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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
wgs9110
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10. Arbeit und Vergnügen.

»Luischen, die Eltern haben beide rechte Eigentümlichkeiten an sich,« bemerkte Magda eines Morgens zu ihrer Schwester, als sie beim Ankleiden waren. Luischen stutzte und sah Magda groß an. »Eigentümlichkeiten,« wiederholte sie gedehnt, »das kann ich mir nicht denken.« »Ja, der Vater ist zu pünktlich; wenn nicht alles auf die Minute da ist, so trommelt er auf den Tisch oder an die Fensterscheiben, und je länger man ihn warten läßt, desto heftiger wird das Klopfen.« »Wir lassen ihn nie warten,« sagte Luischen, »er liebt es gar nicht, das ist aber keine Eigentümlichkeit beim Vater; die Herren warten immer nicht gern, meiner Freundin Emiliens Vater wird immer ganz böse, wenn etwas nicht zur rechten Zeit da ist.« »Und die Mutter,« fuhr Magda fort, »die kann es nicht sehen, wenn man einen Augenblick unbeschäftigt ist, man kann doch nicht immer gleich eine Arbeit zur Hand haben.« »Mutter sagt, der Strickstrumpf muß immer bereit liegen, du hast wohl bei der Großmutter mehr freie Zeit gehabt?« »Natürlich,« sagte Magda, »erstens konnte man morgens ausschlafen, dann saßen wir lange beim Kaffee, dann wurde ausgefahren oder spazieren gegangen und lesen konnte ich zu jeder Zeit, du hättest nur sehen sollen, wie gut ich es da hatte.« »Wenn ich erst erwachsen bin und nicht mehr die Schule besuche, dann sollst du es auch gut haben,« versetzte Luischen tröstend, »dann mache ich alle deine Arbeiten und du kannst dich ausruhen.« Magda wurde rot. »Deshalb sage ich es nicht,« versetzte sie, »ich werde mich wohl mit der Zeit mehr an das Leben hier gewöhnen.« Luischen sah betrübt drein. Sie liebte ihre große Schwester sehr und hätte es so gern gesehen, daß sie sich bei den Eltern glücklicher gefühlt hätte. Mitunter schien es so, da war sie fröhlich und guter Dinge, lachte und scherzte mit den kleinen Brüdern, half ihnen bei den Arbeiten, war aufmerksam gegen Vater und Mutter.

Aber jedesmal, wenn sie bei Laubes gewesen war, kam sie unzufrieden nach Hause, nahm den vornehmen Ton an und dünkte sich mehr als ihre Angehörigen. Die Eltern merkten es mit Betrübnis und sehnten die Zeit herbei, da Frau Laube und Tochter wieder auf ihr Landgut zurückkehrten, dann erst würden sie vollen Einfluß auf ihre Tochter ausüben können, erst dann hofften sie, würde sie sich völlig heimisch bei ihnen fühlen und die einfache, anspruchslose Lebensweise, welche sie grundsätzlich führten, lieb gewinnen.

»Magda,« sagte Luischen zu ihrer Schwester, die wohl ihre Toilette beendigt hatte, aber ganz in Gedanken versunken dastand, »Magda, der Vater trommelt schon ein wenig.« Erschrocken nahm Magda ihren Schlüsselbund und ging in die Eßstube, um dem Vater den Kaffee zu bringen. Die Mutter hatte ihr dies Amt übertragen, um sie dadurch zum frühen Aufstehen zu bringen; sie wußte es seitdem so einzurichten, daß sie selbst erst später als Magda kam, damit sich selbige nicht auf ihre Hilfe verlasse. Als Magda eintrat, trommelte der Vater schon ganz gewaltig und rief: »Vater und die Brüder bekommen wohl heute zur Strafe nichts zu essen?« Magda entschuldigte sich und schenkte schnell den Kaffee ein, die Mutter kam auch herzu und das hilfreiche Luischen besorgte am Frühstückstisch, was noch etwa nötig war.

