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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
wgs9110
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20. Unterwegs. Ankunft und Leben in Neuheim.

An einem schönen Morgen, als die Ferien eben begonnen hatten, hielt ein offener Wagen vor dem Hause in der Langendorffer Allee. Die Sachen waren vorausgeschickt, so gab es nur Damen mit Handgepäck. Frau Ehrlich wurde es recht schwer, von ihrer Wohnung Abschied zu nehmen, doch da die lieben Töchter mitgingen und Jettchen es wirklich recht nötig hatte, so ergab sie sich mit Seufzen. »Magda, bringe mir volle, rote Backen mit,« sagte der Forstmeister; die Forstmeisterin aber schloß ihr liebes Kind mütterlich in ihre Arme und sprach: »Du hast so treu für mich gearbeitet, nun genieße es in vollen Zügen, deine Eltern gönnen es dir von Herzen.« Luischen hatte sich auf den Bock geschwungen und sah triumphierend von oben herab. Konnte es etwas Schöneres geben, als bei dem herrlichsten Sommerwetter in die weite Welt hinauszufahren? Bald lag die Stadt hinter ihnen. Es ging immer die Landstraße entlang, zu beiden Seiten zogen sich bewaldete und bebaute Höhen hin, oft steil ansteigend, dann sich sanft abdachend, bald rückten die Berge so nahe, daß sie die Landstraße einengten, bald traten sie zurück, daß die Aussicht freier wurde. Luischen gab ihre Freude durch laute Ausrufe kund, während Magda still war und ihren Gedanken nachhing.

Sie war noch kein Jahr von der Großmutter fort; wie ganz anders hatte sich ihr Leben gestaltet. Sie hatte jetzt lieben gelernt aus vollem Herzen, sie wußte, was Elternliebe war, die sie so lange entbehrt hatte, das gab ihrem Leben die rechte Freude. Sie hatte Menschen kennen gelernt, die so ganz anders waren als die, in deren Umgebung sie früher gelebt, Menschen, die sie hochachten und bewundern mußte. Wie klein und unbedeutend kam sie sich ihnen gegenüber vor, sie, die sich zuerst als die vornehmste gedäucht hatte. »Sie sind so still, liebe Magda, erzählen Sie etwas,« bat Frau Ehrlich, »ich mag gerne, wenn junge Mädchen plaudern. Minchen, es zieht, gib mir doch mein Tuch um. Mir scheint der Weg recht weit, sind wir noch nicht bald da?« »Erst zur Hälfte, liebe Mutter, aber siehst du dort den Kirchturm, in jenem Dorfe machen wir etwas Rast,« sagte Minchen. Jettchen lächelte vergnügt dazu, die Mutter aber verbat sich entschieden das Absteigen in einem Gasthause und das Verzehren eines teuren Mittagbrotes. »Das ist nichts für uns einfache Leute, Kinder, ihr werdet doch nicht schon am ersten Tage mit dem Gelde schleudern, Jettchen, gib die Butterbrote – ein Glas Milch dazu, dagegen habe ich nichts.« »Wir sind schon im Dorf, Mütterchen, im Augenblick.« – Da lag die Kirche, daneben ein Pfarrhaus, weinumrankt. Man fuhr vorüber, gerade auf den Gutshof zu. Da zeigte sich ein hübsches, zweistöckiges Haus, aus dem Fenster winkte jemand fröhlich und verschwand.

»Die Dame mit dem Korb,« rief Luischen fröhlich. »O, wie reizend,« sagte Magda, »wohnt die hier?« »Freilich,« riefen Jettchen und Minchen wie aus einem Munde, »unsere liebe Freundin Katharine Mattis wohnt hier und hat uns eingeladen, zu Mittag bei ihr Rast zu machen, es sollte für alle eine Überraschung sein.« »Ist dies Langhagen?« fragte die Mutter verwundert, »davon habt ihr mir ja nichts gesagt.« »Willkommen, meine Gäste,« rief eine fröhliche Stimme, »die Tauben bräunen sich schon in der Pfanne, Frau Ehrlich.« »Taubenbraten auf der Reise, das hab' ich mir nicht träumen lassen.« Die Aussicht auf diesen Hochgenuß versetzte die alte Dame in die rosigste Laune, sie ließ sich von dem Herrn Mattis, der auch herzugekommen war, vom Wagen helfen, und geführt von ihm, betrat sie das geräumige Haus. Die Mädchen folgten mit Frau Mattis, die gegen alle von einer Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit war, daß sie aufs neue Magdas und Luischens Herz gewann.

