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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
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24. Onkel Adolf.

»Magda, Magda, ist es wirklich wahr, kommt die reiche Großmutter zu uns?« rief Rudolf, der mit erhitzten Wangen in den Garten kam, wo eben seine Schwester damit beschäftigt war, einige noch vereinzelt blühende Herbstblumen zu einem Strauß zusammen zu binden. »Sie kommt gewiß in einer goldenen Kutsche gefahren,« schrie Otto, der ihm auf dem Fuße folgte. »Sie trägt wohl immer seidene Schleppkleider?« »Wieviel Diener bringt sie mit?« Diese hastig hintereinander hingeworfenen Fragen setzten Magda in nicht geringe Verlegenheit. Wie hatte sie ihren Geschwistern gegenüber mit der reichen Großmutter geprahlt, und nun hatten die Eltern ihr geschrieben, die Großmutter würde, wenn das Gut verkauft sei, kaum so viel haben, um für sich zu leben. Sie habe eingewilligt, mit ihnen zu gehen, so würden sie, sobald der Zustand der alten Dame und die sonstigen Verhältnisse es erlaubten, wieder zu Hause eintreffen. »Magda, warum kommt die reiche Großmutter zu uns?« fingen die Knaben aufs neue an, »wir haben ja kein Schloß und sie kann doch wohl nur in einem Schlosse wohnen?« »Sie kann es jetzt nicht mehr, sie ist arm geworden.« »Können reiche Leute auch arm werden?« fragte Rudolf verwundert, »dann möchte ich gar nicht reich sein.« »Ich wollte, ich hätte soviel Geld, daß ich der Herr von Goldenau würde, wer wird es nun kaufen?« »Ich weiß es nicht, Kinder, ich bin traurig, daß Großmama es verlassen muß, so sehr ich mich auch freue, daß sie kommt. Die arme Großmutter, was werden die Leute im Dorfe sagen, wenn Frau von Busch nicht mehr da ist.« Diese letzten Worte sprach sie eigentlich mehr für sich, denn die Jungen waren schon wieder davongesprungen, und sie stand allein in der Laube.

Wieviel hatte sie in den letzten Wochen durchkämpfen müssen, wieviel hatte sie leisten müssen als stellvertretende Hausfrau! Wie lieb war es ihr nun, daß die Mutter sie in allen praktischen Dingen unterwiesen hatte, welche Freude machte ihr jetzt das Haushalten, wie war sie eifrig bemüht, alles aufs beste zu verrichten. Was würde Großmama sagen, wenn sie merkte, was die Enkelin alles gelernt hatte. Was hätte ihr nun das Malen, Klavierspielen und Singen geholfen, wenn sie nicht gleichzeitig den Kochlöffel hätte rühren können und die andern Geschäfte des Haushalts verstanden. »Nein, wie es dem Fräulein von der Hand geht, wie Fräulein das alles hübsch gelernt hat, und wie freundlich Fräulein bei allem ist, gar nicht mehr so stürmisch wie sonst,« sagte Ida zu Frau Radke.

Ja, das war die Hauptsache, die Freundlichkeit. Und die kam von innen heraus. Magda lernte täglich mehr von sich absehen und für andere leben. Wieviel mehr Freude brachte nun jeder Tag, seit sie dem Herrn ihr Herz zum Eigentum gegeben hatte, seit sie betete um das Eine, was not tut. Nun wurde die Arbeit mit Lust getan, die Ausübung ihrer Pflichten war ihr nicht mehr Zwang, sondern Freude. Sie wollte eben die Laube verlassen, um ins Haus zurückzukehren, da wurde sie durch das Öffnen eines Fensters im zweiten Stockwerk an den einsamen Mann erinnert. Fast hätte sie sein Dasein vergessen, aber als sie ihn am gestrigen Abend wieder so ruhelos hatte hin und her gehen hören, war ihr der Gedanke gekommen, ob der Vater nicht versuchen müßte, an den Herrn heranzukommen, vielleicht könnte man doch dazu beitragen, ihn weniger scheu zu machen und sein Vertrauen zu gewinnen. Er entbehrte ganz gewiß die Teilnahme und Liebe seiner Mitmenschen.

