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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
wgs9110
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26. Irene.

»Meine liebe Magda,« sagte die Forstmeisterin etwa acht Tage nach ihrer Heimkehr zu ihrer ältesten Tochter, »wie freue ich mich, daß nun endlich die Zeit gekommen ist, daß wir miteinander dem Hause vorstehen können. Weißt du, daß wir mehrere Monate getrennt gewesen sind?« »Ja,« antwortete Magda errötend, »erst kam deine Krankheit, dann meine Badereise und nun Eure Reise zur Großmutter.« »Ich bin so glücklich, daß es der Großmutter bei uns gefällt,« sagte die Mutter vergnügt. »Und daß sie dich lieb hat, wie ihre eigene Tochter, das hat sie mir gestern gesagt, und« – sie fiel der Mutter plötzlich um den Hals – »wer sollte dich nicht lieb haben,« rief sie mit einer Innigkeit und Wärme, welche die Mutter hoch erfreute. Das war der schönste Lohn ihrer Mühe und Sorgen, welche sie um diese Tochter gehabt. Sie besaß ihre Liebe, das war die Hauptsache; nun war alles Mißtrauen fort, alle Bitterkeit, alle Mißverständnisse hatten ein Ende.

Wie hatte es Magda beglückt, als die Mutter ihr nach ihrer Rückkehr das Zeugnis gab, daß sie zu ihrer vollsten Zufriedenheit gewirtschaftet habe. Sie hätte nie geglaubt, daß treue Pflichterfüllung so viel Freude und innere Befriedigung geben konnte, ja, sie war nie so von Herzen fröhlich gewesen, als jetzt in der Ausübung dieser Pflichten. Nun war Magda noch die Pflege und Sorge für die Großmutter übertragen; sie las ihr vor, suchte sie durch ihr Geplauder zu erheitern, führte sie spazieren, oder fuhr mit ihr aus. Sie war bemüht, ihr auf jede Weise die Zeit zu kürzen, damit sie möglichst wenig an das, was sie dahinten gelassen, erinnert würde. Doch kamen immer wieder Stunden der Traurigkeit, der Selbstanklage und des Zweifels; sie fühlte ihre Abhängigkeit und klagte, daß sie in ihren alten Tagen noch lernen müsse, sich einzuschränken und von der Gnade anderer zu leben. Wenn aber dann Magda versicherte, daß die Eltern sie gern hier hätten und daß sie es auch durchzuführen vermöchten, da sie wohlhabend seien, dann gab die Großmutter sich zufrieden und pflegte wohl zu sagen: »Ja, wer hätte das gedacht, daß ich einmal bei der Frau meines Schwiegersohnes mein Brot essen müsse und daß diese mir durch ihre Liebe das Herz gewonnen hat, daß ich's nirgends lieber esse, als bei ihr.«

So hatte Magdas Stiefmutter sich nicht nur durch ihre Treue und Selbstlosigkeit das Herz der Stieftochter erobert, sie hatte durch ihre Liebe auch die stolze Frau bezwungen und in deren Herzen Gegenliebe erweckt.

»Magda, deine Mutter ist heute morgen noch gar nicht bei mir gewesen,« sagte Frau von Busch, als Magda zu ihr kam, um ihr beim Anziehen zu helfen. »Sie pflegte mir morgens den Kaffee selbst zu bringen.« »Mutter ist ausgegangen, Großmama, sie holt jemand in unser Haus, der vereinsamt dasteht.« Nun erzählte sie der Großmutter von Irene und Frau Berner, von dem Tod der letzteren und wie Irene nun, nachdem die Sachen in der Wohnung der Verstorbenen geordnet, zu ihnen übersiedeln würde. »Deine Eltern nehmen sich, wie es scheint, aller Hilfsbedürftigen an,« sagte die Großmutter nachdenklich. »Du hast mir für das junge Mädchen Interesse eingeflößt, werde ich sie sehen?« »So oft du willst, Großmütterchen, sobald sie hier ist, werde ich sie dir vorstellen.«