»Wir haben noch einen Gast, einen Freund meines Mannes,« erzählte sie den Damen. »Ist es der Freund, welcher vor vielen Jahren das Unglück hatte?« fragte Jettchen. »Gewiß, derselbe,« sagte Frau Mattis, »ich erzählte euch ja, wie er durch eine geschickte Operation gerettet und dem Leben wieder gegeben ist. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter.« Magda horchte auf. Was es wohl für eine Bewandtnis hatte mit diesem Herrn? Die geschäftige Frau Mattis sagte nichts weiter, Jettchen und Minchen schienen eingeweiht und fragten deshalb nicht, staunten aber über die hübsch eingerichteten Zimmer ihrer Freundin, über die schönen Blumen, und gingen dann mit den jungen Mädchen in den Garten, während Frau Ehrlich es sich in der Sofaecke wohl sein ließ und sich mit dem Hausherrn in ein anregendes Gespräch vertiefte. Dann wurde zu Tisch gerufen, Frau Mattis eilte, weil nur ein zweistündiger Aufenthalt in Sicht genommen war. Als man das Eßzimmer betrat, kam von der andern Seite ein schlanker, schon ältlicher Herr, der als ein Herr Regierungsrat von Molk vorgestellt wurde. Frau Ehrlich, welche den Ehrenplatz oben am Tisch erhielt, hatte die Herren zur Rechten und zur Linken und wußte beide in ihrer einfachen, naiven Art aufs beste zu unterhalten. Als aber die Tauben kamen, bat sie, jetzt nicht zu stören, sie möchte sich ungern auf der Reise ein Knöchlein in den Hals schlucken.

Der Rat wandte sich lächelnd an Magda, die neben ihm saß und fröhlich meinte, das störe sie nicht im Sprechen. Herr von Molk fragte sie nach ihrem Heim, sie erzählte von den Eltern, gab auch im Laufe des Gesprächs an, daß sie bei der Großmutter in Goldenau am Rhein erzogen sei. »Goldenau – Goldenau,« sagte der Herr, als ob er sich auf etwas besinne. »War Ihre Frau Großmutter vielleicht Frau von Busch?« »Das war sie nicht, sie ist es noch,« sagte Magda, verwundert, daß dieser fremde Herr sie kannte. »Ich kenne die Dame nicht,« sagte dieser, »ich war vor vielen Jahren befreundet mit ihrem Sohn Adolf –« »Mit Onkel Adolf?« rief Magda und sah ihn erstaunt und fragend an. Sie brachte dies in Zusammenhang mit dem vorhin Gehörten und erwartete in großer Erregung seine weitere Erklärung. Herr von Molk, der sie erbleichen sah, sagte beruhigend: »Bitte, liebes Fräulein, essen Sie doch, lassen Sie sich doch nicht aufregen, wir sprechen nach Tisch im Garten weiter davon, denn ich bin ebenso interessiert, von Ihnen über Ihren Onkel zu hören, als Sie von mir.« Eben redete Frau Ehrlich ihren Nachbar an, so daß er sich an diese Dame wandte. Magda aß, was sie auf dem Teller hatte, vernahm aber sonst nichts, was um sie her vorging. Jettchen und Minchen hatten so viel mit Katharine zu besprechen, daß sie nicht auf das Gespräch Magdas mit dem Herrn Rat geachtet hatten.

Nach Tisch mußte Frau Ehrlich etwas ruhen, Luischen wurde in den Garten geschickt, die drei Freundinnen plauderten miteinander, Herr Mattis hatte seinen Leuten etwas zu sagen, so konnten Herr von Molk und Magda im Gartenzimmer, wohin sie sich zurückgezogen hatten, weiter von der sie beide so interessierenden Angelegenheit sprechen.

