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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
wgs9110
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14. Die goldene Kette und die Spazierfahrt.

Der folgende Tag war wieder ein schöner Frühlingstag. In der Vorstadt und in den Anlagen sangen die Vöglein; die Sonne aber schien warm auf die Knospen und halb erschlossenen Blüten, um sie wach zu küssen aus dem Winterschlaf. Durch die Anlagen schritt ein junges Mädchen, einer lieblichen Blume gleich. Was war's, das Irenes Augen heute einen besonderen Glanz verlieh? Sie konnte ihrer Pflegemutter aus einer großen Not helfen. Es hatte noch am Morgen aufs neue einen Kampf gegeben zwischen ihr und der Mutter; die letztere wollte durchaus nicht, daß sie sich von dem einzigen Schmuckgegenstand trennen sollte, der ihr von den Eltern, die sie nie gekannt, geblieben, aber Irene war als Siegerin aus dem Kampf hervorgegangen und Frau Berner mußte sich ergeben. Das junge Mädchen eilte durch die Anlagen in die innere Stadt, bald hatte sie das Haus des Juweliers erreicht. Schüchtern betrat sie den Laden, sie freute sich, ihn leer zu finden. Sie sagte dem Juwelier, daß sie nicht kaufen, sondern verkaufen wolle und zog aus dem Kästchen die bewußte Kette. Der Juwelier nahm sie in die Hand und ließ sie prüfend durch die Finger gleiten. Dann maß er Irene mit einem mißtrauischen Blick und sagte: »Gehört die Kette Ihnen?« »Es ist ein Erbstück von meinen Eltern,« erwiderte das junge Mädchen und sah ihn mit ihren klaren Augen so offen und vertrauensvoll an, daß der Mann sein Mißtrauen wohl oder übel fahren lassen mußte.

»Aber dergleichen wertvolle Erbstücke verkauft man doch nicht?« ließ er sich nun vernehmen. »Ich wollte Sie bitten,« sagte Irene tief errötend, »die Kette, wenn es möglich ist, aufzuheben; so bald wir können, möchten wir sie wieder einlösen; wieviel ist sie wohl wert?« Der Juwelier prüfte sie wieder und ging dann in die Nebenstube, um sie seinem Teilhaber zu zeigen, der auch lange daran wog und taxierte. Endlich kam der Herr zurück und nannte Irene eine Summe, die er willens sei, dafür zu zahlen. Es war mehr, als sie erwartet hatte, und sie war natürlich bereit, ihm die Kette dafür zu überlassen. Er zählte das Geld auf den Ladentisch; sie strich es ein und wollte sich eben entfernen, da betrat der Forstmeister den Laden.

»Nun, Fräulein Irene, was führt Sie schon am Morgen hierher, auch Geschäfte mit dem Herrn Goldschmied?« Eine tiefe Purpurglut bedeckte Irenens Gesicht, sie stotterte verlegen einige Worte und verließ den Laden. »Wissen Sie, wer das junge Mädchen ist,« fragte der Juwelier den Forstmeister, mit dem er bekannt war. »Gewiß,« sagte dieser, »ihre Pflegemutter ist eine sehr achtungswerte Frau.« »Sie hat mir eben diese Kette verkauft, es ist ein Schmuck von gediegenem Golde, ganz eigenartig gearbeitet.« Der Forstmeister nahm die Kette und schüttelte mit dem Kopf. »Dort ist etwas nicht in Richtigkeit,« dachte er bei sich, »Frau Berner kann nur in der höchsten Not zu diesem Schritt veranlaßt worden sein; sie hat uns selbst einmal erzählt, daß eine goldene Kette das einzige sei, was Irene von ihren Eltern besitze.« »Herr,« sagte er plötzlich zu dem Juwelier, »was wollen Sie für diese Kette, ich habe Lust, sie zu kaufen?« Der Juwelier bedauerte, nicht damit dienen zu können, er habe eben versprochen, sie noch aufzuheben, da das junge Mädchen hoffe, sie wieder einlösen zu können. »Bei mir ist sie ebensogut aufgehoben,« sagte der Forstmeister, »das Fräulein, das ich gut kenne, kann sie jederzeit zurückerhalten, also, was ist sie wert?« Der Mann, der natürlich froh war, die Kette sofort wieder umsetzen zu können, nannte den Preis, der Forstmeister zahlte und steckte die Kette ein. Dann kaufte er noch einige Kleinigkeiten und verließ den Laden.

