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Unter der Treppe

Paul Haller: Unter der Treppe - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Werke
authorPaul Haller
year1964
firstpub1911
publisherH. R. Sauerländer
addressAarau
titleUnter der Treppe
pages32
created20140901
sendermarc.rolle@bluewin.ch
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Dreißig Mädchenköpfe beugten sich in Reihen über die Hefte, emsigst beflissen, die Reinschrift zu Ende zu bringen.

«Schluß!» sagte Fräulein Fink. «Durchlesen und beim Hinausgehen die Hefte abgeben!»

Einige Köpfe erhoben sich, Augen blitzten, tief wurde Atem geschöpft, Tintenfässer schlugen zu, Federn fielen zu Boden, während andere in ungeschickter Eile weiterflogen, um den nächsten Punkt zu erhaschen. Dann klang das Glockenzeichen und begrub die Stille im Lärm des allgemeinen Aufbruchs.

«Halt, warten! Fast hätt’ ich vergessen, daß ich noch etwas mit euch zu reden habe.»

Ungeduldig setzten sich die schon Halbentwischten, und während draußen der tägliche Zwölfuhrsturm durch Gänge und über Treppen toste, verkündigte die Lehrerin ihrer Klasse das Urteil über die zehnjährige Emma W., die sich in den letzten Wochen und Tagen wieder durch Übermut und schlimmstes Betragen ausgezeichnet. Gestern erst hatte sie Gerichtspräsidents Elisabeth, die in frischweißem Waschkleidchen vor ihr saß, mit schwarzen Tintenfingern ein Negergesicht auf den Rücken geklext, das Kleid völlig verderbend; hatte ihr dann unbemerkt die Enden des schönen Zopfes abgeschnitten und die Locken an Knaben verschenkt, die damit ihren Spott getrieben. Diese Sache war zwar durch den Gerichtspräsidenten bei der Schulbehörde anhängig gemacht worden; doch wollte es sich die Lehrerin nicht nehmen lassen, auch ihrerseits eine Strafe auszusprechen. Laut und hart klang ihre Stimme; man spürte, daß diesmal die Gerechtigkeit wie ein Blitzstrahl niederschlagen werde, und zitternd senkten sich die 70 Köpfe der Ängstlichen, als ob das Gewitter mit den Schuldigen auch die reinen Gewissen ereilen könnte.

«Ihr alle könnt bezeugen, daß Emma von mir seit Wochen ermahnt und wieder ermahnt worden ist, sich als anständiges und gutes Mädchen zu betragen. Sie fällt also nicht unvorbereitet in die strenge Strafe, die ich ihr heute diktieren muß. Ich schäme mich, es vor euch zu sagen — eure Mitschülerin hat diesmal sogar Knaben zu Vertrauten ihrer Bosheit gemacht. Emma hat einen schlechten Charakter. Emma hat nicht nur aus Übermut, sondern aus Verdorbenheit des Herzens gesündigt und erhält deshalb ein Verbot, das ich noch nie, seit ich Lehrerin bin, ausgesprochen habe. Sie wird am Donnerstag an unserem schönen, lieben Jugendfest nicht teilnehmen, sondern den ganzen Tag zu Hause bleiben. Was die Schulbehörde ihr noch zu sagen hat, wird sie später erfahren.»

Auf den Gesichtern der Kinder malte sich Schrecken, Abscheu, Zustimmung; aber nur Elisabeth brachte ein schadenfrohes Lächeln zutage, während die andern wie gelähmt in ihren Bänken saßen. Das Jugendfest! Nur wer schon dabei gewesen, kann die Bedeutung dieses Verbotes ermessen. Der Tag aller Freude und Hoffnung, um den das langweilige Jahr wie um einen leuchtenden Stern sich dreht! Ausgestoßen vom Jubel des Festmorgens und der Erwartung seiner Vorbereitungstage; kein Festzug, kein Weißbrot und keine Batzen, kein Kadettenmanöver und kein Tanzplatz, kein Spiel, kein Fackelzug! In den Gängen war der Lärm verrauscht; es blieb still in der heißen Stube, obschon alle nach Hause verlangten, den längst entschwundenen Klassen nach. Es waren einige, die glaubten, der liebe Gott 71 werde jetzt im Zorn durch die Türe treten und die Sünderin eigenhändig am Kragen ergreifen. Nur diese selbst schien der Gewalt des Augenblicks unzugänglich; trotzig saß sie in der hintersten Bank, ein eigentümliches Zucken der Muskeln auf den Wangen, den scharfen Blick wie einen Dolch in die Augen der Lehrerin gebohrt, die Hände um die auf ihren Knien stehende Schulmappe geklammert.

«Ich will es schon aufnehmen mit dir», schien dieser Blick und diese Haltung zu sagen. «Mit dir, mit euch allen, selbst mit dem lieben Gott, wenn er mir etwas zuleide tut.»

Ganz vergeblich wartete Fräulein Fink auf eine Träne, um ihre harte Rede wenigstens mit einem versöhnenden Blick schließen zu können; sie mußte das strenge Wort ihr letztes sein lassen und hatte beinahe das Gefühl einer Niederlage, als sie endlich allein im Schulzimmer stand und nachdenklich über die leeren Bänke hinblickte. Ohne diese unangenehme Empfindung hätte sie in diesem Augenblick beschlossen, endlich energisch auf Entfernung des Kindes als einer Gefahr für die ordentliche Mehrheit der Klasse zu dringen. Denn sein Wesen war wirklich kaum zu ertragen, seine Unruhe eine beständige Geduldsprobe, sein Blick ohne Zutraulichkeit, seine Bosheit immer raffiniert und ausgesucht, seine Vorliebe für Knabengesellschaft vor allem verdächtig und zum Aufsehen mahnend. Aber wie? Sollte sie nun vor sich selbst den Schein aufkommen lassen, als müsse die Behörde ihrer Verlegenheit zu Hülfe kommen? Äußere Machtmittel, wo die innere Autorität mangelte? Ihr blieb ja auch trotz allem eine kleine Hoffnung, des Trotzkopfes noch Herr zu werden, durch 72 «psychologische Behandlung» das verschlossene Gemüt sich aufzutun. Denn Fräulein Fink glaubte allzufest an die Güte der Menschennatur, um schon an einem Kind für alle Zukunft zu verzweifeln.

Emmas Jugend hatte wirklich, vielleicht noch mehr als Fremde ahnen konnten, durch frühen Einblick in Familienzank und übernachsichtige Erziehung Schaden gelitten. Ihre Mutter, aus Verzweiflung über ein zerbrochenes Eheglück, hatte ihr ganzes Herz an das einzige Kind gehängt und die selten erhobene Hand immer ungeschlagen wieder sinken lassen. Traf sie doch tagaus, tagein kein anderer Sonnenstrahl als das Lachen dieser Kinderaugen, aus denen ihre eigene Jugend und einstige Hoffnungen sie anblickten. Gerne redete sie sich darum ein, daß ihre heiße Liebe für alle Kraftlosigkeit gutstehen werde. «Und schließlich, man muß dem lieben Gott auch etwas zutrauen», sagte sie, lächelnd den widerspenstigen Krauskopf streichelnd.

