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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
wgs9110
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13. Verschiedene Nöte.

Die gute Frau Ehrlich ging unruhig in ihrer Wohnung hin und her, von der Stube in die Küche, von da wieder zurück in die Stube. Sie stand eine Weile sorgenvoll am Fenster, statt sich, wie sonst, in ihren Lehnstuhl niederzulassen. Dann erschien sie wieder in der Küche, wo Minchen und Jettchen beide mit dem Rupfen einiger Tauben beschäftigt waren. »Aber bestes Mütterchen, da bist du ja schon wieder,« seufzte Minchen. »Setze dich doch ruhig in deinen Stuhl,« bat das sanfte Jettchen, »wir bringen die kleine Arbeit ohne dich fertig.« »Ich möchte noch das eine sagen,« versetzte die Mutter, »legt die Tauben, wenn sie gerupft sind, auch ja so, daß keine Katzen daran können. Tauben sind ein so großer Leckerbissen, der selten auf unsern Tisch kommt, wenn ich denke, sie würden uns weggeholt« – »Nein, liebe Mutter, wir wollen beide Sorge tragen, daß das nicht geschieht, beruhige dich.« Die Mutter ging. »Wenn wir doch die Tauben erst morgen gegessen hätten,« seufzte Jettchen, »ich wollte, Frau Mattis hätte sie uns gar nicht geschickt, die Mutter sorgt sich mehr, als die kleinen Dinger wert sind.« »So, nun sind sie fertig,« sagte Minchen, »jetzt wollen wir sie in die Speisekammer bringen und zuschließen, dann wird die Mutter ruhig sein.« Es geschah, die beiden Töchter gingen nach vorn, wo sie die Mutter in eifrigem Gespräch mit Frau Radke fanden.

»Ja, er liegt oft,« sagte die Alte, »er hat den Rheumatismus in den Füßen und überall, das kommt, weil er früher in heißen Ländern gelebt hat, darum kann er nun hier das Klima nicht vertragen.« »Was hilft ihm nun all sein Geld,« sagte Frau Ehrlich, »das kann ihn auch nicht gesund machen. Warum ist er nun nicht lieber geblieben, wo er war?« »Ich weiß es auch nicht,« seufzte die Alte, »aus der Person ist ja nichts herauszubringen; andere Menschen erzählen einem doch, was man sie fragt, aber ich habe schon alle Künste angewandt, um über den Herrn mehr zu erfahren, es ist alles umsonst. Ich bin sonst gar nicht dumm, und wenn die Welt, als ich in die Schule ging, schon so aufgeklärt gewesen wäre als jetzt, dann hätte ich grausam klug werden können, ich hatte einen guten Kopf zum Lernen.« »Sie wissen genug, Frau Radke, Sie sind mit Ehren durch die Welt gekommen, niemand vermißt es, daß Sie nicht mehr gelernt haben.« »Nein, es schadet auch nicht,« versetzte die Alte treuherzig, »meinem Mann weiß ich genug, und weit genug gebracht haben wir's im Leben. Wenn ich so denke, wie klein wir angefangen haben und wie wir nun ein so schönes großes Haus unser eigen nennen und lauter brave Menschen drin haben! Mein Mann sagte immer, er wünsche sich weiter nichts, als daß er einmal die Butter recht dick aufs Brot schmieren könne, na, das hat er und das tut er.« – »Minchen, die Tauben sind doch gut aufgehoben.« »Vortrefflich, liebe Mutter, sie sind in der Speisekammer, hier ist der Schlüssel.« »Sieh doch noch einmal nach, ob das Fenster auch fest zu ist, des Nachbars Katze –« Minchen war schon aus der Tür. Der Mutter Züge nahmen einen beruhigten Ausdruck an. »Was wollten Sie noch sagen, Frau Radke?« »Ich will jetzt gehen, es klopft, da kommt Besuch, ich komme ein ander Mal wieder.«