Als er nach Hause kam, zog er seine Frau ins Vertrauen, sie war ganz einverstanden mit seiner Handlungsweise und beide freuten sich darauf, wenn sie der guten Irene die Kette auf irgend eine Weise wieder zustellen konnten. »Die Hauptsache aber ist,« meinte der Forstmeister, »daß wir ergründen, was es mit Frau Berner auf sich hat; sie sind in der äußersten Not, sonst würden sie diesen Schritt nicht getan haben, wie bekommen wir es heraus?« »Ich weiß es,« sagte die Forstmeisterin, »es ist ein so schöner Frühlingstag, wir mieten uns einen Wagen, holen Frau Berner und Irene ab und fahren nach der Felsenburg, dort suche ich Frau Berners Vertrauen zu gewinnen, während du mit den Kindern im Walde auf Entdeckungsreisen ausgehst.« »Gut ausgedacht, liebe Frau, ich nehme mir noch den jungen Dr. Wendt mit, der ja bei Frau Berner zur Miete wohnt, er kann mir vielleicht sagen, ob dort augenblickliche Not herrscht, die wir lindern können.« Erfreut stimmte die Forstmeisterin ihrem Manne bei, sie war glücklich, wenn sie den Reichtum, der ihr von den Eltern zugefallen war, zum Nutzen ihrer Mitmenschen anwenden konnte.

Am Nachmittag rief der Forstmeister sein Luischen und sprach heimlich mit ihr. Des Kindes Augen leuchteten, sie nickte verständnisvoll und sagte, sie wolle alles wohl ausrichten. Darauf händigte er ihr das bewußte Kästchen ein, legte den Finger auf den Mund und sagte »Ganz schweigen.« Sie nickte wieder und verbarg das anvertraute Gut in ihrer Kommode. Dann kam ein offener Omnibus, die ganze Gesellschaft stieg fröhlich ein und fort ging's in die Tannenstraße, wo Frau Berner mit der Botschaft aus dem Mittagsschlaf geweckt wurde, sich bereit zu machen, da der Wagen warte. Es kam so schnell über sie, daß sie sich gar nicht besinnen konnte. So mußte man es machen, sonst wäre sie nimmer mitgekommen. Irene hätte kein junges Mädchen sein müssen, wenn sie nicht entzückt gewesen wäre von dem Gedanken, in einem schönen Wagen ins Freie fahren zu dürfen an einem wonnigen, schönen Maitag. Sie war zwar in der Küche beschäftigt und hatte ein Hauskleid an, aber Luischen, welche als Bötin ins Haus gesandt worden, half ihr beim Umkleiden, dann wurde die alte Dame angezogen und eh' sie sich's versah, saß sie neben der Forstmeisterin, Irene zwischen Magda und Luischen, der Forstmeister mit Dr. Wendt zusammen, den er sich von der Arbeit weggeholt, und so ging's in die schöne Gotteswelt hinein, daß alle Sorgen eine Weile schweigen mußten.

Jettchen und Minchen hatten dem davonrollenden Wagen nachgesehen. »Wie gut haben es doch die reichen Leute,« sagte Minchen zur Schwester, »könnten wir doch auch mit der guten Mutter eine Spazierfahrt unternehmen.« »Wir könnten es wohl, Minchen, wir haben ein schönes Taschengeld verdient, aber es ist besser, es bleibt zur Badereise, auf welche die Mutter sich schon so freut.« »Wer weiß, ob wir zur Badereise kommen, Jettchen,« sagte Minchen mit einem Seufzer und zog einen Brief aus der Tasche. »Es türmen sich für uns große Sorgen auf. Ich habe diesen Brief schon heute morgen bekommen, hatte aber nicht das Herz, ihn der Mutter zu zeigen, da sie sonst gänzlich um den Genuß der Tauben gekommen wäre, die sie nun mit so großem Appetit verzehrt hat. Wenn sie ausgeruht hat, muß die Sache besprochen werden, der Brief ist von Emma.« »Von Emma, dann sind gewiß Klagen darin.« »Viele Klagen und viele Bitten, doch da ist die Mutter, ich will ihn vorlesen.«