Irene hatte nicht gleich zu Forstmeisters ziehen können, da der Nachlaß, so gering er war, geordnet werden mußte. Minchen oder Jettchen waren abwechselnd bei ihr geblieben, und wenn männlicher Rat und Beistand nötig war, hatte sich der gute Forstmeister Irenens angenommen, Dr. Wendt war nicht gekommen, Irenens Brief hatte ihn nicht zu Hause getroffen, er war gerade in den Tagen auswärts gewesen und hatte die Trauernachricht empfangen, als das Begräbnis vorüber war. Er schrieb voller Zärtlichkeit und Besorgnis, nur der Gedanke, daß Forstmeisters seine geliebte Irene unter ihren Schutz nehmen wollten, beruhigte ihn. Er schrieb, daß er nun doppelt sparsam sein wollte, damit sie möglichst bald ans Ziel ihrer Wünsche gelangten. »Ich weiß, meine Irene, daß du keine Ansprüche machst,« so schrieb er, »aber es ist immerhin eine ziemlich beträchtliche Summe nötig, um mein Haus zu bauen; diese baldigst zusammenzubringen, soll jetzt meine größte Sorge sein; ich möchte nicht, daß wir zu lange die Gastfreundschaft der gütigen Familie Binder für dich in Anspruch nehmen müßten.«

Das schlanke, blonde Mädchen in dem einfachen, schwarzen Kleide gefiel Frau von Busch sehr. Wie anmutig bewegte sich Irene, welche feine, graziöse Haltung hatte sie, wie praktisch und gewandt war sie, wie hielt sie es für selbstverständlich, daß sie sich nützlich machte, wo sie konnte. Frau Forstmeisterin aber war dankbar, nun zwei erwachsene Töchter zu haben, welche ihr beistanden. Die jungen Mädchen traten sich besonders nahe in den Abendstunden. Sie pflegten, wenn sie gute Nacht gesagt hatten, noch ein trauliches Plauderstündchen in Magdas Stube miteinander zu halten. Luischen schlief in einem andern Stübchen, da Irene das Schlafzimmer mit Magda teilen sollte. Die gütige Forstmeisterin wollte nicht, daß das junge, verwaiste Mädchen mit ihrem Schmerz allein sein sollte.

Irene sprach gern von ihrer Pflegemutter, wieviel sie derselben verdanke, und als Magda eines Abends fragte, wie lange sie bei derselben gewesen sei und wie sie zu ihr gekommen, da ging Irene das Herz auf; sie erzählte, was sie wußte von ihren frühesten Schicksalen. Magdas Interesse wurde aufs höchste erregt, als sie hörte, Irene stamme aus Westindien, sie habe dort ihre Mutter verloren, ob sie noch einen Vater gehabt, wisse sie nicht, aber wahrscheinlich seien beide Eltern tot. Sie sei von Frau Berners Tochter mit nach Europa genommen usw. Diese Geschichte stimmte ja sehr mit der vom Onkel erzählten. Sollte Irene –, sie sah sie starr an. »Magda, was fehlt Ihnen, meine Geschichte regt Sie auf.« Magda besann sich. Sie hatte dem Onkel in allem Schweigen versprochen, sie wollte es auch halten. Aber sobald sie allein sei, wollte sie dem Onkel von ihren Vermutungen schreiben, oder sollte sie sich erst völlige Gewißheit darüber verschaffen? Gab es nicht ein untrügliches Zeichen, welches alle Zweifel löste? Sie wollte noch weiter forschen und erst dann, wenn sie ihrer Sache gewiß sei, wollte sie ihm davon berichten. Es bewegte sie so, daß sie lange nicht schlafen konnte. Gewiß war es Irene selbst gewesen, welche der Onkel erblickt hatte; wo könnte er sie aber gesehen haben? Plötzlich erinnerte sie sich Fritzchens und Konrads Einbruch in den zweiten Stock, wie Irene auf ihr Geschrei hinaufgelaufen und dort von dem Fremden gesehen worden war. Ja, es konnte keinem Zweifel unterliegen, Irene war Onkel Adolfs Tochter, und wenn dies der Fall war, so würde aus dem armen Mädchen eine reiche Erbin, sie brauchte nicht mehr zu sorgen um eine Aussteuer, der Vater würde sie glänzend ausstatten, und Dr. Wendt bekam nicht nur eine tüchtige, gute Frau, sondern auch eine reiche. Wie glücklich würden die beiden dann sein. Und sie? Ja, sie lernte immer mehr, das Glück anderer zu ihrem eigenen zu machen; sie empfand weit mehr Befriedigung, seit sie angefangen hatte, sich selbst nicht mehr zum Mittelpunkt zu machen.