Als Emma diesmal nach Hause kam, hing schon ihr Jugendfestkleidchen, frisch gewaschen, über der Stuhllehne am blauen Ofen, und auf dem Tisch wartete ihrer die Suppe, würzig dampfend, welche Frau W. jeden Tag mit neuer Freude kochte, nur um das Kind essen, sich satt essen zu sehen. Denn für sich selbst hätte sie nie eine Pfanne ans Feuer gerückt; wohl aber beneidete sie die kinderreichen Mütter, denen es gegeben ist, hin und wieder ein Lieblingsgericht vor ein Rudel rotbackiger Buben hinzustellen. Welcher Jubel, welche Gier, was für ein Dreinhauen und Löffelblitzen! Und was für ein Hochgenuß, mitten in solcher Schar sitzend sich selber erlaben zu können! Stiller das Vergnügen der Verlassenen, die für das Einzige kocht, das ihr geblieben; 73 aber doch noch eine Freude, nicht zu vergleichen mit dem trostlosen Stehen am Herd, wenn niemand ist, der auf die Suppe wartet! So sah sie auch jetzt mit leuchtenden Augen, wie das Kind über seinem Teller hing, einem ausgehungerten Ferkel gleich, das über sein volles Tröglein geraten ist.

«Gelt Mutter», sagte dann Emma, sich satt an die Wand zurücklehnend, «alle Kinder dürfen ans Jugendfest? Das hast du gestern gesagt.»

«Ja, ja, Emmeli, alle Kinder, die ein Kleid haben. Siehst du, wie schön dein Rock gewaschen ist und wie weiß er leuchtet vom Ofen herab?»

Frau W. sprach etwas müde. Ihre Worte schienen sich an den blassen Lippen festzuklammern, die sich nur wenig öffneten. Zwar war ihr Gesicht starkknochig, wie das des Kindes; aber während bei jenem unter unbändigen Blondhaaren dunkle Augen unkindlich scharf hervorstachen, lag über ihrem Blick, wenn sie nicht eben lachte, ein Schleier von Harm und Mutlosigkeit, der die ganze Gestalt schmächtiger und feiner erscheinen ließ, als sie in Wirklichkeit war. Selbst wenn sie ging, war es nicht mehr der kräftige Schritt, der zu ihrem Körper paßte, sondern ein zaghaftes Vorwärtsrücken, als ob der Boden vor ihren Füßen versinken könnte.

«Ja, gelt aber, alle die ein schönes Kleid haben?» fragte Emmi nochmals eindringlich, und ihre Augen sprühten dabei. «Nur die nicht, die kommen wollen wie am Werktag, etwa wie der Straßentoni, gelt aber?»

Zum zweiten Mal bejahte die Mutter, nicht ahnend, warum dem Kind an ihrer Antwort so viel gelegen war. So eingeschränkt sie das Jahr durch lebte, das Jugendfest 74 nicht zu feiern oder gar dem Kind diese Freude zu versagen, was für ein Gedanke! Vielmehr war sie gewohnt, wie in den guten Tagen ihres Familienglücks, durch frischen Schweinebraten, grüne Bohnen und die ersten weißmehlig geschwellten Kartoffeln dem Festessen den richtigen Glanz zu geben und dem Kind mit Süßigkeiten die Taschen zu stopfen. Ja, ob sie auch selbst zu Hause blieb, dieser Tag war überhaupt das einzige Fest, das ihr Kalender kannte. Mehr als sonst noch lebte sie dann in der Erinnerung und war glücklich im Glücke ihres Kindes. Auch jetzt schon erlebte sie eine stille Vorfreude und achtete wenig auf das veränderte Wesen des Kindes, das plötzlich verstummt war und diesen ganzen Tag verlegen, wortkarg und wie in tiefe Gedanken versunken blieb. Seiner Launenhaftigkeit gewohnt, gab sie sich keine Mühe um das Geheimnis, das es sichtlich bedrückte, und so blieb ihr sein Vergehen, seine Strafe, aber auch der trotzige Entschluß, den es heimlich gefaßt, vorläufig verborgen.

Das Jugendfest war da, ein Ferien- und Lusttag des ganzen Städtchens seit grauen Jahrhunderten. Wie ein märchenhaftes Silberschlänglein wand sich am Morgen der Kinderzug durch die schwarzen Gassen zur tannenduftenden Kirche, die in ein grün ragendes Waldzelt verwandelt schien. Da schwammen die ahnungsvollen Glockenchöre über den alten, hochwalmigen Dächern, die Brunnen sprangen vor Freude zum Himmel empor und fielen durch Regenbogen auf blitzende Moosteppiche und farbensprühende Sommerblumen, Kränze schwangen sich hoch in den Lüften von Haus zu Haus, von Fahnen umflattert, und schmetternde Marschmusik hämmerte die Fenster ein, die sich dem Jubel 75 noch nicht geöffnet hatten. Dann schwenkte die Musik ab, und auch vom Glockenturm fiel eine große Stille über die plötzlich menschenleer gewordenen Gassen und Plätze, während durch die Kirche die fernen, tiefen Festlieder orgelten. Dort drinnen waltete jetzt die große Festfeierlichkeit; draußen aber stand ein einziges Kind, das doch wie die andern ein weißes Kleidchen umhatte und einen Strauß von Nelken und Rosmarin in den Händen, allein hinter der Stadtmauer, die sich an die Kirche schließt, und fühlte die Stille wie ein eisernes Band sich um seinen Hals legen. Es hatte keine Tränen in den Augen, es horchte nicht auf die dumpf daherrauschenden Orgelwellen und die Lieder seiner glücklichen Altersgenossen; seine einzige Sorge war, wie es nun zu den Batzen gelangen wolle, die drinnen in der Kirche an alle Kinder ausgeteilt wurden und ohne die es in seiner Ausgestoßenheit den ganzen Festtag entlang keiner Freude teilhaftig werden konnte. Was sollte es sagen, wenn die Mutter, die sich sonst jedesmal über dem guten Mittagsmahl mit dem Kind an den Batzen gefreut, danach fragte? Wenn dann alles an den Tag kam und das fröhliche Gesicht, das so selten lachte, in Tränen ausbrach? Wenn die Mutter darauf bestand, daß es sich der Strafe zu unterziehen habe und wirklich, unweigerlich zu Hause bleiben müsse? Emmi fühlte, wie ihr Herz mit stockenden Hammerschlägen gegen die Rippen stieß, wie ihr Leib sich schmerzlich zusammenzog und ihr Hals vor Schluck- und Atemnot sich selbst zu erwürgen schien. Um sie herum aber lag in den Sommergarten an der Stadtmauer und in allen Winkeln des Kirchplatzes die friedsame Morgenstille, Orgel und Lieder waren verklungen; jetzt wurde drinnen 76 die Festrede gehalten, und nachher ging es ans Brot- und Geldverteilen. Zwei matte Augen ruhten auf dem Kind, umwölkt von Harm und Mutlosigkeit: Mutteraugen.

