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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
wgs9110
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16. Der Einbruch in das zweite Stockwerk.

»Magda, mein liebes Kind, heute hilfst du mir,« sagte die Forstmeisterin freundlich zu ihrer Tochter. »Wir haben hier einen großen Korb mit Strümpfen, die gestopft werden sollen.« Magda, die eben mit Lesen beschäftigt war, antwortete in gedehntem Ton: »Ach, das machten in Goldenau immer die Jungfern.« »Hier haben wir keine,« sagte die Mutter mit leisem Seufzer, »ich möchte so gern, daß du die häuslichen Arbeiten lieb gewinnen möchtest, und was deine Mutter tut, sagte ich dir schon einmal, das erniedrigt dich auch nicht.« »Laubes sagen: Du bist es nicht anders gewohnt, du hast nie in einem Schloß gelebt, wie ich.« »Laubes tun sehr unrecht, dir so etwas zu sagen, besonders, da sie nicht wissen, in welchen Verhältnissen ich aufgewachsen bin, wenigstens habe ich nicht gelernt, damit zu prahlen. Es macht keinen Eindruck auf mich, ob du in einem Schloß gelebt hast oder in einer Hütte, ein junges Mädchen, das einfach, in Gottesfurcht und Treue ihre Pflichten tut, ihren Eltern dient, ist in meinen Augen mehr wert als ein Mädchen, das sich vornehm zu kleiden weiß, sich in Gesellschaften zierlich zu benehmen versteht und ihrer Talente wegen gepriesen wird. Komm nur,« fügte sie freundlich hinzu, »es ist so hübsch, am Nachmittag mit der Arbeit zusammenzusitzen, wir nehmen den Korb in die Mitte und wollen recht vergnügt dabei sein.«

Die Mutter versuchte immer wieder, Magda näher zu treten; es bekümmerte sie innerlich mehr, als sie sich ansehen ließ, daß das Herz ihrer Tochter ihr nicht gehörte. Sie wußte recht gut, daß sie Magda leicht gewonnen haben würde, wenn sie nichts von ihr verlangt hätte, wenn sie sie in alter Gewohnheit hätte fortleben lassen. Daß die Mutter die tägliche Ursache war, daß sie ihren alten Menschen überwinden mußte, daß sie immer fleißig und tätig sein sollte, das war's, was sie innerlich gegen die Mutter einnahm. Sie ließ es sich äußerlich nicht so merken, tat, was ihr geheißen wurde, aber nicht mit Lust, sondern mit Unzufriedenheit und Murren. Ja, oft kehrte die alte Heftigkeit wieder und wenn auch Magda sich so weit beherrschte, daß es nicht zu Szenen kam, so verriet sie doch durch zornige Mienen, durch leises Stampfen mit dem Fuß ihre wahre Gesinnung. Besonders wenn ein Vergnügen vorlag und die Mutter kam störend mit einer Arbeit dazwischen, die erst getan werden mußte, konnte Magda recht unfreundlich sein. Die Mutter hatte Magda bisher mehr gewährt, als sie für recht fand. Aber sie wollte das junge Mädchen nicht durch zu große Strenge abstoßen, sie wollte, Magda sollte allmählich selbst zu der Überzeugung kommen, daß ein Leben treuer Pflichterfüllung dauerndere Befriedigung bringe, als die Vergnügungen. Das, was Luischen von klein auf anerzogen war, das konnte Magda nicht plötzlich lernen, aber die Mutter wollte es ihr alle Tage mit derselben Geduld vorleben, in der Hoffnung, daß es einst gute Früchte tragen werde. Dr. Wendt hatte recht gesehen, Magda war in Gesellschaften oder bei Vergnügungen bedeutend liebenswürdiger, als daheim bei der Arbeit, obwohl die Forstmeisterin sich bemühte, auch die Arbeit zur Lust zu machen und Magdas Interesse für dieselbe zu wecken.