Am Abend des nächsten Tages saßen sie alle gemütlich im Familienzimmer beisammen, Großmütterchen zum erstenmal im Familienkreise. Sie war fröhlicher denn sonst, der Forstmeister hatte gute Nachrichten aus Goldenau. Es hatte sich ein Käufer gemeldet und einen Preis geboten, der die Erwartungen übertraf. Wenn der mit dem Gutsverkauf beauftragte Rechtsanwalt sich mit dem Käufer über alles einigte, so würde Frau von Busch noch eine Summe übrig behalten, die ihr gestattete, nicht ganz umsonst bei ihren Kindern leben zu müssen. Wie sehr wünschten alle um der Großmutter willen, daß der Kauf zustande käme und der Käufer sich nicht wieder, wie es so viele getan, zurückziehen möge, nachdem er das Ganze eingehend besichtigt. Magda frohlockte innerlich, sie allein wußte den Namen des Käufers, sie war gewiß, daß er das Gut unter jeder Bedingung erstehen würde.

»Sage doch, Irene,« die jungen Mädchen sagten jetzt du zueinander, »sage doch,« fragte Magda plötzlich, »gibt es kein Kleidungsstück, keinen Schmuckgegenstand oder sonst etwas, das uns aus die Spur deines Herkommens helfen könnte?« Irene errötete. »Ich habe nichts,« sagte sie, »wenigstens jetzt nicht mehr.« Der Vater wechselte mit Luischen einen Blick. Diese erschrak heftig und begann plötzlich zu weinen. »Was ist denn geschehen, liebes Kind, du hast wohl meinen Auftrag nicht ausgerichtet?« Luischen weinte heftiger. »Oder hast du das, was ich dir gab, verloren, das wäre allerdings sehr unangenehm.« Das Kind schüttelte den Kopf. »Verloren habe ich es nicht, nur vergessen, es liegt ganz verborgen in einem Kästchen in meiner Kommode.« »Du närrisches Mädchen, was weinst du denn, geh schnell, hol es.« Niemand wußte, was der Vater meinte, jeder war gespannt, als Luischen nach einigen Minuten zurückkam mit einem in Seidenpapier gewickelten Gegenstand. Sie ging auf den Vater zu. »Ich will's nicht haben,« sagte dieser, »gib es der Eigentümerin.« »Irene, verzeih mir, der Vater gab es mir schon im Sommer, ich legte es an einen ganz sicheren Ort, in der Absicht, es dir zu geben; da kam der Mutter Krankheit dazwischen, dann die Badereise, darüber habe ich's ganz vergessen. Sei mir nicht böse.« Mit diesen Worten reichte sie, immer noch mit Tränen in den Augen, Irene das Päckchen, welches diese öffnete, wobei sie einen Ausruf des Erstaunens laut werden ließ. »Das ist ja meine Kette, wie kommt sie hierher?« »Ich schenke sie Ihnen, liebe Irene,« sagte der Forstmeister freundlich. Irene ahnte den Zusammenhang, sie erinnerte sich seines Eintretens in den Juwelierladen, als sie eben das ihr so teure Erbstück verkauft hatte. Sie stand auf und dankte ihm in bewegten Worten, erzählte dann, daß sie diese Kette um den Hals gehabt, als sie aufgefunden worden sei, wahrscheinlich hatte die Mutter, der sie gewiß gehört, sie dem Kinde umgetan, als sie geflohen waren, oder als sie ihre Krankheit gefühlt hatte. »Für mich,« sagte Irene, »hat sie ja als Erbstück von den Eltern Wert, eine weitere Bedeutung kann sie jetzt nicht mehr haben.« Die Kette ging von Hand zu Hand, jeder bewunderte die seine Arbeit, das gediegene Gold. Magda, die sie zuletzt bekam, suchte nach einem Namen oder nach Buchstaben. Da an der einen Seite des Schlosses war etwas eingraviert. Sie entzifferte deutlich die Buchstaben:

» A. B. s./l. Irene.« Das waren ja Onkel Adolfs Buchstaben, Das »von« fehlte zwar, doch hatte er das im Auslande gewiß fallen lassen. »Irene,« natürlich, er hatte ja von seiner geliebten Irene zu ihr gesprochen! Sie gab Irene die Kette zurück, welche diese sorgsam einwickelte, während Magda durch das, was sie gesehen, in höchste Aufregung versetzt war. Sie nahm sich aber zusammen, damit die Ihrigen nichts merken sollten.