Sie hatte nicht bemerkt, daß sich schon, während sie mit den Brüdern sprach, eine Gestalt hinter der Laube bewegt hatte; dieselbe näherte sich nun langsam, und als Magda erschreckt zurücktrat, rief der Unbekannte, ein langer, hagerer Herr mit gebräunter Gesichtsfarbe: »Magdalene von Busch.« Magda erbleichte und sagte erregt: »Wer sind Sie, mein Herr, warum haben sie mich so erschreckt?« »Kennen Sie mich nicht?« »Ich kenne Sie nicht, vermute aber, daß Sie der uns ganz unbekannte Herr aus der oberen Wohnung sind.« »Wollen Sie mir nicht Ihren Namen nennen, mein Fräulein, ich habe wichtige Gründe zu dieser Bitte.« »Ich heiße Magda Binder, aber Sie nannten soeben den Mädchennamen meiner Mutter, Magdalene von Busch.« »Ihre Mutter kann nicht Magdalene von Busch sein, sie sieht ihr so wenig ähnlich wie –« »Meine rechte Mutter ist längst tot, sie war die Tochter der Frau von Busch auf Goldenau und verheiratete sich mit dem Forstmeister Binder, meinem Vater.« »Großer Gott, ist es möglich!« rief der Fremde bewegt, »so wärest du die Tochter meiner inniggeliebten, einzigen Schwester Magdalene –« »Und Sie der Bruder meiner Mutter, der verschollene Onkel Adolf!« rief Magda aufs höchste betroffen. »Ja, der unglückliche Onkel Adolf,« sagte der Fremde dumpf, »und jetzt, wo du mich erkannt, muß ich weiter wandern; ich bin ausgestoßen aus der Familie.« »Bleiben Sie, gehen Sie nicht wieder fort, wir alle wollen Sie liebhaben–« »Armes Kind, du ahnst nicht, was es mit mir für eine Bewandtnis hat – doch, ich höre Schritte. Versprich mir, daß du schweigen willst, daß nichts über deine Lippen kommt von dem, was eben zwischen uns gesprochen. Willst du heute abend spät, wenn es niemand merkt, zu dem armen, unglücklichen Onkel kommen, ich muß weiter mit dir reden, willst du?« Magda nickte und sah ihn im Gebüsch, das den untern Teil des Gartens zierte, verschwinden, während Luischen mit großen, verwunderten Augen in die Laube trat. »Magda,« sagte sie, »der fremde Herr war ja bei dir.« »Ja, er hatte sich wohl verlaufen. Ich bin auch erschrocken, komm, laß uns nicht weiter darüber reden, wir wollen ins Haus gehen.« »Aber Magda, du siehst ganz blaß aus.« »Dann muß ich wohl ein Glas Zuckerwasser trinken; wo sind die Brüder?« »Sie sind oben und unterhalten sich von der Großmutter, die bald kommen wird.« »Wir wollen alle einen Spaziergang machen, Luischen, sage den Brüdern, daß sie sich fertig machen.«

Magda eilte in ihr Zimmer, das Herz klopfte gewaltig. Hätte sie doch gleich zu Ehrlichs gehen können und ihnen sagen, was sie Wunderbares erlebt; aber sie hatte versprochen, zu schweigen und würde es halten. Wenn es die Eltern wüßten oder die Großmutter! Letztere würde ja bald mit dem verloren geglaubten Sohne unter einem Dache wohnen. Sie konnte gar nicht ausdenken, wie alles sich gestalten würde. Doch da kamen die Kinder. Sie wollte mit ihnen spazieren gehen, dabei, hoffte sie, würden sich ihre Gedanken am ersten beruhigen. Sie schritten durch die Anlagen dem belebtesten Teil der Stadt zu. In einer der Hauptstraßen kam jemand mit einem schweren Paket unter dem Arm an ihnen vorüber. »Guten Abend, Fräulein Magda,« sagte eine schüchterne Stimme; Irene wollte vorübereilen. »Warten Sie doch ein wenig,« rief Magda, »Sie kennen uns wohl gar nicht.« Irene errötete und blieb stehen. »Sie haben so schwer zu tragen,« sagte Magda freundlich, »Otto, Rudolf, nehmt Fräulein Berner das Paket ab, tragt es ihr heim.« Irene errötete wieder. »Ich komme von Hause; ich wollte die Sachen in ein Geschäft tragen, für welches ich arbeite.« Es überkam Magda plötzlich ein warmes Gefühl der Liebe für dies junge Mädchen, das immer nur den Weg der Pflicht ging, das nicht allein die alte Pflegemutter und deren Hausstand treu besorgte, sondern auch noch Geld verdiente, um die Lage der Mutter zu erleichtern. »Wir begleiten Sie bis zu dem Geschäft, wo Sie die Sachen abzuliefern haben, die Jungen können das Paket tragen, Sie gehen mit mir.« Woher kam ihr auf einmal der beschützende Ton der Irene gegenüber, gegen welche sie so feindselige Gesinnungen gehabt. Sie wollte sie über die Achsel ansehen, wollte sie ignorieren, weil sie ihr das Glück nicht gönnte; wo waren alle diese häßlichen Gefühle? Es wurde ihr plötzlich klar, daß Irene ihr Glück voll und ganz verdiente. Wie demütig und bescheiden war sie, wie ertrug sie die Armut ohne Klage, wie schmal war sie in den letzten Wochen geworden! Sie hatte gewiß zuviel gearbeitet, war zu wenig an die frische Lust gekommen.

