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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
wgs9110
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11. Der Korb.

Am andern Morgen durften die jungen Mädchen etwas länger als gewöhnlich schlafen; als sie dann zum Vorschein kamen, wußte eine noch immer mehr von dem hübschen Abend zu erzählen als die andere, so daß der Vater später schmunzelnd zu seiner Frau äußerte: »So vergnügt ist Magda noch nie aus einer Gesellschaft bei Laubes gekommen.« Magda war hinuntergeeilt, um die Weihnachtssachen, welche Jettchen und Minchen so hübsch angefertigt hatten, heraufzuholen; es drängte sie, alles der Mutter zu zeigen, eigentlich aber trieb es sie wieder zu den beiden guten Mädchen, die sie am gestrigen Abend wirklich liebgewonnen hatte. »Haben Sie denn ausgeschlafen?« rief sie freundlich, als sie ins Zimmer trat. »Hat Ihnen der Spatz auch nicht geschadet, liebe Frau Ehrlich?« »Gar nicht,« sagte diese, welche schon am Fensterplatz eifrig strickend saß, mit der Staatshaube auf dem Kopf, »ich liebe die Geselligkeit, je öfter Sie kommen, desto lieber ist es mir.«

»Ist heute wieder etwas los?« fragte Magda, verwundert auf die in Sonntagsgewändern gehüllte alte Dame sehend. »Gewiß,« sagte Frau Ehrlich, »ich würde doch sonst meine besten Kleider nicht preisgeben.« Jetzt trat Jettchen geschäftig in die Stube, die Ärmel waren aufgestreift und sie schien große Eile zu haben. »Gemach, Jettchen, nicht so hitzig, Kinder, ihr werdet noch fertig.« »Wir bekommen nämlich Besuch,« sagte Minchen, die eben eintrat, mit wichtiger Miene zu Magda. »Unsere beste Freundin, die auf dem Lande an einen Gutsbesitzer verheiratet ist, hat sich eben zum Besuch angemeldet, nun ist die beste Stube von unserm nächtlichen Schwärmen noch in Unordnung, deshalb müssen wir uns beeilen, mit allem fertig zu werden.« »Und nun noch das Mittagessen für den unerwarteten Gast bereiten,« rief Magda. »Da gibt's nicht viel zu bereiten,« sagte Minchen munter, »sehen Sie, hier ist mein heutiges Kochrezept.« Neugierig blickte Magda auf eine Postkarte, die folgendermaßen lautete: »Ein probates Kochrezept: Man schält Kartoffeln, aber für eine Person mehr als gewöhnlich und entnimmt alles übrige einem Korbe, der halb elf Uhr mit der Post eintreffen wird, begleitet von Eurer alten Freundin Katharine.« »So meldete sich die Dame an, das ist ja reizend,« rief Magda, »was mag nur in dem Korbe sein.« »Jedenfalls ein sehr anständiges Mittagessen,« sagte Minchen würdevoll. »Ich habe soeben meine Kartoffeln geschält und harre der Dinge, die da kommen sollen. Sind wir nicht reiche und glückliche Menschen? Wird es wohl noch einem so leicht gemacht, wenn er Gäste bekommt?« fragte Minchen, und die Mutter nickte lächelnd dazu. »Ja, meine Töchter und ich sind sehr dankbar und zufrieden für alles, was wir haben und täglich durch Gottes Güte genießen.« »Da ist ja der heutige Tag wieder ein Festtag,« sagte Magda, »ich – ich möchte wohl diese Freundin kennen lernen und wissen – was in dem Korbe alles ist,« platzte sie lachend heraus. »Sie sollen es erfahren und die Freundin sollen Sie auch sehen, das ist eine, die sich sehen lassen kann,« versetzte Minchen mit Stolz. »Aber nun schnell, Jettchen, wir werden sonst nicht fertig.«