Am folgenden Tage schon ging ein langer Brief an Onkel Adolf ab, den sie eigenhändig in den Briefkasten steckte. Kaum konnte sie die Antwort erwarten, die ziemlich lange ausblieb. Sie hatte den Onkel gebeten, ihr unter der Adresse von Fräulein Ehrlich zu schreiben, und eines Abends kam denn endlich Minchen und steckte ihr den Brief vom Onkel heimlich zu. Sie konnte ihn allerdings nicht gleich lesen, erst als sie in ihrem Stübchen allein faß, las sie des Onkels Brief, der folgendermaßen lautete: »Meine liebe Magda! Dein Brief hat mich aufs höchste erschüttert. Es unterliegt danach keinem Zweifel, daß das junge Mädchen, von dem Du mir schreibst und welches ich einmal flüchtig gesehen, indem ich meinte, meine verstorbene Irene zeige sich mir, mein Kind, meine Irene ist. Die goldene Kette, welche Du mir beschreibst, erkenne ich als diejenige, welche ich meiner geliebten Frau zu ihrem Geburtstag schenkte. Sie trug sie beständig und hat sie gewiß um den Hals ihres Kindes befestigt, als sie ihren Tod nahen fühlte. Wie glücklich bin ich, daß mein Kind lebt, daß ich es in kürzester Zeit sehen soll. Auch das Wiedersehen mit meiner Mutter verleiht mir neue Schwungkraft, ich fühle mich um vieles jünger, habe wieder Mut, weiter zu leben, um mich in der Liebe der Meinen, welche Gott mir gelassen, zu sonnen. Hier sind die Geschäfte bald geregelt. Wie freue ich mich, daß es mir vergönnt ist, das alte väterliche Gut wieder in meinen Besitz zu bringen; es bewegt mich sehr, alle die liebgewordenen Stätten aufzusuchen; hier und da entdecke ich liebe, alte Gesichter, die mir von der Jugendzeit her bekannt sind, obwohl mich hier niemand mehr zu kennen scheint. Ich weiß, ich darf Dir vertrauen, Du wirst über alles schweigen, bis ich zurück bin: bereite mir nur das Herz meiner Mutter, damit ich ihre Arme offen finde, wenn ich komme. Einige Tage vor Weihnachten hoffe ich zurück zu sein, so daß wir dann zusammen, so Gott will, ein fröhliches und gesegnetes Fest feiern können.«

Immer wieder las Magda den Brief des Onkels, dann verbarg sie ihn sorgfältig und konnte lange nicht schlafen vor freudiger Erregung. »Magda muß in diesem Jahr ein sonderliches Weihnachtsgeheimnis haben,« sagte der Forstmeister zu seiner Frau, »siehst du nicht, wie ihre Augen leuchten und wie die Freude ihr ganzes Wesen verklärt?« »Mir ist es auch aufgefallen,« versetzte die Forstmeisterin; »überhaupt ist mit Magda seit der Badereise eine große Veränderung vorgegangen.« »Oder seit deiner Krankheit, liebe Frau, ich glaube, das ist der Wendepunkt. Da ist es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen, sie kämpft gegen ihr früheres, selbstsüchtiges Wesen, gegen ihren Stolz und ihre Heftigkeit, sie hat, glaube ich, den festen Grund gefunden.« »Ihr tägliches Leben ist jetzt ein Wachsen in der Gnade,« sagte die Forstmeisterin, und Tränen schimmerten in ihren Augen.

Während die Eltern dies sprachen, saß Magda bei der Großmutter und sprach mit ihr von alten Zeiten. Wie es dann oft geschah, klagte die Großmutter sich an, wie sie durch ihre Schuld so vieles verdorben habe. »Aber vieles kann noch wieder gut gemacht werden, Großmütterchen.« »Nur das eine nicht, daß ich meinen Sohn verstoßen habe, hätte ich ihn nur einmal noch in diesem Leben sehen können.« »Wenn nun der Onkel noch lebte?« warf Magda schüchtern ein. »Dann wäre er längst zurückgekehrt, mein liebes Kind.« »Das kann man nicht wissen, Großmama, er kann noch jetzt zurückkommen, wenn er nur gewiß weiß, daß du ihm nicht mehr zürnst.« »Die Jugend hofft immer,« sagte die Großmutter schmerzlich, »natürlich würde ich ihn mit offenen Armen aufnehmen, wenn er noch lebte, aber das ist eine trügerische Hoffnung. Laß uns dies für mich so traurige Gespräch abbrechen, schicke mir lieber Fräulein Irene, ich habe sie gern um mich, sie hat eine angenehme Stimme beim Vorlesen, ihr ganzes Wesen hat mir etwas Sympathisches.«