Die Kinder gingen voran, sie folgte mit Irene. »Sie strengen sich gewiß zu sehr an; errate ich es, Sie arbeiten schon an der Aussteuer?« Irene errötete noch tiefer. »Sie wissen? –« »Aus Dr. Wendts Munde weiß ich es, kann aber schweigen. Ich gratuliere Ihnen herzlich. Gott segne Sie.« Sie reichte ihr die Hand, Irene dankte und erwiderte, daß an eine Vereinigung fürs erste noch nicht zu denken sei. Es fehle ihr gänzlich an Mitteln, ihre Aussteuer zu beschaffen, auch an Zeit, da sie jede freie Minute benutzen müsse, um für Geld zu arbeiten. Ihre teure Pflegemutter, die wieder recht krank sei, bedürfe der Stärkung, und ihr diese zu verschaffen, sei ihre schönste Aufgabe. »Hat denn Dr. Wendt nicht eine einträgliche Stelle, die Sie beide ernährt?« »Bis jetzt noch nicht, Vermögen hat er auch nicht, und da wir die Mutter zu uns zu nehmen gedenken, wollen wir beide noch warten, bis mein Verlobter eine bessere Stelle bekommt. Dann will er selbst für die Aussteuer sorgen.« Sie waren vor dem Geschäftshause angelangt, Irene ging hinein, während Magda mit den Geschwistern in der Hauptstraße aus- und abging, um mit ihnen die schönen Läden anzusehen. Es währte lange, bis Irene wieder zum Vorschein kam, wie es Magda schien, sah sie bedrückter aus als vorher. Sie hatte erzählt, daß sie auf dem Rückweg eine Flasche Portwein für die Mutter kaufen wollte; als sie nun aber an der Weinhandlung vorüberkamen, ohne daß Irene Miene machte, hineinzugehen, sagte Magda: »Nun, Sie wollten doch –« »Ich muß es heute lassen,« antwortete Irene leise, »ich soll die Bezahlung für meine Arbeit erst Ende nächster Woche bekommen.« »Aber ich habe hier zu tun,« versetzte Magda, »warten Sie mit meinen Geschwistern einen Augenblick.« Sie kam nach kurzer Zeit mit einem sauber eingewickelten Paket heraus, und als sie sich von Irene verabschiedete, händigte sie es ihr ein mit den Worten: »Sagen Sie Frau Berner, die Geschwister Binder bäten sie, dies als kleinen Gruß von ihnen anzunehmen.«

Magda kam sehr vergnügt nach Hause, das Bewußtsein, gegen Irene gut gewesen zu sein, belebte sie. Sie hatte sich vor dem ersten Sehen gefürchtet, hatte es sich ganz anders vorgestellt. Sie dachte sie sich erhobenen Hauptes neben Dr. Wendt stehen und auf sie, die Verschmähte, herabblicken. Nun war sie ihr demütig und lieblich wie immer entgegengetreten und zwar an einem Tage, da Magda sich innerlich erhoben fühlte, als Trägerin eines wichtigen Geheimnisses, das half ihr über alles hinweg. Ja, die Irene, gegen welche sie recht häßlich und abscheulich hatte sein wollen, sie hatte es ihr heute angetan, daß sie nicht anders konnte, als freundlich mit ihr reden. Von Irene gingen dann die Gedanken wieder zu dem armen Herrn da oben, der sich als der verschollene Onkel Adolf entpuppt hatte. Heute abend sollte sie alles erfahren, wenn nur niemand merkte, daß sie hinaufging. Die Kinder gingen halb neun zu Bett, von dieser Seite war nichts zu befürchten. Ida würde denken, daß sie unten einen Besuch machte, wie sie oft abends zu tun pflegte.

