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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
wgs9110
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15. Der Besuch bei Ehrlichs.

»Tante Minchen, ist dies das Haus, in dem Großmama wohnt?« »Nein, sie hat gesagt, im fünften Hause wohnt sie.« »Ich werde es zuerst sehen.« »Nein, ich!« »Tante Minchen, hat Großmama schon weiße Haare?« »Was hat Tante Jettchen zum Abendbrot für uns gekocht?« »Suppe mögen wir nicht, wir bekommen immer, was wir mögen.« So purzelten die Worte zwei kleinen Jungen, von beinahe fünf oder sechs Jahren, aus dem Munde und dabei zappelten sie um die Tante herum, daß diese ganz erhitzt stehen blieb und sagte: »Nun seid einmal ganz still; wir können nicht mit solchen Geschrei ins Haus kommen, dort wohnen lauter ruhige Leute.« »Gibt es gar keine Kinder in eurem Hause?« »Ja, aber nur artige, wohlgesittete, und oben wohnt ein Herr, der ist sehr böse, wenn ihr Lärm macht, vor dem nehmt euch in acht.« »Tante Minchen, wie sieht er aus?« »Sieht man es ihm an, daß er böse ist?« »Hat er feurige Augen?« »Hat er einen Stock?« »Schlägt er uns mit dem Stock?« »Tante Minchen, unser Onkel ist er doch nicht?« »Kinder, ich kann's nicht mehr aushalten, jetzt seid ihr still oder ich nehme euch gar nicht mit ins Haus. Eure alte Großmutter kann so etwas nicht vertragen, dann wird sie krank.« »Papa ist auch krank, aber deshalb durften wir immer sprechen.« »Tante Minchen, sind wir nun da, wir sind schon sehr hungrig,« »Stille, ganz stille, seht, dort, wo das Licht brennt, unten wohnt Großmama.« Sie waren wirklich stille und trippelten an Tante Minchens Seite ins Haus.

Als man drinnen die Tritte vernahm, tat sich die Tür auf und Jettchen rief: »Da sind ja die Kinder! Minchen, hast du eine glückliche Reise gehabt?« Minchen sank erschöpft aus einen Stuhl und rief: »Gott sei Dank, daß ich da bin, diese Kinder haben mich beinahe umgebracht mit ihrer Lebendigkeit.« »Nein, umgebracht haben wir Tante Minchen gar nicht!« »O, wie alt sieht Großmama schon aus!« Frau Ehrlich, die eben noch einmal nachgesehen hatte, ob im Schlafzimmer der Kinder alles in Ordnung sei, hatte das Kommen der Kleinen nicht gehört. Als sie nun ins Zimmer trat und ihre Enkel so munter, ohne alle Scheu umherlaufen sah, breitete sie ihre Arme aus und sagte: »Gott segne euren Eingang, ihr lieben Kinder, wollt ihr Großmutter recht lieb haben?« »Ja, aber nicht wahr, Großmutter, unsere Brummkreisel dürfen wir doch hier in der Stube gehen lassen?« »Eisenbahnen dürfen wir doch auch bauen. Tante Minchen will uns Peitschen machen; machst du uns schon heute abend welche?« »Die Kinder scheinen sehr aufgeregt,« meinte die Großmutter. »Ja, sehr aufgeregt,« wiederholte Tante Jettchen. »Jetzt sind sie doch schon ruhiger als unterwegs,« sagte Minchen gelassen. »Jettchen, gib uns zu essen; nachher bringen wir die Kerlchen zu Bett, sie müssen müde sein, da wir schon um fünf Uhr aufgestanden sind.«

Die Lebhaftigkeit der Kinder dauerte noch eine Weile fort, dann aber kam die Müdigkeit über sie, sie verlangten zu Bett, und als sie in das Schlafzimmer geführt wurden, ergriff sie plötzlich das Gefühl des Fremdseins. Fritzchen, der jüngere, zog den Mund breit und auf einmal fing er ein Geheul an, daß schier die Wände wackelten. Konrad stimmte herzhaft mit ein, daß die Großmutter die Hände rang und die lieben Tanten sich ratlos ansahen. Die letzteren versuchten alles mögliche, die Kinder zu beschwichtigen, aber immer wieder kam lautes Schluchzen und dazwischen in abgebrochenen Silben: »Wir wollen wieder nach Hause, hier mögen wir nicht schlafen.« Endlich gelang es Minchen, unter allerlei Vorstellungen die kleinen Gäste in ihre Betten zu befördern, und nachdem sie die kleinen, übermüden Körper in eine bequeme Lage gebracht hatte, da kam der Sandmann über sie und der wohltätige Schlaf brachte für Großmutter und Tanten die gewünschte Ruhe.

