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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
wgs9110
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18. Verzeihung.

Am andern Morgen, als noch alles schlief, stand Magda leise auf und weckte das Mädchen. Als diese die Küche betrat, war sie ganz verwundert, Magda schon tätig zu finden. Sie war damit beschäftigt, für die Kinder das Frühstück zu bereiten. »O Fräulein,« sagte sie, »Sie glauben nicht, wie krank Frau Forstmeisterin geworden ist, als Sie gestern nachmittag fortgegangen waren. Wir mußten den Arzt holen, der hat immer den Kopf geschüttelt, als er sie angesehen hat. Ich wäre am liebsten die Nacht aufgeblieben, aber der Herr sagte, ich sollte mich legen, weil ich meine Kräfte am Tage brauchte.« »Ja, Ida, du mußt mir nun recht zur Hand gehen, wir wollen beide unser möglichstes tun, daß wir die Wirtschaft gut imstande halten, bis die Mutter wieder gesund ist.« »Wollen denn Fräulein auch alles mittun?« fragte Ida ungläubig, Magda von oben bis unten ansehend; »der Herr Forstmeister wird gewiß noch jemand ins Haus nehmen.« »Das wird nicht nötig sein, ich trete an der Mutter Stelle,« sagte Magda ernst und ruhig; es schien, als habe die eine Nacht sie um Jahre gereift. Sie ging leise ab und zu, deckte den Kaffeetisch, versorgte die Brüder, ermahnte sie, leise zu sein und besonders die Treppe vorsichtig hinunterzugehen.

Als der Vater kam, fand er alles fertig und wurde selbst durch eine heiße Tasse Kaffee erquickt. Sein müdes, abgespanntes Gesicht nahm einen befriedigten Ausdruck an, er sagte freundlich zu Magda: »So ist's recht, meine Tochter, oder hat Luischen dies besorgt?« »Nein, Vater, als ich aufwachte, war Magda schon längst fort, sie hat alles allein getan.« Magda schämte sich fast, daß so viel Aufhebens von der Sache gemacht wurde, es war doch eigentlich ganz natürlich, daß ein erwachsenes Mädchen, wenn die Mutter krank war, den Hausstand besorgte; wie viel mehr leistete Irene, die noch etwas jünger war, und darüber wunderte sich niemand. Der Vater verschwand wieder, die Kinder gingen zur Schule und Magda stand sorgenvoll am Fenster, mit Angst des heutigen Ausspruchs des Arztes, welcher eben gekommen war, harrend. Wie sonnig war draußen alles, die Kastanienbäume in der Allee standen in voller Blüte, darüber wölbte sich der blaue Himmel, in den Gärten war ein Blühen und Duften, die Vögelein zwitscherten so lustig im Sonnenschein, nur Magdas Herz war so traurig. »Herr Doktor, kann ich nicht irgend etwas für meine Mutter tun?« fragte Magda, als der Doktor ins Zimmer trat, um Rezepte zu verschreiben. »Das können Sie wohl, liebes Kind,« sagte der alte, würdige Herr, »halten Sie möglichst auf Ruhe, ein Schreck könnte tödlich wirken. Sorgen Sie, daß immer frisches Eis da ist, daß Ihr Herr Vater, der sich die Nachtwachen für die erste Zeit nicht will abnehmen lassen, gute Pflege hat. Wenn wir die Mutter mit Gottes Hilfe durchbringen, nun, dann gibt's nachher genug zu pflegen fürs Töchterlein.« »Glauben Sie,« fragte Magda mit zitternder Stimme, »daß die Mutter nicht sterben wird?« »Es werden noch mehrere Tage vergehen, bevor die Gefahr beseitigt ist, jetzt kann ich noch keine Gewißheit geben,« war die Antwort.

