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Unter dem schwarzen Bären

Karl Gutzkow: Unter dem schwarzen Bären - Kapitel 7
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authorKarl Gutzkow
titleUnter dem schwarzen Bären
publisherVerlag der Nation
editorFritz Böttger
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Auf der Schulbank

Als der Knabe siebenjährig zum erstenmal in die Schule geführt werden sollte, erhob er ein solches Zetermordio, daß die Leute auf der Straße stillstanden und in Erfahrung brachten, die treue Schwester sollte ihn zu einem Lehrer namens Schubert führen, der an der Dorotheenstädtischen Kirche eine achtbare Schule, nicht »Klippschule«, sondern Parochialschule, Bürgerschule, unterhielt. Eine »Klippschule« hielt ihm gegenüber ein Lehrer namens Cajêri. Aber weiter als hundert Schritte vom Hause brachte den widerspenstigen Schulrefraktär die Schwester nicht. Ja, an den düstern Fenstern der Anatomie, da, wo einst Maupertuis (oder Voltaire) die Sternwarte besteigen wollte und mit einer Leiche karambolierte, worauf ein für allemal die Akademiker von Friedrich dem Großen einen eigenen Eingang zum Sternenhimmel und die Anatomen einen eigenen zu ihren Obduktionen angewiesen erhielten, warf sich der Unhold auf die Erde, schrie, schlug mit Händen und Füßen um sich und schien unter keinerlei Umständen etwas vom Wissen wissen zu wollen. Denn was brauchte ein »Bildhauer« in die Schule zu gehen? – »Ich kann ja nicht in die Schule gehen! Denn ich weiß nichts!« Mit Zittern und Flehen versicherte der Knabe, er müßte ja das Lesen und Schreiben schon mitbringen. Das Zureden der Umstehenden half. Zuletzt folgte der Junge. Andere Kinder mit Pennal und Schiefertafel näherten sich ihm zutraulich. Meister Schubert, ein schöner, stattlicher Mann, redete ihm sanft zu. Aber kaum hatten die Abc-Schützen aus einem Buche mit großgedruckten Lettern angefangen zu buchstabieren, kaum bemerkte der Noviz, daß von den Aufgerufenen einer auf den andern folgte und daß die, die schon etwas wußten, ihm immer näher und näher saßen, so plärrte er wieder los und meldete sich schon vor der Zeit, ehe an ihn die Reihe kam, mit seinem verzweifelnden: Er wisse noch nichts. Auf sanftes Zureden wurde allmählich begriffen, daß man hier mit Ehren als unbeschriebenes Blatt sitzen konnte.

Ein guter Lehrer wird nicht fehlgreifen, wenn er den Schüler zunächst von diesem Gefühl des Verlassenseins und einer totalen geistigen Hilflosigkeit angreift. Die Vorstellung von einer schüchternen und haltlosen Kindeseele wird ihm schon im Ton die rechte Liebe geben. Das rauhe Wort, das mit Recht dem unbändigen Massengeiste gilt, muß sich dem einzelnen gegenüber mildern. Bleibt der Lehrer immer bei der Vorstellung von einer wilden, zuchtlosen Horde, tobt und droht er im ganzen und im einzelnen, so kann über eine solche Schule kein Segen kommen. Meister Schubert war für die Allgemeinheit streng, sogar vornehm-kalt, aber für den einzelnen stieg er zu milder Freundlichkeit herab und ließ sich's viel Mühe kosten, ein Kind zur Freude seiner Eltern zu machen. Wollte ein Zögling den Geburtstag seiner Eltern feiern, so zeichnete, malte und schrieb der gute Mann nach der Lehrzeit mit dem Gratulanten voll emsigster Geduld. Scherzte er mit den Kindern, so hatte seine Herablassung etwas Königliches. Aber mit der Masse scherzte er nie. Die Masse wurde diktatorisch behandelt. Von dem Thron, auf dem er ständig Federn schnitt und diese nummernweise ins Federnbrett steckte – lauter antiquarisch gewordene Begriffe –, erfolgte zum allgemeinen nur dann eine Herablassung, wenn er rührende Geschichten vorlas, den Robinson und Gumal und Lina. Seine »biblische Geschichte« ging ins Herz. Wenn er von Joseph und seinen