»O sieh,« sagte sie jetzt, »wie hübsch du dieses Loch zugestopft hast, du hast zur Handarbeit viel Geschick.« »Aber sticken ist hübscher,« meinte Magda, »das Stopfen ist etwas so Gewöhnliches.« »Aber durchaus Nützliches, mein liebes Kind, oder wollen wir beide lieber sticken und Vater und die Geschwister mit ungestopften Strümpfen gehen lassen?« Die Mutter sagte es in heiterem, scherzenden Ton, so daß Magda lachen und zugestehen mußte, daß es doch ratsamer sei, erst das Notwendige vorzunehmen. »Sieh, da kommt Irene,« rief die Forstmeisterin erfreut. Sie hatte das junge Mädchen lieb, weil sie ganz nach ihrem Sinn war, so wie sie Magda gern gehabt hätte. »Nun, Irene, mit Ihnen brauchen wir nicht ins Besuchzimmer zu gehen, setzen Sie sich zu uns.« »Ich darf doch ein wenig helfen, bitte, lassen Sie mich, ich stopfe so gern Strümpfe.« »Hilfe wird immer gern angenommen,« sagte die Mutter freundlich. Bald saß Irene neben Magda, einen Strumpf mit einem großen Loch vor sich, das sie kunstvoll in Maschen stopfte. »Wie schön,« sagte Magda bewundernd, »wo haben Sie das gelernt?« »Bei meiner Mutter, sie sagt, man müsse in allem, was man tut, nach Vollkommenheit streben und wenn es die geringsten Arbeiten seien.« Durch Irenens Anwesenheit und deren fröhliches Geplauder wurde dieser Nachmittag, vor dem Magda gegraut, zu einem sehr angenehmen. Sie fand das Stopfen der Strümpfe schon längst nicht mehr so entsetzlich, als sie anfangs gedacht.

Anders wurde es, als plötzlich Lucie Laube dazu kam. Sie errötete, legte die Arbeit schnell beiseite und wollte mit der Freundin in das andere Zimmer gehen, aber die Forstmeisterin sagte ruhig, Fräulein Laube solle sich nur zu ihnen setzen, es sei hier viel lustiger, als im Besuchszimmer. Lucie machte ein etwas erstauntes Gesicht, als aber die Forstmeisterin hinzufügte: »Fräulein Lucie, können Sie auch stopfen,« da lachte sie und meinte, sie wolle es Spaßes halber versuchen. Als sie nun wirklich Nadel und Garn bekam, wußte sie es gar nicht zu handhaben. Nach einigen Versuchen warf sie unter Lachen die Arbeit hin und meinte, da wolle sie doch lieber eine Landschaft malen, als sich mit solcher Arbeit quälen. »Mir ist ein solcher Strumpf, von Fräulein Irene gestopft, lieber,« sagte die Forstmeisterin. »Wenn ein junges Mädchen ihre Kunst in dieser Weise bekundet, so ist es mir ein Beweis, daß sie einmal eine gute Hausfrau wird.« »Man überläßt aber solche Arbeiten der Dienerschaft,« bemerkte Lucie, etwas gereizt. »Gewiß, das kann man, wenn man es aber selbst nicht versteht, so kann man auch nicht beurteilen, ob die Dienerschaft es macht, wie es sich gehört. Aber, wollen Sie auch mit Magda ins andere Zimmer gehen, ich habe ja hier meine kleine Freundin, welche mir hilft.« »Nein,« sagte Lucie gutmütig, »wir bleiben hier, es ist ja so lustig in dieser Stopfecke.«

Plötzlich erhob sich unten ein Geschrei. Irene horchte verwundert, während Magda rief: »Das sind Fritz und Konrad, sie haben gewiß wieder etwas ausgeübt.« Jetzt brach Lucie in helles Lachen aus. »Meinst du die possierlichen kleinen Jungen hier unten im Hause? Mit denen habe ich eben Bekanntschaft gemacht. Sie gingen mir voraus mit einer großen Wurst, die sie wohl vom Kaufmann geholt hatten. »Gib sie mir, ich will sie tragen,« rief der eine. »Nein, Großmama hat mir's aufgetragen.« So zappelten und zausten sie sich um die Wurst, und das Ende vom Liede war, daß jeder sie dem andern fortreißen wollte. Der eine zog, der andere riß und plötzlich hatte jeder eine Hälfte der Wurst in der Hand. Diese erstaunten Gesichter, es war ein Bild zum Malen. »O, wie die Wurst schön aussieht!« »Wie appetitlich sie riecht.« »Und die meine schmeckt.« Fritzchen, durch den Duft angezogen, hatte das Zünglein herausgestreckt und leckte ein klein wenig an der rotglänzenden Wurst, als der andere das sah, fühlte er sich wohlberechtigt, ein Stück von seinem Ende abzubeißen. Nun mischte ich mich ein. »Eure Großmutter wird schelten, wenn ihr eure Einkäufe nicht bester macht.« Sie sahen mich erstaunt an, waren sehr vertraulich mit mir und erzählten mir allerlei, bis wir ans Haus kamen. Jetzt wird wohl die Strafe erfolgt sein.« »Gewiß,« sagte die Forstmeisterin; »die armen Damen unten haben es wirklich schwer mit den kleinen unbändigen Jungen, die täglich neue Dummheiten begehen.«

