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Unter einem Dach

Helene Hübener: Unter einem Dach - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleUnter einem Dach
publisherVerlag von D. Gundert in Stuttgart
printrun18.-30. Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid1777d2b0
wgs9110
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9. Der Bewohner des zweiten Stockwerks.

Unter einem Dache mit den uns schon bekannten Familien lebte jener einsame Unbekannte, von dem niemand wußte woher und wohin. Es wird wohl Zeit, daß wir einmal verstohlen bei ihm einsehen. Erst einige Wochen, bevor Forstmeisters eingezogen waren, hatte der Fremde die Wohnung gemietet, jedoch unter seltsamen Bedingungen. Er hatte zwar dem Hauswirt seinen Namen genannt, aber verlangt, daß man ihn den Hausgenossen verschweige.

Da dieser Name durchaus kein ungewöhnlicher war und der Herr dem Wirt in freigebiger Weise mehr Miete geboten, als dieser verlangt, mit der Drohung jedoch, daß er sofort ausziehen würde, wenn über ihn gesprochen werde, so waren Herr und Frau Radke ängstlich bemüht, den Schleier, der über seiner Herkunft lag, nicht zu lüften. Die gute Frau freilich benützte voller Wißbegierde jede Gelegenheit, um Frau Mabel, die Wirtschafterin, nach allen Seiten hin auszuforschen. Diese aber, anders als sonst der Frauen Art, war undurchdringlich. Da der Herr, wahrscheinlich durch langen Aufenthalt in den Tropen, eine dunkelgelbe Gesichtsfarbe hatte, so wählte Frau Radke, die nie verlegen war, den Ausdruck: »der gelbe Herr« für den Bewohner des zweiten Stocks, und nicht lange währte es, so nannten sämtliche Hausbewohner ihn so. Er hörte es ja nicht und fragte nicht darnach, und den Leuten im Hause war es gleichgültig, ob sie seinen wahren Namen wußten oder nicht. Eine zweite Bedingung war, allen Miteinwohnern zu verstehen zu geben, daß niemand sich um ihn zu kümmern habe, er verlange keine Besuche, bitte, seine Fenster unbeobachtet zu lassen und seine Wohnung nicht zu betreten. Als Frau Ehrlich von diesen Forderungen hörte, machte sie ihrem Unmut durch laute Reden Luft. »Unerhört,« rief sie ein über das andere Mal, »wohnt mit uns in einem Hause und spinnt sich so ein. Das gefällt mir gar nicht, dahinter steckt etwas.« Da aber die Wirtin, sowie Frau Mabel unzugänglich waren in diesem Punkt, so ergab sie sich endlich mit dem Bemerken: nun wolle sie sich auch gar nicht um den sonderbaren Menschen kümmern, aber hübsch sei es nicht, unter einem Dach mit jemand zu wohnen, über dessen Lebens- und Familienverhältnisse man gar nicht nachdenken könne.

Was hatte denn das Leben diesem Manne gebracht, daß er sich scheu und bitter vor jedermann zurückzog? Zum Teil kennen wir seine Schicksale, es war Adolf von Busch!

Als er damals vor vielen Jahren bei seinen Verwandten zum Besuch weilte, bekam er, wie wir wissen, von einem Freunde die Aufforderung, ihn längere Zeit zu besuchen. Er sei, schrieb dieser, jetzt noch auf der Universität und bleibe noch etwa vierzehn Tage, er möge nach B. kommen und die Zeit mit ihm dort verleben, ihn dann aber nach Westpreußen begleiten, woselbst seine Eltern ein großes Gut hatten.

Adolf folgte der Aufforderung gern, das Leben in der großen Stadt gefiel ihm natürlich auch und die jungen Leute, denen reiche Mittel zu Gebote standen, leisteten sich alle möglichen Genüsse. Der Freund Martin studierte die Rechte, er konnte es nicht begreifen, wie Adolf das Leben auf der See, für das er noch immer schwärmte, dem ernsten Studium vorziehen konnte. Aber eine Neigung hatten sie beide gemein, sie liebten die Jagd über alles. Da in der Nähe der Stadt große Waldungen waren, so hatte sich der Freund die Erlaubnis erwirkt, hier jagen zu dürfen, und als nun Adolf ihn besuchte, konnte es kein größeres Vergnügen für sie geben, als mit ihren Flinten, wenn Martin freie Zeit hatte, dem Walde zuzueilen.