Wie schwer waren die folgenden Tage für Magda. Sie tat, was in ihren Kräften stand, sie sorgte treulich für alles, von früh bis Abend, aber zur Mutter konnte sie nicht zugelassen werden. Sie mußte sehen, daß Minchen und Jettchen, die beiden guten, treuen Mädchen, abwechselnd mit dem Vater, die Nächte bei der Kranken wachten, aber, obwohl sie den Vater immer wieder gebeten, sie ins Krankenzimmer zu lassen, so blieb derselbe fest. Eine leidenschaftliche Erregung konnte höchst gefährlich werden, die Mutter durfte Magda, um welche sie sich den letzten Tag vor der Krankheit so aufgeregt hatte, nicht sehen. Es war sehr traurig für diese, daß sie von der Mutter fernbleiben mußte; ein Gefühl der Liebe war erwacht, wie sie es früher ihr gegenüber nie empfunden hatte. Wie edel, wie hochherzig erschien sie ihr nun, da sie ihr stilles Walten entbehrte. Sie wollte sie sich ganz zum Vorbild nehmen, wenn Gott der Herr ihr heißes Gebet erhörte und sie wieder genesen ließ. Wie angelegen ließ sie es sich sein, den Haushalt zu versorgen; keine Arbeit war ihr zu gering, es geschah ja alles für die Mutter. Gar oft lief sie hinunter, um sich von Frau Ehrlich und ihren Töchtern Rat zu holen. Sie kam nie vergebens; was diese guten Leute tun konnten, das geschah, um es dem jungen Mädchen zu erleichtern, wenngleich sie durch die Anwesenheit ihrer kleinen Neffen mehr in Anspruch genommen wurden als sonst. Wie glücklich war Magda, wenn der Vater ein zufriedenes Wort bei Tisch äußerte oder wenn die Geschwister sagten: »Was Magda kocht, schmeckt ebensogut, als wenn die Mutter es gemacht hätte.« Sie hätte nie gedacht, daß eine gelungene Speise ebensoviel Freude bereiten konnte, als ein eingeübtes Salonstück oder eine gelungene Zeichnung, daß die Pflichten einer Tochter viel höhere Befriedigung zu geben vermochten als die schönsten Vergnügungen. Und doch lag ein schwerer Druck auf dem Herzen, solange die teure Mutter im Fieber lag. Das fröhliche Geplauder der Geschwister war einem leisen Geflüster gewichen; es war rührend, wie die kleinen Brüder sich Mühe gaben, ihre sonst lauten Unterhaltungen einzustellen, der Mutter zuliebe. Tante Jettchen und Minchen aber machten mit Fritz und Konrad oft weite Spaziergänge, damit keine unvorhergesehene Störung eintrete.

Es waren vierzehn Tage nach der Erkrankung vergangen; Magda saß mit Luischen im Wohnzimmer, letztere strickte fleißig, während die erstere sich bemühte, ein Stück in Rudolfs Jackenärmel zu setzen, eine ungewohnte Arbeit, die aber mit großer Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit ausgeführt wurde. Nun war es fertig, und Rudolf konnte das ausgebesserte Kleidungsstück morgen zur Schule wieder anziehen. Die beiden Mädchen lauschten ängstlich auf jeden Laut in der Schlafstube, der Arzt war schon lange da, es war so sehr schlecht mit der Mutter gewesen, die Krisis stand bevor. Da hörten sie den Vater kommen. »Kinder, dankt Gott mit mir, unsere Mutter wird genesen, sie schläft jetzt, der Arzt hat sie außer Gefahr erklärt.« Magda konnte ihre Tränen nicht zurückhalten, sie sank dem Vater in die Arme und rief: »O, wie glücklich bin ich, lieber Vater, nun wird alles gut. Darf ich denn nun auch zur Mutter?« Der Vater streichelte ihr freundlich die Wangen und meinte, etwas müsse sie sich noch gedulden, wenn sie versprechen wolle, ganz sanft und stille zu sein, so solle sie, sobald es anginge, die Mutter sehen. Fürs erste solle sie nun ihre Liebe dadurch beweisen, daß sie kräftige Suppen für die Mutter bereite und was dieselbe sonst zur Genesung gebrauche. Mit welchen Dankgefühlen ging Magda diesen Abend zur Ruhe; sie küßte ihr Schwesterlein immer wieder und diese sah, wie am ersten Tage, bewundernd zu ihr auf, nicht weil sie so schön war, sondern weil sie in ihr in dieser Zeit so viel Gutes und Liebenswertes entdeckt hatte. Die beiden Schwestern waren sich, trotz des Altersunterschiedes, in der Krankheitszeit der Mutter sehr nahe gekommen. Die gemeinsame Sorge, das Leid hatte ihre Herzen verbunden, nun teilten sie die große Freude über die Wiedergenesung. Und doch bangte Magda vor dem ersten Wiedersehen, ihr Herz klopfte, wenn sie daran dachte, wie wohl die Mutter gegen sie gesonnen war.