Brüdern erzählte, weinte alles. Auch strich er die Geige zu den Chorälen, die gesungen wurden, betete andächtig und ohne Muckerei. Seine Stimme, möchte ich sagen, war für Muckerei zu voll und zu bestimmt. Dazu gehören Fistelstimmen, Hektik. Aber auch ein scharfes Auge hatte Meister Schubert, einen raschen Überblick der Klasse, besonders mußten ihm die Hände der Jungen klar und offen zutage liegen. Zuweilen gab es seltsame Untersuchungen, wo die Mehrzahl der Kinder selbst nicht wußte, worum es sich handelte, wo aber regelmäßig einige als räudige Schafe erkannt und unter spezielle Aufsicht gestellt wurden. Am liebevollsten erschien Schubert in schwüler Sommerzeit. Dann wurde von zwei Auserwählten ein Eimer Wasser heraufgetragen und bankweise die ganze Kinderherde aus einem großen blechernen Becher getränkt. Zu Weihnachten, wo der Beginn des Weihnachtsspruchlernens schon an sich eine namenlose Vorseligkeit in alle Gemüter ergoß, und kurz vor dem Feste, wenn die gedruckten, mit bunten blanken Umschlägen, auf denen ein grober Holzschnitt eine Szene der Bibel vergegenwärtigte, versehenen »Wünsche« ausgeteilt wurden, war Schubert die Liebe und Väterlichkeit selbst. Er fühlte die Wonne seiner Kinder nach, wenn ein solches: »Lasset die Kindlein zu mir kommen!« oder ein »Christus als Kind im Tempel lehrend«, im Bilde ausgeteilt, entgegengenommen, mit beinahe katholisch zu nennender Andacht verehrt wurde. Katholiken waren, nebenbei bemerkt, für den Knaben ganz aparte Geschöpfe. Einige Jugendgespielen waren Chorknaben in der nahen Hedwigskirche. Bei ihnen zu Hause gab es auf der Kommode mystischen Hausrat, Kruzifixe, Madonnen von bunt angestrichenem Gips, kleine Heiligenbildchen am Spiegel, eine Pfauenfeder breitete sich über dem Ganzen. All das erschien höchst interessant, aber bemitleidenswert.

Was lernt man in solchen Elementarschulen? Damals nach alter Methode buchstabieren und lesen, in einem antisächsischen Duktus (nach Heinrigs) schreiben, nach dem Schwiegersohn des Meisters Schubert, dem vielberühmten »Ferbitz«, rechnen, sogar zeichnen, sogar von einem alten Franzosen, Monsieur Horré, Französisch, Lateinisch sogar von einem zynischen schmutzigen Sonderling, dessen Namen der Erzähler vergessen. Fand bei diesen Lehrgängen ein System statt? Ein Kind weiß nichts davon. Es lernt schwimmen und sieht die Leine nicht. Was da konferenzelt und theoretisiert wird, ist ihm wie die geheime Kramerei des Christkindes. Man lebt nur in den Wirkungen und weiß von den Ursachen nichts. Nur die Festtage, die Ferien, das Kommen von neuen, das Gehen von alten Lehrern, das sind einzelne Einschnitte des ersten Schullebens, wo man zur Not sich selbst an anderen allmählich zu vergleichen lernt. Dieses hingegebene, vertrauensselige, das ganze Herz anbietende Begrüßen eines »neuen Lehrers«! Ach und wie oft dann der Abschied von einem alten, wo eine ganze Klasse in Weinen versetzt werden kann! Da setzen sich die ersten Ringe an das wachsende Bäumchen. Ein milder, etwas frömmelnder Lehrer, namens Gädicke, erklärte eines Tages, er wäre Missionär geworden und würde den Kindern Lebewohl sagen. Er wollte zu den blinden Heiden übers Meer. Als er ging, war das ein Abschied! Erst ein solenner in der Klasse. Da ging der Scheidende zu jedem einzeln und gab ihm die Hand und betete und heidenpredigte schon. Dabei mußte Ordnung walten. Als aber nach Schulschluß noch einmal ad libitum attackiert werden konnte, gab es eine Ifflandsche Szene auf der Straße. Tränen, Küsse, Umarmungen. Gädicke zog in die Welt von Gumal und Lina! O, finde, so empfand man, so edle, so gütige Mohren, wie Gumal sie fand! Gädicke, und sollte Robinsons guter Freitag eine Fabel sein? Gott behüte dich, daß dich die Wilden nicht fressen!