Bevor die Kinder in die Schule gingen, las der Vater einen Abschnitt aus der Bibel, erklärte denselben und ermahnte die Kinder darnach zu tun. So wurde ihnen das Wort Gottes lieb gemacht und sie wurden schon in der Jugend damit vertraut. Nach der Andacht ging jedes fröhlich an seine Arbeit. Heute, sagte die Mutter, hoffe sie von ihrer ältesten Tochter rechte Hilfe zu haben, Ida sei bei der Wäsche mit der Waschfrau, da wollten sie beide die Geschäfte des Haushalts besorgen. Und gerade heute kam ein Kärtchen von Lucie, worin sie Magda bat, morgen nachmittag und abend an einer kleinen Gesellschaft von jungen Damen teilzunehmen. »Morgen, da wir am meisten mit der Wäsche zu tun haben,« rief die Mutter etwas unzufrieden, »erst vorige Woche hast du eine Gesellschaft dort mitgemacht; wird es nicht zu viel des Guten?« »Bei der Großmutter gab es im Winter jede Woche ein paar Gesellschaften, aber ich kann ja absagen, wenn du es nicht willst.« »Brav, Magda,« rief der Vater, »ich bin auch nicht für die vielen Geselligkeiten ohne die Eltern, ich möchte lieber, du verkehrtest nur in den Familien, wo Vater und Mutter mit dir zusammen eingeladen werden.« »Lucie ist aber doch meine älteste Freundin,« rief Magda in einem Ton, der bewies, daß es ihr mit dem Zuhausebleiben kein rechter Ernst gewesen war. Jetzt war es wieder die Mutter, welche ein gutes Wort einlegte. »Laß sie, Vater,« sprach sie bittend, »solange ihre Freundin hier ist, soll sie sie genießen; ich werde auch ohne Magda fertig, und wenn nicht, so kann ich mir jederzeit Hilfe nehmen.« Magda warf ihrer Mutter einen dankbaren Blick zu und half ihr recht treu diesen Morgen, wiewohl ihre Gedanken schon sehr von der morgenden Gesellschaft in Anspruch genommen waren. Die Kleider waren vorhanden, dank der großmütterlichen Fürsorge, die ihre Enkelin noch mit allem ausgestattet hatte, was sie für unbedingt notwendig gehalten.

Am nächsten Nachmittag bei guter Zeit zog sich Magda in ihr Zimmer zurück, um sich anzukleiden. Das Fenster des Schlafzimmers ging nach hinten hinaus, sie konnte nicht umhin, öfters hinauszusehen, nach dem Garten hin. Dort tummelten sich lauter fröhliche Leute. Der ganze Garten hing voll Wäsche, es war ein selten klarer Novembertag mit etwas Wind gewesen, und alle, selbst die Mutter und Luischen, waren beschäftigt mit dem Abnehmen der trockenen Wäsche. Und dabei lachten sie, als ob dies das größte Vergnügen sei. Magda begriff gar nicht, woher diese Fröhlichkeit kam, es war doch viel schöner, in Gesellschaft zu gehen, als sich mit der garstigen Wäsche herumzuplagen, sie beneidete die Ihrigen nicht. Um vier Uhr kam die Droschke, sie abzuholen, kurz vorher erschien Luischen und fragte, ob sie vielleicht etwas helfen könne, und dann, ehe der Wagen abfuhr, kam auch die Mutter, um Magda Lebewohl zu sagen. Sie bewunderte die immer gleichbleibende Freundlichkeit dieser Mutter, sie hätte ihr gern einmal gesagt, daß sie sie lieb habe, aber sie konnte sich nicht dazu entschließen, vertraulich mit der Mutter zu sprechen.

Als sie bei Laubes eintrat, sah sie im Eingang ein junges Mädchen stehen, das sie zu kennen meinte. Jetzt besann sie sich. »Fräulein Irene, Sie hier?« fragte sie erstaunt; »sind Sie auch eingeladen?« Irene errötete, und die Zofe, welche den jungen Damen die Sachen abnahm, sagte: »Ach nein!« mit einem Ton, als wollte sie hinzufügen: »Was denken Sie, die gehört nicht in unsere Kreise.« Lucie trat heraus: »Hier, Fräulein, ist das Geld für die Strickerei, entschuldigen Sie, daß Mama Sie nicht hereinkommen läßt, wir erwarten Gäste.« Irene verbeugte sich leicht und entfernte sich.