Irene trat ein. Die feine, schlanke Gestalt in der Trauerkleidung bewegte sich so anmutig, es lag etwas in ihrem ganzen Wesen, das Frau von Busch anzog. Irenes Gesicht wollte sie zuweilen an ihre eigenen Kinder erinnern. Waren es die Augen, die sie so bekannt ansahen, oder war es die Form des Gesichtes, sie war sich selbst nicht klar darüber. »Wollen Sie mir etwas vorlesen, liebes Kind,« sagte sie freundlich. Irene war gern bereit, wie oft hatte sie dies bei ihrer Pflegemutter in Krankheitszeiten geübt. Ihre Stimme hatte einen weichen Klang, auch las sie mit Ausdruck und Betonung. Frau von Busch hörte ihr gern zu, dann ließ sie sich erzählen von Irenens Pflegemutter, von ihrem einfachen, tätigen Leben, von dem frühen Tod ihrer Eltern. »Wissen Sie denn gar nicht, wer Ihre Eltern gewesen, wie sie geheißen?« »Ich war zu klein, als ich die Eltern verlor, und die guten Leute, welche mich annahmen, haben trotz ihrer Nachforschungen nicht den Namen und den Stand meiner Eltern erfahren können.« »Armes Kind,« sagte Frau von Busch bewegt, »nun sind Sie abermals verwaist und müssen bei fremden Leuten Ihr Unterkommen suchen.« »Ich bin verlobt,« sagte Irene errötend, »wenn wir erst so weit sind, uns eine Häuslichkeit zu gründen, werde ich für immer eine Heimat haben.« Frau von Busch war sehr erstaunt, dies zu hören, sie fragte, ob Magda davon wisse. Irene bejahte es. »Die Verlobung,« so erzählte sie weiter, »sollte eigentlich noch nicht bekannt gemacht werden; aber Dr. Wendt, ihr Verlobter, habe heute geschrieben, sie möchte es ihren gütigen Wirten, Herrn und Frau Forstmeister, mitteilen, also dürfe sie es Frau von Busch auch Wohl verraten.«

Magda hatte unterdes eifrig mit der Mutter zu reden. Sie meinte, »zu Weihnachten müsse für Dr. Wendt noch Quartier gemacht werden, er müsse jedenfalls kommen.« Als die Mutter den Einwurf machte, es sei kein Platz mehr vorhanden, rief Magda übermütig: »Dann muß er im zweiten Stock wohnen, dort ist Platz im Überfluß.« »Da hast du recht,« sagte die Mutter zustimmend; »aber erstens ist niemand zu Hause, die Wohnung ist verschlossen, und zweitens, wenn der Herr wirklich zurückkäme, so würde niemand wagen, ihn darum zu bitten.« »Ich werde ihn selbst bitten, wenn er zurückkommt,« rief Magda lachend, umschlang die Mutter und lief davon. Frau Forstmeisterin, welche die ganze Sache für Spaß hielt, glaubte natürlich nicht, daß es Magda ernst sei mit dem, was sie sagte. Als aber dieselbe nach einer Weile wieder den Kopf hereinsteckte und sagte: »Ich darf doch Dr. Wendt schreiben, daß er kommt?« rief die Mutter: »Schreib's nur, wenn ich auch noch nicht weiß, wo ich ihn unterbringen soll; es wird sich ja schließlich noch ein Plätzchen für ihn finden.« Magda war verschwunden, Frau Forstmeisterin aber stand nachdenklich da. »Ich meinte schon,« sagte sie endlich halblaut vor sich hin, »Magda und Fritz Wendt sollten einmal ein Paar werden, glaubte in Magda ein wärmeres Interesse für ihn wahrzunehmen, doch habe ich mich, wie es scheint, getäuscht.«