Die Alte verschwand und statt ihrer wurde ein frisches, junges Antlitz sichtbar. »Darf ich ein Weilchen kommen,« rief Irene, »Sie müssen aber ruhig beim Nähen bleiben.« »I, wo! Nähen!« rief das eben eintretende Minchen, »wir haben heute etwas anderes zu tun gehabt, morgen wird aber fleißig geschneidert, es sind zwei Kleider zu machen, welche diese Woche fertig werden müssen.« Jettchen und Minchen unterhielten sich bald so eifrig mit Irene, daß sie nicht bemerkten, wie Frau Ehrlich still hinausging. Nach etwa fünf Minuten kommt sie sorgenschwer ins Zimmer und ruft: »Minchen, die Tauben sind fort!« Auf Jettchens Antlitz malte sich stilles Entsetzen, Minchen aber brach in helles Lachen aus. »Nein!« rief sie, »nun dachte ich es sehr gut zu machen und habe die Sorgen noch vergrößert. Als du mich hinausschicktest, kam mir der Gedanke, die Täubchen unten in den Ofen des guten Zimmers zu stellen, dort stehen sie geborgen vor allen feindlichen Angriffen und von oben durch den Schornstein kommt ein frischer Luftzug.« »Meinst du,« sagte die Mutter gedehnt und ging ins Nebenzimmer, um sich die Geschichte anzusehen, während die geängsteten Töchter es Irene klagten, daß es immer mit der guten Mutter solche Quälszenen gebe, wenn sich einmal ein Leckerbissen auf ihren Tisch verirrte. Da kam das Mütterchen wieder, aber diesmal mit dem gewohnten, freundlichen Gesichtsausdruck, alle Wolken, die sich auf der Stirn gelagert hatten, waren verschwunden; sie klopfte Minchen auf die Wangen und sagte: »Das hast du gut gemacht, meine Tochter, jetzt bin ich ganz beruhigt.« Diese Ruhe hielt denn auch an, nachdem Irene längst gegangen war, ja bis zur mitternächtlichen Stunde. Da rief auf einmal die mütterliche Stimme: »Minchen, Minchen, es beunruhigt mich so, die Eulen werden doch nicht durch den Schornstein kommen und uns die Tauben holen.« »Nein, Eulen gibt es hier gar nicht, liebe Mutter, aber ich will nachsehen, ob die Tauben noch da sind, wenn du mir versprichst, dann ruhig einzuschlafen.« Das gute Minchen erhob sich von ihrem Lager und nachdem sie der Mutter die Versicherung gegeben, daß alles in bester Verfassung sei, schlief diese ein, während Minchen darüber nachdachte, wie es wohl komme, daß die Mutter, welche früher bei großen Sorgen allezeit ruhig und unverzagt gewesen, sich jetzt so viel unnötige Unruhe um kleine Dinge mache. Es lag gewiß in ihrem Alter, sie wollte alles tun, was in ihren Kräften stand, um ihr das Leben zu erleichtern.

Irene war, als sie Ehrlichs verlassen hatte, fröhlich heimgegangen. Sie wollte eigentlich noch bei Forstmeisters einen Besuch machen, aber da sie vom Mädchen hörte, es sei ein Herr zum Besuch, unterließ sie es. Welch ein Genuß war es jetzt, durch die Anlagen zu gehen, überall zeigten sich die ersten grünen Blätter und zarten Knospen, auf den wohlgepflegten Beeten gab es schon blühende Tulpen und Hyazinthen. Die Luft war lau und mild, man begegnete vielen Spaziergängern, fast tat es ihr leid, ihre Mutter nicht ins Freie geführt zu haben. Sie war in den letzten Tagen so bedrückt und traurig gewesen, obwohl sie alles getan hatte, um sie aufzuheitern. Sollte sie ihr wohl etwas zu verbergen haben? Sie eilte, nach Hause zu kommen, konnte es sich aber nicht versagen, in einem Blumenladen ein Veilchensträußchen für die Mutter zu kaufen. Sie fand dieselbe an ihrem gewohnten Platz, sah aber, daß sie geweint hatte. Sie hielt ihr die Veilchen hin und sagte: »Sieh, Mütterchen, die Veilchen, du darfst bei diesem schönen Wetter nicht drin sitzen, das macht dich schwermütig.« »Wer gab dir die Veilchen, Irene?« »Ich kaufte sie für dich.« »Du hättest die unnützen Ausgaben lassen sollen,« bemerkte die Mutter vorwurfsvoll. »Dir fehlt etwas und du sagst es mir nicht,« rief Irene, »du machst mir sonst keine Vorwürfe, wenn ich dir eine kleine Freude in dieser Art mache.« »Sei mir nicht böse, mein Kind, aber du weißt nicht, was mich seit einigen Tagen drückt, du mußt es aber doch erfahren, früher oder später. Das Handlungshaus, in dem ich mein kleines Vermögen hatte, hat Bankerott gemacht, wir sind noch ärmer als vorher, ich weiß nicht, woher ich die Miete nehmen soll, woher das, was wir zum täglichen Leben gebrauchen.«