Magda hätte ihr gern die Hand gereicht und ihr einen Gruß an ihre Mutter aufgetragen, warum tat sie es nicht? Sie wußte doch, das junge Mädchen wurde von ihren Eltern geschätzt, auch glaubte sie, daß ihre Mutter den Umgang mit Irene für sie wünschte, wenn sie auch noch nichts darüber geäußert hatte. Es tat Magda leid, daß man sie hier so stolz abfertigte; früher wäre ihr das gar nicht aufgefallen, aber seit Frau Ehrlich ihr so gerade die Wahrheit gesagt, hatte sie mehr auf dergleichen geachtet.

Lucie nahm die Freundin nun vollständig in Beschlag, zwei der geladenen jungen Damen waren schon erschienen, die andern kamen nacheinander. Alle hatten gewählte, elegante Toiletten, die gegenseitig bewundert und besprochen wurden. Die Gold- und Schmuckgegenstände wurden gezeigt und verglichen, es war, als ob es nichts Wichtigeres auf der Welt gäbe. Als die Kleiderfrage erledigt war, kamen die Tanzstunden an die Reihe, die jungen Herren, mit denen man zusammentraf. Dann kam das Gespräch auf das Schlittschuhlaufen, das demnächst eine interessante Rolle spielen würde, es hatte schon etwas gefroren und viele vergnügte Nachmittage standen in Aussicht. Alle diese jungen Mädchen dachten nur daran, wie sie sich vergnügen konnten, es schien ihre Lebensaufgabe zu sein. Es kam Magda heute zum erstenmal der Gedanke, ob wohl keine unter ihnen Pflichten gegen die Eltern, ob wohl keine, wie sie, eine geregelte Tätigkeit zu Hause habe. Und als das Geschwätz und Gelächter zunahm, als die jungen Mädchen anfingen, über diese und jene Bekannte, welche abwesend waren, zu reden, ja sich lustig über dieselben zu machen, kamen Augenblicke, wo Magda sich in den traulichen Familienkreis daheim zurückwünschte, wo sie dachte, es sei dort mindestens ebenso schön, ja noch ansprechender als hier. Sie kam spät nach Hause, die Geschwister waren natürlich längst zu Bett, aber die treuen Eltern harrten ihrer. Als sie später im Bett lag, konnte sie lange nicht einschlafen. Sie dachte, die Mutter sei es wohl wert, daß sie einmal ihr zu Liebe die Gesellschaften ausschlüge. Und wenn Irene komme, wollte sie recht freundlich gegen sie sein. Sie sah immer noch das junge Mädchen bescheiden an der Treppe stehen, und wie ein glühendes Rot ihre Stirn bedeckte, als Lucie ihr so rücksichtslos das Geld hinzählte. Wie ganz anders würde Luischen sich verhalten haben, wenn sie an ihrer, Magdas, Stelle gewesen wäre; ihr Schwesterchen war so ein liebes Kind, sie konnte sie sich wirklich zum Muster nehmen. – Dann dachte sie an die ferne Großmutter, welche lange nichts von sich hatte hören lassen. – Oben ging der einsame, arme Mann noch mit lauten Schritten auf und ab, zuerst war es Magda unheimlich gewesen, aber jetzt war sie schon so daran gewöhnt, daß sie unter dem gleichmäßigen Geräusch, welches das Gehen verursachte, einschlief.

Am andern Morgen erzählte der Vater Magda, daß sie am Tage vorher auch kleine Freuden gehabt hätten. Luischen sei die Erste in ihrer Klasse geworden, und die Lehrerin habe sich in einem Brief an die Eltern sehr lobend über sie ausgesprochen. Die Knaben aber haben gute deutsche Arbeiten geliefert, und wenn die Kinder so fortführen, sagte der Vater, sollte es schöne Sachen zu Weihnachten geben. Ja, Weihnachten, das liebe Fest, rückte immer näher heran und nach einigen Wochen sprach alles davon. Otto und Rudolf kehrten ihre Sparkassen um und berechneten, wieviel sie für jeden ausgeben könnten, dann wurde Holz und Laubsägen eingekauft und es ging an ein Sägen und Wirtschaften, daß man meinen sollte, die beiden hätten allein für den Weihnachtstisch zu sorgen. Magdas und Luischens Arbeiten machten nicht so viel Geräusch, aber gewiß mehr Mühe. Aber es gab in diesem Hause nicht nur irdisches Sorgen für das Fest, sondern die Eltern waren darauf bedacht, in lieblicher Weise ihren Kindern die himmlische Bedeutung immer wieder nahezubringen und sie darauf hinzuweisen, wie sie ihre Herzen dem Jesuskinde bereiten müßten, damit es seinen Einzug halten könne.