Minchen berichtete nun, daß sie den Schwager sehr elend gefunden habe, die Schwester aber unverzagt. Sie seien sehr froh gewesen, die lebhaften Jungen eine Weile abgeben zu können, und beruhigt, sie in den Händen der Großmutter und der Tanten zu wissen. Dann erzählte Minchen von der Reise und fügte hinzu, die Jungen seien originelle, drollige Kerlchen, entbehrten aber aller Zucht, sie müßten von vornherein mit Festigkeit behandelt werden, sonst würden sie das oberste zu unterst kehren. Frau Ehrlich sah sehr sorgenvoll drein. »Ihr Mädchen, glaubt es mir,« sagte sie, »es wird manches Unheil geben.« »Nur guten Mut, Mütterchen,« tröstete das sanfte Jettchen, »wir werden schon gute Aufsicht führen.« »Und das Kleidernähen?« »Muß dabei verrichtet werden. Es sind ja nur einige Wochen, dann haben wir wieder unsere gewohnte Ruhe.«

Am andern Morgen ging es bei Ehrlichs lauter als gewöhnlich zu. Die beiden Buben saßen, frisch gewaschen und glatt gekämmt, am Frühstückstisch, läuteten aber gewaltig mit den Beinen, als die Tanten mit den Kaffeetassen eintraten. »Man sitzt ruhig bei Tisch,« sagte Minchen sehr bestimmt. »Hier habt ihr eure Milch, hier ist für jeden eine frische Semmel.« Sie machten beide unzufriedene Gesichter. Fritzchen rümpfte die Nase und Konrad sagte: »Wir möchten Kuchen haben.« »Oder Butter zur Semmel,« rief Fritzchen dazwischen. Die Tanten sagten sehr bestimmt, daß das nicht Sitte sei, wenn sie die guten Semmeln nicht möchten, bekämen sie nichts. Sie sahen die Tanten verwundert an und sagten: »Gibt Großmutter uns auch keinen Kuchen?« »Nein, Großmutter wird gleich kommen und soll sich freuen an den artigen Kindern, die ohne Murren nehmen, was ihnen gegeben wird, und der lieben Großmama danken, die sie so freundlich aufnimmt.«

Jetzt erschien Großmutter. Die beiden Jungen sprangen von ihren Stühlen, daß dieselben umfielen, und während die Tanten entsetzt herzusprangen, um die Stühle wieder aufzurichten und sie besichtigten, ob etwas daran gesprungen oder zerkracht sei, liefen sie der Großmutter entgegen. Konrad rief: »O, Großmama, dein Kopf wackelt ja so, ist der gar nicht fest?« Fritzchen schrie: »Großmutter, du bist wohl sehr arm, weil es bei dir trockene Semmel gibt.« Frau Ehrlich streichelte die Kinder und sagte in freundlichem Ton: »Hört, Kinder, wenn ihr bei Großmutter wohnen wollt, dürft ihr nicht so toben und besonders nicht alle beide auf einmal sprechen.« »Das tun wir zu Hause immer,« schrieen sie alle beide zugleich. Frau Ehrlich tat einen Seufzer und sah ihre Töchter kopfschüttelnd an.