Wohlgeruht, in rosigster Stimmung kam Frau Ehrlich zum Vorschein. »Heute wollen wir recht vergnügt sein, Kinder,« rief sie den Töchtern zu, »die gestrigen Sorgen sind dahin.«

Sie pflegte oft selbst ihre kleinen Eigenheiten ins Lächerliche zu ziehen und gab dann in rührender Weise zu, daß es recht verkehrt von ihr sei, unnötig zu sorgen. Kamen wirkliche, große Sorgen, so war sie wunderbar gefaßt und ruhig, dann offenbarte sich ihr Gottvertrauen und ihr Glaube, sie konnte in solchen Fällen oft den Töchtern als Vorbild dienen. »Die kleinen Sorgen sind dahin, aber hier kommen die großen, Mutter,« sagte Jettchen, »es ist ein Brief von Emma da.« »Den wollen wir draußen lesen,« meinte Frau Ehrlich, »es ist ja heute prächtiges Wetter.« »Aber doch noch zu kühl, um draußen sitzen zu können, und dann – gibt es vielerlei zu besprechen.«

»Nun, so lies, Jettchen.« Es war ein langer Brief von der Schwester, in dem sie erzählte von einem nervösen Leiden ihres Mannes, welches so schlimm aufgetreten sei, daß der Arzt dringend einen Aufenthalt in einer Wasserheilanstalt wünsche. Allein könne er nicht gehen, sie müsse ihn begleiten, nun komme sie mit der Bitte, die Mutter möge doch ihre beiden kleinen Knaben, Fritzchen und Konrad, während der Zeit zu sich nehmen, die Schwestern könnten sie ja versorgen. Zum Schluß kam die Bitte um eine Geldunterstützung, das Kranksein des Mannes habe viel aufgezehrt und die Kur sei so kostspielig, daß sie es aus eigenen Mitteln nicht würden bestreiten können.

Der Brief war zu Ende, die drei saßen eine Weile ganz still. Endlich sagte die Mutter ruhig: »Jettchen, schreibe, daß sie uns die Kinder schicken.« »Aber Mutter, die wilden Knaben, es wird zu viel für dich.« »Im Sommer ist alles leichter,« war die Antwort, »in der Not können wir Emma und Georg nicht stecken lassen. Minchen, du wirst wohl hinmüssen und die Kleinen holen.« Minchen gab zu, daß das nötig sein würde, und fügte hinzu: »Wie wird es aber mit der Unterstützung?« Jetzt nahm das Gesicht der Mutter wieder einen sorgenvollen Ausdruck an. »Wir haben so eben unser Auskommen, wenn nun die Kinder noch mitessen,« sagte sie langsam. »Da kann erst recht nichts übrigbleiben,« klagte Jettchen. »Ich habe einen Gedanken,« warf Minchen ein, »ich weiß nur nicht, ob Jettchen damit einverstanden ist.« »Wenn's etwas Gutes ist, warum nicht,« sagte diese, gespannt, was wohl Minchen sich ausgedacht haben könnte. »Wir haben das zur Badereise ersparte Geld liegen, wenn wir es einstweilen den Geschwistern schickten, der Schwager ist elend, die Schwester grämt sich.« »Euer sauer erspartes Geld wollt ihr hingeben,« rief die Mutter, »das kann nicht gehen.« »Liebes Mütterchen, hingeben wollten wir es doch, aber für dich, also du wärst diejenige, die darunter leiden würde.« »Ich habe mich sehr auf die kleine Badereise gefreut, aber wenn die Kinder das Geld brauchen, dann schickt es ihnen in Gottes Namen, wir können auch wohl nächstes Jahr die Kur gebrauchen.«

