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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
wgs9110
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17. Die Mutter erkrankt.

»Liebe Mutter, du siehst heute so blaß aus, du hast gewiß Kopfschmerzen,« sagte Luischen, sich zärtlich anschmiegend. »Ja, mir ist nicht wohl, mein Kind, ich habe das Gefühl, als ob ich krank werden würde, vielleicht ist es nur eine Erkältung, die vorübergeht.« »Wenn ich doch erst erwachsen wäre,« sagte das Kind, »dann wollte ich dir tüchtig helfen, du darfst nicht soviel tun.« »Die Arbeit macht nicht krank, sie erhält gesund und frisch und ist ein Segen, das weißt du auch, mein Kind.« »Setzen wir uns dann mit der Handarbeit in den Garten?« »Heute nicht, ich will Ida beim Plätten helfen, damit die Wäsche beseitigt wird.« »Du plättest heute nicht, liebe Frau,« sagte der Forstmeister, der mit der Zeitung am Fenster saß, entschieden.

Die Forstmeisterin trat zu ihm; sie hatte einen müden Ausdruck, ihr Gesicht war bleich, die Hände waren heiß. »Du mußt dich legen, liebe Frau,« sagte er, sie besorgt ansehend, »laß alles gehen, wie es geht. Wozu hast du die große Tochter, laß sie deine Arbeit übernehmen.« Da flog ein trüber Schatten über der Forstmeisterin Gesicht. »Das ist ja eben mein Kummer. Magda tut wohl, was ich ihr sage, aber alles mit Unlust, sie denkt, ich will sie nur quälen und weiß nicht, daß ich es gut mit ihr meine. Es mag ja mit der Zeit besser werden, aber in letzter Zeit hat sie mich oft betrübt durch ihr verdrossenes Wesen. Sie kann so liebenswürdig und fröhlich sein, aber bei der Arbeit ist sie es nie, die Ausübung ihrer Pflichten ist ihr Zwang und keine Freude. Weil ich diejenige bin, die sie immer dazu anhält, so bin ich ihr, glaube ich, ein Dorn im Auge. Vertrauen hat sie zu mir wenig, und was mich am meisten kränkt, sie erhebt sich oft über mich in einer Weise« – »I, da soll doch« – brauste der Forstmeister auf. »Wo ist Magda?« »Ich hatte ihr gesagt, heute mit Ida einige Stunden zu plätten; ich sehe aber eben, daß sie noch nicht dabei ist.« Der Forstmeister erhob sich und ging in Magdas Zimmer. Da saß das Töchterchen in angenehm ruhender Stellung mit einem höchst interessanten Buch in der Hand und sah erstaunt auf, als der Vater eintrat.

»Mein Kind,« sagte dieser in ernstem Ton, »Mutter hat dir gesagt, heute nachmittag beim Plätten zu helfen, ich finde dich hier lesend?« »Ach, ich glaubte – – Mutter würde es wohl mit Ida allein fertig bringen –« »Mutter fühlt sich unwohl, sie darf nicht helfen, dafür wirst du heute doppelt fleißig sein, lege dein Buch fort und geh an die Arbeit.« Der Vater hatte ernster denn sonst gesprochen, das verdroß Magda, zudem hatte sie gar keine Lust, an diesem schönen Nachmittag am Plättbrett zu stehen, aber wenn es denn sein mußte! – Sie holte ihre Schürze und begab sich langsamen Schrittes in die neben der Küche gelegene Wirtschaftsstube, wo sie die Mutter fand, Wäsche aussuchend.

»Sieh, Magda, in diesem Korb befinden sich deine eigenen Sachen, die kannst du dir selbst plätten; wenn du mit etwas nicht zurecht kommst, frage Ida, sie versteht es sehr gut.« »Plättest du denn nicht mit?« »Ich werde es heute kaum aushalten könne, mir wird das Stehen schwer.« »Ach, ganz allein soll ich,« rief Magda in verdrießlichem Ton. Die Mutter ging und Magda machte sich mit höchster Unlust daran. Sie hatte schon mehrere Kleinigkeiten fertig und zog nun einen weißen Rock aus dem Korb, um denselben über das Brett zu ziehen.