Irene erschrak, sie mußten schon jetzt aufs äußerste sparen, sie wußte nicht, wie sie sich noch mehr einschränken sollten, als es schon geschah. Ja, wenn die Mutter kräftiger wäre, könnte sie sich einen Beruf außerhalb des Hauses suchen, aber die alte Dame war in den siebziger Jahren und kränklich, verlassen konnte sie sie unmöglich. »Du arme, liebe Mutter, sorge dich nicht,« sagte sie liebkosend, »der Herr wird schon Mittel und Wege wissen, uns zu helfen.« – »Ja, das wird er,« sagte Frau Berner zuversichtlich, »wenngleich mir jetzt alles dunkel vor Augen ist. Die Miete hätte schon bezahlt werden müssen, wenn es in diesen Tagen nicht geschieht, hat der Wirt das Recht, uns die Wohnung zu nehmen.« »Das kann und wird nicht geschehen,« rief Irene erschreckt aus, »nein, es muß Hilfe kommen.« Sie dachte nach, konnte aber nirgends einen Ausweg entdecken. Sollte sie zu Forstmeisters gehen und ihnen die Not klagen? Nein, diese prächtigen Leute taten schon genug. Laubes, für welche sie dann und wann feine Arbeiten zu liefern hatte, waren reich, aber sie um Unterstützung zu bitten, vermochte sie nicht. Jetzt kam ihr ein Gedanke. »Mutter,« rief sie, »ich hab's. Wozu liegt die wertvolle Halskette da, laß sie mich verkaufen, sie wird uns aus der Not reißen.« »Nie gebe ich das zu, Irene. Wie kannst du denken, daß ich das Einzige, was möglicherweise dazu dienen könnte, über deine Geburt Aufschluß zu geben, aus meinen Händen lassen werde.« Irene suchte der Mutter klar zu machen, daß daran überhaupt nicht zu denken sei, ihre Eltern seien beide tot. »Die Mutter ist es, aber ob du noch andere Angehörige hast, wer weiß es?« »Hier jedenfalls nicht, liebe Mutter, nach Westindien kehre ich nie zurück, laß mich die Kette zum Goldschmied bringen; er gibt sicher ein schönes Geld dafür, er wird sie ja nicht gleich wieder verkaufen, vielleicht ist es uns möglich, sie später wieder einzulösen.« So wußte es Irene durch Bitten und Schmeicheln dahin zu bringen, daß die Mutter halb und halb ihre Einwilligung gab.

Als das Licht angezündet war, durfte Irene die Kette aus dem verborgenen Schubfach nehmen. Prüfend ließ sie sie durch die Finger gleiten, es war eine schöne Kette, für sie zum Tragen viel zu kostbar. Es waren auch Buchstaben eingraviert, da, wo die Kette durch ein Schloß zusammengehalten wurde. Auf demselben sah man deutlich die Buchstaben A. B. s./l. Irene. Bedeuteten die Anfangsbuchstaben den Namen des Vaters? Wer konnte es wissen, anzunehmen war es. Frau Berner und ihre Pflegetochter betrachteten beide die feine Arbeit und die Mutter wollte aufs neue protestieren gegen den Verkauf des Kleinods, aber Irene nahm das Kästchen an sich und sagte halb scherzend: »Dies ist mein Eigentum, worüber ich frei verfügen kann. Tun wir ein Unrecht, so ist es durch die große Not, in der wir stecken, gerechtfertigt, kommen bessere Zeiten, löse ich die Kette wieder ein. Und nun sei wieder fröhlich, Mütterchen: ›Es ist ja nur ein irdisch Ding, zum Trauern zu gering‹,« klang es auf einmal von ihren Lippen, singend ging sie aus dem Zimmer, um das einfache Abendbrot zu richten. »Ein wahrer Gottessegen, dieses Kind,« mußte Frau Berner unwillkürlich laut sagen; mit einem Blick mütterlicher Liebe sah sie ihr nach.