»Sagen Sie, Herr Rat, nur das eine,« begann Magda und sah ihn groß an, »sind Sie der Herr, den der Onkel erschossen hat?« »Den er beinah' erschossen hätte, wenn ich nicht durch eine gnädige Fügung Gottes und durch die Behandlung eines sehr geschickten Arztes dem Tode entgangen wäre. Das Traurigste bei der Sache ist, daß Ihr Onkel, welcher das Unglück hatte, mich zu treffen, in der Voraussetzung, ich sei tot, das Weite suchte und wohl, wie ich fürchte, nie zurückgekehrt ist.« Magda schüttelte traurig den Kopf. »Er ist seitdem für die Seinigen verschollen, für meine Großmutter war das ein harter Schlag. Sagen Sie, konnten Sie keine Kunde geben, daß Sie am Leben seien, wir haben alle den armen Onkel für einen Mörder gehalten.« »In den ersten Wochen hatte ich wenig Bewußtsein, sobald ich in der Genesung war, habe ich ihm geschrieben und den Brief an die Adresse seiner Mutter gesandt, ich habe einen zweiten Brief abgehen lassen, aber nie eine Antwort bekommen.« »Die Großmutter soll erst sehr erzürnt gewesen sein, mir ist erzählt worden, sie habe einige Briefe, die an den Sohn gekommen, vernichtet, ohne sie gelesen zu haben.« »Das werden die meinigen gewesen sein, mehr konnte ich nicht tun, als ihm schreiben, daß ich am Leben sei und ihm nicht zürne. Der arme Adolf, er war ein herzensguter Mensch, seine Heftigkeit ist sein Unglück geworden. Ob er noch irgendwo in der Welt lebt?« »Wir glauben es nicht, daß er noch unter den Lebenden weilt,« sagte Magda ernst, »sollte es aber dennoch sein, sollte er noch einmal wieder auftauchen, sollte ich je mit ihm in Berührung kommen, darf ich ihm sagen, daß Sie leben und ihm verzeihen?« »Von Herzen gern,« sagte der Rat bewegt, »wie gern möchte ich es ihm selbst sagen, ich fürchte nur, es ist zu spät!« »Ja, das fürchte ich auch,« sagte Magda ergriffen. »Nun ist mir auch klar, warum nach dem Onkel keine Nachforschungen angestellt sind, warum die Geschichte so wenig ruchbar geworden ist.« »Mein Vater hat dafür Sorge getragen, weil er den Freund seines Sohnes schonen wollte.«

»Magda, wo sind Sie?« rief Minchens Stimme, »der Wagen hält schon eine geraume Zeit, wir müssen weiter.« »Gott befohlen, liebes Fräulein,« sagte der Rat herzlich und schüttelte ihr die Hand. »Hier ist meine Karte, wenn Sie mich einmal brauchen sollten, für Sie bin ich immer zu sprechen, ich bin seit kurzem mit meiner Familie nach B. übergesiedelt.« »So wohnen Sie in derselben Stadt mit uns,« rief Magda erfreut und beeilte sich, Minchens Ruf Folge zu leisten. Frau Ehrlich saß schon aus dem Wagen, ebenso Luischen und Jettchen, Minchen und Magda folgten schnell, nachdem sie sich von den freundlichen Wirten verabschiedet hatten. »Auf dem Rückweg bitte ich um längeren Besuch.« Mit diesen Worten schob Frau Mattis einen schweren Korb unter die Bank, »darin ist etwas zum Frühstück und zum Abendbrot in Neuheim, nun: Glückliche Reise.« Der Wagen rasselte davon, dazwischen ertönten die lauten Dankesrufe der Davonfahrenden. Man winkte mit Tüchern, bis der Wagen eine Biegung machte und das gastfreie Haus mit seinen lieben Bewohnern entschwunden war. »Das ließ ich mir gefallen,« sagte Frau Ehrlich befriedigt, »das gute Mittagessen hat mich gestärkt, aber nun erzählen Sie mir, was hatten Sie mit dem Herrn für eine Geschichte zu verhandeln, ich habe so etwas davon munkeln hören.« Magda mußte nun ausführlich berichten, und als sie alles erzählt hatte, sahen Minchen und Jettchen sich bedeutungsvoll an und sagten beide: »Das ist er!« »Was meinen Sie?« fragte Magda. »Wir hatten vor Jahren auch ein Erlebnis, wenn wir das mit der heutigen Geschichte zusammenbringen, so müssen wir sagen, daß der junge Mann, den wir eine Nacht beherbergt haben, Ihr Onkel gewesen ist,« sagte Jettchen. Magda bat, dies näher erklären zu wollen und nun erzählten die beiden Mädchen abwechselnd, daß sie vor einigen zwanzig Jahren bei ihrem Onkel, einem Oberförster, zu Besuch gewesen seien. Sie hätten ihm beide hausgehalten, während die Frau verreist gewesen, da sei eines Abends bei strömendem Regen ein junger Mann zu ihnen in die Küche getreten, bleich und aufgeregt, und habe gebeten, ihm ein Nachtlager zu gewähren! Sie möchten aber seine Anwesenheit geheim halten, er würde den andern Morgen, sobald es dämmerte, das Haus verlassen. »Wir hatten nicht das Herz, ihm die Bitte abzuschlagen, da er so unglücklich und traurig aussah, wir wiesen ihm ein Zimmer im Erdgeschoß an; er sagte, er würde es uns nie vergessen, da er sonst die Nacht in strömendem Regen im Walde hätte zubringen müssen, und bat uns noch einmal, niemanden im Hause davon zu sagen. Der Onkel, der etwas taub war und abends ruhig in seinem Zimmer saß, hatte nichts gehört; am andern Morgen früh schlugen zwar die Hunde an, aber wir erhoben uns schnell und beschwichtigten sie, sahen aber noch, daß der arme Mensch, der gewiß etwas auf dem Gewissen hatte, im Waldesdickicht verschwand. Die Geschichte hat uns seinerzeit viel zu denken gegeben, nun haben wir sie fast vergessen und jetzt fängt sie an, interessant zu werden.« »Ja, wenn der arme Onkel lebte,« seufzte Magda, »so bleibt es doch immer sehr traurig.«