»Verstehen Fräulein das auch? soll ich den Rock lieber nehmen?« fragte das gefällige Mädchen. »Danke,« sagte Magda kurz, »ich mach es, so gut ich's verstehe.« Es gab aber einige Säume unten, auch Stickerei, die das Plätten erschwerte. Magda wurde schon unwirsch, sie zupfte und zerrte daran herum, und Ida sah sie von der Seite an. Da kam die Mutter noch einmal, um zu sehen, ob alles in gutem Gange sei. Das machte Magda noch verdrießlicher, weil sie fühlte, daß sie es herzlich schlecht machte.

»Aber, liebes Kind,« sagte die Mutter kopfschüttelnd, »du hast bei der letzten Wäsche deine Sache so gut gemacht, du mußt dir etwas mehr Mühe geben, sieh, diese Falten und Kniffe dürfen nicht darin sein.« »Nie mache ich dir etwas gut genug,« platzte nun Magda heraus in dem alten leidenschaftlichen Ton. »Ich möchte lieber loben als tadeln,« sagte die Mutter matt, »ich glaube, wenn du dir ein klein wenig mehr Mühe geben wolltest, würdest du es besser machen können.«

»Ich kann es nicht besser machen,« und mit einer Heftigkeit schob sie die Plättglocke zurück, so daß dieselbe mit lautem Getöse auf die Erde fiel. »Bei Großmutter,« sagte sie, indem sie sich bückte und die Glocke aufhob, »brauchte ich überhaupt solche Arbeiten nicht zu machen, am liebsten ginge ich zu ihr zurück, wenn ich hier doch nichts gut genug mache. Laubes, die in kurzer Zeit auf ihr Gut zurückkehren, würden mich gern mitnehmen, sie haben es mir oft gesagt.« »Wenn du dich bei deinen Eltern nicht glücklich fühlst und wenn du nur den schönen Frieden unseres Hauses stören willst, mußt du dahin zurückkehren. Übrigens mit dem Plätten ist es vorbei, der Griff ist von der Glocke gesprungen, es ist am besten, du gehst auf dein Zimmer und denkst über das nach, was du eben gesagt hast.« Die Mutter sah sehr bleich und erregt aus, aber Magda merkte es nicht. Sie sah nicht, wie sie sich anhalten mußte, um nicht umzusinken, wie sie sich, von Ida unterstützt, mühsam bis ins andere Zimmer schleppte. Magda ging in ihre Stube, voller Trotz und Ärger beschloß sie, sofort zu Laubes zu gehen, als zu den einzig mitfühlenden Seelen, und ihnen das Leid zu klagen, das ihr widerfahren. Ihr Vater hatte von Ausgehen gesprochen, die Kinder waren in der Schule, also niemand würde sie entbehren. In großer Erregung zog sie sich an und bald war sie auf dem Wege zu Lucie.

Sie eilte durch die Straßen und achtete der Menschen nicht, die an ihr vorübereilten. Erst als sie eine Stimme sagen hörte: »Liebe Mutter, ich will dich führen,« und eine andere: »Liebe Mutter, laß mich dies Paket für dich tragen,« da gab es ihr einen Stich durchs Herz und sie kam zur Besinnung. Ihre Heftigkeit stand ihr plötzlich in ihrer ganzen Häßlichkeit vor Augen, und als sie Laubes Haus erreicht hatte, machte sie kehrt und bog in die Tannenstraße ein. Hier, bei Frau Berner, das fühlte sie, würde sie finden, was sie brauchte. Die alte Dame saß mit Irene traulich beisammen, sie beide machten große Augen, als Magda mit hochrotem Gesicht und fliegendem Atem bei ihnen eintrat. Als sie eben nach der Ursache von Magdas Aufregung fragen wollten, warf sich diese leidenschaftlich vor Frau Berner nieder und rief: »Ich bin so schlecht, so sehr schlecht, o, liebe Frau Berner, helfen Sie mir, ich bin so schlecht gegen meine Mutter.« Und nun kamen die Selbstanklagen, wie sie immer im Herzen erbittert gegen dieselbe gewesen, weil sie sie immer zum Fleiß angespornt habe und sie unterwiesen in allen häuslichen Arbeiten usw. Frau Berner ließ Magda ausreden und sich die Szene von heute nachmittag erzählen.