Das war nicht zu ertragen. Emmi schlich sich scheu aus dem Städtchen und betrat die Berg- und Waldwege, die hoch über den Dächern und dem Kirchturm hin durch schnurgerade Tannengassen in tausendstämmige Buchengründe führten. Dort oben war ununterbrochen ein eintöniges Summen der Insekten, die um die Blüten der Waldblumen und um duftende Pilze flogen, ein verspäteter Vogelmorgenruf und eine Einsamkeit, die das Kind beruhigte. Eine andere Welt war hier als drunten im sonnigen Tal, ohne Schule und Lehrerin, ohne Verbot und Entsagung, ein Land des Traums und des wohligen Friedens. Langsam schritt Emma auf dem moosigen Boden unter den grünen Gewölben, unhörbar, immer den Strauß in den Händen, und mit jedem Stamm, an dem sie vorüberkam, öffneten sich neue Tiefen, endlos sich aneinanderreihend. Der Wald schien ihr ein großes Schloß voller Geheimnisse, die weiter und weiter lockten, treppauf, treppab, durch Türme und Gänge in allen Richtungen. Angst war ihr ganz fern; denn durch die grünsten Finsternisse brach immer wieder ein Sonnenstrahl, der vor ihr her über tausend Gräser und Blätter hüpfend ihr den Weg zeigte. Bis von fern durch die Stämme die hellen Stimmen einiger Landkinder drangen, die schon jetzt aus der Nachbarschaft dem Feste zuzogen, lachend und ihre ersparten, dürftigen Batzen sich unter die Augen haltend. Diese Stimmen rissen Emma aus ihrem Traumwandel in die Wirklichkeit zurück und ließen einen bösen Gedanken sich vor 77 ihr erheben, verführerisch, unwiderstehlich. Durch die Stämme gleitend, durch Büsche sich drängend, trat sie plötzlich aus einem Versteck vor die beiden kleinen Knaben hin, deren Schwesterchen entfloh, und nach kurzem Kampf wurden die Festbatzen ihre Beute, mit der sie eiligst so tief in den Wald hineintauchte, daß das Jammergeschrei der Ausgeplünderten hinter ihr verklang. Nach dieser elenden Tat fühlte sie zuerst den angstvollen Hammerschlag des Herzens wieder; bald aber nahm die Freude des Besitzes, die Vorstellung des Mittagsmahles und aller nun gesicherten Herrlichkeiten des langen Nachmittages ihre Seele bis zum hintersten Winkel in Beschlag.

Längst war in der Kirche die Feier vorbei, in den Häusern wurde gekocht und gebraten, ein großer Kuchen fehlte heute auf keinem Tische. Dann zog mit heller Pracht der Nachmittag in das Feststädtchen ein, zu neuem Ergötzen lockend. Unter dem breitschattenden Platanendach tummelte sich der Tanz der jungen Welt, unermüdlich und staubaufwirbelnd. Und ebenso unermüdlich bewunderten eifersüchtige Mütter in langen, warmen Reihen auf sanft ansteigender Tribüne zusammengepfercht, das Spiel der kleinen Liebhaber und Liebgehabten. Ringsum flutete, nachdem drunten am Fluß die letzten Schüsse der Kadettenschlacht verhallt waren, das Festleben der Alten und Jungen, das Gedränge der Verwandten und Bekannten, der Lärm der Pfeifchen und Kautschukschweinchen, das Geschrei der Kleinsten, denen der farbige Ballon in die höchsten Baumkronen oder in den blauen Himmel entwischt war. Und ein gemütlicher Duft von Tannen, Blumen, Staub und Menschen lag über dem Treiben, 78 der auch einem Tauben von ferne den Weg zum Festplatz gewiesen hätte.

Eine breite Holztreppe, mitten durch die Tribüne steigend und so die langen Mütterreihen halbierend, barg unter sich einen stillen Winkel, der zwischen den Tritten Aussicht auf das Tanzfeld und doch volle Sicherheit vor Späheraugen bot, und über dem die Menge ahnungslos sich auf und ab bewegte. Ahnungslos, daß unter ihren Füßen zwei Ausgestoßene in der Einsamkeit saßen. Emmi hatte sich, seiner Aufsicht führenden Lehrerin behutsam ausweichend, in diesem Schlupfwinkel eingenistet, erhitzt, scheu und glücklich im Genuß der verbotenen Festseligkeit. Kaum hatte sie beachtet, daß hinter ihr schon ein Junge unter den Tritten kauerte, bis dieser, vorsichtig ihre hellrote Schulterschleife zupfend, ihr einen halbabgeschleckten Zuckerstengel entgegenstreckte: «Da, nimm auch!» Es war der Straßentoni, der in seinem abgeschabten Alltagskleid dasaß. Der Straßentoni! Mit dem war sie nun in dem engen Verlaß zusammengesperrt! In diesem Augenblick hätte sie ihn vor Haß mit den Fäusten anfallen können, um ihm zu zeigen, daß sie mit seinesgleichen keine Gemeinschaft habe. Dieser Elende, Freche, der nicht einmal ein Festkleid hatte und sich nun in ihre Einsamkeit drängte, als ob sie zusammengehörten. War das etwa die Strafe, die der liebe Gott, dessen Arm doch wohl noch weiter reichte als der der Lehrerin, ihr geschickt hatte? Dann allerdings war auch nicht viel dagegen zu machen. Und Toni betrug sich übrigens recht anständig und bescheiden. Als sie seinen Zuckerstengel im Zorn durch die Treppe auf den Tanzplatz geworfen, hatte er nur verlegen gelächelt und aus der 79 Tasche einen neuen hervorgebracht, braun und schwarz, aus Schokolade und Bärendreck bereitet, von jener Art, die sie über alles liebte. Da hatte sie sich schließlich neben ihn gesetzt, im Grunde recht froh, der Einsamkeit ledig zu sein und ein wenig plaudern zu können. Aus dem Gespräch aber ergab sich, daß ein ähnliches Schicksal sie hier zusammengeführt, und daß Toni überhaupt anders war, als sie geglaubt, und daß recht wohl mit ihm auszukommen war.

Der Knabe schien kränklich und ging gewöhnlich verschüchtert unter seinen Kameraden umher, von denen selten einer sich mit ihm abgab. Nur gelegentlich blitzte ein Willenszeichen auf seinem Gesicht; dann aber hatte er schon Stärkere überwunden und sich für Augenblicke Respekt verschafft. Man sagte, sein Vater schlage ihn unvernünftig.

«Ist das wahr?» fragte Emmi. «Hat er dich heute auch gehauen?»

«Ja, er haut mich immer, weißt du. Aber das tut mir nichts. Weißt du, wenn er mir gibt, dann mach ich’s zum Trotz noch einmal.»

Dieser Grundsatz imponierte dem Mädchen. Es sah mit Achtung auf den neuen Kameraden und begann sich für ihn zu interessieren. Es merkte nicht, daß Toni prahlte und in seltsamem Kontrast dabei recht ängstlich um sich blickte.

«Was hast du denn heute gemacht, daß er dir gegeben hat?»