Magda kam in sehr fröhlicher Stimmung oben an und berichtete der Mutter, was sie alles unten erlebt hatte. Da es an den Sachen, welche Magda mit nach oben gebracht hatte, noch zu tun gab, so setzte sie sich damit ans Fenster, aber so, daß sie sehen konnte, wenn die Dame mit dem Korb oder vielmehr der Korb mit der Dame erscheinen würde. Die Post kam in der Vorstadt an, nur wenige Häuser von dem ihrigen entfernt. Jetzt war's halb elf. Nun noch ein Weilchen. Richtig, da war sie! Eine große Dame von gefälligem Äußern, Fräulein Minchen trippelte glückselig neben ihr, und in der Mitte zwischen beiden schwebte der bewußte Korb. Die Unterhaltung ging eifrig zwischen den beiden Damen, der Korb schwieg dazu, er fühlte sich, war er doch der Held des Tages. Minchen konnte nicht umhin, einen Blick nach oben zu werfen, sie lächelte verständnisvoll, als sie Magda erblickte und sagte etwas zu der Dame, worauf diese auch hinaufsah und lächelte. Da wurde plötzlich im zweiten Stock ein Gepolter, und Magda hörte über sich die scheltende Stimme des Herrn. Was hatte er denn vor oder warum ärgerte er sich, wenn alles im Hause so vergnügt war?

Auf einmal erschrak Magda heftig. Es war ja Sonnabend, sie hatte vergessen, in die Malstunde zu gehen: Es hatte zu Hause so viel Hübsches gegeben, das ihr die Gedanken einnahm, so daß sie ihre Stunde darüber völlig vergessen hatte. Was würde der Lehrer, Herr Niemann, und ihre Freundinnen sagen? Sie eilte in die Küche, um es der dort beschäftigten Mutter zu sagen. Diese, welche glaubte, Magda sei längst fort, meinte, sie müßte gleich gehen und sich entschuldigen, dazu sei es nicht zu spät, sie werde den Lehrer gerade noch antreffen. Sie ging, wiewohl ungern, und kam sehr verdrießlich zurück. Als sie unten durchs Haus ging, ertönte fröhliches Lachen aus der Wohnung, sie hätte die vergnügten Leute beneiden können. An der andern Seite öffnete eben Frau Radke die Tür und winkte Magda bedeutungsvoll herein. »Ach, Fräuleinchen,« begann sie, »ich lege keinem Menschen einen Strohhalm in den Weg und nun muß mir das so gehen. Hätten wir doch diesen alten Griesgram nimmer ins Hans genommen«! »Was hat er denn getan?« fragte Magda neugierig. »Er will Sie alle samt und sonders aus dem Hause haben,« klagte die Wirtin. Als er das Haus gemietet habe, so hatte er ihr eben sagen lassen, habe alles leer gestanden, deshalb sei er hier eingezogen, nun sei das Haus voll neugieriger Menschen, alle guckten sie ihm in die Fenster. »In das zweite Stockwerk kann doch niemand gucken,« lachte Magda. »Das sagte ich auch zu der alten Mabel; aber sie blieb dabei, ihr Herr wolle ausziehen oder die andern müßten alle hinaus.« »Dann lassen Sie ihn nur gehen,« riet Magda sehr sachverständig. »Sie werden doch Ihren andern Mietern des einen wegen nicht kündigen.« »Nein, gewiß nicht, Fräuleinchen; aber sehen Sie, ihn behalten wir auch schon gern; er zahlt eine hohe Miete und ruiniert nichts; aber ich denke, er wird sich schon zufrieden geben, wenn die Jungen nicht immer hinaufsehen.« »Einigemal habe ich auch hinaufgesehen,« gestand Magda; »aber wir brauchen es ja nicht mehr zu tun.« »Nein, lassen Sie es lieber, Fräuleinchen, ich behalte Sie ja alle fürs Leben gern, ich lege niemandem –« »Einen Strohhalm in den Weg,« ergänzte Magda. »Nun warten Sie, wir wollen Ihnen behilflich sein, keiner soll seine Augen wieder nach den Fenstern des Wunderlichen erheben, ich will ein Strafbuch anlegen, wer es tut, zahlt fünf Pfennig.«

»Ach, wenn Sie es den Ehrlichs auch sagen möchten. Er hat sich heute morgen so wütend geärgert. Die Mabel sagt, er sitzt stets hinten, und heute in dem Augenblick, wo er sich einmal nach vorn wagt und den Vorhang ein wenig wegzieht, da muß gerade Fräulein Minchen mit einer Fremden kommen und ihn anlachen.« Nun war Magda alles klar. »Nein, Frau Radke,« rief sie und lachte herzlich, »die Damen haben nach mir gesehen; ich saß am Fenster und Fräulein Minchen nickte mir zu. Also hat sich der alte Griesgram gründlich geirrt.« »Nee, nun sehen Sie einmal, und darum den Spektakel! Na, ich will's der Mabel sagen. Nehmen Sie's nur nicht für ungut, Fräuleinchen, ich hatte mir vorgenommen, gleich die erste Person, die ich treffen würde, anzufassen, nun bin ich gleich an die richtige gekommen, das muß mir geahnt haben. In solchen Sachen hab ich immer Glück. Na, denn ist ja nun alles gut. Also, nicht nach oben sehen!« – »Wir wollen tun, was in unsern Kräften steht,« sagte Magda lächelnd und hätte fast über diesen Zwischenfall ihre Verdrießlichkeit vergessen.