Die Forstmeisterin hatte für mehrere arme Familien zu sorgen; sie war in der Stadt gewesen und hatte Stoff eingekauft zu Kleidern, Jacken, Mützen und Schürzen. »Ja, wenn es nun nur erst gemacht wäre,« sagte die Mutter zu den Töchtern, die mit großem Wohlgefallen die von der Mutter erhandelten bunten Stoffe betrachteten. »Im Zuschneiden der Kleider bin ich nicht so geschickt, und das Nähen nimmt viel Zeit weg.« »O, Mutter,« rief Luischen mit leuchtenden Augen, »ich weiß doch, wer uns die Sachen gern zuschneidet, Fräulein Minchen und Jettchen.« – »Das ist ein guter Einfall von dir, bitte doch eine von den Damen, auf wenige Minuten zu mir zu kommen.« Luischen flog davon und war schon nach ein paar Augenblicken mit Fräulein Jettchen oben. Die Mutter meinte, sie habe gewiß vor dem Fest doppelt zu tun; aber Jettchen erklärte, für die Weihnachtszeit würden keine Nähereien angenommen, es sei denn ausnahmsweise für besonders gute Freunde, wobei sie verstohlen der Forstmeisterin zublinzelte. Die letzten Wochen würden den Armen gewidmet, wenn Frau Forstmeisterin den Stoff liefere, wollten sie das Nähen übernehmen. »Wir helfen aber auch dabei,« sagte Magda, welche seit dem ersten Besuch bei Ehrlichs auf sehr gutem Fuß mit den Mädchen stand. »Versteht sich,« sagte Jettchen, »das erwarten wir gar nicht anders. Wie wär's, wenn wir einmal zusammen aufblieben zum Arbeiten, wir pflegen es vor Weihnachten immer zu tun mit einer oder der anderen Freundin. Wir nennen es: ›eine lange Nacht machen‹, und dies ist ein köstlicher Spaß. Fräulein Irene freut sich schon wochenlang darauf.« »Kennen Sie Fräulein Irene?« fragte Magda. »Gewiß,« war die Antwort, »sie ist ein reizendes, feingebildetes Mädchen und sehr geschickt in Handarbeiten.« Magda wurde rot, sie mußte immer wieder daran denken, wie wenig freundlich sie gegen sie gewesen, gewiß hatte sie Ehrlichs davon erzählt und dann würde Frau Ehrlich sie wieder tadeln, was sie ja auch verdient hatte. »Worin besteht denn nun eigentlich das Vergnügen?« fragte Frau Forstmeisterin lächelnd. »Darin, daß wir über die gesetzliche Zeit zusammen aufbleiben und Weihnachtsarbeiten machen. Um zwölf Uhr gibt es Kaffee mit Zwieback und dann beginnt die Munterkeit, die bis gegen zwei Uhr währt. Wir, die wir unter einem Dach sind, haben nicht nötig, mit Haustürschlüsseln zu rasseln, und Irene bleibt die Nacht bei uns.« »O,« sagte Luischen, und sah die Mutter bittend an. »Luischen ist ja schon ein verständiges Mädchen und hat gewiß vor der Mutter auch Geheimnisse, sie muß jedenfalls dabei sein,« bat Jettchen. »Wir wollen sehen,« meinte die Mutter, »es muß dann an einem Abend sein, wenn die Schule am folgenden Tage erst um neun Uhr beginnt.«