«Weißt du», sagte Toni, stolz den Kopf hebend, «heute hat er mir nur gegeben, daß ich nicht ans Jugendfest gehen soll, weil ich kein Sonntagskleid habe und die Leute uns auslachen. Aber jetzt bin ich doch gegangen!» 80

Mit dieser Eröffnung war jede Scheidewand zwischen den beiden gefallen. Emmi erzählte, daß auch sie nur z’Trotz am Fest sei und daß die Lehrerin...

«Du», kicherte sie und hielt sich erschrocken an seinen Arm: «jetzt geht sie gerade über unsern Kopf hinauf!»

Erbleichend blickten beide nach oben; dann lachten sie wieder übermütig in die Tanzmusik hinein, die alles übertönend den Platz durchrauschte. Ganz nahe mußten sie zusammenrücken, um sich zu verstehen so nahe daß Emmis flatternde Locken über Tonis Wangen hinstreiften, während seine schmutzige Hand auf ihrem weißen Röcklein lag, zu dem sie bis jetzt behutsam Sorge getragen. Dann faßten sie sich an den Händen und blickten einander unbefangen in die Augen «Die da draußen halten sich auch», sagte Emmi, «und laufen wie die Großen miteinander.» Dazu wanderte Tonis Zuckerstengel von Mund zu Mund, unparteiisch seine Süßigkeit spendend, auch streckten sie unvorsichtig genug die Hande zwischen den Tritten der Treppe ins Freie, sicher, daß niemand ihre Heimlichkeit achten werde. Bis das versuchte Schicksal durch eine blitzschelle Veränderung sich zu rächen wußte.

An der Hand der Lehrerin aus der nahen Turnhalle kommend, stieg nämlich Emmis glattgescheitelte Feindin Elisabeth die Treppe herab und kam, da sie einem zufällig entstandenen Gedränge rückwärts ausweichen wollte, plötzlich hart neben den Schlupfwinkel des sauberen Pärchens zu stehen. Die beiden erblicken und sich anklagend zur Lehrerin wenden, war für das schwer beleidigte Kind eins; aber noch schneller war Toni ihr Vorhaben bemerkend, aufgesprungen, hatte die Verräterin 81 an den Haaren gefaßt und ihr so unsanft die Hand vor den Mund geschlagen, daß sie mit lautem Geschrei über die nächste Bank stürzte. Es dauerte nur einen Augenblick, so stand er, von vielen Händen zugleich gefaßt und hervorgezogen, mitten auf dem Tanzboden im Kreise der Neugierigen, die von allen Seiten herzuströmten. Man bestürmte ihn mit Fragen, man drohte ihm mit Schlägen, man wollte wissen, warum er sich so wütend auf das Mädchen gestürzt und wo Emma hingekommen sei. Aber Toni biß die Zähne ineinander und gab keine Auskunft. In seinem schäbigen Werktagskleid stand er unter den geputzten Kameraden, die ihn zu verspotten begannen. Seine schlechtgenährte Gestalt schien noch schmächtiger zu werden, seine Augen streiften scheu und ängstlich über den fragenden Lehrer, aber sein Mund blieb verschlossen, auch unter den Schlägen, mit denen er für seinen Angriff auf Elisabeth gezüchtigt wurde. Denn mitten in Schmerz und Schande tröstete ihn der heimliche Stolz, daß seine Aufopferung für Emma gelungen war.

Wo diese seine Freundin hingekommen, wußte sich kein Mensch zu erklären. Man suchte auch nicht nach ihr; wen hätte es kümmern sollen als Fräulein Fink, und diese war froh, den ersten Zorn im weiteren Festjubel vergessen zu können. Erst als Emma auch am nächsten Morgen, ja bis zum Abend und wieder bis zum Morgen verschwunden blieb, begann ihr Schicksal die Schulbehörde zu ängstigen und sich als drückendes Rätsel auf das ganze Städtchen zu legen. In entsetzlicher Sorge harrte die Mutter von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, ohne daß das Kind zum Vorschein kam. Da erkrankte sie, fiel in Fieber und Verwirrung und schien 82 in Lebensgefahr zu schweben, wenn die Vermißte nicht bald gefunden ward. Diese Aussicht aber schwand immer mehr, weil man immer sicherer an einen Unfall glauben mußte. Denn weder Fräulein Finks Mitteilung von dem Verbot, das sie ihm auferlegt, noch Tonis nachträgliches Geständnis gab eine genügende Erklärung für ein so hartnäckiges, absichtliches Fernbleiben des Kindes. Man durchsuchte den Wald und die buschigen Flußufer, polizeiliche Mitteilungen in die Ferne und Durchforschungen der nahen und weitern Umgebung fanden statt, alle ohne den geringsten Erfolg. Es war, als ob Emma vom Wind fortgetragen worden, und erst jetzt begann sich jeder ihres absonderlichen, unzugänglichen Wesens zu erinnern, und allerlei Vermutungen daraus zu spinnen. Gerüchte kamen und gingen; die törichtesten wurden am liebsten geglaubt und am ehesten wieder bei Seite geworfen. Erst schüchtern, dann immer kühner erhob sich die Überzeugung, das Kind habe aus Angst vor Strafe oder aus unbegreiflichem krankhaftem Antrieb den Tod in den eben hochgeschwollenen Fluten des Flusses gesucht.

Aber eines Abends, als die Dämmerung dunkler ward, erschien die Vermißte, aus dem Walde herabsteigend, im weißen, nun schmutzigen und zerrissenen Festkleidchen beim Hause Tonis, das abseits vom Städtchen am Fuß eines Weinbergs lag. Der Knabe, der eben hinter der Hütte um den Brunnen beschäftigt war, hatte die Tage seit dem Fest in einer Unruhe und Angst zugebracht, die nur durch die Verzweiflung der Mutter überboten wurde. Zwar erfüllte ihn ein heimlicher Stolz, daß er der Freund dieses Mädchens war, das soviel von sich reden machte und das in einem so 83 schönen weißen Kleid neben ihm gesessen hatte; ja manchmal war er überzeugt, daß Emma in ihrem Trotz und in ihrer Klugheit die ganze Stadt nur zum Narren halte. Zugleich aber war er der eifrigste Sucher gewesen, und die wildesten Gerüchte, die jeden Tag durch die Gassen liefen, hatten in seiner Seele eine doppelt fürchterliche Gestalt angenommen; denn er liebte Emma, das war sicher. Er hatte schon am Jugendfest beschlossen, der Welt zum Trotz ein tüchtiger Mann zu werden, der auch ein Sonntagskleid habe, und dann sobald als möglich das Mädchen zu heiraten. Aufregung und Kummer hatten ihn in der Nacht nicht schlafen lassen oder ihm in wirren Träumen neue Verstecke gezeigt, die er dann am Tage mit neuem Mißerfolg aufgesucht hatte. Nun kam die Ersehnte selber zu ihm, aber anders, als er sich das Wiedersehn ausgemalt hatte.

Ohne ein Wort zu sprechen, begann nämlich Emma gierig die rohen Kartoffelschalen hinunterzuschlingen, die um den Brunnen lagen. Da eilte Toni, die Lage richtig erfassend, in die Küche, um rasch mit einem halben Brot wiederzukehren. Kauend und ihn dankbar anblickend saß sie nun auf der Erde, während der Knabe verlegen am Brunnen stand und nichts zu sagen wußte.