Alles ging soweit nach Wunsche; das Abendessen war vorbei, die Kinder zur Ruhe, da erschien Frau Ehrlich mit ihren Töchtern. Warum gerade heute abend! »Guten Abend, liebe Magda, wir stören doch nicht, wir möchten gern ein Abendstündchen mit Ihnen verplaudern,« sagte Frau Ehrlich. Magda hieß sie nicht so herzlich willkommen, als sie es sonst zu tun pflegte. Minchen sah sie prüfend an. »Du hast etwas anderes vor, du willst schreiben?« »Nein, ich habe gestern an die Eltern geschrieben, bitte, setzt euch.« Frau Ehrlich hatte schon ohne Aufforderung in der Sofaecke Platz genommen, Minchen und Jettchen standen vor Magda. »Wir möchten dich nur etwas fragen,« begann Jettchen und zog sie ins Nebenzimmer, »aber du mußt es uns nicht übel nehmen –« »Nun?« fragte Magda gespannt. »Minchen behauptet gesehen zu haben –« »Nein, behauptet habe ich es nicht, ich sagte nur, es habe mir geschienen –« »Nun also, es hat Minchen geschienen, als ob der rätselhafte Fremde heute zu dir in die Laube gegangen sei.« »Er kann sich ja verlaufen haben, seine Laube ist bekanntlich in der Nähe.« »Aber Minchen sagte, es habe lange gewährt, bis er wieder herausgekommen sei, und sie habe deutlich gesehen, daß er dir die Hand gedrückt.« – »Ihr traut mir doch nicht zu –« »Siehst du, Jettchen, ich sagte es gleich, wozu mußt du es gleich an die große Glocke binden, wenn man eine kleine Beobachtung macht, ich kann mich ja getäuscht haben.« »Tante Minchen, du hast dich nicht getäuscht, der Fremde ist wirklich in die Laube gekommen, hat sie aber sehr bald wieder verlassen, und nun, bitte, wollen wir diesen Punkt nicht wieder berühren.« Sie hatte dies so abwehrend gesagt, daß die Tanten beide fühlten, sie würden hierüber nichts weiter erfahren, daß aber irgend etwas zugrunde liege, des waren sie sicher. Sie kehrten in die andere Stube zurück, setzten sich und holten die Handarbeiten hervor, während Magda auf Kohlen saß und die Zeit herbeisehnte, wo die sonst so lieben Hausgenossen sie verlassen würden. Hätte sie es nur sagen dürfen, sie wären sofort gegangen. Frau Ehrlich erzählte in gewohnter Weise, Magda hörte heute nur mit halbem Ohr hin, immer wieder mußte sie an den wartenden Onkel denken. Jetzt ertönten die bekannten schweren Fußtritte da oben, heute eine Mahnung für sie, sich ihres Versprechens zu erinnern. Endlich sagte Frau Ehrlich: »Liebe Magda, ich glaube, Sie sind müde, oder es steckt Ihnen sonst etwas in den Gliedern. Sie haben mir schon zweimal verkehrte Antworten gegeben und sind gar nicht so munter wie sonst. Kinder, wir wollen gehen.« »Liebes Großmütterchen, es ist mir wirklich heute nicht wie sonst, aber morgen wird schon alles besser sein.«