Eines Tages wanderten sie beide allein, die Flinten auf dem Rücken, dem Walde zu. Sie hatten denselben schon betreten, ohne diesmal an Jagen zu denken, denn sie hatten sich bei einem Gespräch veruneinigt, keiner wollte sein Unrecht einsehen; so kam es, daß aus einem kleinen Anfang ein trauriges Ende wurde. Adolf war leidenschaftlicher, heftiger Natur. Als der Freund ihn, seiner Meinung nach, beleidigt hatte, rief er in plötzlich aufloderndem Zorn: »Still, oder ich schieße.« Das letztere war nicht sein Ernst und doch tat er, als wolle er losdrücken – und – der unglückliche junge Mann hatte, ohne daß er es wußte und wollte, losgedrückt. Ein Schuß folgte, darauf ein durchdringendes Wehgeschrei, und der Freund lag in seinem Blute. Was nun folgte, läßt sich kaum beschreiben. Adolf warf sich in Verzweiflung über ihn, nahm sein Tuch und stillte das Blut, das aus der Wunde quoll, dann rief er laut um Hilfe. Leute, die auf dem Felde in der Nähe des Waldes beschäftigt waren, eilten auf den Hilferuf herbei und schrieen laut auf vor Entsetzen, als sie das Schreckliche gewahrten. Nur einer, der besonnenste unter ihnen, rief: »Wir wollen den Verwundeten vorsichtig in eine Köhlerhütte nicht weit von hier tragen, einer muß schleunigst in die Stadt eilen und einen Arzt holen.« Sie trugen den Unglücklichen in die Hütte, es wurde ein Lager hergerichtet und der leblose Körper darauf gelegt. Adolf, der in stummer Verzweiflung gefolgt war, konnte den Anblick nicht ertragen, er eilte hinaus vor die Tür der Hütte, immer nach dem Arzt ausschauend, der noch nicht da sein konnte. Da kam aus der Hütte einer der Männer hastig auf ihn zu: »Junger Mann,« raunte er ihm zu, »mit dem da drinnen ist's vorbei für immer! Laufen Sie, fliehen Sie, – Sie sind ein Mörder.« Als Adolf das eine Wort hörte, da war's, als ob alles in ihm erstarrte; er sah den Redner verwirrt an und stammelte: »Kann ich denn nichts mehr für meinen Freund tun?« »Für ihn nichts,« war die Antwort, »aber für sich selber, fliehen Sie, ehe der Arm der Gerechtigkeit Sie ereilt.« Er winkte mit der Hand, Adolf solle sich schleunigst von dannen heben, und er folgte. Willenlos, ruhelos flüchtete er immer tiefer in den Wald hinein, brachte die Nacht in einer Oberförsterei zu, wo er durch zwei gutherzige Mädchen, die nichts von der Sache ahnten, ein Unterkommen fand. Früh am andern Morgen eilte er von dannen und gelangte aus dem Wald hinaus auf einen Weg, der an eine kleine Bahnstation führte. Von da war er in kurzer Zeit dem Schauplatz des Unglücks entrückt. Wir wissen, daß er am andern Tag gegen Abend auf dem mütterlichen Gut ankam, von da ging es über Holland in die weite, unbekannte Welt, mit einem todwunden Herzen, mit zerrissenem Gemüt. Erst, als er sich eingeschifft hatte, als die heimatliche Küste seinen Augen entschwunden war, als er nur den Himmel über sich sah und das Meer um sich, da sammelten sich die Gedanken, da lag seine Schuld vor ihm und seine jetzige Handlungsweise erschien ihm fast ebenso strafwürdig als das Geschehene selbst. Hätte er nicht bleiben müssen und sich den Gerichten stellen? Er schauderte. Was hätte seiner gewartet? Gefängnis und noch Schlimmeres. Und die Schande, die er über seine Familie gebracht, – wenn er daran dachte, so war die Flucht das einzige, was er hatte tun können. Aber wie? wenn der Freund nur betäubt gewesen wäre, wenn er noch gerettet wurde? Aber nein, die Stimme tönte immer wieder an sein Ohr: »Er stirbt, fliehen Sie.« Nun war er auf der See, sein Wunsch war erfüllt; aber was lag ihm jetzt daran! Jetzt hieß es nur, so schnell wie möglich übers Meer, mit der Vergangenheit brechen und sich im Gewirre der neuen Welt verlieren. Er war in Nordamerika und in Südamerika, er arbeitete und schaffte im Schweiße seines Angesichts, er wurde reich, denn was er unternahm, das gedieh. Aber was lag ihm am Reichtum, das Geld hatte seinen Wert für ihn verloren. Wie er vom Innern Amerikas nach einer der westindischen Inseln gekommen war, wußte er selbst nicht; er wurde bald einer der angesehensten Plantagenbesitzer, es war ihm gleich, was er war und wo er war.