Niemand ahnte, wie schwer Magda der Brief wurde. Sie hatte sich von Anfang an davor gefürchtet, die beiden zusammenzusehen, hatte aber nicht gedacht, daß es unter ihrem Dach geschehen würde; aber Gott hatte ihr geschenkt, daß sie Irene liebhaben konnte, obwohl sie ihr ihr irdisches Glück genommen. Sie ahnte es ja nicht und sollte es nie erfahren. Sie lernte es mit Gottes Hilfe immer mehr, sich an anderer Glück freuen, so würde sie auch dies überwinden, Fritz Wendt mit seiner Braut Weihnachten in ihrem Hause zu sehen. Er mußte kommen, das stand fest. Er mußte dabei sein, wenn die große Überraschung und Freude für Großmutter und Irene offenbar wurde. Wenn sie an dies alles dachte, konnte sie kaum die Zeit erwarten; was würden die Eltern zu dem allem sagen? Doch nun sollte ja geschrieben werden. Sie tauchte die Feder ein und – ja, wie sollte sie ihn anreden. »Lieber Herr Doktor«, das war wohl zu vertraulich, – »verehrter Herr« – das war zu steif – ach, wenn es doch der Vater lieber übernähme. Da kam er gerade. »Nun, liebe Magda, schon wieder beim Schreiben, ich wundere mich, was du jetzt für Korrespondenzen hast.« »Wie dankbar wollte ich dir sein, wenn du mir diesen Brief abnehmen wolltest, er ist an Dr. Wendt.« »An deinen alten Jugendfreund, sieh, sieh –« »Ach, ich schreibe ja nur Irenens wegen, du weißt doch, daß Irene mit ihm verlobt ist?« »Woher soll ich das wissen, wenn niemand mich eingeweiht hat in dieses Geheimnis.« »Es ist jetzt ein öffentliches Geheimnis, und nötig ist es, daß Dr. Wendt an Weihnachten kommt, um mit seiner Braut zusammen zu sein.« »Ist das nötig, mein Töchterchen?« »Ja, durchaus notwendig,« sagte sie ganz amtseifrig. »Tue mir den Gefallen, lade ihn zu uns ein, liebes Väterchen, ich habe noch so viel vor.« »Ich soll ihn einladen, wo soll er denn aber wohnen? Großmama hat das Gastzimmer inne, Luischen das daran grenzende Stübchen, wo soll der Doktor schlafen?« »Das findet sich,« sagte Magda mit großer Bestimmtheit, »wenn's nicht anders ist, bitte ich den Herrn im zweiten Stock, der hat Platz genug.« »Wenn du mit dem so intim bist, daß du ihn bitten magst,« – entgegnete der Vater scherzend. »Nun, auf irgendeine Weise muß Dr. Wendt untergebracht werden, kommen muß er,« erklärte Magda noch einmal. »Wir müssen doch suchen, Irene, die so viel Trauriges erfahren hat, eine Freude zu machen.« Der Forstmeister, der sich über die Uneigennützigkeit Magdas innerlich sehr freute, sagte nun gutmütig: »Es gibt ja immer noch einen Ausweg aus der Verlegenheit, wenn ich Dr. Wendt im Gasthof wohnen lasse.« »Danke, Väterchen, das wird gehen, aber noch eins: Die Reise ist sehr weit und –« sie stockte. »Ich glaube, es wird Dr. Wendt – an Reisegeld fehlen.« »Da wollen wir doch den Mann ruhig zu Hause lassen,« sagte der Forstmeister schmunzelnd. »Das kann nicht dein Ernst sein, lieber Vater, sieh, das Geld hätte Dr. Wendt wohl; aber Irene sagte, er wolle es gerne sparen, damit sie sich eine Aussteuer anschaffen könnten, wenn du nun schreibst und legtest eine Banknote bei, das wäre doch sehr, sehr hübsch von dir.« »Also auf meinen Geldbeutel ist es wieder abgesehen. Weißt du nicht, daß Weihnachten vor der Tür ist, und der arme Vater immer Geld geben soll? Was wird dann aus deinem eigenen Weihnachtsgeschenk, wenn ich all mein Geld wegschicke, um einen Bräutigam zu seiner Braut reisen zu lassen?« »Sage nicht so, liebes Väterchen. Du magst doch Irene auch gern und Dr. Wendt muß kommen,« sagte sie mit solchem Nachdruck, daß der Vater sie lächelnd ansah und in ihren Ton einfallend hinzufügte: »Und der Vater muß dafür sorgen.« – Es klopfte. Irene trat ein mit der Bitte, zum Essen kommen zu wollen. »Eben höre ich, liebe Irene, daß Sie eine glückliche Braut sind, wie schade aber, daß Ihr Verlobter in so weiter Ferne weilt.« Irene traten die Tränen in die Augen, sie sagte: »Ich möchte auch, er wohnte näher; aber wir müssen vernünftig sein und uns etwas versagen.« »Möchten Sie ihn zu Weihnachten wohl hier sehen?« »Daran ist gar nicht zu denken,« war die Antwort. »Ich muß ja so dankbar sein, daß Sie mir in Ihrem Hause ein Heim geboten haben.« Man ging zu Tische, es wurde nicht weiter über diese Angelegenheit gesprochen; aber noch abends spät sah man den Forstmeister einen Brief schreiben.

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