Acht Tage später, als Magda in der Küche beschäftigt war, trat eine sauber gekleidete Frau, welche den Vater in der Krankenpflege unterstützte, zu ihr und brachte einen leeren Teller. Frau Forstmeister habe die Suppe so gut geschmeckt, sie habe Verlangen nach mehr. Voll Freude ging Magda an den Topf, worin sie ein schönes Huhn gekocht hatte, und füllte den Teller. Wenn die Mutter Appetit bekam, würde sie gewiß von Tag zu Tag kräftiger werden; sie schlief viel, das nannte der Doktor ein gutes Zeichen. Der Vater war eben, auf Magdas Zureden, in die frische Luft gegangen; sie selbst ging wenig hinaus, da sie immer im Haushalt zu tun fand und sich einmal vorgenommen hatte, alles in schönster Ordnung abzuliefern. Sie wollte der Mutter zeigen, daß ihre Bemühungen, sie häuslich zu erziehen, Erfolg gehabt; damit glaubte sie ihr die größte Freude zu machen. Die Wärterin kam wieder zu ihr. »Fräulein,« begann sie, »ich möchte ein halbes Stündchen nach Hause gehen, eins meiner Kinder ist hier, sie gebrauchen mich notwendig. Frau Forstmeister schläft jetzt gerade, wollen Sie sich nicht an ihr Bett setzen, bis ich wiederkomme?« »Können Sie nicht warten, bis der Vater kommt,« sagte Magda und wurde dunkelrot. Die Frau meinte, es müsse jetzt sein, das Fräulein wäre ja da und würde gewiß gern auf die Mutter achtgeben, sie würde, so schnell sie könne, zurückkommen.

Magda konnte nichts einwenden; aber ihr Herz klopfte hörbar, als sie zum erstenmal die Schwelle des Krankenzimmers überschritt, eigentlich gegen des Vaters Gebot. Sie ging leise und beklommen aus das Bett zu, die Mutter schlief; aber wie eingefallen waren die Wangen, wie bleich die Gesichtsfarbe, wie abgezehrt die Hände. Kaum konnte sie einen heftigen Ausbruch ihres Schmerzes unterdrücken; aber sie überwand sich und ging leise an das Fenster, wo die Kranke sie weder sehen noch hören konnte, sie würde ja auch hoffentlich schlafen, bis die Wärterin wieder käme. Hinten im Garten hatte sich vieles verändert unter der geschickten Hand des Gärtners. Es waren Rasenplätze entstanden mit schönen Blumenbeeten darauf, die Sträucher und jungen Bäumchen waren gut angewachsen; wie würde sich die Mutter freuen, wenn sie dies alles zuerst wiedersehen würde. Magda konnte auch vom Fenster aus die Nachbargärten übersehen, deren es hier in der Vorstadt viele gab. Der eine gehörte einem Gärtner, der schöne Treibhäuser besaß und große Spargel- und Erdbeerkultur trieb. Zwischen den Treibhäusern lag ein großer Misthaufen, der einer Strohmiete nicht unähnlich sah. Auf diesem Mist kletterten zwei kleine Buben umher, wälzten sich auch in großer Lust darauf hin und her. Magda glaubte Fritzchen und Konrad zu erkennen. Sie hätte gern ans Fenster geklopft, doch das konnte die Mutter wecken. Sie öffnete leise das Fenster und winkte mit dem Taschentuch. Das merkten die Buben; aber, o weh, nun kamen sie herbei und würden gewiß unter dem Fenster Lärm machen. Was nun beginnen? Da kam zum Glück Tante Minchen. Magda sah, wie die Arme die Hände rang und ihre Nase einigemal mit den Anzügen der Knaben in Berührung brachte. Sie trieb die Buben vor sich her ins Haus hinein. Magda hörte noch, wie sie mit klagender Stimme Jettchen etwas erzählte und dazwischen ertönte Fritzchens weinerliche Stimme: »Wir dachten, es wäre nur Stroh.« Dann verstummte alles.