»Kinder, wir wollen uns mit dieser langvergessenen, traurigen Geschichte nicht die schöne Fahrt verderben,« rief Frau Ehrlich. »Seht diese herrliche Aussicht auf der Höhe,« sagte Jettchen. »Sind wir schon oben?« fragte Minchen verwundert. »Freilich,« war die Antwort. »Ich bin so froh, daß die Mutter beim Erzählen nichts von der steilen Auffahrt gemerkt hat.« »O, dieser Teil der Reise hat mich schon lange geängstigt, wie gut sind wir darüber hinweggekommen.«

Frau Ehrlich sah erschrocken aus dem Wagen, aber jetzt gab es nichts mehr zu ängstigen, man war oben, die Schwierigkeiten des Hinauffahrens waren glücklich überwunden. Die Pferde fuhren in raschem Trabe. Dort tauchten Häuser auf, bald fuhr man in den kleinen Badeort ein. Wer war neugieriger, die Mütter mit ihren Kindern, die vor den Haustüren und hinter den Fenstern lugten, oder die Insassen des Wagens, die sich bei der Einfahrt in das Dorf nichts wollten entgehen lassen. Niedliche Häuser, mit Gärten vor den Türen, wechselten ab mit Baumgruppen oder Grasplätzen. Endlich wurde ein großes Haus sichtbar, das sich als Gasthof und Post kennzeichnete. Dort machte der Wagen eine Biegung, und nun lag das Bad vor den Augen der Gesellschaft, ein freundliches, langgestrecktes Gebäude, umgeben von Rasenplätzen und Blumenanlagen. An der Seite des Hauses lud eine große Veranda zum Sitzen ein. Alles machte einen behaglichen, aber höchst einfachen Eindruck. Magda, die schon mit der Großmutter in verschiedenen Luxusbädern gewesen, schaute verwundert drein und sagte langsam: »Wo sind nun hier alle die Badegäste, dies hätte ich mir ganz anders gedacht!«

»Unsere Gäste kommen,« rief eine Frau in den mittleren Jahren ins Haus hinein. »Wo stecken die Mädchen? Meta, wo bleibst du?« Ein frisches Mädchen mit erhitzten Wangen band sich eben noch die weiße Schürze zu und sagte, indem sie herbeieilte: »Wir waren ja im Garten und jäteten, ich hatte das Mariechen gebeten, aufzupassen, wenn der Wagen ins Dorf käme.« »Was ich auch getan habe,« rief das kleine, blondlockige Mägdlein, welches unsern Freunden schon aufgefallen war, als sie ins Dorf fuhren. »Ich habe den Wagen zuerst gesehen und bin schnell nach Hause gerannt.« – Meta half den Herrschaften vom Wagen und Frau Söller führte sie in das Haus. »Die Herrschaften haben Nr. 9, 10 und 11; es sind die besten Zimmer des Hauses.« Hiermit öffnete sie eine Tür und ließ die Damen in ein hübsches Zimmer zu ebener Erde, das die Aussicht nach vorne hatte, daran grenzte das Schlafzimmer für Frau Ehrlich und ihre Töchter. Gegenüber an der andern Seite des Ganges lag das Zimmer, welches die Schwestern teilen sollten.

»Magda,« sagte Luischen, als die beiden allein waren, »sieh nur die schöne Aussicht aus unserem Fenster, dort die schöne grüne Wiese und jenseits der Wald, wie freue ich mich, den Wald wieder zu sehen.« Magda erwiderte nichts, sondern sah gedankenvoll ins Grüne.

