »Gibt es etwas zum Freuen?« fragte Minchen ungläubig. »Freilich, ihr Schwestern,« rief Emma, die der Mutter nachgeeilt war. »Ihr liefet gleich so geschäftig in die Küche und habt es noch nicht gehört, daß Georg zum 1. Januar die Verwaltung der Güter des Herrn von Busch übernimmt. Wir alle ziehen nach Goldenau, bekommen dort ein hübsches Haus mit Garten und ein ansehnliches Gehalt, so daß wir fortan ohne Sorgen leben können.« Die beiden Tanten sahen sich an und riefen wie aus einem Munde: »Wie wunderbar!« Sie gingen nun mit in die Stube, um dem Schwager Glück zu wünschen wegen der einträglichen Stelle und Ausführlicheres darüber zu hören. Sie war in einer Zeitung ausgeschrieben gewesen; unter allen Bewerbern hatte Georg Nekel den Vorzug erhalten, seiner guten Zeugnisse wegen und auch weil er kaufmännische Kenntnisse besaß. Seine Gesundheit war fester geworden, so hoffte er allen Pflichten genügen zu können. »Und wir,« riefen die Jungen zugleich, »wir sehen den bösen Mann alle Tage; aber er ist jetzt gar nicht mehr böse. Er hat gesagt, als er aus dem Wagen stieg: ›Besucht mich Weihnachten; wenn ihr artig seid, schenke ich euch etwas.‹ Können wir nicht gleich gehen?« »Der Herr ist eben von der Reise zurück und ruht aus, ihr geht hinauf, wenn ich es erlaube,« sagte der Papa und fügte mit vernehmlicher Stimme hinzu: »Jetzt schweigt ihr, die großen Leute wollen reden.« Die beiden Buben zogen sich in eine Ecke des Zimmers zurück und unterhielten sich im Flüsterton, dann gingen sie an ihre kleinen Reisetaschen und fingen an auszupacken. Plötzlich fühlte die Großmutter, welche mit Emma auf dem Sofa saß, unter dem Tisch etwas Lebendiges. Eine Hand legte etwas Hartes auf ihren Schoß und eine Stimme flüsterte: »Bitte, Großmama, hebe dies doch für die Tanten auf, wir haben es zu Weihnachten gearbeitet.« Die Großmutter, welche die Kinder am andern Ende des Zimmers vermutete, erschrak so über die Lebendigkeit unter dem Tisch, daß sie aufsprang und der Gegenstand zur Erde fiel. »So, nun ist das Uhrgehäuse, welches ich für Tante Minchen ausgesägt hatte, zerbrochen,« rief Fritzchen weinerlich, worauf die Mutter aufsprang, die Buben unter dem Tisch hervorholte und zur Ruhe verwies. Frau Ehrlich aber sagte: »Dies ist keine Gemütlichkeit, ich bin es nicht gewohnt, daß abends, wenn ich hier ruhig bei der Lampe sitze, lebendige Wesen unter dem Tisch herumkriechen. Wenn wir doch essen könnten!« Jettchen und Minchen waren gerade mit dem Abendbrot fertig; nachdem die Kinder reichlich mit Speise und Trank versorgt waren, wurden sie zur Ruhe gebracht, was diesmal, da Vater und Mutter zugegen waren, ohne Geschrei abging.