»So viel Not hat mir meine Irene nicht gemacht,« sagte sie, das junge Mädchen liebevoll anblickend, »sie tut alle Arbeit mit Lust und Liebe und dient mir mit Freuden.« »Du bist auch so gut, liebe Mutter, wie sollte ich nicht für dich alles tun.« »Aber viel edler ist Magdas Mutter, du weißt, Irene, wie viel wir ihr verdanken.« Magda sah auf, davon wußte sie nichts; was könnten die Damen denn ihrer Mutter verdanken? So viel sie wußte, hatte sie ihnen mitunter etwas zur Stärkung geschickt, auch den Vorhang für den Winter, sonst wußte sie nichts, was Frau Berners Dankbarkeit für die Mutter so groß machte. Nun sollte sie alles erfahren. Frau Berner teilte ihr mit, daß sie ihr jetzt nicht allein ihr Auskommen verdanke, sondern daß sie die Wohltäterin vieler Familien in der Stadt sei, daß sie die Mittel, über welche sie verfügte, anwendete, um Gutes und Segen zu stiften, daß sie aber kein Aufhebens davon mache, sondern die linke Hand nicht wissen lasse, was die rechte getan. »Mittel,« fragte Magda, »hat denn meine Mutter eigene Mittel?« »Sie hatte reiche, angesehene Eltern und war einziges Kind. Ich war eine Freundin ihrer Mutter und habe viel Gutes in dem gesegneten Hause empfangen.« »Ich glaubte,« stotterte Magda, »die Mutter sei nur unbemittelt gewesen, Großmutter meinte es« – »Ihre Großmutter hat sich leider nicht die Mühe genommen, Ihre Mutter und deren Verhältnisse kennen zu lernen. Wir alle aber, die wir sie kennen, schätzen sie hoch. Was wäre aus mir geworden, wenn sie sich meiner nicht angenommen hätte.« »Ja,« fügte Irene hinzu, »wir sind ihr ewigen Dank schuldig.«

»Aber sagen Sie mir das eine,« bat Magda, »warum ist denn die Mutter so sparsam in ihrem eigenen Haushalt? Warum haben wir nur ein Mädchen zur Bedienung, warum müssen wir so vieles selbst machen?« Frau Berner lächelte. »Können Sie sich das nicht denken, liebes Kind? Frau Forstmeister Binder will, daß ihre Töchter einmal nicht als unnütze, hilflose Wesen dastehen in der Welt; sie will sie zu tüchtigen Hausfrauen und praktischen Mädchen erziehen, die ihren Platz ausfüllen. Es wäre viel leichter für sie, sich mehr Dienstboten zu halten, besonders wenn die Töchter es so machen, wie dies kleine Fräulein hier; aber sie handelt nach Grundsätzen und will ihre Pflichten, die sie gegen ihre Töchter hat, treu erfüllen. Übrigens ist ihr Haushalt ein sehr geordneter, sie hat den Ruhm, eine treffliche Hausfrau zu sein.« »Ja, alles, was Mutter macht, gerät ihr wohl,« sagte Magda mit glühenden Wangen. Sie sah die Mutter plötzlich in einem andern Lichte als bisher. »O, wie bin ich ungezogen gewesen, liebe Frau Berner, so undankbar für alle Liebe, sagen Sie mir, was soll ich tun?« »Zurückgehen, sobald als möglich, und die Mutter um Verzeihung bitten.« »Das kann ich nicht, das wird mir so schwer.« »Und doch bringt allein das reumütige Bekennen der Schuld und die Bitte um Vergebung Versöhnung und Frieden.« Magda seufzte und sah traurig vor sich hin. Frau Berner sprach eindringlich und freundlich mit ihr und wußte sie allmählich dahin zu bringen, daß sie dem Rat der würdigen Frau zu folgen versprach.