Ja, die Forstmeisterin hatte recht. Tante Jettchen und Tante Minchen kamen gar nicht aus der Aufregung heraus. Ihr sonst so friedliches, sauberes Wohnzimmer war der Sammelplatz alles möglichen geworden. Die Jungen schleppten herbei, was irgendwie ihr Interesse anregte, Käfer, Würmer, Raupen, Schmetterlinge, ja einmal sogar zog Fritzchen zu Jettchens Entsetzen eine tote Maus aus der Tasche, die er der Großmutter als kostbaren Fund darbot. Sogar Kröten und Frösche wurden unter die Mützen gesteckt und in der Stube unter einen Glashafen geborgen und gefüttert. Die Großmutter pflegte zu schelten, aber die kleinen Burschen konnten so rührend bitten, ihnen die Tiere zu lassen, daß ein anderes als ein Großmutterherz dazu gehört hätte, um die Bitte abzuschlagen, nur waren Tierquälereien von vornherein verboten.

Es war kein leichtes Tagewerk für die Tanten, diese Kinder zu beaufsichtigen. Sie kletterten über Zäune und Gräben, statteten in den Nachbarhöfen Besuche ab und schlossen dort Freundschaft mit Hunden oder Katzen, neckten auch dieselben oder hetzten sie aufeinander. Bald mutzte Minchen, bald Jettchen Entschuldigungsbesuche machen, denn oft fingen sie mit Nachbarskindern Streit an, der wohl gar in Schlägerei ausartete. Wenn dann die Eltern mit finsteren Mienen oder drohenden Gebärden hinübersahen, blieb den armen Tanten nichts anderes übrig, als mit den Jungen zu den gekränkten Nachbarn zu gehen und sie zu veranlassen, um Verzeihung zu bitten. »Wir friedlichen Menschen,« pflegten die Tanten wohl auszurufen, »wir krümmen niemanden ein Haar und müssen so viel Unannehmlichkeiten erdulden durch die Ungezogenheiten unserer Neffen.« Dann wieder waren Fritzchen und Konrad unwiderstehlich in ihrer Liebenswürdigkeit, ergötzten Großmutter und die Tanten durch ihre drolligen Einfälle und klugen Fragen, daß alles Böse schnell vergessen war.

Das biblische Geschichtenbuch blieb für sie die Krone von allem. Mit großer Begier lauschten sie auf die schönen Geschichten von Jakob, Joseph und David und Salomo, die niemand so schön als Tante Jettchen erzählen konnte. »Tante Jettchen, war Salomo noch klüger als du?« fragte Konrad, mit Bewunderung zur Tante aufsehend. Dann fiel Fritzchen dazwischen: »Nun, bitte, vom Riesen Goliath und von Absalom,« er fand besonderes Gefallen an diesen Bildern, wo der Tod beider so kraß zur Anschauung kam. Die Tante verfehlte nicht, bei jeder Geschichte Nutzanwendungen zu machen. Die Kinder versprachen immer Besserung, am folgenden Tage war es gewöhnlich vergessen.

Es war etwa acht Tage nach dem vorhin Erzählten. Ein herrlicher Maitag verbreitete Freude und Wonne; die Kastanien in der Allee entfalteten die Knospen zu Blüten, und in den Gärten der Vorstadt labte man sich an dem hellen Grün der Büsche und den blühenden Blumen und Sträuchern. Wie hübsch und zierlich war Ehrlichs Garten hergerichtet, auch Frau Radke hatte ihr bestes getan, ihre Blumenbeete schön und geschmackvoll zu machen. Hinter dem Hause hatte ein Gärtner, den der Forstmeister gedungen, Rasenplätze und Blumengruppen angelegt, auch eine große Laube war gebaut worden, groß genug, um alle Insassen des Hauses zu fassen. Es war gegen zwei Uhr nachmittags, Luischen, Otto und Rudolf waren zur Schule, unten bei Ehrlichs schlief die Großmutter, während die Tanten in der Küche aufräumten; auch Vater und Mutter Radke machten ein Mittagsschläfchen, denn auch hier regte sich nichts. Bei Binders war gleichfalls alles still, sogar Fritzchen und Konrad saßen augenblicklich ruhig auf der Bank vor dem Hause. Sie hatten Erlaubnis erhalten, während Großmutter schlief, im Garten zu bleiben, vorausgesetzt, daß sie sich ruhig verhielten.