Da tat sich der Vorhang voneinander und Dr. Wendt wurde sichtbar. »Heute wollen Sie mich wohl gar nicht haben, Frau Berner,« sagte er in einem Ton, der bewies, auf welchem freundschaftlichen Fuße er bereits mit der Dame stand. »Da Sie mein Klopfen nicht beantworteten, erlaubte ich mir einzutreten.« »Sie haben uns belauscht,« sagte Frau Berner halb im Ernst, halb im Scherz. »Ich trat ein, als Fräulein Irene singend aus jener Tür ging, und hörte Ihre letzte Äußerung.« »Das kann und soll jeder hören,« rief Frau Berner. »meine Irene ist ein Juwel, wenn alle jungen Mädchen wären wie sie –«

»Ich stimme Ihnen völlig bei, was ich jetzt von Ihrer Fräulein Tochter gesehen habe, hat mich mit Bewunderung erfüllt; sie ist den ganzen Tag fleißig und von einer Einfachheit und Bescheidenheit –« »Das sind alles äußere Eigenschaften, wenn Sie ihr Herz kennten,« rief Frau Berner mit mütterlichem Stolz, »es betrübt mich nur, daß sie meine Armut mit mir teilen muß.« Dr. Wendt sah sie erstaunt an, und Frau Berner erschrak. Sie hatte in der Aufregung mehr gesagt, als sie wollte, es sollte niemand von ihren Verhältnissen wissen. Sie lenkte deshalb ein und sagte: »Ich meine, ich wünschte ihr, daß sie es ein wenig besser hätte, daß –«

»Fräulein Irene hat eine vortreffliche Mutter, der sie viel verdankt,« fiel Dr. Wendt ein. »Ich bin nicht die rechte Mutter dieses Kindes,« sagte Frau Berner, die schon längst gewünscht hatte, ihren lieben Hausgenossen über ihr Verhältnis zueinander aufzuklären.

»Gehört habe ich schon, daß Fräulein Irene nur Ihre Pflegetochter ist, doch wagte ich nicht, Sie darüber zu befragen.« »Ich könnte ja eher ihre Großmutter sein,« versetzte Frau Berner. »Doch sie kommt – wenn wir einmal allein sind, erzähle ich Ihnen ihre Geschichte.«

Irene kam mit dem Teebrett und setzte es auf den Tisch, der zunächst der Tür stand. »Ich sehe, daß ich störe,« sagte Dr. Wendt sich erhebend. »Gar nicht, Herr Doktor,« sagte Irene, ihn begrüßend. »Sie trinken einmal am liebsten Ihr kaltes Bier, sonst könnten Sie ja eine Taste Tee mit uns trinken, es gibt allerdings nichts als ein einfaches Butterbrot dazu,« sagte Frau Berner. »Und heute würde auch die Butter kaum reichen,« fiel Irene errötend ein. Dr. Wendt sagte höflich, daß er gleich an die Arbeit müsse, er sei nur gekommen, um von Forstmeisters, wo er heute gewesen, Grüße zu bringen. »So, waren Sie dort,« sagte Irene, »ich wollte Fräulein Magda besuchen und ging nicht hinein, weil ich hörte, es sei Besuch da.« »Das tut mir leid,« sagte Dr. Wendt, »so haben Sie den weiten Weg vergeblich gemacht?« »Nein, ich habe im Erdgeschoß gute Freunde, bei denen ich ein Stündchen verplaudert habe.« »Und ich konnte gar nicht von Binders fortkommen, es sind so liebe prächtige Menschen, ich hoffe oft dort verkehren zu können. Sie waren erstaunt zu hören, daß ich bei Ihnen wohne, und ich wunderte mich, daß Sie miteinander bekannt sind, ich wußte es nicht. Aber der Tee wird kalt, ich wünsche den Damen eine gute Nacht.«