Diese redete ihr nun zu, den Abend bei ihr zu bleiben, damit sich ihre Erregung vollständig lege und sie dann ruhig, mit guten Vorsätzen versehen, den Heimweg antreten könne. Sie mußte das einfache Abendbrot mit ihnen teilen, obwohl sie wenig zu essen vermochte. Frau Berner erzählte dies und jenes und fragte plötzlich in heiterem Ton: »Wissen Sie denn, liebe Magda, wie Ihr Vater zu dieser seiner zweiten Frau gekommen ist?« Als Magda es verneinte, erzählte Frau Berner folgendes: »Die Eltern Ihrer lieben Mutter hatten ein großes, schönes Haus und mehrere Dienstboten. An einem Feiertage, ich glaube es war Ostern, war das Hausmädchen erkrankt und die Köchin hatte versäumt, die Treppe zu kehren. Das gewahrte die ordnungsliebende Mutter Ihrer Stiefmutter und war ärgerlich. Die Tochter, schon im Sonntagskleid, eben im Begriff in die Kirche zu gehen, steckt schnell das Feierkleid in die Höhe, holt den Besen und kehrt die Treppe ab. In demselben Augenblick betritt Ihr lieber Vater das Haus des Oberforstrats und sieht Ihre Mutter zum erstenmal. Dies hat ihm so gefallen, daß er von Stund an ein Auge auf sie warf und sie zu seiner Gattin erkor.« Das war also die Geschichte mit dem Besen, auf welche die Mutter an jenem Morgen hindeutete. O, hätte sie doch schon früher mit Frau Berner über die Mutter sprechen können, wie war alles, was sie über dieselbe hörte, angetan, sie mit großer Hochachtung gegen sie zu erfüllen!

Nun war es aber spät geworden, es war die höchste Zeit, daß Magda heimkehrte. »Aber wir können Sie im Dunkeln nicht allein gehen lassen. Hier kommt gerade Dr. Wendt. Herr Doktor,« wandte sich Frau Berner an den jungen Mann, der eben eintrat, »nicht wahr, Sie erweisen mir die Liebe und begleiten dies junge Mädchen nach Hause?« Dr. Wendt war natürlich gern bereit, Magda diesen Dienst zu erweisen, freute er sich doch jedesmal, wenn er mit seiner kleinen Jugendfreundin zusammentraf. Er sah nur verwundert in ihre rotgeweinten Augen, und Magda, welche dies merkte, senkte dieselben vor seinem forschenden Blick. Frau Berner nahm herzlichen Abschied von dem jungen Mädchen und flüsterte ihr zu, von nun an herzliches Vertrauen und Liebe zur Mutter zu haben.

Sie machte sich auf den Weg mit Dr. Wendt und ging lange schweigend neben ihm. Endlich sagte sie in altem vertraulichem Ton: »Sie haben gesehen, daß ich geweint habe.« »Allerdings habe ich das, was hat's für Kummer gegeben?« »Sie kennen mich ja,« sagte sie mit treuherziger Offenheit, »ich bin wieder heftig gewesen und habe meine Mutter schwer gekränkt.« »Und nun?« fragte der Jugendfreund gespannt. »Nun will ich nach Hause und sie um Verzeihung bitten.« »Das ist recht,« war die Antwort. Sie gingen wieder schweigend nebeneinander. »Herr Doktor,« sagte Magda wieder, »Sie haben wohl nicht geglaubt, daß die alte Heftigkeit noch immer in mir steckt?« Er lächelte und schwieg. »Sagen Sie doch etwas,« bat Magda. »Früher war es anders, da redeten Sie mir zu und haben mich oft zur Vernunft gebracht.« »Jetzt wissen Sie selbst, was Sie zu tun haben.« »Mir ist so beklommen,« sagte Magda, »ich wollte, ich hätte das Haus nicht gleich verlassen.« »Am besten wäre es gewesen, Sie hätten sich gleich besonnen; aber die gütige Mutter wird Ihnen gern verzeihen, wenn Sie Ihr Unrecht einsehen.« »Dasselbe sagten Sie mir vor vielen Jahren auch, als ich meine Mutter durch Heftigkeit betrübt hatte.« »Hatte ich damals nicht recht?« »Gewiß; aber damals war ich Kind und es war meine rechte Mutter.« Sie waren beim Hause. »Haben Sie Vertrauen, so wird auch die Stiefmutter Sie mit gleicher Liebe umfangen und nun: Gott befohlen, kleine Magda.« Er reichte ihr die Hand. »Leben Sie wohl, Fritz, ich muß Sie nur auch einmal so nennen. Vielen Dank für die Begleitung.« Er wandte sich zum Gehen, sie sah ihm nach, bis er verschwunden war. Dann ging sie langsam ins Haus.