Wenn sie sich doch auch wie Luischen über alles freuen könnte, aber sie hatte schon so viel Schönes im Leben genossen, daß sie die Freude am Kleinen verlernt hatte.

»Zum Abendbrot, meine Damen,« rief Minchen, »wunderschöne frische Milch mit Erdbeeren.« Luischens Augen leuchteten, das war auch etwas, was Magda nicht verschmähte; sie fanden Ehrlichs schon am gedeckten Tisch, Minchen machte die Wirtin. »Nun müssen Sie ganz tun, als ob Sie zu Hause wären, liebe Magda, setzen Sie sich zu Mutter, unsere beiden Patienten müssen zusammensitzen.« »Fräulein Jettchen gehört auch dazu.« – »Schließlich sind wir alle Patienten, denn baden wollen wir alle,« rief Minchen heiter. Das Mahl mundete trefflich. Die Fenster waren geöffnet und ließen die laue Abendluft herein. Unsere kleine Gesellschaft war nach der langen Fahrt ermüdet, so daß man keine Lust verspürte, noch hinauszugehen. Es wurde einstimmig beschlossen, sich zur Ruhe zu begeben und erst am folgenden Tag Entdeckungsreisen zu machen.

»Die Herrschaften trinken doch den Kaffee in der Veranda,« fragte die Wirtin am andern Morgen, als Frau Ehrlich sich mit ihrem Strickkorb im Gang sehen ließ. »Natürlich, meine liebe Frau, dazu sind wir ja hier; sind die Damen drüben schon auf?« »Die jungen Fräulein haben schon einen Spaziergang gemacht und die Fräulein Töchter sind in der Veranda; sie suchen gewiß für die Frau Mutter einen Platz aus.« In der Veranda, deren Wände bunt bemalt waren, standen weißgedeckte Tische mit frischem Kaffeebrot. »Hier,« rief Jettchen, als die Mutter sich zeigte, »ist ein hübsches Plätzchen für dich, Mütterchen, hier sitzest du geschützt und spürst keinen Zug.« Frau Ehrlich sah sich prüfend um. »Denkst du wirklich, daß ich mich hierher setzen werde, um mich aufzuregen? Wie kann man Badegästen, die sich erholen sollen, solche Wandgemälde zum Ansehen geben!« Mit diesen Worten zeigte sie auf das Bild ihr gegenüber, das in grellen Farben einen Löwenüberfall darstellte. »Hier setze ich mich entschieden nicht hin,« sagte Frau Ehrlich noch einmal und wollte den Rückweg antreten, aber Minchen hielt sie fest und drückte sie auf einen Stuhl, der so stand, daß sie das Bild im Rücken hatte, dagegen mußte ihr Blick auf ein anderes Gemälde fallen, das eine freundliche Schweizerlandschaft zeigte. »Das laß ich mir eher gefallen, nun wollen wir Kaffee trinken, wo bleiben die jungen Mädchen?« »Hier,« rief Luischen, die einen frisch duftenden Waldstrauß in die Höhe hielt, »wir haben schon einen Spaziergang gemacht.« »Liebe Magda, Sie haben ja ganz rote Wangen, die halten Sie fest.« »O, es war wunderschön im Holze,« rief Magda warm, »es erinnerte mich so an meine Kinderjahre, wenn ich mit Fritz Wendt, meinem Spielgefährten, Blumen pflückte und er auf die Bäume kletterte – o, ich hätte ganz im Walde bleiben mögen.«

»Das ist brav, liebe Magda,« sagte Frau Ehrlich befriedigt, »nun tun Sie mir den Gefallen, legen Sie allen städtischen Zwang ab, seien Sie keine Dame, sondern ein fröhliches Kind.« Magda errötete. Ein klein wenig Unmut wollte sich zeigen, aber schnell siegte die bessere Natur, sie reichte Frau Ehrlich die Hand über den Tisch und sagte: »Das will ich, erinnern Sie mich nur immer, wenn die ›Dame‹ sich zeigt.«