Doch sollte das Leben noch einen Wert für ihn bekommen, da er ein Wesen fand, das sich ihm ganz zu eigen gab. Es waren einige glückliche Jahre, die er mit seinem Weibe, einer Deutschen, verlebte. Vorher hatte er ihr seine Lebensgeschichte erzählt und als sie nicht zurückschrak, die Seine zu werden, da war's, als ob noch einmal lichte Tage für den armen, unglücklichen Mann kommen sollten, wenngleich die Erinnerung an das Geschehene beständig an seiner Seele nagte. Als ihm ein Töchterchen geboren wurde, war das Glück beider Eltern groß. Es währte nicht lange, da kam von einer andern Seite Unheil. Schon vielfach waren Empörungen ausgebrochen unter den Eingeborenen gegen die Fremden, und hier und da hörte man von Überfällen auf den Plantagen. Adolf war gut gegen seine Leute und befürchtete deshalb nichts, glaubte eine wichtige Geschäftsreise nach dem Festlande nicht aufschieben zu dürfen, und wenn ihm der Abschied von Weib und Kind auf einige Wochen auch schwer ward, so wußte er sie in den Händen treuer Diener und ging beruhigt. Als er wieder kam, fand er seine Plantage zerstört, sein Wohnhaus verbrannt, von Frau und Kind keine Spur. Nach weiterem Forschen fand er einen alten Diener schwer verwundet im nächsten Dorf. Dieser erzählte, daß er das Weib seines Herrn hätte retten wollen; in demselben Augenblick sei er niedergeschmettert worden. Es solle aber einer Dienerin gelungen sein, mit ihr zu entfliehen. Er nannte einen Ort, wohin der arme, geängstigte Mann sich alsobald begab. Dort fand er zwar Leute, die ihn freundlich aufnahmen, aber gewisses konnten sie auch nicht sagen. Sie hatten gehört, eine junge Frau, die geflüchtet war, sei in der nächsten Stadt an der Cholera gestorben und die Dienerin sei mit dem Kinde weiter gegangen. Bei weiteren Erkundigungen hatte man gehört, ein kleines Mädchen sei von einem Kaufmann angenommen worden. Es waren aber alles ungewisse, unzuverlässige Nachrichten, dazu herrschte Verwirrung und Empörung überall. Über den Tod seines Weibes erlangte er Gewißheit, über das Schicksal seines Kindes blieb er im Unklaren, doch war wohl anzunehmen, daß die Dienerin und das Kind auch von der Krankheit, die überall wütete, dahingerafft waren. Nun war das Maß seines Elendes voll. Er sah in dem Unglück eine Strafe für sein früheres Vergehen, er wußte, die Erde würde für ihn fortan nur ein Jammertal sein.