Minchen, die schon auf der Reise einen gewissen Einfluß auf die kleinen Wilden errungen hatte, sagte nun wieder mit großer Bestimmtheit, daß sie sich bei den Mahlzeiten Ruhe ausbäte, bei Tische dürften nur große Leute sprechen, die kleinen müßten zuhören. Bald hatten sie sich die Backen dermaßen vollgepfropft mit den verschmähten Semmeln, daß kein Sprechen möglich war. Diese Manieren beim Essen erregten aufs neue die Mißbilligung der Tanten; man kam zu der Überzeugung, daß hier ein reiches Arbeitsfeld vorliege, daß hier viel geschehen müsse, um Ordnung und Zucht hinein zu bringen, daß diese Arbeit mehr Geduld, Zeit und Kräfte in Anspruch nehmen würde als das Kleidermachen und die sonstigen Beschäftigungen. Die Großmutter fand aber vorderhand doch Vergnügen an den witzigen Einfällen der Kleinen.

Da das Wetter einladend aussah, beschloß sie, mit ihnen vor die Haustür ins Gärtchen zu gehen, um den Töchtern im Hause Ruhe zu ihren Arbeiten zu verschaffen. Großmama nahm an jede Hand einen Enkel, sie sahen niedlich aus, man konnte sich wohl mit ihnen sehen lassen. Unter den kräftigsten Ermahnungen, sich draußen gesittet zu betragen, traten sie mit Frau Ehrlich aus der Haustür. »Großmama, ist das der böse Mann, der uns mit dem Stock schlägt, wenn wir unartig sind?« fragte Konrad, als sich oben am Fenster der Kopf des Forstmeisters zeigte. Frau Ehrlich sagte, das sei ein sehr guter Onkel, er habe kleine Jungen, die immer folgsam und artig wären, sie seien jetzt in der Schule; wenn Fritz und Konrad bis Mittag gut und gehorsam sein würden, dann dürften sie vielleicht mit ihnen spielen. Plötzlich ließen beide, wie elektrisiert, die Hand der Großmutter fahren und schossen auf einen Stock zu, der ihnen als Peitschenstiel vortrefflich dünkte. »Das ist meiner, ich hab ihn zuerst gesehen.« »Nein, ich, du gibst ihn mir.« Ein kurzer, verzweifelter Kampf, energisches Eingreifen der Großmutter. Sie nimmt den Stock und mit mehr Kraft, als sie sich selbst zugetraut, bricht sie ihn in zwei Hälften und wirft ihn weg. »So, nun bekommt ihn niemand, und da ihr nicht artig sein könnt, so geht ins Haus, Großmama mag mit solchen unartigen Jungen nichts zu tun haben.« Diese ihnen ungewohnte energische Redeweise machte solchen Eindruck, daß sie gehorchten und im Hause verschwanden.

Frau Ehrlich atmete freier auf und ging Frau Radke entgegen, die gerade um die Ecke des Hauses kam und auch auf sie lossteuerte. »Frau Ehrlich,« sagte sie, »was geht denn bei Ihnen vor? Seit gestern abend klingt es, als ob eine Familie mit acht Kindern da wohnte. Die Mabel ist schon unten gewesen und hat sich erkundigt, was für ein Geheul das gestern abend spät gewesen sei, der Herr habe nicht schlafen können, und Forstmeisters haben sich auch gewundert über den Lärm. Ich lege keinem Menschen einen –« »Beste Frau Radke,« unterbrach sie Frau Ehrlich, »hören Sie mich an.« Sie erzählte ihr in umständlicher, herzbewegender Weise von der Krankheit des Schwiegersohnes, dem schlechten Geschäftsgang, von der bevorstehenden Kur, und wie ihnen nichts anderes übrig geblieben sei, als die kleinen Jungen zu sich zu nehmen. Sie seien verzogen und etwas verwildert, sie aber und ihre Töchter wollen sorgen, daß den Hausgenossen keine Unannehmlichkeiten erwüchsen, und besonders wollten sie sie hüten, daß sie dem Herrn im zweiten Stock nicht ins Gehege kämen. Das beschwichtigte Frau Radke, und Frau Ehrlich, die mit der Wirtin um das Haus herumgegangen war, trat durch die Hintertür, um durch die Küche in die Wohnung zu gelangen. Beide Töchter waren hier beschäftigt.