Ohne Mechanismus prägt sich in die erste geistige Empfänglichkeit des Kindes nichts ein. Die falsche Aufklärung hat uns zu manchem Blendwerk neuer Methoden verhelfen wollen, aber die Gefahr, die sich mit ihrer Anwendung für die Einwurzelung des Wissensstoffes ergibt, ist keine geringe. Das erste Lernen in der Schule muß ein mechanisches Exerzieren sein. Alle »Individualisierung«, sogenanntes »Eingehen« auf die Kinder und ihre spezielle »Natur« erzeugt Unzulänglichkeit und versetzt die ohnehin noch weiche Gehirnmasse in einen Brei von unbestimmter Halbheit. Wie will man einem halben Hundert Kindern mit Demonstrationen beikommen? Wenn man Kinder von heute rechnen sieht, so wird man eine fortgeschrittene Klarheit in der Analyse nicht verkennen, aber es scheint uns fast, als wäre es nur diejenige Klarheit, die dem Lehrer selbst nötig ist zur Prüfung der Exempel, selten die, die das Kind bedarf, um die Exempel zu machen. Man findet in diesen Rechenmethoden viel Worte. Das Kind fußt nicht auf einem mechanisch sichern Einmaleins, sondern wirft und wälzt sich umher in einer improvisierten Rechnungslogik, die nur im glücklichsten Falle bei einem anschlägigen Kopfe zur Klarheit kommt. Der offenbarste Mangel an Seelenkunde zeigt sich darin, daß man beim Kopfrechnen nicht nur gestattet, sondern verlangt, daß das Kind wörtlich das aufgegebene Exempel wiederholt. Man muß die auf Worten ausruhende Trägheit des Auffassens der Kinder wenig kennen, wenn man eine Operation gestattet, wo sich der lebhafte, unruhige, zerstreute Lehrer leicht von einem denkfaulen Kinde täuschen läßt, das, statt schon zu rechnen, jetzt erst durch das auseinandergezerrte und altklugwichtig vorgetragene Wiederholen der Aufgabe den Schein einer Präzision annimmt, die nicht stattfindet. Im Kopfrechnen ist weniger auf algebraisch-richtige Analyse als auf Intuition und Phantasie zu sehen. Das Kind muß nicht den abstrakt-logischen Prozeß der Rechnung durchmachen, sondern soll vor den halbgeschlossenen Augen gleichsam die schwarze Tafel sehen, wo dasjenige angeschrieben steht, was es sich in Gedanken zu vergegenwärtigen hat. Das Auge muß rechnen, nicht der Verstand, der beim Kinde noch nicht durchgebildet genug ist. Vollends verlangt der erste Elementarunterricht Mechanik. Die Kinder sollen massenweise und im einzelnen Aufruf dem Lehrer die Demonstrationen nachmachen, und zwar lange und oft. Das ungeduldige Hinundherspringen in der Denkmethode kommt von Lehrern, die für die Erziehung nicht geschaffen sind. Ein Kranker, der Langeweile empfindet, ist auf dem Wege der Genesung. Ein Lehrer, der die Langeweile von Lesen, Schreiben und Rechnen und immer wieder von Lesen, Schreiben, Rechnen nicht ertragen kann, paßt für seinen Beruf nicht. Ich finde Schulpläne, die so bunt wie Theaterbenefizzettel aussehen. Ich würde zufrieden sein, für ein gewisses Kindesalter nichts darauf zu sehen als stündlich: Rechnen, Lesen, Schreiben. Und was soll man von den Kindergärten, vom Fröbelschen Gepappel des Denkspielens und Spieldenkens sagen? Erst künftige Epochen werden imstande sein, unsre Generation vorurteilsfrei zu beurteilen. Ich will wünschen, daß die »Kindergärten« vor diesem Gericht bestehen. Lautet ohnehin der Spruch desselben für manches, das – manchem schon jetzt an den Deutschen der jungen Generation mißfällt, ungünstig, so wäre nicht unmöglich, daß sich herausstellte, wie wenig die Kindergärten den Erwartungen, die man auf sie setzte, entsprochen haben.