Endlich waren die Hausbewohner nach unten gegangen, und Magda ging so leise wie möglich die Treppe hinauf. Doch hatte Jettchen, welche die Haustür schloß, ihren Tritt vernommen, sie horchte noch ein Weilchen. Wirklich! Magda klopfte oben, die Tür in der oberen Wohnung wurde geöffnet, sie vernahm Flüstern, dann wurde die Tür sozusagen geschlossen und alles war ruhig. »Minchen, du hast recht,« sagte das Jettchen händeringend, »es geht etwas da oben vor. Es ist ein Geheimnis und Magda steckt dazwischen.« »Das junge Mädchen ohne Erfahrung! Soll man sie warnen? Die Eltern sind nicht zu Hause, die Mutter hat uns gebeten, sie in Obhut zu nehmen. Wir haben die Verantwortung! Was bedeutet dies alles, mir ist die Geschichte den ganzen Abend im Kopf herumgegangen.« »Freilich,« stimmte das Jettchen bei. »Und wenn es ein steinalter Mann ist, es paßt sich immer nicht, daß ein junges Mädchen so spät am Abend da hinaufgeht.« Während die alten Damen so jammerten und sich die Köpfe zerbrachen, ging Magda unbeirrt ihren Weg. Sie hatte von Kind auf soviel von Onkel Adolf gehört, daß er ihr längst eine vertraute Persönlichkeit war; seit sie wußte, daß der rätselhafte Fremde und er eine und dieselbe Person waren, war alle Scheu, die sie vor dem Unbekannten gehabt, verschwunden. Stand sie doch als Schwestertochter ihm, dem Onkel, am nächsten von allen Hausbewohnern.

Die alte, finstere Haushälterin zeigte heute ein anderes Gesicht als gewöhnlich. Sie führte Magda durch mehrere Zimmer, bis sie auf eine Tür wies und sagte: »Bitte, gehen Sie nur da hinein.« Sie machte kehrt mit der Lampe und ließ Magda allein stehen. Diese klopfte schüchtern, worauf die Tür sofort von innen geöffnet wurde. »Endlich,« sagte eine klare männliche Stimme, »ich habe schon lange gewartet, glaubte, du hättest mich vergessen.« Magda sagte, daß sie gern früher gekommen wäre, doch da ihr Schweigen auferlegt sei, so hätte sie den Besuch von unten nicht fortschicken können. »Das Schweigen ist jetzt noch Hauptbedingung; wenn du erst erfahren wirst, wie ich durch die traurigen Umstände gezwungen bin, mein Hiersein geheim zu halten, dann wirst du begreifen, warum ich dir Schweigen auferlegt habe.« Magda sah jetzt zu ihm auf. Er war eine hohe, schlanke Erscheinung, etwas hager, aber durchaus nicht unangenehm, seine gelblich-braune Gesichtsfarbe gab ihm ein fremdartiges Aussehen, sonst war das Gesicht regelmäßig, und wenn die Stirn auch einige Furchen zeigte, so sah er doch lange nicht so alt aus, wie ihn sich die Hausgenossen vorgestellt hatten. Die Stube war geschmackvoll, ja luxuriös eingerichtet, eine schöne Lampe brannte auf dem mit kostbaren Decken belegten Tisch. Die seidenen Vorhänge waren dicht zugezogen, alles machte einen behaglichen Eindruck. Hier hatte der arme Onkel Tag für Tag so einsam gesessen, es schien Magda fast unglaublich.

Herr von Busch nötigte sie, Platz zu nehmen auf einem der mit Sammet überzogenen Lehnstühle. »Du siehst, es fehlt mir nicht an äußerer Behaglichkeit, ich habe alles, womit man sich das Leben angenehm machen kann, aber wie gern würde ich alles hingeben, wenn ich nur das eine hätte.« »Was fehlt Ihnen,« fragte Magda leise. »Der Friede, liebes Kind. Es wühlt und brennt hier unaufhörlich, ich bin unstät und flüchtig auf Erden – nirgends habe ich Ruhe; ich hätte unerkannt und ungesehen auch hier verschwinden müssen, wenn die Liebe zur Heimat, zu den Meinen nicht zu mächtig in mir erwacht Wäre. Die Ähnlichkeit mit deiner Mutter hat mir den Mut gegeben, dich anzureden, erzähle mir von ihr, meiner heißgeliebten Schwester.« Magda erzählte, wie dieselbe früh gestorben, wie sie auf der Mutter Wunsch bei der Großmutter in Goldenau erzogen worden und erst seit einem Jahr zu ihren Eltern zurückgekehrt sei. Dann fügte sie hinzu, daß die Eltern jetzt zur Großmutter gereist seien, da dieselbe schwer erkrankt sei, Goldenau müsse in andere Hände übergehen, die Großmutter sei gezwungen, es zu verkaufen, und werde künftig bei ihnen Wohnung nehmen.