Dann, nachdem das Brot unglaublich rasch bis auf die letzte Krume verschwunden war, begann Emmi eindringlich zu fragen, was am Jugendfest geschehen und besonders wie es ihm, Toni, dabei ergangen sei.

«Haben sie dir Schläge gegeben?» sagte sie.

«Ja, ein Lehrer hat mich fest gehauen. Aber weißt du, das hat mir nichts getan, ich bin es gewohnt.»

«Dann mußt du mich jetzt auch hauen!» Sie trat vor ihn hin, halb trotzig, halb bittend, wie ein Mensch, der 84 eine große Demütigung freiwillig auf sich nimmt. Ihre Augen bekamen dabei einen geheimnisvollen Glanz, es zuckte in ihren Tiefen wie Wetterleuchten; auf das ganze Gesicht legte sich für einen Augenblick der Ausdruck schwärmerischer Hingebung, während die starken Glieder im Widerspruch mit der Seele zu sagen schienen: Wir sind ja stärker als du, aber wir müssen jetzt. Wart nur!

«Du mußt mich auch hauen!» wiederholte Emmi.

Aber Toni verstand nicht, was sie wollte;

«Warum?» fragte er.

«Weil ich fort bin und dir nicht geholfen habe. Halbtot mußt du mich hauen.»

«Warum bist du fort?»

«Ich weiß nicht», sagte Emmi.

«Hast du Angst gehabt, wenn sie dich erwischen?»

«Ich weiß nicht. Ja, Angst hab’ ich schon gehabt.»

«Wo bist du gewesen?»

Emmi setzte sich neben den Knaben auf den Brunnenrand. Die Dämmerung war noch dunkler geworden. Das Wasser aus der Röhre plätscherte gleichmütig in ihre Unterhaltung, Sterne tauchten allmählich aus dem schwarzen Himmel hervor.

«Ich will dir jetzt erzählen», sagte sie. «Nur dir, und du darfst es niemand sagen. Das mußt du mir schwören, willst du?»

«Ja», sagte Toni, «mein Vater schwört auch.»

«Du mußt die Hand aufhalten und drei Finger.»

Toni gehorchte.

«So», sagte Emmi. «Das ist jetzt geschworen. Wenn du etwas sagst, so kommst du in die Hölle. Jetzt will ich dir erzählen. Ich war im Wald oben, in den Tannen 85 und habe zuerst Angst gehabt. Dann bin ich am Tag nach dem Fest, als es dunkel wurde, in die Stadt hinunter und habe heim wollen. Da hab’ ich an der Ecke die Lehrerin angetroffen, die Finkin, die war bei der Mutter und hat ihr alles erzählt; da bin ich wieder in den Wald gegangen.»

«Hat sie dich nicht gesehen?»

«Nein.»

«Warum bist du dann nicht heim?»

«Weil die Finkin daheim war und der Mutter alles erzählt hat. Dann hat die Mutter geweint. Wenn ich allein bin, kann ich ihr alles gut sagen, aber ich hätte vor der Finkin kommen sollen. Jetzt hätte sie mir nichts geglaubt.»

«Was hast du gegessen im Wald? Hast du immer Hunger gehabt?»

«Erdbeeren und Pilze, Eierschwämme, die hab’ ich ganz roh gegessen. Und dann nachher hab’ ich gar nichts mehr gegessen.»

Wieder kam der geheimnisvolle Glanz in Emmis Augen, und ihre Stimme wurde zum Geflüster.

«Jetzt kommt etwas Schönes», sagte sie. «Ich habe nämlich sterben wollen, weil ich so schlecht bin. Weil ich fort bin und dir nicht geholfen habe, darum habe ich verhungern wollen. Weißt du, das ist nicht schwer, ich will dir sagen, wie man’s macht. Man muß ganz still liegen und nichts essen. Dann tut es zuerst weh im Magen, aber wenn man liegen bleibt, bekommt man nachher schöne Träume. Mir hat geträumt, ich sei tot; dann haben sie mich ins Städtchen getragen zu der Mutter, durch alle Gassen, und die Leute standen vor den Türen und haben geweint; auch die Finkin hat geweint. 86 Ich lag ganz still auf einer schwarzen Bahre und hatte die Augen zu. Bleich und schön lag ich da, und hatte einen Strauß in den Händen wie am Jugendfest. Ich durfte nicht lachen und nicht den kleinen Finger bewegen; Ich war ja tot, weißt du.»

Bewundernd hatte Toni zugehört. Nun fragte er, neugierig erschauernd:

«Haben sie dich dann ins Grab getan?»

Aber Emma gab keine Antwort auf diese Frage. Wie in tiefen Gedanken starrte sie vor sich hin ins Dunkel. Dann flüsterte sie wieder:

«Es ist gar nicht wahr, ich habe das nicht geträumt. Ich habe es nur so gedacht. Siehst du jetzt, wie schön es ist zu sterben?»

«Aber dann muß man ins Grab», beharrte der Knabe.

«Ja, aber nicht lang. Man kommt dann sogleich in den Himmel.»

«Ich komme nicht in den Himmel», sagte er traurig. «Die Mutter hat es gesagt, weil ich manchmal fluche wie der Vater. Der Vater kommt auch nicht in den Himmel.»

Wieder entstand eine Pause, als ob das nie erleuchtete Geheimnis des Jenseits auf ihren Seelen laste. Aber Tonis Neugierde war noch nicht gestillt.

«Wo bist du gewesen, daß man dich nicht gefunden hat?» fragte er.

«In einem Versteck bin ich gewesen, und wenn ich draußen herumging, habe ich nasses Laub hinter mir gestreut, daß nicht einmal die Hunde merkten, wo ich durchgegangen.»

«Jetzt bist du aber doch nicht gestorben.»

«Nein», sagte sie. «Ich will dir weiter erzählen Ich habe dann solchen Hunger gehabt, daß ich kaum mehr 87 gehen konnte. Dann habe ich hinter der Waldhütte in einem Kratten Speck und Brot gefunden und habe es gegessen. Da habe ich sogleich nicht mehr sterben wollen, wegen der Mutter, weil sie dann sehr viel weinen müßte. Ich habe gedacht, ich wolle zu dir kommen. Jetzt bin ich da und du mußt mich schlagen, wie sie dich geschlagen haben. Dann gehe ich heim.»

Aber Toni versuchte ängstlich, diesem schrecklichen Thema auszuweichen.

«Wo ist das Versteck?» fragte er ablenkend.

«Das sage ich nicht. Keinem Menschen sage ich das.»

«Ich habe ja geschworen», gab er ernsthaft zurück.

«Ja — aber — » und plötzlich wieder vor ihn hintretend, mit Augen, die Löcher ins Dunkel zu brennen schienen, «wenn du mich schlägst, so sage ich es dir. Sonst gehe ich wieder in den Wald und verhungere.»