Unten war alles schon zur Ruhe gegangen. Oben fand sie die Vorsaaltür nur angelehnt, wie seltsam, sie war sonst stets verschlossen, und wer Einlaß begehrte, mußte klingeln. Sie ging hinein, alles war still. Die Brüder waren natürlich schon zu Bett, auch wohl Lieschen, wo aber war Ida, die man sonst immer in der Küche hörte. Eine Lampe brannte dort, wie gewöhnlich, aber die Küche war leer. Sie horchte an der Stubentür, ob man wohl die Eltern sprechen hörte, kein Laut ließ sich vernehmen. Sollte sie hineingehen? O nein, es war zu peinlich. Wenn der Vater dort sein würde, was würde er sagen? So ging sie zunächst in ihr Zimmer, um ihre Sachen abzulegen. Sie zündete ein Licht an und sah um sich. Wie? Luischens Bett war noch unberührt, und die Zeit, da sie sonst schlafen ging, längst vorüber. Also mußten die drei: Vater, Mutter und Tochter, beisammensitzen; aber die sonst so rege Unterhaltung schien heute völlig verstummt zu sein. Jetzt ließen sich Fußtritte und gedämpfte Stimmen vernehmen. Magda hörte die Worte: hohes Fieber – Eisumschläge – Nachtwachen. Dann entfernte sich der eine der Herren, der andere ging leise, wie er gekommen, zurück, anscheinend in das Schlafzimmer der Eltern. Wie, sollte die Mutter krank geworden sein? Magda erschrak. Plötzlich stand ihr das Bild der Mutter vom Nachmittag vor Augen. Sie hatte so bleich ausgesehen und hatte einen leidenden Zug um die Augen gehabt, eine bange Ahnung erfaßte sie. O, wenn sie durch ihr leidenschaftliches Wesen die arme Mutter krank gemacht hätte! Sie konnte nicht weiter denken, sie mußte erforschen, was geschehen sei.

Sie ging leise ins Eßzimmer, dort saß das Luischen, bleich und angegriffen. Sie hatte den Kopf auf die Hand gestützt und sah schwermütig drein. Als Magda die Tür öffnete, sah sie auf, machte aber ein noch traurigeres Gesicht, als sie ihrer Schwester ansichtig wurde. »Wo sind die Eltern?« rief Magda. »Die Mutter ist sehr krank,« sagte Luischen und Tränen rannen ihr über die Wangen, »soeben ist der Doktor dagewesen, er sagt, es sei Gefahr vorhanden.« »Luischen,« sagte der eben eintretende Vater, »komm jetzt und hilf mir.« »Soll ich denn nicht helfen?« fragte Magda schüchtern. Da zog sich des Vaters Stirn düster zusammen, er sagte finster: »Dich können wir nicht gebrauchen.« Darauf verließen beide das Zimmer und Magda blieb allein. Sie warf sich leidenschaftlich in den Lehnstuhl und ließ den Tränen freien Lauf. So weit war es nun gekommen. Sie, die den Eltern eine Stütze hätte sein sollen, saß da und war nicht zu gebrauchen, im Gegenteil, sie hatte der Mutter nicht nur nicht geholfen, sondern war Ursache ihrer Krankheit. Am liebsten wäre sie gleich ins Schlafzimmer gestürzt und hätte die Mutter fußfällig um Verzeihung gebeten, was sollte sie nur tun, um ihre große Schuld zu sühnen! Sie stand auf und ging ruhelos im Zimmer auf und ab. Da öffnete sich leise die Tür, Luischens blasses Gesicht erschien. »Magda, wir sollen beide zu Bett gehen, sagt der Vater, dein lautes Gehen stört die kranke Mutter.« »Hat sie es gehört?« fragte Magda angstvoll. »Nein, sie hat kein Bewußtsein, aber sie zuckte zusammen.« »O, Luischen,« schluchzte Magda und drückte die Kleine krampfhaft an sich. Diese machte wieder ein Zeichen, stille zu sein, winkte Magda und verließ auf den Zehen das Zimmer. Als die beiden in ihrem Stübchen waren, entkleidete sich Luischen, Magda aber stand still an ihrem Tisch und machte keine Miene, zu Bett zu gehen.