»Meine Mutter kommt hierher, in dieses Haus,« rief der Onkel erregt, »dann muß ich baldmöglichst weiter ziehen, meines Bleibens ist nicht länger hier.« »Glauben Sie denn nicht, daß die Großmutter sich sehr freuen würde, Sie wiederzusehen? Sie hat oft geweint in dem Gedanken, Sie seien nicht mehr am Leben. Lassen Sie es mich schreiben, ich versichere Ihnen, sie wird Sie mit großer Liebe aufnehmen, die arme Großmutter hat so viel Schweres gehabt.« »Das hat sie,« rief der Onkel bewegt, »und das schwerste Leid habe ich ihr zugefügt. Ich habe ihren Namen befleckt, das Geschehene kann nicht ungeschehen gemacht werden. In unserer Familie war die Heftigkeit ein Erbfehler.« Magda errötete. Er bemerkte es nicht und fuhr fort: »Durch diese Heftigkeit ließ ich mich zu einer Tat hinreißen, die ich schwer bereut habe. Davon will ich jetzt nicht mit dir reden, du würdest dich entsetzen und mich fliehen und ich möchte so gerne mehr von dir hören.« In Magdas Augen leuchtete es auf. »Und wenn es nun alles nicht so schlimm wäre, wie Sie es sich vorstellen?« »Du gutes Kind, die Jugend sieht alles in rosigem Licht, ich kann nie wieder froh werden und mag deshalb auch nicht an ein Wiedersehen mit meiner Mutter denken, weil stets ein Bann auf mir liegt, den niemand von mir nehmen kann.« »Gott der Herr kann alles gut machen, haben Sie nur Vertrauen, darf ich einmal wiederkommen?« »Darum wollte ich dich bitten, liebes Kind. Geh jetzt, es ist schon sehr spät, und wenn du mich wieder besuchen magst, für dich ist stets die Tür geöffnet.« Er verabschiedete sie mit herzlichem Händedruck und Magda schlüpfte eben so leise als sie gekommen in ihre Wohnung zurück. Sie ging gleich zu Bett, konnte aber lange nicht schlafen nach diesem ereignisreichen Tage.

Wie lieb hatte die Mutter den Onkel gehabt, wie oft hatte sie ihrem Töchterchen von ihm erzählt. Wie wunderbar, daß gerade sie dazu ausersehen war, ihm Trost und Frieden zu bringen. Denn morgen, das stand fest bei ihr, wollte sie selbst den freundlichen Herrn aufsuchen, der ihr seine Adresse gegeben, es war ja auch eine wunderbare Fügung Gottes, daß Herr von Molk gerade jetzt hierher versetzt war. Er war ja der Mann, den der Onkel meinte erschossen zu haben, und er lebte, war gesund und guter Dinge. Welche schöne Aufgabe für sie, dem Onkel diese Freudenbotschaft bringen zu dürfen. Dies regte sie so auf, daß nur wenig Schlaf in ihre Augen kam. Als sie am andern Morgen erwachte, war es ihr, als habe sie geträumt. Aber bald stand die Wirklichkeit wieder da, die Freude leuchtete ihr aus den Augen und beflügelte ihre Schritte. Sie besorgte getreulich alle ihr obliegenden Pflichten und erst gegen Abend fand sie Zeit, den Regierungsrat aufzusuchen. Luischen war verständig genug, die Brüder zu beaufsichtigen und Ida war ein zuverlässiges Mädchen.

Die Burgstraße, in welcher der Herr laut Adresse wohnte, war ihr wohlbekannt; sie war eine der gesuchtesten und elegantesten Straßen der Stadt, nur lag sie ziemlich entfernt von ihrer Wohnung. Es war ein nebeliger Herbstabend, die Lampen brannten auf den Straßen. Sie eilte hastig vorwärts und hatte bald den andern Stadtteil erreicht. Als sie eben um eine Ecke biegen wollte, begegnete ihr Irene. Sie sah tieftraurig aus und sagte: »Liebes Fräulein Magda, wenn es nicht zu unbescheiden wäre – meine Mutter ist sehr krank, möchten Sie nicht einmal zu ihr kommen? Ich habe eben Arznei aus der Apotheke geholt.« »Was fehlt ihr?« fragte Magda teilnehmend. »Es ist wieder Lungenentzündung, aber diesmal ist es viel schlimmer, ich glaube nicht, daß sie es übersteht.« »Ich habe einen ganz wichtigen Gang vor,« sagte Magda, »aber auf dem Rückweg will ich zu Ihnen kommen.« »Ja, bitte, wenn Sie mögen, ich bin ganz allein.« Das junge Mädchen eilte davon, und Magda bog in die Burgstraße ein. Bald hatte sie das Haus erreicht. Es sah sehr vornehm aus und war von unten bis oben hell erleuchtet. »Hier gibt es gewiß eine Gesellschaft,« dachte Magda und betrat mit Bangen den Vorgarten.