»Mein gutes Mütterchen,« sagte Jettchen und umschlang die Mutter, während Minchen ihr einen Kuß auf die Stirn drückte. Als die Mutter aber an diesem Abend zur Ruhe gebracht war, saßen die Töchter noch lange zusammen auf, sie nähten beide eifrig, denn wenn in den nächsten Tagen die Einquartierung bevorstand, so mußte vorher noch verschiedenes fertig werden, was versprochen war. »Minchen,« sagte Jettchen, »wir müssen sehen, daß wir noch mehr verdienen können, die Knaben haben einen tüchtigen Appetit, und satt essen sollen sie sich bei den Tanten. Und für die Mutter müssen wir die Badereise erschwingen, der Arzt sagt, es sei unbedingt nötig.« »Das meine ich auch,« versetzte Minchen. »Ich werde jedenfalls abends ein bis zwei Stunden länger arbeiten, aber du, Jettchen, kannst es nicht aushalten, du mußt mir versprechen, daß du zur rechten Zeit zur Ruhe gehst, denn wenn du dich überanstrengst und wirst krank, haben wir doppelte Not.« »Mir ist überhaupt bange, wie es mit den Jungen gehen wird, Mutter denkt es sich leichter, und was sagen die Hausgenossen dazu?«

So saßen die beiden Schwestern und sorgten, während es oben recht fröhliche Leute gab. Man war sehr befriedigt heimgekehrt von dem schönen Ausflug und die Mädchen plauderten mit den Brüdern von diesem und jenem, was sie gehört. »Das hübscheste war doch, daß Dr. Wendt uns begleitete,« rief Otto, »er kann so lustig sein und hat viel Spaß mit mir und Rudolf gemacht. Du kennst ihn aber auch schon gut, Magda, du hast so viel mit ihm geplaudert.« »Ich habe euch ja erzählt, daß ich ihn als Jungen gekannt habe. Wir waren oft zusammen, er mochte gern in den Forsthof kommen, auch war er sehr geschickt und hat mir manche hübsche Sachen geschnitzt, aber das hätte ich nimmer gedacht, daß er einmal ein so kluger Herr werden könnte.« »Ja, so ist es,« sagte das verständige Luischen, »mancher Arme wird klug und angesehen und mancher Reiche wird arm.« »Dr. Wendt hat uns auch von dir erzählt,« fing der kleine Rudolf an. »Er hat dich als kleines Mädchen gekannt, du hast immer an der Gartenpforte gestanden und gerufen: ›Fritz, komm herein, Fritz, komm herein.‹« »O, und nun sagt sie: ›Herr Doktor‹,« rief Otto. Magda errötete und sagte lächelnd: »Ich kann ihn doch jetzt nicht mehr Fritz nennen, er nennt mich ja auch Fräulein.« Rudolf sah bewundernd an ihr hinauf. »Du bist aber auch ein schönes Fräulein,« sagte er. »Irene ist ebenso schön,« meinte Otto. »Aber sie hat nicht so feine Kleider,« bemerkte der Kleine. »Darauf kommt es nicht an,« sagte Luischen, »Irene sieht gerade in ihren einfachen Kleidern so hübsch aus.«

Nun ließen sich schwere Tritte oben vernehmen. »Wißt ihr,« rief Otto, »daß der alte Griesgram auch im Walde war, wir haben ihn gesehen.« »Ihr habt euch geirrt, der geht nicht spazieren, daß ihn andere Leute sehen.« »Er weiß es auch nicht, daß wir ihn gesehen haben, aber wir guckten in eine alte, morsche Hütte, die im Walde steht, dort saß er und regte sich nicht. Ihr könnt es glauben. Wir sind schnell davongelaufen.« – Während die Geschwister so miteinander plauderten, tauschten die Eltern im Nebenzimmer ihre gegenseitigen Erlebnisse aus. Frau Forstmeister hatte, als sie mit Frau Berner in dem hübsch gelegenen Wirtshaus, die Felsenburg genannt, allein war, es geschickt herauszubringen gewußt, daß Frau Berner wirklich in großer Not sei. Sie überlegte nun mit ihrem Gatten, auf welche Weise sie ihre Lage erleichtern konnten und zwar so, daß es ihr Zartgefühl nicht verletze. Wie dankbar waren sie gegen Gott, daß er ihnen die Mittel verliehen hatte, ihren Mitmenschen helfen zu können. Es lag ihnen beiden fern, ihr Geld und Gut zu vergeuden oder vor den Leuten mit ihrem Reichtum zu glänzen, sie sahen sich an als Gottes Haushalter, die dermaleinst Rechenschaft zu geben hatten von den ihnen anvertrauten Gütern.

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