Abwehrend und angstvoll schüttelt er das bleiche Gesicht. Dann horchte er nach dem Hause hin, wo man Schritte hörte, und flüsterte, die Freundin am Arme ergreifend:

«Mein Vater! Komm hinter die Mauer, er darf dich nicht sehen. Er hat geschworen, du solltest ihm nur unter die Hände kommen, und geflucht hat er.»

Aber Emmi blieb stehen. Ihre Gestalt schien zu wachsen, ihre wilden Haare flogen, als sie den Kopf zurückwarf.

«Wenn du mir jetzt nicht gibst, so gehe ich zu deinem Vater!»

Und plötzlich den Knaben von sich stoßend, eilte sie gegen das Haus, aus dem ein großer Mann mit unsicheren Schritten, wie eines Betrunkenen, heraustrat. Es war der Straßenwärter, von dessen Beruf Toni seinen 88 Spitznamen bekommen. Kaum war zu glauben, daß von diesem gewaltigen Körper, der noch im Mannesalter unten und oben aus den ärmlichen Kleidern zu wachsen schien, ein so schwächlicher Sprößling stamme. Zitternd, aber fest entschlossen, stellte sich Emmi vor ihn hin, und dann, als er achtlos vorbeigehen wollte, warf sie sich auf ihn, hielt sich an seinen Kleidern, klammerte sich um seine Beine. Jetzt griff er herab, fluchend, um sich von der Last zu befreien; das Kind flog gegen den Gartenzaun, wo es einen Augenblick wie tot liegen blieb. Als aber Toni herbeieilte, war es schon aufgesprungen und nicht mehr zu sehen. Rufend und suchend eilte er der Berghalde entlang und aufwärts in Reben und Wald hinein, vergeblich. Er mußte sich mit der Hoffnung trösten, am Morgen die Spur und endlich auch den geheimen Aufenthalt zu entdecken.

Seit dem Fest hatte strahlendes Sommerwetter geherrscht; an diesem Tag aber — es war der fünfte — war die Hitze drückend geworden, die Sonnenstrahlen stechend wie Nadelspitzen, und mächtige Wolken hatten sich gegen Abend auf die westlichen Berge getürmt. Noch vor Mitternacht begann das Wetter sich zu entladen, in kurzen Regengüssen zuerst, die den folgenden Wassermassen den Weg bahnten, dann Schlag auf Schlag in wütendem Kampf riesenhafter Schnellfeuergeschütze, die von Horizont zu Horizont ihre leuchtenden Kugeln spieen. Neue Batterien rasselten ins Gefecht, wenn die alten schwiegen, hin und her schien die Schlacht zu wogen, ein unentschiedenes Ringen übermenschlicher Kräfte. Bis die feindlichen Massen sich teilten, schwenkten, wichen, von neuem zögerten, zum letztenmal sich zusammenballten und endlich grollend 89 das Kampffeld räumten. Am Morgen sah die Sonne verwundert auf die letzten, kampfzerfetzten Nachzügler der fliehenden Wolkenheere.

Toni hatte in dieser Gewitternacht kein Auge geschlossen. Er sah seine Freundin vom Blitz erschlagen, von Bächen erfaßt und über die Felsen gerissen, erstarrt und erfroren, zu Tode geängstigt. Dann wieder mußte er sie sich vorstellen, einsam in einer Felshöhle sitzend, von Blitzen umzuckt, aber in Sicherheit, vielleicht ein wildes Lied in den Aufruhr der Nacht hinausrufend. Sie war so unheimlich gewesen diesen Abend, das Wetterleuchten in ihren Augen hatte ihn erschreckt, ihr ganzes Wesen war verändert und ihm fern gerückt. Sie paßte viel besser zu dem Gewitter als zu ihm, dem stillen, ängstlichen Knaben; sie jubelte vielleicht über den Blitzen, unter denen er zusammenschauerte. Sie konnte lachen draußen in Sturm und Regen, während er in der warmen Kammer die Decke sich in die Ohren stopfte vor den gewaltigen Donnerschlägen. Und doch war sie ein Mädchen und er ein Knabe. Er mußte sich schämen vor ihr, sich aufraffen, hinaus, sie zu suchen, ihr Schutz und Hülfe zu bringen. Aber nicht jetzt, jetzt war es unmöglich, grauenhaft. Am Morgen wollte er von neuem hinter ihr her und nicht heimkommen ohne sie, wenn sein Weg ihn bis ans Ende der Welt führte. Den Waldarbeitern war strenge Weisung gegeben worden, auf jede Spur der Vermißten zu achten. An diesem sechsten Tage fanden einige von ihnen in den Ästen eines jungen Lärchenbäumchens eine rote Schleife wie Emma sie am Jugendfest auf der Schulter getragen. Zerrissene Brombeerranken wiesen in eine kleine Wasserrinne, die sich unter unausgeholztem Tannenjungwuchs 90 bergwärts zog. Diese Anzeichen führten endlich zur Entdeckung des Kindes. Um in sein Versteck zu gelangen, mußte man auf dem Bauche unter dem hart am Boden sich ausbreitenden Geäst hinkriechen; einmal drinnen aber, wölbte sich der Himmel über dichtgedrängten, steilen Tannenspitzen, zwischen denen eine grasige Mulde in verborgenster Einsamkeit lag. Seit Jahr und Tag, vielleicht seit Jahrzehnten, hatte kein Mensch den Schlüssel zu diesem Geheimfach der Natur gefunden, kein Fuß die Schwelle des grünen Heiligtums überschritten. Mit großen Kräutern und langen Schmalhalmen bestanden, bot der Boden ein bequemes Lager für ein Halbdutzend Menschen, eine dünne Quelle sickerte aus einem moosigen Steintürchen schüchtern ans Tageslicht. Jetzt übrigens war die Tiefe des Platzes durch das Gewitter in einen schmutzigen Tümpel verwandelt. Emma lag in der Nähe der Quelle, völlig erschöpft und halb erstarrt, das Gesicht wie absichtlich ins triefende Gras gepreßt. Sie rührte sich nicht. Fetzen ihres Kleides waren überall an den Rändern der Mulde zerstreut, als ob sie den Rock sich vom Leibe gerissen; ihr halbnackter Oberkörper trug Wunden von Dornen und Ruten. Vielleicht daß die nächtliche Flucht durch den Wald sie blutig geschürft, vielleicht auch, daß sie in krankhaftem Drang der Selbstpeinigung sich selbst den Rücken wund gepeitscht. Denn ihre Augen brannten in unverkennbarem Irrsinn, wie flackerndes Feuer durch herbstliche Nebelschwaden.

Unter dem Aufsehen der straßenhütenden Frauen diesseits und jenseits der Brücke wurde das Kind zunächst ins Krankenhaus gebracht, da man der leidenden Mutter seinen jetzigen Anblick ersparen wollte. In guter 91 Pflege erholte es sich rasch; es fiel in einen langen Schlaf, aus dem es die Augen wie neugeboren aufschlug. Noch hatte es nur wenig und ganz verwirrte Worte gesprochen; jetzt kam auch der Geist von seiner weiten Reise zurück und nahm in altgewohnter Weise Wohnung in dem erstarkenden Körper. Schon am zweiten Abend vertraute es der Krankenschwester sein Heimweh nach der Mutter, das plötzlich mit Gewalt über sein trotziges Herz gekommen war; von allem andern aber schwieg es wie das Grab auch diesem freundlichen Engel gegenüber.