»Wie viel Badegäste sind augenblicklich hier?« fragte Frau Ehrlich die Wirtin, welche kam, um das Kaffeegeschirr wegzunehmen. »Eine ganze Menge,« sagte diese befriedigt. »Warten Sie einmal,« sie zählte an den Fingern, »es sind wohl schon sieben bis acht außer Ihnen. Einige Herrschaften sind spazieren gegangen, einige trinken den Kaffee in ihrem Zimmer. Wann wünschen die Damen zu baden?« Es wurde eine Morgenstunde dazu festgesetzt und die Mädchen gingen mit der Wirtin, um sich die Badeeinrichtungen anzusehen. Die Zellen lagen in einem Anbau des Haupthauses, hie und da sprudelte schon das Wasser aus den Hähnen, eine Frau besorgte die Bäder und bediente die Badenden. – »Sehen Sie,« sagte die Wirtin, »die Anlagen haben uns viel Geld gekostet, doch da die Stahlquelle einmal auf unserm Grund und Boden entdeckt ist, müssen wir sie auch zu verwerten suchen. Aber es ist uns sauer geworden; mein Mann war eigentlich Tischler und hatte guten Verdienst, aber dies soll ja mit der Zeit noch mehr einbringen, aller Anfang ist schwer. In diesem Jahr geht das Geschäft schon bedeutend besser, eine so große Familie wie Sie, fünf Personen, hatten wir noch nicht. Ja, gestern abend ist noch eine Herrschaft eingerückt, Vater, Mutter und drei Kinder, die tun aber gewaltig vornehm, heute haben sie sich noch gar nicht sehen lassen.«

Der Morgen verging schnell, gespannt war man auf das Mittagessen, das mit den übrigen Badegästen an einer Tafel im Speisezimmer eingenommen werden sollte. Mit verschiedenen Erwartungen betrat man dasselbe, man fand nur ein großes himmelblau angetünchtes Gemach mit hellen Fenstern, einer langen, sauber gedeckten Tafel und einer Reihe von Stühlen davor. Das Essen war aber kräftig und gut, so vermißte man die Eleganz und die Kellner gern. Ehrlichs waren die ersten; sie waren bereits bei der Suppe, als man Tritte vernahm. Die Tür des Speisezimmers wurde aufgerissen, es erschien ein Herr mit einer Dame am Arm, welche in seidenem Kleide hereinrauschte. Ihnen folgte ein kleiner, sehr geputzter Junge und zwei größere Mädchen in weißen Kleidern mit bunter Schärpe. »Verzeihung,« sagte der Herr, »wir glaubten, dies sei das Speisezimmer.« »Ist es auch, wie Sie sehen,« sagte Frau Ehrlich heiter, »lassen Sie sich nicht durch die Einfachheit abschrecken, das Essen ist vortrefflich.« »Dies das Speisezimmer?« rief die Dame entsetzt; »ich bin schon in vielen Bädern gewesen – aber so etwas ist mir noch nicht vorgekommen, dies ist ja eine beleidigende Einfachheit.« »Uns beleidigt sie gar nicht,« sagte Frau Ehrlich treuherzig; »warum reisen denn die Herrschaften nicht in andere Bäder, wo mehr Luxus und Komfort ist?« »Uns wurde gerade Neuheim vom Arzt empfohlen, die Bäder sollen so kräftig sein; aber hier wird es zum Sterben langweilig werden,« seufzte die Dame und ließ sich auf einen Stuhl nieder. »Wir haben uns schon recht vergnügt,« sagte Minchen; »wir sind freilich Leute, die nicht viel Ansprüche machen, ich meine aber, wo die Natur so viel gibt, können wir den äußeren Glanz gern entbehren.« Die junge Frau seufzte wieder, während ihr Gatte die eben gebrachte Suppe kostete. »Die Suppe ist vorzüglich, Laura, komm und iß.«

Verdrießlich nahm sie den Löffel. »Hätte ich nur wenigstens keine solche Toilette gemacht, in dieser Einöde!« »O, wir sehen gern geputzte Leute,« nahm Frau Ehrlich das Wort, »das seidene Kleid steht Ihnen vorzüglich.« Die Frau errötete und schwieg. Die jungen Mädchen redeten freundlich mit den Kindern, und die Dame merkte, daß sie es nicht mit ganz ungebildeten Leuten zu tun hatte. Das Essen schmeckte besser, als man erwartet hatte, und die junge Frau meinte schließlich, wenn die Bäder sie nur gesund machten, so würde sie wohl vier Wochen aushalten an diesem so sehr einfachen, langweiligen Ort. »Ich finde es hier außerordentlich hübsch,« entgegnete Frau Ehrlich, »und wenn wir Badegäste uns untereinander vertragen, so können wir uns die Zeit schon angenehm vertreiben mit gemeinsamen Spaziergängen und dergleichen.«