Als Luischen lag, sagte sie: »Du brauchst dich nicht zu sorgen, Luischen, ich störe die Mutter nicht.« Sie nahm das Licht und ging ins Eßzimmer zurück, willens, nicht eher zu weichen, als bis sie den Vater gesprochen hatte. Sie saß ganz still und lauschte ängstlich auf jeden Ton. Nach einer halben Stunde etwa hörte sie leise Tritte, der Vater kam ins Zimmer und schien etwas zu suchen. Schnell stand Magda auf und ging ihm entgegen. Weinend warf sie sich ihm in die Arme und bekannte so reumütig ihr Unrecht, klagte sich selbst so demütig an, daß der Vater, der wieder die Stirn gerunzelt, als er sie gesehen, nun doch, durch den tiefen Schmerz überwunden, sie nicht von sich stieß. »Magda, Magda,« sagte er traurig, »wie ist es nur möglich, daß du eine Mutter, die so gut, so edel ist, auf diese Weise kränken konntest?« Und nun stellte er ihr in beweglichen Worten vor, mit welcher Liebe die Mutter ihr entgegengekommen, mit welcher Freundlichkeit und Sanftmut sie sie stets zu allem Guten ermahnt habe, wie sie aber trotzdem ihr ein mürrisches Gesicht gezeigt habe, sobald etwas nicht nach ihrem Sinn gewesen. »Zur Gottesfurcht und Einfachheit wollte die Mutter dich erziehen, und du hast ihre Mühe ihr so vergolten. Wenn nun Gott der Herr uns die teure Mutter zum zweitenmal nimmt, dann sind wir alle einsam und verlassen.« »Das wolle Gott verhüten,« rief Magda entsetzt, »ist es denn so schlimm, muß die Mutter sterben?« »Der Arzt nimmt die Krankheit sehr ernst, es ist ein typhöses Fieber – aber bei Gott ist kein Ding unmöglich.« »O, lieber Vater, was soll ich tun! Wenn die Mutter stirbt, habe ich sie getötet!« »Sie war schon vorher krank, aber der Ärger hat die Krankheit natürlich verschlimmert,« sagte der Vater sorgenvoll. »Es ist eine sehr ernste Lehre für dich, liebe Tochter, du wirst es nie in deinem Leben vergessen, hoffe ich. Bitte Gott, daß er dir dein Unrecht vergebe und alles wohl mache, daß er die gute Mutter aus schwerer Gefahr erretten wolle.« »Kann ich die Mutter sehen, kann ich bei ihrer Pflege helfen?« »Nein,« sagte der Vater bestimmt, »sehen darfst du sie fürs erste nicht. Diese Nacht wache ich bei ihr, morgen müssen wir sehen, wie sich alles gestalten wird. Ich werde wohl eine Krankenpflegerin nehmen müssen, die mir beisteht. Wer aber ihre Stelle im Hause vertreten wird, weiß ich nicht, ich denke, ich werde auch eine Wirtschafterin anstellen müssen.« »Vater,« sagte Magda vorwurfsvoll, »willst du es mir nicht zutrauen, daß ich mit Ida den Hausstand führe, bis – bis Mutter wieder gesund ist.« »Du?« sagte der Vater ungläubig; »wir wollen die Sache morgen erwägen, für heute geh schlafen, mein Kind, ich muß zur Mutter und Eisumschläge machen.« Nachdem Magda noch einmal den Vater herzlich gebeten, ihr alles zu verzeihen, ging sie betrübten Herzens in ihr Kämmerlein. Dort warf sie sich auf ihre Knie; wohl noch nie hatte sie so inbrünstig gebetet, wie diesen Abend, und erst als sie ihre Sünde und ihr Unrecht Gott bekannt und um Vergebung gebeten um des Heilandes willen, da kam Friede und Ruhe über sie, und wenn sie auch viel weinte und wenig schlafen konnte, so gewann sie doch Trost und Zuversicht, daß Gott der Herr ihr gnädig sein würde und die Mutter von der schweren Krankheit genesen lasse.

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