Aber vom Bett her ertönte eine schwache Stimme: »Ist niemand hier?« Magda erschrak, sie wagte nicht, sich zu rühren. »Ist niemand hier, ich möchte gern etwas trinken.« Nun konnte Magda nicht länger verborgen bleiben. Sie nahm das kühlende Getränk, welches neben der Arzneiflasche auf dem Tisch stand, näherte sich behutsam, mit niedergeschlagenen Augen dem Bett und gab der Mutter zu trinken. »Bist du es, Magda, mein Kind,« sagte diese leise, »du bist lange nicht bei mir gewesen.« Da konnte Magda sich nicht länger halten, sie sank vor dem Bett der Mutter nieder und bedeckte die magern Hände mit Küssen. »Mutter, o Mutter, vergib mir,« rief sie unter Schluchzen, »bitte, liebste Mutter, sei mir nicht mehr böse.« Über der Mutter bleiches Gesicht glitt ein Freudenschein. »Gottlob,« sagte sie leise, »daß du wieder hier bist.« Sie schloß die Augen, da sie zu schwach war, mehr zu sagen; aber Magda verharrte in ihrer Stellung am Bett der Mutter, immer wieder strich sie leise über die magern Hände und immer wieder sagte sie halblaut: »Wenn du wieder gesund bist, Mutter, sollst du sehen, wie lieb ich dich habe.«

Während sich dies eben Erzählte im ersten Stock zutrug, hatte Frau Ehrlich ihr Mittagsschläfchen gehalten und saß vergnügt in ihrem Lehnstuhl. Da kam Minchen recht erhitzt in die Stube; sie hatte die Ärmel aufgestreift und die große Waschschürze um. »Minchen,« sagte die Mutter unzufrieden, »du siehst noch so sehr wirtschaftlich aus. Du weißt doch, daß ich es gern habe, wenn ihr zum Nachmittagskaffee zierlich und nett seid, wenn die Hausarbeit dann fertig ist.« »Man kann es nur nicht immer einrichten, wie man will, besonders jetzt nicht.«

In der Mutter argloser Seele stieg eine Ahnung auf. »Wo sind Fritzchen und Konrad? Ich will mit ihnen ins Gärtchen gehen, bringe uns den Kaffee dorthin; es ist ein so herrlicher Junitag, unzählige Spaziergänger gehen vorüber, hörst du, Minchen?« »Die Kinder kommen nicht heraus, sie liegen im Bett.« »Im Bett, am hellen Nachmittag!« »Sie sind im Nachbarsgarten auf dem Misthaufen herumgeklettert, es gab keine andere Hilfe, willst du sie sehen?« »Freilich will ich sie sehen, die armen Kinder.« Die Großmutter empfand Mitleid, inniges Mitleid mit den lebensfrohen Jungen, bei denen es plötzlich, mitten im hellen Sonnenschein, Nacht geworden war. Dort guckten sie verstohlen aus ihren Betten, als Großmütterchen bekümmerten Herzens nach ihnen sah.

»Minchen, hier herrscht ein übler Geruch.« – »Es ist alles beseitigt, liebe Mutter, bis auf die Strümpfe und Schuhe, die nehme ich nun mit. Die Anzüge liegen schon im Wasser, Jettchen wäscht daran herum, ich wollte nur die Seife aus dem Schranke holen, sonst hättest du nichts erfahren.« »Geh nur, Minchen, beeile dich, wenn ihr fertig seid, bringe mir den Kaffee ins Gärtchen.« Minchen war verschwunden mit den bewußten Gegenständen, und Großmütterchen öffnete das Fenster, damit die milde Sommerluft eindringe und die immer noch drückende Atmosphäre reinige.