Magda konnte den schönen Waldspaziergang am Morgen nicht vergessen; sie hatte schon mit Luischen verabredet, dies am folgenden Morgen zu wiederholen. Als sie aber beim Erwachen merkte, daß Luischen noch in festem Schlaf lag, mochte sie das Kind nicht wecken und ging allein. Alles schlief noch im Badehause, nur in den unteren Räumen hörte man die geschäftige Wirtin mit ihren Töchtern hin- und hergehen, ein würziger Kaffeeduft stieg aus der Küche herauf. Magda verließ das Haus und schlug die Richtung nach dem Walde ein. Wie taufrisch waren die Felder und Wiesen, der blaue Himmel und die goldene Sonne verkündeten wieder einen schönen Tag. Magda holte tief Atem und schaute ringsum. Sollte sie wieder in den Wald gehen oder lieber jene Höhe dort ersteigen, die, wie die Wirtin sagte, eine herrliche Aussicht bieten sollte. Sie wählte das letztere und wanderte, Blumen pflückend, den Pfad hinauf. Oft blieb sie stehen und sah um sich, überall erweiterte sich der Blick. Oben angekommen, blieb sie bewundernd stehen, hier droben war's schön, hier wollte sie bleiben und auf jener Bank ausruhen, bis die Langschläfer da unten sich zum Kaffee zusammenfinden würden. Wie still war's hier oben, nur die Vöglein sangen ihr Morgenlied und die Welt da unten lag zu ihren Füßen. Was hatte sie alles erlebt, seit sie von der Großmutter fort war! Noch lag alles wie in einem bunten Durcheinander vor ihr, nur eines war ihr klar, es mußte vieles ganz anders mit ihr werden, bevor sie zum inneren Frieden, zur völligen Befriedigung kommen würde.

Aber ihre Mutter sollte ihr zum Vorbild dienen, ihr wollte sie in allen Dingen nachstreben, dann würde auch er, an den sie so viel dachte, den sie seit jenem Abend nicht wiedergesehen, mit ihr zufrieden sein. Warum er wohl gar nicht wiedergekommen war? »Kleine Magda« hatte er sie genannt, als er sie an dem schrecklichen Abend zurückgeführt hatte ins elterliche Haus, damit hatte er gezeigt, daß er noch in alter Freundschaft zu ihr stand. Ja, damals in den Kinderjahren war er ihr bester Freund gewesen, und jetzt? Magda mußte es sich gestehen, daß sein ganzes Wesen sie gefangen genommen hatte, wie stand es mit ihm? Ob er wohl Gleiches fühlte ihr gegenüber? Eine heiße Röte stieg ihr ins Gesicht bei diesem Gedanken. Gewiß, er mußte glücklich sein, wenn Forstmeisters Magda, die immer weit über ihm stand, zu der er immer aufgesehen, als er noch ein Dorfjunge war, nun nichts weiter als ihn begehrte, wenn sie gern sein Los mit ihm teilen wollte. Es konnte wohl nicht anders kommen, nun da sie sich wiedergetroffen hatten, war es so natürlich, daß sie sich fanden, es lag eigentlich nur an ihr, ob sie ihn begünstigte, ihn merken ließe, daß sie nicht abgeneigt sei.