Oben im ersten Stock saß Magda zwischen Vater und Mutter und erzählte ihnen, daß der Herr da oben ihr endlich erlaubt habe, zu sprechen. Mit Staunen hörten die Eltern, daß Irene oben sei, um ihren Vater zu begrüßen, und daß sie, Magda, es herausgefunden habe. »So ist also Dr. Wendt sein Schwiegersohn!« rief der Forstmeister; »mithin ist es ganz in Ordnung, daß er oben wohnt.« »Ist denn aber der menschenscheue Herr geneigt, Tochter und Schwiegersohn an sein Herz zu nehmen?« fragte die erstaunte Mutter. »Er ist nicht so schlimm, wie er scheint,« sagte Magda. »Er hat ein weiches Gemüt, ist aber durch schwere Schicksalsschläge verbittert und scheu geworden. Jetzt ist eine Wendung seines Geschickes eingetreten, ich habe mit dazu helfen können und freue mich darüber,« fügte sie mit Tränen in den Augen hinzu. »Ja, liebe Eltern, während ihr Großmama in ihrer schweren Krankheit pflegtet und ihre Sachen geordnet habt, habe ich den Herrn da oben kennen gelernt, er hat mir seine Lebensschicksale erzählt.« »Wie kommt er dazu, dich zu seiner Vertrauten zu machen?« fragte die Mutter, »er, der scheu vor jedem menschlichen Wesen zurückwich, der sich nie vor uns sehen ließ?« »Die große Ähnlichkeit mit meiner verstorbenen Mutter zog ihn an; denn er ist – – Onkel Adolf, Großmutters verlorener Sohn.« »Magda,« rief der Forstmeister, nachdem beide eine Weile sprachlos vor Erstaunen dagesessen hatten, »Magda, du willst doch nicht sagen, daß Adolf, deiner Mutter Bruder, lebt und heimgekehrt ist, daß er mit uns unter einem Dache weilt?« »Ja, er lebt nicht nur, der schwere Bann ist von ihm genommen, er ist kein Mörder. Der Mann, den er damals tödlich traf, ist nicht gestorben, sondern lebt und ist ein angesehener Mann hier in der Stadt. Onkel Adolf und er haben sich gesehen und gesprochen, sie haben sich versöhnt, und nun bleibt dem Onkel noch eins. Morgen am heiligen Abend will er sich Großmutter nahen und sich ihren Segen erbitten.« Die Eltern waren tief ergriffen. »Das sind also deine Weihnachtsgeheimnisse, mein Kind,« sagte der Vater bewegt, »sie sind seltsamer Art, aber kostbarer als alle andern Geschenke. Das wird ja ein köstliches Weihnachtsfest, warum hast du uns aber alles verschwiegen?« »Der Onkel bat mich vor seiner Abreise, alles einstweilen für mich zu behalten, ich durfte also nichts verraten, bis ich ihn heute abend nach seiner Ankunft gebeten, es euch mitteilen zu dürfen.« »Da möchte man wohl auch hinaufgehen und den Schwager begrüßen?« »Es ist elf Uhr, lieber Vater, hier kommt, glaube ich, Irene.«

Die Tür wurde leise geöffnet, ein blonder Mädchenkopf wurde sichtbar. Irene flog auf die Forstmeisterin zu, umschlang sie und brach in heftiges Weinen aus. »Bist du traurig, liebes Kind, oder glücklich?« sagte diese, sie liebkosend. »Sehr, sehr glücklich,« schluchzte sie, »es bewegt mich nur alles so tief. Wenn meine gute Pflegemutter dies erlebt hätte! Ich habe einen so guten Vater und will ihn sehr liebhaben, um ihn zu entschädigen für die schweren, einsamen Jahre, die er gehabt.« »Weißt du denn, daß du nun unsere liebe Nichte bist, Irene, und daß du Onkel und Tante sagen mußt?« »Das weiß sie noch gar nicht,« rief Magda. »Sie weiß nur, daß sie ihren Vater gefunden hat, aber nicht, daß dieser Vater der Bruder meiner Mutter und Großmamas Sohn ist.« Jetzt war es an Irene zu staunen. »Mein Vater ist der Sohn von Frau von Busch, so ist diese meine Großmutter?« »Und die meinige auch,« sagte Magda vergnügt, »wir sind Cousinen.« Mit diesen Worten umarmte sie Irene und küßte sie, und der Forstmeister rief: »Wirklich, die beiden Mädchen haben etwas Ähnlichkeit miteinander. Aber, Irene, laß dir nichts bei Großmama merken, erst morgen abend wird alles offenbar. Was sagt denn Fritz dazu?« »Er ist sehr erfreut und schon Vaters bester Freund. Sie sitzen noch oben zusammen, mich hat der Vater hinuntergeschickt, weil ich ins Bett soll.« »Ich bliebe am liebsten die ganze Nacht auf,« rief Magda fröhlich; »es ist zu schön heute.«

Wer konnte es den beiden Mädchen verdenken, daß sie noch lange wach waren und über die wunderbaren Fügungen Gottes sprachen? Oben aber saßen die beiden Männer in ernstem Gespräch beisammen, und Herr von Busch ließ sich erzählen, welche Pläne sein Schwiegersohn für die Zukunft hatte.

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