»Beide hier?« rief Frau Ehrlich erschrocken, »ich glaubte, eine sei im Zimmer, sonst würde ich Fritzchen und Konrad nicht hineingeschickt haben.« »Die sind im Wohnzimmer allein,« sagte Minchen, »wenn sie nur da kein Unheil machen.« Es trieb sie alle drei in die Stube. Tiefe Stille herrschte dort, nur unterbrochen durch das Schnurren des Rades an der Nähmaschine. Die Tanten stürzten beide herbei – da standen die kleinen Missetäter, der eine trat mit aller Gewalt auf das Trittbrett und suchte das Rad in Bewegung zu halten, während der andere auf einem Stuhl kniete und ein Stück Stoff handhabte, das er durch die Maschine gehen ließ. Die Nadel arbeitete wohl, aber natürlich verkehrt, die Fäden verschlangen sich ineinander, und gerade als Minchen herzusprang, tat es einen lauten Knacks. Die Nadel war zerbrochen! Jetzt war's mit Minchens Geduld auch zu Ende. Tüchtige Klapse wurden ausgeteilt nach beiden Seiten, und unerhörtes Geschrei war die Folge.

Großmutter war händeringend in der offenen Tür stehen geblieben, die Tanten suchten ihre geliebte Maschine, an der sich noch nie jemand vergriffen hatte, wieder in die richtige Verfassung zu bringen und jammerten dabei über die Gottlosigkeit der Knaben, über den verdorbenen Stoff, die zerbrochene Nadel, das verfilzte Garn und wie sie es aushalten sollten, solche Kinder vier Wochen im Hause zu haben.

Jettchen, die jeden Augenblick fürchtete, die Hausgenossenschaft möchte bei diesem Geschrei zusammenlaufen, nahm, als sie Minchen nichts mehr helfen konnte, die Knaben an die Hand mit einer Energie, die man ihr sonst nicht zugetraut hätte, und ging mit ihnen in das beste Zimmer. Sie geht an den Bücherschrank, und siehe da, das Geschrei verstummt, mit wachsender Neugierde sehen die Knaben, wie sie verschiedene Bilderbücher herausnimmt, und als sie den Schrank schließt, drängen sie sich zu ihr und fragen, während die Tränen noch über die Wangen laufen: »Willst du uns nun Bilder zeigen?« Tante Jettchen sagte mit ernsten Worten, daß sie es nicht verdient hätten, stellte ihnen ihr Unrecht vor und nahm ihnen das Versprechen ab, nie wieder fremde Sachen zu berühren, besonders vor dieser Nähmaschine Respekt zu haben. »Ja aber, Tante Jettchen,« meinte Fritzchen, »wir wollten euch doch nur ein wenig nähen helfen;« aber Tante Jettchen sagte, daß sie für solche Hilfe entschieden dankte. Jetzt wolle sie ihnen Bilder zeigen, sie müßten aber ganz artig und still dabei sein.

Was sie holte, war ein Buch mit biblischen Geschichten und Bildern dazu. Mäuschenstill waren die Kinder und lauschten den Erzählungen der Tante. Wenn dann das passende Bild dazu gezeigt wurde, so hatten sie so viel Interesse, ein solches Verständnis, daß es eine Freude war, mit den aufgeweckten Kindern zu verkehren. Das war ein Fortschritt zum Guten, nun gab es doch ein Mittel, die ungefügen kleinen Kobolde zu beschwichtigen, sie zeitweise ruhig zu halten.

Am Nachmittag gab es Regenwetter, da schlug Jettchen vor, die Kleinen sollten sich zu Großmutters Füßen setzen, dieselbe wisse so schöne Geschichten zu erzählen. So geschah es. Großmutter setzte sich in ihren Lehnstuhl, die Enkel zu ihren Füßen, während die Tanten am andern Fenster ihre Näharbeit vornahmen, um durch anhaltenden Fleiß das Versäumte nachzuholen. So verging die zweite Hälfte des Tages besser, als die erste. Nachdem die Kinder zum zweitenmal zur Ruhe gebracht waren, saßen Mutter und Töchter noch lange beisammen, um zu beraten, wie sie diese in der Erziehung vernachlässigten und doch so naturwüchsigen Kinder in die rechten Bahnen leiten könnten.

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