In Rücksicht des Masselernens und des geistigen Gesamtexerzierens geht nichts über den Besuch einer vollgültigen Schule, keiner Spielschule. Der Schulbesuch ist die unschuldigste und nützlichste Form des ersten Eintritts in die Welt. Ein Schritt aus dem Hause in ein kleines begrenztes Leben und aus diesem neuen kleinen Leben sogleich wieder ins Haus zurück. Der gesteigerte Trieb zum Lernen, der Sporn des Ehrgeizes liegt auf der Hand. Und auch schon von diesem Vorteil abgesehen, wie harmlos erweitert sich der Einblick in das Leben andrer Menschen! Das Wissen ist für alle, und wie mannigfach sind diese kleinen Wettläufe nach demselben Ziele! Arm und reich, vornehm und gering, sauber und schmutzig, sanft und zornig durcheinander. Es regt sich das erste Bedürfnis der Liebe und Freundschaft. Man nimmt nicht nur die zu unsrer Familie daheim einmal gegebenen Menschen, sondern man wählt sich schon neue. Ein gewonnener Freund führt das Kind in das Haus seiner Eltern. Wie ist da alles so anders als daheim! Wieviel Brüder, wieviel Schwestern gibt's da! Wieviel Lärm oft und an anderen Orten wieviel Stille, Pedanterie! Man hat noch gar kein Urteil über die alten unausstehlichen Tanten des Gespielen, die über ihre Stubendiele keinen fremden Schuh lassen wollen, aber es bilden sich schon Stimmungen und Ahnungen über die Mannigfaltigkeit der Charaktere. Der Horizont erweitert sich, und der Schulbesuch regelt den Sinn für Ordnung und Gesetz. Das Kind lernt sich selbst bestimmen. Es lernt, sein Schicksal in eigner Hand haben. Was man an sich selbst nicht fühlt, entdeckt man an anderen. An Heloten, die dem jungen Spartaner die niedre Natur des Sklaven zeigen sollten, bietet die moderne Schule freiwillige Exemplare. Persönlichkeiten, die ihre Bildung außerhalb der Schule empfingen, etwa vornehme nur durch Hauslehrer, entbehren großer Vorteile für die Charakterbildung.

Der Heimgang aus der Schule! Wie belehrend, seelenerfüllend das Schlendern in die liebe Häuslichkeit zurück! An sittlichen Gefahren für den Wanderer fehlt es nicht. Ein »Umweg« straft sich. Der Knabe fand einst mit einem Troß Kameraden auf einem Umwege ein Hufeisen, das eben einem Pferde entfallen. Es war eine mit gieriger Lust festgehaltene Trophäe. Man will das Hufeisen an einen Schmied verkaufen. In Masse, aber schweigsam, lauernd, wendet man sich einer Schmiede zu. Aber je näher von dorther die arbeitenden Hämmer erklingen, desto zager wird der Vorsatz. Das Gefühl, man ist auf unrechten Wegen, spricht sich schon in der übertreibenden Keckheit einzelner Tonangeber aus. Endlich dicht an der Schmiede beratschlagt man, was sich für das Hufeisen erwarten ließe. Ein Ausweg, etwa einen Tauschhandel mit Nägeln einzugehen, fiel niemand ein, nur Geld wollte man haben und mit dem Gelde irgendeinen Genuß. Mit schon kleinlautem Ton tritt man in die Schmiede, bringt sein Begehr an; der Gesell nimmt das Hufeisen, wirft es in eine Ecke, schwingt den Hammer und jagt die ganze »Bande zum Tempel« hinaus. Auf fünfzig Schritt halten die Flüchtlinge stand und schreien ein Hallo! mit jenem Mut, der Ausreißern eigen ist, wenn sie über die Schußweite hinaus sind. Das Hufeisen war fort, aber auch eine Last vom Herzen. Die Seligkeit des wieder frei und erlöst aufatmenden reinen Gewissens wurde bei jedem scheuen Einblick in die Schmiede lange empfunden.