»Du, Fritz, ich möchte wohl einmal den bösen Herrn da oben sehen,« begann Konrad im Flüsterton. »Wir wollen wieder einen kleinen Stein ans Fenster werfen, dann steckt er den Kopf heraus und schilt,« meinte Fritzchen. »Nein, das dürfen wir nicht, Tante Minchen hat's verboten.« »Ja, und Tante Jettchen sagt, wenn wir ungehorsam sind, geht's uns wie Absalom, oder wie –« »Du, ich weiß etwas, Fritz. Wir schleichen uns ganz leise die Treppen hinauf und gucken einmal zur Türe herein, ich möchte wohl sehen, wo er wohnt.« »Ja,« rief Konrad erfreut, »das haben die Tanten uns noch nicht verboten, das wollen wir tun.« Auf den Zehen schlichen die Buben ganz leise die erste Treppe hinauf, standen eine Weile still und holten Atem; es kam niemand. Nun ging es weiter, die zweite Treppe war bald erstiegen. Nun standen sie oben und gewahrten zu ihrer Freude, daß die Vorsaaltür nur angelehnt war. Fritzchen stand schon davor. »Komm,« flüsterte er, »wir gehen hinein.« Sie stießen die Tür ein wenig auf, es kam niemand. Dadurch mutig gemacht, trippelten sie weiter und versuchten die erste Tür, die sich ihnen zeigte, aufzuklinken. Ein »Oh« und »Ah« der Überraschung kam von ihren Lippen. Was sie hier sahen, hatten sie nicht erwartet. Das ganze Zimmer war angefüllt mit Raritäten; da gab es schöne große Muscheln in allen Farben und Gestalten, ausgestopfte Vögel und wunderbare Tiere, Schalen von Schildkröten, seltsam geformte Hörner u. a. m., kurz, die Buben waren in eine Raritätensammlung hineingeraten, daß ihnen vor Staunen fast die Augen übergingen. »Fritzchen, sieh, sieh nur diese wunderschönen Schmetterlinge.« »Oho, so seltene, die möchte ich haben, und die Käfer, Konrad.« »Sieh, hier, was ist dies. Oho – U – hu–« Konrad griff nach einer ausgestopften Kammeidechse, er nahm sie in seine Arme. »O, gib sie mir,« bat Fritzchen, und mit wonnigem Schauer streckte er seine Hand aus, um das Ungeheuer beim Schwanz zu fassen. Sie liebkosten das Ding abwechselnd und sahen und hörten nicht, was um sie her vorging.

So merkten sie nicht, daß eine Seitentür geöffnet und ein Kopf sichtbar wurde. Derselbe verschwand wieder, in der Nebenstube wurden unverständliche Worte gemurmelt, es ging jemand umher, als ob er etwas suchte, und plötzlich hörten Fritz und Konrad eine Stimme: »Hab ich euch endlich, ihr ungezogenen Buben, wartet!« Eine lange Gestalt beugte sich über sie, packte sie beide am Kragen und zog sie in die andere Stube. Sie erhoben ein entsetzliches Geschrei und sträubten sich und zappelten. Die Gestalt versetzte den Buben einige Hiebe mit dem Stock, was das Geschrei nicht milderte. »Ich will euch lehren, fremder Leute Eigentum anzutasten. Wartet, schon lange habe ich euch bei den Ohren fassen wollen, Hab mich schon alle Tage über euch Kröten geärg–« Plötzlich stockte er mitten in seiner Rede, erstarrte eine Erscheinung an, die sich in der offenen Tür zeigte. »Irene!« rief er und blieb unbeweglich stehen. Das junge Mädchen, welches in der Tür stand, sah, daß die Jungen schleunigst entwichen und mit Donnergepolter die Treppe hinuntersausten; sie selbst wollte ihnen nach, aber der Herr kam näher, faßte sie an beiden Schultern und rief: »Wer bist du?« Irene, denn sie war es, nannte ihren Namen. »Berner, Berner,« wiederholte der Herr enttäuscht; er schien sich zu besinnen und fügte hinzu: »Sie haben sich wohl verlaufen, mein Fräulein, dies ist meine Wohnung.« Sie stotterte eine Entschuldigung, er machte eine abwehrende Bewegung, sie eine schnelle Verbeugung und dann war sie verschwunden, die Jungen waren verschwunden, und der Fremde stand wieder einsam und allein, wie vordem. Er rief nach der Haushälterin, die ängstlich herbeikam und große Entschuldigung vorbrachte. Es sei das erstemal gewesen, daß sie in den Keller gegangen sei, ohne die Tür zu schließen, es komme ja niemand die Treppe herauf; wenn sie geahnt hätte, daß die greulichen Buben in die Wohnung dringen würden, so würde sie ja doppelt und dreifach zugeschlossen haben. Sie wolle Gott danken, wenn diese Unholde erst aus dem Hause seien. Der Herr sagte nichts weiter, er prüfte seine Sachen, ob sie unversehrt seien, ging in sein Zimmer und warf die Tür hinter sich zu.