Die Schulbehörde verlangte nun danach, das Mädchen, das die Ursache so großer Aufregung und so vieler vergeblicher Mühe geworden, im Beisein auch der Lehrerin zu verhören, sein Verschwinden aufzuklären und die ganze Sache damit rasch in Vergessenheit zu bringen. Aber hier entstand neues Erstaunen, als Emma eine für ihr Alter ganz unerhörte Gewandtheit in der Verheimlichung alles dessen zeigte, was ihr zu bekennen aus irgendeinem Grunde unangenehm war. Sie blieb dabei, einzig aus Angst vor harter Bestrafung durch Fräulein Fink ferngeblieben zu sein und schwieg hartnäckig, sobald die Rede auf den Straßentoni und ihr geheimnisvolles Auftauchen bei seinem Hause kam. Wogegen Fräulein Fink die Überzeugung aussprach, daß Emma in voller Absicht, um sich für das Verbot zu rächen, sie und die ganze Stadt habe in tödliche Verlegenheit setzen wollen.

«Niemals hat dieses Kind Angst vor einer Strafe gehabt», sagte sie, als der Präsident sie bat, ihre Meinung zu äußern. «Niemals hat es sich durch die Aussicht auf Entdeckung von einem bösen Vorhaben abbringen lassen. Drei Jahre lang habe ich, geehrte Herren, mit 92 Mühe und Geduld das Mädchen ertragen und auf gesittete Pfade zu leiten versucht, und ich versichere sie, daß es klug genug ist, um vorauszusehen, in welch peinliche Lage ich durch sein Versteckspiel geraten mußte. Denn wem anders als mir hätten schließlich seine Angehörigen und die öffentliche Meinung die Schuld zugewälzt, wenn die Sache ein schlimmes Ende genommen hätte? Fern ist mir indes jeder Groll auf das bedauernswerte Geschöpf. Denn immer klarer ist in mir in diesen Tagen das Licht über sein eigentliches Wesen aufgegangen. Es ist meine Überzeugung, daß hier nicht gewöhnliche Ungezogenheit, sondern vielmehr eine krankhafte Anlage vorliegt, wie solche Fälle in den neuern Schriften über Erziehung genügsam erwähnt werden. So erlaube ich mir, sie dringend um Entfernung des Kindes aus der Klasse zu bitten, vielleicht um es eine Zeitlang unter Beobachtung eines Irrenarztes zu stellen.»

Während Fräulein Fink mit Wärme und im Tone verständnisvoller Verzeihung diese Äußerung getan, hatte der Präsident aufmerksam die Gesichter der sechs anderen Herren studiert, die im Kreis um den grünen Tisch saßen und das altertümliche Sitzungszimmer mit dem bläulichen Rauch ihrer leichten Zigarren erfüllten. Ehrwürdige Stadtväter vergangener Zeiten blickten von den Wänden; große, kunstvoll eingelegte Buchstaben verkündeten die Namen schenkungsfroher Bürger, die zugunsten der Stadt oder eines schönen Wohlfahrtszweckes ihr Vermögen geschmälert und sich dadurch eine bescheidene Unsterblichkeit gesichert hatten. In dieser Umgebung schien es wirklich nicht des Ratschlags einer Lehrerin zu bedürfen, damit ein gerechtes 93 und wohlerwogenes Urteil zutage komme; ein feines Lächeln war über der Ansprache um jeden Mund aufgetaucht und hatte ohne Worte dem Nachbar zugeflüstert: O über euch weise Schulmeister! Kaum brauchte es noch des allgemeinen Schweigens, das nachher entstand, um dem Präsidenten zu zeigen, daß die Lügen des Kindes mehr Glauben fanden als die Versicherungen seiner Erzieherin. Lügen? War es nicht das Allerselbstverständlichste, daß Emma versucht hatte, heimlich ein Stücklein der verbotenen Freude zu erhaschen, und daß sie nach der Entdeckung die Strafe gefürchtet? Gewiß, nicht jedes Kind hätte deswegen Hunger und Obdachlosigkeit auf sich genommen und sich so lange von einer zärtlichen, alles verzeihenden Mutter ferngehalten. Aber wer vermag in Kinder hineinzusehen? Lag nicht gerade in diesem Verhalten der klarste Beweis, daß Emma im Grunde besser war und tiefer empfand, als die Lehrerin glauben konnte, die seit langem — was übrigens verständlich schien — ein Vorurteil gegen die widerspenstige Schülerin in sich genährt hatte? Sollte nun auch die Behörde nach Vorurteilen entscheiden oder gar auf den Spuren überspannter Theoretiker nach krankhaften Anlagen suchen, wo alles sich so natürlich von selbst erklärte? Sollte sie, um die Eitelkeit der Lehrerin zu schonen, über dem Kinde nach allem, was es gelitten, noch die Schulrute schwingen und alte Sünden ans Tageslicht zerren? Zudem war es offenbar, daß Fräulein Fink mit dem Verbot ihre Strafvollmacht überschritten und dem Entscheid der höheren Instanz vorgegriffen hatte. Also? —

Durch solche Erwägungen im Schoß der Behörde war es gekommen, daß schließlich Fräulein Fink als die 94 eigentliche Angeklagte, das interessante Kind aber als das Opfer ihrer schulmeisterlichen Voreingenommenheit dastand. Bis eine neue Entdeckung eine neue Wendung und der beleidigten Lehrerin volle Genugtuung brachte. Weit in der Nachbarschaft hatte man Emmas geheimnisvolles Schicksal erörtert, und da nun die Kunde ihrer Auffindung erscholl, lief noch während des Verhörs die Anzeige von dem schmählichen Diebstahl ein, dessen Zeuge der feierliche Festmorgen im Walde gewesen. Ein Diebstahl am Jugendfest, begangen an hülflosen Kleinen? Das Lächeln verschwand aus den Gesichtern, die Überzeugungen begannen zu schwanken und brachen zusammen. Jetzt war man plötzlich geneigt, auch bei dem rätselvollen Verschwinden und Fernbleiben nach tieferen Ursachen zu forschen. Eines stand allen fest, daß jetzt das Schwert niederfallen mußte ohne Barmherzigkeit. Da man Frau W. auch im Falle der Genesung keine Macht über das Kind zutraute, wurde dessen Versorgung in eine Erziehungsanstalt beschlossen und der Beschluß unverzüglich zur Tat gemacht. Fräulein Fink aber trug aus diesen Verhandlungen den Ruhmeskranz einer großen Menschenkennerin in ihr einsames Jungfernstübchen.