Lesen, Bücherlesen, Märchenluxus, Tatsachenschwelgerei, alles das kommt erst später. Jetzt dreht sich alles um den »Brandenburgischen Kinderfreund« und die Bibel. Auch das »Bibelaufschlagen« kommt erst später, wenn uns das »Buch der Bücher« erst bekannt geworden ist in all seinen Druckfehlern und »verbundenen« Paginas und einigen vielleicht ganz »fehlenden Seiten«. Dann wird's aber auch eine wahre Hexerei à la Rabbi Hirsch Dänemark, ein Wettrennen, wie in Epsom zwischen Pferden, so zwischen Ohren, Händen, Augen, Mund und bei dem, der kurzsichtig ist, der Nase. »Sprüche Samuelis 1, 15!« Hurra! Die Blätter fliegen! Welche Listen, Handgriffe gewinnt man sich ab, um in diesem Bäumchenverwechselspiel der erste bald bei den großen, bald bei den kleinen Propheten zu sein und die fünf Bücher Mosis am Schnürchen zu haben! Der »Brandenburgische Kinderfreund« erschien dem Kinde wie etwas Uranfängliches. Gott schuf die Welt und gleich nach ihr den »Brandenburgischen Kinderfreund«. Dreihundert zerrissene, beschmutzte Seiten mit einer Fülle von unumstößlichen Grundwahrheiten des jungen Lebens, als da sind: »Dieses Buch ist mein! Es besteht aus Blättern. Auf diesen Blättern sind Buchstaben. Diese Buchstaben verstehen, nennt man Lesen usw. ...« – sie sind die Enzyklopädie des ganzen Wissens, die wahren Diderot, d'Alembert, Bayle der Kinderweisheit. So wird selbst die Bibel in späterer Zeit dem Kinde nicht mehr heimisch wie der »Brandenburgische Kinderfreund« mit all seinen Klexen, eingekritzelten Namen, Eselsohren und sich mehrenden Defekten, Resten mancher kriegerischen Abwehr oder wohl gar eines sonnabendlichen Zwölfuhr-Mittags-Angriffes, wenn die morgende Sonntagsfreude schon in allen Gliedern rumorte. »Brandenburgischer Kinderfreund«, wie liegst du so offen da der Erinnerung! Wie durchblättert sie dich in deinen ersten metaphysisch-juristischen Denkübungen (»Dies Buch ist mein!«) bis zu den Wanderungen durch die Tier- und Pflanzenwelt! »Pastinak« hieß eines deiner aufgezählten Gemüse. Der Knabe kannte Schoten und Bohnen, aber »Pastinak«! Und gar »Artischocken«! Eine Wunderwelt der Küche! Und die Gerätschaften der Gewerbe, die großen Denkwürdigkeiten der Geschichte, des Weltalls, Deutschlands, Preußens und endlich die in lateinischen Lettern erzählten gereimten Anekdoten von Hans Taps, der sich »vor Gespenstern fürchtete!« Gespenster und Fenster reimte sich nicht nur in dem Buche, sondern gleich wie fürs Leben. Lieder beschlossen das Buch. »Mein erst Gefühl sei Preis und Dank!« (» ›Preuß'sch Kurant!‹ sang einst ein getaufter Jude beim ersten Kirchenbesuch!« spottete der Bruder) und am Schluß, hinweg über das liebliche: »Da hab' ich es, das Hänflingsnest!« das majestätische, wie mit Pauken und Trompeten am Auferstehungsmorgen gesungene: »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!« Wahrlich! die Schreibtafel unterm Arm und den »Kinderfreund« im Kopf – habt Respekt vor dem werdenden Beherrscher der Erde!