»Um Gottes willen, Irene, wie sehen Sie aus,« rief Tante Minchen, während Tante Jettchen mit den kleinen schluchzenden Missetätern abgegangen war, um ihre erhitzten und verweinten Angesichter zu waschen und gleichzeitig liebreiche Ermahnungen mit einzuflechten, das Strafamt hatte ja ein anderer übernommen. Irene lehnte sich einen Augenblick an die Wand. »Ich bin so erschrocken,« sagte sie, »als der Herr auf mich losfuhr und mich fragte, wer ich sei.« »Wie kamen Sie denn überhaupt hinauf, liebes Kind?« »Ich betrat gerade das Haus, um Mütterchens Kleid von Ihnen zu holen, da hörte ich das Geschrei. Ich glaubte, die Knaben seien irgendwo von der Treppe gestürzt, ging dem Geschrei nach und weiß selbst nicht, wie ich durch die offene Tür gekommen bin.« »So haben Sie also den seltsamen Herrn gesehen?« »Nicht deutlich, er schien mir nicht so alt zu sein, wie ich ihn mir vorgestellt, auch ist er eine ganz stattliche Erscheinung, das Gesicht, zwar gebräunt, machte gar keinen abschreckenden Eindruck. Nur die Augen waren so starr auf mich gerichtet; er nannte meinen Namen, muß mich aber doch verkannt haben.« »Sie haben vielleicht Ähnlichkeit mit jemand, den der Herr gekannt hat, doch nun, kommen Sie herein, erholen Sie sich von Ihrem Schreck.« Während Minchen Irene eintreten ließ, kam auch Magda, um sich nach der Ursache des Lärms zu erkundigen.

Der Herr aber, nachdem er eine Weile in Gedanken versunken dagesessen hatte, klingelte nach seiner Haushälterin. »Frau Mabel,« sagte er, als dieselbe achtungsvoll vor ihm stand, »ich möchte wissen, wer das junge Mädchen ist, das vorhin in der Tür stand. Kennen Sie das Fräulein?« »Ich habe sie zuweilen hier unten gesehen, weiß aber nicht, wie sie heißt.« »Ich möchte genau wissen, wer sie ist und woher sie stammt, erkundigen Sie sich sorgfältig darnach, ohne daß es jemand merkt. Und wenn Sie es ausgekundschaftet haben, bringen Sie mir Bescheid.« Frau Mabel nickte stumm und verließ das Zimmer. »Merkwürdig,« murmelte der Mann, »die Tochter im ersten Stock weckt Erinnerungen in mir, und dies junge Wesen, das ich soeben sah, tut es in viel stärkerem Maße. Aber ich törichter Mann, was hoffe und wünsche ich noch vom Leben. Einsamkeit ist mein Los bis ans Ende.« Seine Stirn zog sich düster zusammen, die alte Bitterkeit legte sich um seinen Mund, er verharrte in dumpfem Brüten, wie er es oft zu tun pflegte.

Am Abend klopfte es bei Ehrlichs. Frau Mabel erschien mit der ausgestopften Kammeidechse im Arm. Der Herr habe gesehen, daß die Kleinen das Tier so sehr bewundert haben, er wolle es ihnen schenken, aber lasse bitten, daß man darauf achte, daß die Kinder sich nicht wieder in der oberen Wohnung sehen ließen. »Seien Sie ganz ruhig, liebe Frau,« sagte Minchen, »die haben mit einemmal genug. Diese Dummheit machen sie nicht zum zweitenmal.«

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