Dr. Wendt ging in sein Zimmer, zündete seine Lampe an und setzte sich an seinen Schreibtisch. Über demselben hing das Bild seiner verstorbenen Mutter, einer einfachen Frau in bäuerlichem Anzuge. Aber er schämte sich ihrer nicht, im Gegenteil, sie hatte den Ehrenplatz in seinem Zimmer, und jedem, der wissen wollte, wer die schlichte Frau sei, erzählte er von dieser seiner treuen Mutter, die keine Kosten und keine Mühe gescheut hatte, um ihm das Studium zu erleichtern. Sie war mit ihm in die Stadt gezogen, hatte sich und ihn mit ihrer Hände Arbeit redlich ernährt, bei seinem Studium hatten ihn wohlwollende Bekannte und Freunde unterstützt. Als er endlich nach angestrengter Arbeit so weit war, daß er für sich selbst sorgen konnte, da legte die treue Mutter das Haupt zur Ruhe, sie sollte nicht mehr erleben, wie ihr Sohn ein geachteter und angesehener Mann ward. Er machte glänzende Examina und leistete in seinem Fach Hervorragendes, so wurde ihm von seinen Lehrern und Gönnern geraten, die akademische Laufbahn zu betreten. Er hatte Physik und Mathematik studiert und war augenblicklich erster Assistent bei einem der Professoren an der Universität.

Seine Besoldung war bis jetzt noch gering, doch hoffte er baldigst, nach Vollendung einer größeren Arbeit, sich als Privatdozent zu habilitieren, und bei seiner hohen Begabung stand ein Ruf an eine Universität in nicht allzu weiter Aussicht. So hatte er das Ziel, das er sich schon als Knabe gesteckt, erreicht; er bildete sich aber nichts auf sein Wissen ein, seine Bescheidenheit machte ihn um so beliebter. Wenn er nur seiner Wissenschaft leben konnte, war er zufrieden, es war ihm gerade recht, daß er hier bei der alten Dame ein stilles Heim gefunden hatte. Er achtete Frau Berner sehr hoch, je mehr er sie kennen lernte. Seit einiger Zeit war ihr gedrücktes Wesen ihm aufgefallen und wenn er die heutige Äußerung damit in Bezug brachte, so hatte die alte Dame mit derselben Not zu kämpfen, die er nur zu gut von früher her kannte. Vielleicht konnte er etwas dazu beitragen, ihre Lage zu erleichtern, er wollte seine Augen recht auftun, und darauf achten, wo es fehle. Verschämter Armut ist immer schwerer beizukommen als der Not, die zur Schau getragen wird. – Er wollte arbeiten, aber die Gedanken waren heute so zerstreut. Wer mochten wohl Irenes Eltern gewesen sein, was würde er wohl durch die alte Dame über ihre Vergangenheit erfahren? Dann wieder waren seine Gedanken bei Forstmeisters, deren Häuslichkeit ihn anzog. Was war aus der kleinen Magda geworden! Wie kam es nur, daß sie ihm heute weniger fröhlich erschienen war als vor einigen Wochen, sie hatte einen unzufriedenen Zug im Gesicht gehabt. Die Mutter hatte auch traurig ausgesehen, sollte das Verhältnis zwischen Tochter und Stiefmutter wohl nicht das beste sein? Oder sollte Magda in Gesellschaft liebenswürdig und zu Hause bei der Arbeit mürrisch sein? Dann konnte sie sich an Irene ein Beispiel nehmen, an der er noch nie eine unzufriedene Miene gesehen hatte, obwohl sie nur ihrer Pflicht lebte, sich aber durch ihre Freundlichkeit und Holdseligkeit aller Herzen erwarb.

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