»Großmutter,« rief Fritzchen und guckte Frau Ehrlich so freundlich an, »Großmutter, die Sommerluft riecht so schön.« Die Großmutter kam näher und sah ihn mit mißtrauischen Blicken an. »Höre,« sagte sie endlich, »du siehst ja ganz blank und rein aus.« »Wir sind beide gebadet,« rief es aus dem andern Bett, »wir müssen bis Abend im Bett bleiben, weil unsere Anzüge trocknen müssen.« »Und weil es unsere Strafe sein soll,« fügte Fritz ehrlich hinzu. »Ihr armen Kinder, das Wetter ist heute so schön.« »Ja,« wiederholte Fritzchen, »gerade heute ist das Wetter so schön.« »Und ihr solltet mit Großmama Kaffee in der Laube trinken, der Spatz ist nun dahin.« »Großmama,« rief Konrad, der das Mitleid der alten Dame zu seinem Vorteil benützen wollte, »unsere Sonntagssachen sind ja auch noch da.« »Die sollen wir nicht anziehen, die Tanten sagen, die ruinieren wir sonst auch,« sagte Fritz traurig. »Was machen wir nun?« sagte Frau Ehrlich und öffnete den Kleiderschrank. Plötzlich standen beide Enkel neben ihr.

»Großmutter, die hellgestreiften Kleider, hier, die hellgestreiften Sachen, dürfen wir sie anziehen?« Die Großmutter stand unschlüssig da. »Ja, was sagen denn aber die Tanten,« äußerte sie zögernd. »O, sie haben gewiß nicht an die hellen Anzüge gedacht, sie sprachen nur von den Sonntagssachen.« »Aber wir haben keine Strümpfe!« »Ich habe gerade zwei Paar für euch gestrickt, sie sind hier in der Kommode, nun, es wird eine schöne Überraschung für die Tanten geben; aber es hätte mir kein Kaffee geschmeckt, wenn ich die Kinder bei dem Wetter im Bett gelassen hätte.« Im Nu waren die Kleinen in den Kleidern, nun ging's hinaus in den Garten, wo sie wunderbarerweise ganz ruhig neben Großmutter in der Laube saßen.

Endlich kam Jettchen mit dem Kaffee. Was war denn das? In der Mitte saß Großmutter und sah stolz auf ihre Enkel, die so schmuck und sauber zu ihrer Rechten und Linken saßen, als gäbe es keine Pfützen und Misthaufen in der Welt. Unterdes stand Minchen drinnen und rief: »So, nun sind die Betten leer, die ungeratenen Buben sind entflohen.« »Still, Minchen, es ist alles in Ordnung, du darfst nichts sagen,« beschwichtigte das eben herzutretende Jettchen. »Großmutter hat selbst die Strafe aufgehoben, die Jungens sitzen in den schönsten Feiertagskleidern in der Laube, und wir wollen denken, es ist die letzte Woche.« »Ja, die letzte Woche, dann sind wir wieder frei, wir müssen nun sehr fleißig sein, wenn wir mit dem Nähen noch etwas erübrigen wollen, wir sind so wenig dazu gekommen, vorderhand ist ja an eine Badereise gar nicht zu denken.« »Der Mutter wegen sollte es mir leid tun, sie braucht es so nötig.« »Und doch müssen wir uns freuen, daß wir den Geschwistern den Liebesdienst leisten konnten, wie dankbar müssen wir sein, daß dem Schwager die Kur gut bekommen ist.« »Und daß wir mit dazu helfen konnten,« fügte Jettchen hinzu. »Ja, unser Sparpfennig ist draufgegangen,« seufzte Minchen; »aber,« fügte sie getrost hinzu, »wir haben einen reichen Herrn im Himmel, er wird uns, so lange wir hier pilgern, Nahrung und Kleidung geben und was wir sonst bedürfen und dann – dann wird er uns ewig satt machen mit den reichen Gütern seines Hauses.« »Die Mutter ruft.« Die Töchter eilten hinaus, Frau Ehrlich sagte mißvergnügt: »Kinder, der Kaffee wird kalt, wo steckt ihr denn?« Die Sonntagskinder aber saßen sein stille, als die Tanten kamen, waren demütig und bescheiden wie noch nie und erwarben sich im Nu wieder die volle Liebe der gekränkten Tanten.

So saß denn unten eine glückliche Familie unter dem schattigen Laubendach, während oben Magda dem heimkehrenden Vater strahlend erzählte, wie sie die Mutter gesehen und gesprochen habe und wie glücklich sie sei, ihre volle Vergebung zu haben.

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