Es war in der zweiten Adventswoche an einem Freitag abend, als die Töchter des Hauses ihren Eltern schon um halb neun Uhr, gleich nach dem Abendbrot, gute Nacht wünschten. »Was hat das zu bedeuten?« fragte der Vater. »Eine Nacht soll durchschwärmt werden,« war der Mutter Antwort, »doch glücklicherweise behalten wir die Töchter unter unserm Dach, es geht auf keinen Ball, liebes Väterchen, nur ins Erdgeschoß.« Während die Mutter dem Vater die Sache erklärte, waren Magda und Luischen schon mit ihren Paketen, welche Geheimnisse für die Eltern bargen, hinuntergeeilt. Sie betraten das vordere Zimmer, wurden aber von Minchen in das anstoßende, bessere Zimmer geführt, wo ein helles Feuer im Ofen brannte und die Hängelampe über dem Sofatisch einen behaglichen Eindruck machte. Frau Ehrlich saß auf dem Sofa mit freundlich zufriedenem Angesicht, sie mochte gern Besuch haben. »Setzen Sie sich zu mir, Fräulein Magda, Sie sind ja doch die vornehmste.« »Zu Ihnen aufs Sofa will ich mich gern setzen, aber nennen Sie mich nicht die vornehmste.« »Ja, mein liebes Kind, außer Ihnen ist niemand hier, als Irene, und die macht Ihnen den Rang nicht streitig.« Gerade jetzt traten Jettchen und Irene ein. Sie trugen einen großen, verdeckten Waschkorb und setzten ihn auf die Erde.

Nachdem sie sich begrüßt hatten, deckte Minchen den Korb auf und zeigte den erstaunten Mädchen, was sie alles zurecht geschneidert hatten aus den Stoffen der Forstmeisterin. Reizende Kleidchen und Jacken, Schürzen und Höschen kamen da zum Vorschein, so daß Magda bewundernd ausrief: »Könnte ich doch auch schneidern!« »Sehen Sie,« sagte Frau Ehrlich triumphierend, »ich wußte wohl, was ich tat, als ich meine Töchter den Schneiderkursus durchmachen ließ.« »Es gibt nun an allen Sachen noch Kleinigkeiten zu tun, Irene, Sie machen so schöne Knopflöcher, die habe ich für Sie übrig gelassen,« sagte Minchen. »Und was sollen wir machen?« fragte Magda. »Sie haben Heimlichkeiten für die Eltern, was noch an den Kleidern zu tun bleibt, können Sie ja oben machen.« Magda sah immer wieder bewundernd auf Irene, sie sah gar so lieblich und freundlich aus, hatte etwas so Anmutiges in ihren Bewegungen, so etwas Feines und Sicheres in ihrem Auftreten. Da Irene neben ihr saß, fragte sie sie, woher sie denn Ehrlichs kenne. »Wir wohnten früher nebeneinander,« war die Antwort, »wir sind ganz auf dieselbe Weise mit ihnen bekannt geworden, wie Sie.« »Und Fräulein Irene gehört zu den Freunden, für welche meine Töchter die Kleider machen,« setzte Frau Ehrlich hinzu, das junge Mädchen, an dem sie nichts auszusetzen fand, liebevoll anblickend.

Auf dem Tische stand eine Schale mit Äpfeln, Nüssen und Pfefferkuchen, das sah so weihnachtlich aus. Nachdem die jungen Mädchen etwa eine Stunde gearbeitet hatten, sagte Minchen: »Nun bitte ich zuzulangen, es arbeitet sich dann um so besser.« Das ließen sich die jungen Mädchen nicht zweimal sagen, wie prächtig schmeckten die Apfel, wie gemütlich klang das Knacken der Nüsse dazwischen und wie knusperig war der braune Pfefferkuchen, mit den großen Mandeln darauf. Es war nur schade, daß die Mutter, als alle im besten Schmausen waren, plötzlich sagte: »Minchen, jetzt möchte ich zu Bett, geh' doch mit mir.« Minchen legte sogleich den eben angeschnittenen Apfel auf den Teller und geleitete die alte Mutter in die Schlafstube. »Wenn ich dann liege,« sagte die alte Dame, »möchte ich gern einige Weihnachtslieder hören; es schläft sich so gut unter Gesang ein.« Das gefiel den jungen Mädchen; als Minchen zurück war und ihren Apfel gegessen hatte, stimmten sie alle an: »O du fröhliche, o du selige –« »Nun singet und seid froh« und andere schöne Lieder. Dann, als Jettchen glaubte, die Mutter schlafe, machte sie leise die Tür zu und nun wurde fröhlich geplaudert von diesem und jenem, zwischendurch wurde eine Nuß geknackt oder ein Stückchen Pfefferkuchen geknappert, es gehörte einmal zur Weihnachtszeit. »Minchen!« rief eine Stimme aus dem Schlafzimmer. Minchen eilte zur Tür. »Das Nüsseknacken könnte nun wohl aufhören, erstens stört es mich und zweitens müssen auch noch einige Nüsse übrigbleiben.« Luischen, die eben eine Nuß zwischen den Fingern hatte, warf sie schnell wieder auf den Teller; dies sah so lustig aus, daß alle andern lachen mußten, und nun, da die Lachlust einmal rege geworden, konnten sich die Mädchen gar nicht wieder aus dem Kichern herausfinden. Und doch ging die Arbeit von den Händen.