Als sie aber nach oben kam, fiel es ihr wieder ein. Ihr Vater rief ihr in munterm Ton entgegen: »Nun, Magda, ich bekomme gewiß ein großartiges Gemälde zu Weihnachten, du malst wohl gewaltig.« Da kam es an den Tag, was sie drückte. Sie erzählte ihm zuerst von der vergessenen Malstunde, und als das heraus war, berichtete sie, Herr Niemann habe schon öfter seine Unzufriedenheit geäußert und heute, als sie um Entschuldigung gebeten wegen der Versäumnis, habe er gesagt, es sei nichts daran gelegen, malen lerne sie doch nie, ihr gehe das Talent vollständig ab. »Hatte ich nicht recht, Magda?« »Ja, lieber Vater, ich habe das Malen bis an den Hals satt und will gar nicht wieder hingehen.« »Bis Neujahr mußt du aushalten, aber dann laß es fahren. Siehst du, mein Kind, wer Talent hat, soll das ihm von Gott verliehene Talent pflegen und ausbilden, sich und andern zur Freude; wo es nicht vorhanden, soll man's nicht erzwingen. Ich habe bemerkt, daß du eine recht schöne Stimme hast, wie wär's, wenn du statt der Mal- Singstunden nähmst? Wir wollen es mit der Mutter überlegen. Ich sah es ja an jenem Abend gleich, daß es mit dem Malen nichts war, mußte es gleich ritsch, ratsch gehen, als der Vater tadelte!« Magda fiel dem Vater errötend um den Hals und sagte es ihm jetzt zum erstenmal, daß es ihr sehr leid getan habe, damals so heftig gewesen zu sein. Aber die Großmutter habe sie immer gelobt, deshalb habe sie geglaubt, sie sei eine Künstlerin. Die Mutter war sehr erfreut, als sie hörte, daß Magda selbst zu dem Entschluß gekommen sei, die Stunden aufzugeben, dadurch wurden drei Vormittage frei, die zu häuslichen Geschäften angewandt werden konnten, woran Magda immer noch nicht die gewünschte Lust und Freude finden konnte.

Gegen Abend kamen denn auch Fräulein Minchen und Jettchen mit ihrer Freundin, wie sie es versprochen hatten, zu einem kurzen Besuch. Minchen überreichte Magda lächelnd ein Tellerchen mit kleinen, von der Freundin selbst gebackenen Kuchen und einigen schönen Äpfeln. »Damit,« sagte sie, »Sie doch auch etwas mit dem Inhalt des Korbes bekannt werden.« »Das übrige,« sagte die Freundin lachend, »ist alles heute mittag verspeist worden.« Frau Mattis hatte mit Jettchen und Minchen die Schulzeit verlebt, und jedesmal, wenn sie sich wiedersahen, wurden alte Erinnerungen aus der Jugendzeit aufgefrischt, an sich oft geringfügige Sachen, aber sie wußten alle kleinen Begebenheiten so interessant darzustellen, daß sie auch andere belustigten. Die Damen erzählten, daß Frau Mattis Weihnachtseinkäufe gemacht habe, so daß der berühmte Korb, schwer bepackt, zurückreisen würde, nebst einer Menge anderer Pakete, die alle an die Post befördert werden müßten. »Darf ich tragen helfen?« fragte das allzeit dienstfertige Luischen. »Das wird gern angenommen,« meinte Frau Mattis, und als dann auch Magda sich erbot, die Dame zu begleiten, und Jettchen und Minchen selbstverständlich auch mitgingen, wurde schließlich ein ganzer Triumphzug daraus. Unter Scherzen und Lachen kehrten die vier Mädchen, alte und junge, als sie Frau Mattis mit allen Sachen glücklich zur Post befördert hatten, ins Haus zurück, froh, unter einem Dach miteinander leben zu können.

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