Auf ihr Klingeln wurde sofort geöffnet, zwei Dienstmädchen in weißen Schürzen eilten höflich auf sie zu, ihr die Sachen abzunehmen. »Ich lege nicht ab,« sagte sie, »ich wünsche nur einige Worte mit dem Herrn Regierungsrat zu sprechen.« »Sie gehören nicht zu den geladenen Gästen?« »Durchaus nicht, ich wußte nicht, daß Gesellschaft sei.« »Es ist Herrn Rats Geburtstag, der Tag wird immer groß gefeiert.« »Sind schon viele Gäste da?« »Nein, nur einige Damen, die Herren kommen später.« Magda stand unschlüssig. War es nicht zudringlich, heute den Herrn sprechen zu wollen, es war wohl taktvoller, wieder umzukehren und die Sache auf morgen zu verschieben. »Ich will es doch dem Herrn sagen,« meinte das höfliche Dienstmädchen, »es ist ja möglich, daß er noch jemand annimmt.« Magda wollte abwehren, da trat ein Herr aus der Tür und fragte nach Magdas Begehr. »Herr Rat, darf ich Sie einen Augenblick in einer wichtigen Angelegenheit sprechen?« Herr von Molk sah sie verwundert an. »Sie mich, mein Fräulein, muß es denn heute abend sein? Ich erwarte Gesellschaft, meine Frau –« »Ich will morgen wiederkommen,« sagte Magda, es lag aber in dem Ton so viel Enttäuschung, daß der Regierungsrat gütig sagte: »Nein, Sie sollen den Weg nicht umsonst gemacht haben, kommen Sie, hier ist ein stiller Ort;« mit diesen Worten öffnete er die Tür zu einem kleineren, abgelegenen Zimmer. »Nun sagen Sie mir, womit ich dienen kann, wenn ich nur die Bitte noch aussprechen darf, sich möglichst kurz zu fassen.« Jetzt erst, da er Magda voll ins Gesicht sah, erkannte er sie. »Das ist ja Fräulein Magda, meine kleine Freundin,« rief er erstaunt, »wo kommen Sie her, was treibt Sie zu mir?« Magda berichtete in kurzen Worten, was sie gestern erlebt; nun war es an dem Regierungsrat, zu staunen. »Mein alter, unglücklicher Freund ist noch am Leben und trägt das Schuldbewußtsein immer mit sich herum! Wie traurig, wie traurig! Aber gottlob, daß ich ihn erlösen kann. Natürlich komme ich, sobald ich kann, mich als lebendig vorzustellen. Am liebsten ginge ich gleich mit Ihnen, aber Sie sehen, wenn der Hausherr Geburtstag hat, da darf er seine Familie nicht verlassen. Bestimmen Sie morgen jede Stunde, ich bin immer bereit.« »Mein Onkel sollte zu Ihnen kommen, aber er ist sehr menschenscheu und zurückhaltend.« – »Nein, nein, ich komme, Sie können aus mich rechnen, morgen früh um elf Uhr werde ich bei Ihnen sein.« Er schrieb sich die Adresse auf. »Welch ein Glück, daß wir uns bei Herr und Frau Mattis kennen lernten, sonst wäre es vielleicht nie an den Tag gekommen; wie wunderbar sind Gottes Fügungen!« Magda, froh, die Zusage des trefflichen Mannes zu haben, verabschiedete sich nun schnell, herzlich um Verzeihung bittend, daß sie so störend dazwischen gekommen sei. Sie eilte heimwärts mit der Absicht, sich heute zeitig zur Ruhe zu begeben, der morgende Tag würde der Aufregung und der Unruhe ohnehin genug bringen.

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