So bemächtigte sich seiner eine Bitterkeit und eine Schwermut, die durch nichts zu erschüttern war. Der wahre Trost war ihm noch verborgen. Still und in sich gekehrt, schweigsam, ja abstoßend wurde er; was gingen ihn die Menschen an, war ihm doch das Liebste genommen, er hatte kein Weib mehr, kein Kind, keinen Freund, keine Mutter und Geschwister. In die Heimat zurückkehren mochte und konnte er nicht, der Tod seines Freundes stand als drohendes Gespenst dazwischen. So verging ein Jahr nach dem andern; es mochten etwa zwanzig Jahre her sein, seit er den heimatlichen Boden verlassen, da erwachte plötzlich eine unwiderstehliche Sehnsucht nach der alten Heimat, über seine Tat war Gras gewachsen, aber seine alte Mutter lebte vielleicht noch; o wenn sie ihn wieder aufnehmen möchte, den reuigen Sohn, und ihm vergeben. Er verkaufte seine Pflanzungen, übergab sein Geschäft andern Händen und bestieg das erste Schiff, das nach Europa ging. Seine Dienerin, die ihm seit mehreren Jahren mit Treue und Hingebung gedient hatte, hatte er gefragt, ob sie ihn begleiten wolle. Die Alte war bereit dazu gewesen, denn sie hatte keine Verwandte, die sie zurückließ. Die Seereise war glücklich vollendet, aber nach eintägiger Eisenbahnfahrt erkrankte Adolf und mußte in dem Hotel einer großen Stadt absteigen. Die Alte pflegte ihn nach besten Kräften, sagte aber immer: »Herr, reisen Sie nicht weiter, hier ist es so schön, lassen Sie sich hier nieder und wohnen Sie hier in Frieden.« Ach, die Alte, die wohl einiges von seinen Schicksalen wußte, ahnte ja nicht, daß kein Friede für ihn vorhanden war. Aber es war ja gleich, wo er wohnte. Er wollte erst auskundschaften, ob seine Mutter überhaupt noch lebte, ob seine Schwester bei der Mutter war, oder verheiratet, an diese wollte er sich dann zuerst wenden, um durch sie den Zugang zur Mutter zu finden. Und dann – die Hauptstadt, in der er jetzt wohnte, war wunderbarerweise die Stadt, in deren Nähe sich das Unglück zugetragen hatte. Er hätte ja einen andern Ort wählen können, aber ein gewisses Etwas hielt ihn hier fest. Verborgen und unerkannt wollte er forschen, was damals aus der Geschichte geworden, ob dieselbe noch im Munde der Leute lebte oder ob alles vergessen sei.

Ohne daß es jemand merkte, war er schon mehrere Male hinausgepilgert in den Wald, wo die einsame Hütte noch vorhanden war, wenn auch fast zerfallen. Hier konnte er stundenlang sitzen, die Hände vor dem Gesicht, und wenn der Wind in den Baumkronen wehte und die Vögel schreiend darüber wegflogen, so hörte er immer wieder das Wort »Mörder«. Zwischen einst und jetzt lag ein Zeitraum von einigen zwanzig Jahren, aber es däuchte ihm, als sei es gestern gewesen, und wenn er von solchen einsamen Gängen zurückkam, so pflegte er ruhelos im Hause auf und ab zu gehen und laute Seufzer entquollen seiner Brust. Ob die Menschen sich hier wohl noch der Tat erinnerten? – Sie gingen alle so gleichgültig an ihm vorüber, in ihm, dem Ausländer, vermutete niemand einen Mörder. So schlich ein Tag nach dem andern dahin; wenn er auch verlangt hatte, es solle sich niemand um ihn kümmern, so beobachtete er genau die Bewohner des Hauses. Als er Magda zuerst im Garten sah, waren seine Blicke wie gebannt gewesen an ihrer schlanken, feinen Gestalt. Das war ja seine Schwester, wie sie leibte und lebte. Dieselben Augen, das aschblonde Haar, die Gestalt – nur einen sanfteren Ausdruck hatte Magdalene gehabt. Sollte sie mit seiner Schwester verwandt sein, wohl gar die Tochter? Aber das konnte ja nicht sein, die Frau des Forstmeisters, der das erste Stockwerk bewohnte, war ihm eine ganz fremde Erscheinung.

Man ahnte unten nicht, daß dieser Mann überhaupt Teilnahme haben konnte, er war ja selber schuld daran. Warum zog er sich scheu zurück, warum floh er alle menschliche Gesellschaft? Seiner alten Wirtschafterin hatte er wohl von dem Tode seiner Frau und seines lieblichen Kindes erzählt, auch von seinen sonstigen Schicksalen; aber daß er einen Mord begangen, das hatte er nicht über seine Lippen gebracht; er fürchtete, sie möchte ihn von Stund an auch verlassen und er dann ganz allein stehen. Was sollte er wohl ohne sie anfangen! sie wußte sich in seine Launen zu schicken, war schweigsam und zurückhaltend, besorgte pünktlich ihre Geschäfte, ja die Frau Mabel war unbezahlbar, wenn ihr Äußeres auch nicht dazu angetan war, Vertrauen zu erwecken. So kam es, daß der Herr und die Dienerin in dem sonst belebten, fröhlichen Hause ganz allein standen, daß jedermann vor ihnen zurückwich und sich ein geheimnisvolles Dunkel um diese beiden Personen legte.

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