Um zwölf Uhr erschien der aufmunternde Kaffee, Jettchen holte aus dem Ofen eine große, schöne Kanne, die Tassen, welche auf dem Nebentisch bereitstanden, wurden gefüllt und ein Teller mit Zwieback dazu herumgereicht. »Jettchen,« rief eine Stimme aus dem Schlafzimmer, beim Klappern der Tassen. Jettchen eilte an die Tür. »Mütterchen, schläfst du noch nicht?« »Du gibst doch nicht die Tassen mit den Goldrändern?« – »Nein, Mütterchen, die geblümten.« »Ja, das ist gut, junge Mädchen sind oft unvorsichtig, ich möchte nicht, daß die Tassen mit den Goldrändern hingeworfen würden.« »Sorge dich nicht, liebes Mütterchen, es sollen keine Tassen zerbrochen werden.« Die Tür wurde abermals geschlossen, und nun regte sich das Mütterchen nicht wieder. Ein wohltätiger Schlaf enthob sie aller Sorgen. Die Mädchen arbeiteten nun fleißig, bis tief in die Nacht hinein.

»Horch, was ist das,« rief auf einmal Irene, lauschend. »Es ist der nächtliche Schritt eines Mannes, der auch mit uns unter einem Dach wohnt,« sagte Magda. »Ich bin es nun schon gewohnt, glaubte aber nicht, daß man es hier unten auch dröhnen hörte.« Man erging sich in Mutmaßungen über die Lebensschicksale des armen Mannes, und Irene meinte, es sei doch traurig, so einsam und verlassen dazustehen. Sie sah sinnend vor sich hin. »Wenn man ihm doch helfen könnte,« sagte sie gedankenvoll. »Er könnte sich ja an seine Hausgenossen anschließen,« meinte Minchen, »Herr Forstmeister würde sich gewiß seiner annehmen.« »Vater ist in der ersten Zeit oben gewesen, um seinen Besuch zu machen, ist aber abgewiesen worden, es hieß, der Herr sei krank und könne keine Besuche annehmen,« sagte Magda. »Um so mehr würde man Mitleid mit ihm haben und ihn aufzuheitern suchen,« meinte das Luischen. Plötzlich nahm Irenens Gesicht einen heiteren Ausdruck an und sie meinte, da sei der Herr, der kürzlich bei ihnen eingezogen, von geselligerer Gemütsart. Er scheine viel Freunde zu haben, auch habe er nähere Bekanntschaft mit der Mutter gesucht. So plauderten die jungen Mädchen von diesem und jenem, bis Minchen warnend den Finger aufhob und rief: »Hört, ihr Damen, laßt euch sagen, die Glocke hat just zwei geschlagen.« Alle riefen, es sei von Müdigkeit keine Spur zu finden, doch der Vernunft mußte Raum gegeben werden; die Sachen wurden zusammengepackt und Magda und Luischen verabschiedeten sich. Magda konnte nicht umhin, Irene besonders freundlich zu grüßen und sie aufzufordern, sie öfter zu besuchen. Irene antwortete bescheiden, sie glaube wenig zu den andern Freundinnen zu passen, auch könne sie die kränkliche Pflegemutter nur ausnahmsweise verlassen, sie würde sich aber sehr freuen, einmal wieder mit Fräulein Magda zusammen zu sein.

Magda glaubte noch nie einen so fröhlichen Abend verlebt zu haben und sprach dies gegen Jettchen und Minchen aus. Minchen sagte lächelnd: »Nicht wahr, es ist gar nicht so übel, dann und wann einmal mit alten Jungfern zu verkehren, sie können, wenn sie das Herz auf dem rechten Fleck haben, mitunter noch lustiger sein als die jungen Mädchen.«

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