Sie war in ihre Träumereien so versunken, daß sie die nahenden Tritte nicht gehört hatte. Jetzt sah sie plötzlich eine männliche Gestalt vor sich stehen – war es eine Verkörperung ihrer Gedanken, oder ein Traumbild? Nein, es war heller, lichter Morgen und die Gestalt war: Dr. Fritz Wendt, in großem, rundem Sommerhut, einen hellen Sonnenschirm in der Hand. Die Stimme rief überrascht und fröhlich zugleich: »Sie hier, Fräulein Magda, und so ganz allein? Ich störe gewiß. Sie waren in Gedanken versunken.« »Sie stören gar nicht,« rief sie hold errötend; »aber wie kommen Sie hierher?« »Ich kenne diesen Ort seit dem vorigen Jahr; da ich nach straffer Arbeit etwas angegriffen bin, so benutze ich einen kleinen Teil meiner Ferien, um mich in der hiesigen frischen Gebirgsluft zu erholen, damit ich zu der neuen Stelle, welche mir angetragen ist, frisch und munter bin. Gestern, als ich mich bei Ihren lieben Eltern verabschiedete, hörte ich zu meinem Erstaunen, daß Sie und Luischen auch nach Neuheim gegangen seien; es ist ja sehr hübsch, daß wir uns noch einmal treffen.« Er erzählte nun Magda in alter vertraulicher Weise von seinen Plänen und Aussichten, und sagte, daß er B. sehr bald ganz zu verlassen dächte. Magda bedauerte dies aufrichtig, als sie aber hörte, daß er möglicherweise in nicht allzulanger Zeit eine Professur bekommen könnte, rief sie erstaunt aus: »Wer hätte das gedacht, daß Sie es noch einmal so weit bringen würden.« »Sie haben es nicht gedacht, Fräulein Magda, wissen Sie noch, wie ich es Ihnen zuerst anvertraute, daß ich ein gelehrter Herr werden wolle, wie ungläubig Sie es aufnahmen?« Er lächelte ein wenig und sie errötete tief; die kleine Szene von damals stand ihr lebendig vor Augen, wie war es nur möglich, daß so viele Jahre dazwischen lagen, zwischen damals und heute! – Sie schwieg, er plauderte munter fort, wie sehr war er ihr jetzt überlegen! Er erzählte ihr von seinem vergangenen Leben, mit welchen Mühen und Sorgen er zu kämpfen gehabt, ehe er es so weit gebracht, wie aber die Liebe zu den Wissenschaften ihn alles habe überwinden lassen, wie er nun so glücklich sei in seinem Beruf und Gott danke, der alles wohl habe gelingen lassen. »Ich habe es nicht schwer gehabt bei der Großmutter,« erzählte nun Magda ihrerseits, »aber desto schwerer jetzt, weil ich so ganz anders erzogen worden bin.« »Aber wie gut,« sagte Dr. Wendt, »daß Sie nun wieder bei den Eltern stand, unter der Leitung der vortrefflichen Mutter werden Sie sich ja nur wohl fühlen können.« »Ich habe die Mutter sehr lieb gewonnen und hoffe ihr meine Liebe immer mehr beweisen zu können.« Er sah sie freundlich an. »O,« sagte er dann, »es plaudert sich hier oben gar schön mit der alten Spielgefährtin, aber ich glaube, wir müssen hinuntergehen, im Badezimmer hat die Frühstücksglocke schon geläutet, ich glaube, wir haben beide noch keinen Kaffee getrunken.« Wie viel kürzer wurde Magda der Rückweg in so angenehmer Begleitung! Sie fanden Frau Ehrlich schon an ihrem Plätzchen in der Veranda, Magda stellte Dr. Wendt vor, die beiden waren von Stund an die besten Freunde.

Magda war sehr glücklich. Es bemächtigte sich ihrer eine Fröhlichkeit, wie Ehrlichs sie nie bei ihr gesehen, auch Luischen schien überrascht davon und rief einmal, als sie mit der Schwester allein war, in Bewunderung aus: »Wie reizend bist du, Magda!« Ja, sie war reizend, die kleine Magda, aber für Dr. Wendt hatte eine andere mehr Reize, das ahnte Magda nicht. Die Tage flossen dahin unter Heiterkeit und Kurzweil, Dr. Wendt hatte einen Humor, der alle andern ansteckte, selbst die junge Frau hörte auf, sich zu langweilen, sie waren alle wie eine große Familie zusammen. Partien wurden ausgeführt, kurze Spaziergänge unternommen, bei allem war Dr. Wendt der Anführer. Mit Magda stand er natürlich auf dem besten Fuß, er verkehrte mit ihr in ganz freundschaftlicher Weise, ohne sich das geringste dabei zu denken, während Magda manche harmlose Äußerung auf sich bezog, sie anders deutete, als sie gemeint war. Ihr Angesicht wurde jeden Tag rosiger, das Baden allein bewirkte es nicht; die fröhliche Hoffnung auf ein zukünftiges Glück belebte und erheiterte sie. Jettchen und Minchen sahen sich oft bedeutungsvoll an und sprachen untereinander ihre Vermutungen aus: »Wir werden bald ein glückliches Paar haben,« äußerte Jettchen, während Minchen sagte: »Von seiner Seite ist es mir noch zweifelhaft.« Dr. Wendt aber saß in seinem Zimmer bei weitgeöffneten Fenstern und schrieb an seine Irene: »Es ist hier sehr schön, ich fühle, wie die Bergluft mich erfrischt und stärkt. Dazu ist angenehme Gesellschaft im Hause, Frau Ehrlich mit ihren Töchtern und Fräulein Magda Binder, eine Bekannte von mir aus den Kinderjahren, wie ich Dir wohl schon erzählte. Wir stehen auf sehr gutem Fuß zusammen, aber Du fehlst mir überall, hätte ich Dich hier, dann wäre es vollkommen schön.«

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