Als Emma einige Tage später zum Abschied ans Bett der Mutter geführt wurde, lag diese noch immer im Fieber und erkannte das Kind nicht. Ihre Blicke waren unablässig nach der Kammertür gerichtet, als erwarte sie von dorther das Wunder, das sie aus ihren bangen Träumen reiße. Und als nun das Wunder kam, als das vermißte, geliebte Wesen an ihrer Seite stand, fragte sie in klagendem Tone, ob es Emma nirgends gesehen. Da brach das Kind in Tränen aus, zum erstenmal seit langer 95 Zeit, und bedeckte die Hände der Kranken mit seinen schluchzenden Küssen, innig und unaufhörlich, in erbarmungswürdiger Trostlosigkeit. Lange blieben sie allein in der tiefen Stille des engen, heißen Gemaches, dessen einziges Fenster, mit dunkelgrünem Vorhang bedeckt, ein stark gedämpftes Licht hereinwarf. Die Hand der Mutter brannte an Emmas Lippen, ihre Pulse klopften fast hörbar, sie lag mit großen, offenen Augen, ohne doch einen einzigen Augenblick zum Bewußtsein zu erwachen. Vielmehr warf sie sich plötzlich gegen die Wand herum, dem Kinde die Hand entziehend. Dann trat die Pflegerin herein und führte das Widerstrebende mit Gewalt hinaus.

Auch Toni hatte traurige Tage. Nach der schrecklichen Gewitternacht hatte er tief in den Morgen hinein geschlafen und hatte doch früh auf wollen, um Emma von neuem zu suchen. Seine Freundin, seine Geliebte, seinen Schatz mußte er doch selber auffinden. Nun waren ihm die andern zuvorgekommen, wie schämte er sich vor sich selber! Wie erbärmlich stand er neben dem Mädchen da, das eine Heldin geworden, das Hunger und Verfolgung ertragen, ja das um seinetwillen hatte sterben wollen. Um seinetwillen, um den verachteten Straßentoni! Wie konnte er jemals den Flecken wieder abwaschen und dieser Liebe würdig werden? Kein Sonntagskleid, auch das schönste nicht, wird sein feiges Herz verdecken, keine großen Worte wird man ihm glauben. Und eine zweite Sorge kam, die ihn nicht mehr schlafen ließ. Emma verurteilt, verbannt, und niemand wußte, warum sie eigentlich weggeblieben, daß es nicht Bosheit gewesen. Wenn er nun hinginge zu den Herren und sagte: Ihr alle wißt nichts, und Fräulein Fink weiß 96 nichts, nur ich weiß alles, der Straßentoni? Da war aber der furchtbare Eid der ihm den Mund verschloß. Sollte er, um Emma zu retten, ihr die Treue brechen? Hatte sie ihm nicht die Hölle angedroht, wenn er rede? O, die wollte er noch auf sich nehmen um ihretwillen; aber wenn sie dann zu ihm käme mit ihren funkelnden Augen: Warum hast du’s gesagt, du Feigling? und ihm den Rücken kehrte für immer? Furchtbar war diese Entscheidung und sein Geist und Herz zu schwach um den Weg aus der Enge zu finden. Dann war sie auf einmal fort, und er blieb zurück mit zerschlagenem Lebensmut.

Da führte ihn ein guter Gedanke zu Emmas Mutter die in ihrer einsam gewordenen Wohnung der Genesung entgegen ruhte. Es zog ihn zu ihr zum Trotz seiner Menschenscheu, als ob er dort seiner großen Gewissenslast ledig werden könne. Er war entschlossen, ihr sein Geheimnis zu enthüllen, auch wenn sie ihn wie die andern mit Verachtung anblicken, ja ihn mit harten Worten empfangen werde; denn frei mußte er werden, schlafen und lachen mußte er wieder können, wenn er weiterleben sollte.

«Wer bist du?» fragte die blasse Frau, als er die Schwelle ihres Zimmers überwunden hatte.

«Ich bin der Toni.»

«So, aha der! Was willst du von mir?»

«Ich bin schuld, daß sie fortgeblieben ist.»

«Du bist schuld, du?» Ein Feuer blitzte in den Augen der Mutter auf, daß er glaubte, Emmas zornsprühende Blicke auf sich zu fühlen. Dann aber stürzten über der Erinnerung die Tränen aus ihrem Gesicht, und unter beständigem Schluchzen legte sie am Ende die Hand auf sein gesenktes Haupt, als ob sie ihn an ihres Kindes 97 Stelle liebkosen wollte. Und als er nun, ermutigt und zutraulich geworden, zu erzählen begann, als sie hörte, wie Emma sich um des Knaben Schicksal gehärmt und die Strafe, die er gelitten, von seinen eigenen Händen wieder hatte erdulden wollen, da wurde ihr plötzlich so freudig zumute, als hätte sie im unfruchtbaren Acker einen großen Schatz gefunden.

«Wir wollen unser Geheimnis bewahren, wir zwei», sagte sie. «Wir wissen, daß sie nicht so schlecht ist, wie die andern meinen, gelt du? Und jedesmal, wenn du zu mir kommst, wollen wir von ihr reden, und niemand soll etwas davon erfahren, wie lieb wir sie immer noch haben.»

Von jetzt an hoffte die Frau mit stiller Geduld auf den Augenblick, der das Kind gebessert in ihre Arme zurückführe. Da hörte man, daß Emma zweimal mit verbrecherartigem Geschick aus der gut bewachten Anstalt entwichen und nur mit großer Mühe wieder eingebracht worden sei. Die Freiheitsberaubung, die man ihr angetan, schien die schlimmen Triebe erst recht zu befördern; ihr Trotz wuchs zu einem unheimlichen Grad mißtrauischer Verschlossenheit, in der sie selbst bei ihren Kameraden aus der Anstaltsfamilie nur Haß und Verfolgung witterte. Schon längst hatte man aus Vorsicht vermieden, scharfe Gegenstände in ihren Händen zu lassen; da stürzte sich das unglückliche Kind aus dem Fenster, um wenigstens tot in die ersehnte Freiheit zu gelangen. Jetzt endlich wurde der Irrenarzt zu Rate gezogen. Sein Gutachten lautete dahin, daß Emma seit ihrer Jugend nur in beschränktem Maß imstande gewesen sei, sittliche Begriffe in sich zu entwickeln, daß infolge gewisser Hirndefekte auf eine Besserung kaum 98 zu hoffen sei und daß man den ganzen Zustand am zutreffendsten als moralischen Schwachsinn bezeichnen könne. Ein trauriges Ende in geistiger Umnachtung sei fast sicher vorauszusehen.

Die Mutter weinte und hoffte. Sie wäre zusammengebrochen ohne den Glauben an ein Wunder, das noch kommen müsse, ohne die Zuversicht, die man ihr ließ, wie einer Todkranken die letzte Lebenshoffnung. Woher sie diesen Glauben schöpfte, hätte sie keinem sagen können, weil sie selbst es nicht wußte; er blühte in ihrer Seele wie eine Alpenblume am felsigen Berghang. Und er behielt recht, allen Weisen und Gelehrten zum Trotz. In jenen Jahren, wo eine heimliche Schöpferhand das Mädchen zur Jungfrau bildet, fiel es von dem Kind wie eine ausgetragene Haut, daß sein Wesen wurde wie das seiner Altersgenossen, still und übermütig, weder gut noch schlecht, klug und unklug zugleich, wie alle Mädchen sind.

 


 

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