Die Kirchen wurden fast alle besucht und fast alle Berliner Geistliche gehört. Der Junge kennt alle Winkel der Chöre, alle Kirchenschiffe des damaligen Berlin, vom großen theatralischen Dom an bis zur kleinen Spittelkirche, dieser neuen »Gerichtslaube« am Spittelmarkt, die vor lauter Demut später noch sogar ihren Turm ablegte und sich am besten jetzt ganz empfehlen würde. Die Dorotheenstädtische Kirche, wo der Täufling mit neun Paten in das unsichtbare Gottesreich eintrat, ist jetzt übergotisiert worden. Innen war die Kirche Zopf, klein, niedrig, stellenweis dunkel. Sie war in Form eines Malteserkreuzes gebaut. Schadows Parzen, die dem jungen Grafen von der Mark, einem unehelichen Sohn des sogenannten »dicken Wilhelm«, früh den Lebensfaden abschnitten, umgibt ein Gitter, an das sich oft der Knabe lehnte und träumte, bis die Predigt des alten Superintendenten Küster zu Ende war. Die Garnisonkirche ist lang und ausdruckslos wie eine Kaserne. Die Marienkirche alt und ehrwürdig, an Nürnberger Art erinnernd, kunstlos freilich und märkisch kahl, aber sagenreich. In ihrem Kreuz, das an den Propst von Bernau erinnert, den das Volk erschlug, lag allein schon eine Pforte alter erschlossener »Ritterzeit«. Die Nikolaikirche mit ihren hohen Wölbungen, dunkeln, vergitterten Grabmälern und dem nadelspitzen Turm ist ein ehrwürdiger Doppelgänger von St. Marien. Beide liegen in schrägen Dimensionen an kleinen Plätzen wie das Straßburger Münster. Sie haben nichts zur Zierde als ihr Alter und ihre majestätischen Pfeiler. Schlüter hatte den Mut, in der Marienkirche einen derselben durchzuschneiden, um vier hierher nicht gehörige antike Säulen zu einer Kanzel anzubringen. Der Berliner Dom war innen reich geschmückt mit Sammetdecken, Bildern, zwölf bronzierten Aposteln, die das Altargitter zieren. Doch blieb nur fesselnd das eherne doppelte Kurfürstengrab, vom Knaben in seiner gotischen Umschrift oft mühsam entziffert, während Sack oder Ehrenberg, Reste der alten theologischen Zeit, predigten. Die Werdersche Kirche, noch die alte, simultan mit einer französischen verbunden, in einem Stil, so schal, so ledern wie ein altes Porstsches Gesangbuch oder eine Pastor-Hermessche Hauspostille von Anno 1740. Sie wurde abgerissen und neu gebaut. Der äußern Pracht der »neuen« Kirche entspricht die innere Armut nicht. Dürftiger, hölzerner, armenhausmäßiger kann man sich keinen Gottestempel denken als diese von Friedrich dem Großen an die stattlichen Gendarmenmarkttürme gebauten Schwalbennester. Auch die Jerusalemer Kirche war arm und dürftig. Ihr einziger Glanz waren die glänzend-glatt gesessenen Bänke. Etwas frischer machten sich die runden Wölbungen der Dreifaltigkeits- und Böhmischen Kirche. Jene trug am Altar, der Kanzel und der Orgel Spuren ihrer Bestimmung für Schleiermachers vornehmere Gemeinde. Der schönste Schmuck der Luisenkirche, wo Koblank, ein zynischer Lebemann, predigte, war ein stiller, mit hohen feierlichen Pappeln und Blütenbüscheln geschmückter Kirchhof, über welchen Koblank zu seiner Wohnung zu schreiten pflegte, während ihm noch vom Talar herunter das Wasser von den nassen Taufbeckengroschen troff, die er in der Sakristei eingesackt hatte. Ein inschriftenreicher Kirchhof schmückte auch die entlegene hellfreundliche Sophienkirche. Das Glockenspiel der Parochialkirche war für den Knaben eines der mehreren Weltwunder. Von dieser kirchlichen Topographie darf selbst der versteckte Judentempel mit seinen Lichtern auf bronzenen, im eigentümlichsten Rokoko gewundenen Leuchtern, dem Tabernakel, den geschriebenen Thoratafeln, den aufbehaltenen Hüten der Männer, den nirgends gesehenen Frauen, dem beklemmenden Singsang von hundert Stimmen durcheinander und draußen dem Vorhofe, wo geschächtet wurde und Gänseblut für Liebhaber von sogenanntem »Schwarzsauer« abgegeben wurde, nicht ausgeschlossen bleiben. Am wenigsten aber die katholische St.-Hedwigs-Kirche, die am Palmsonntag oder an einem Tage der Leidenswoche nicht unbesucht blieb, immer mit dem Gefühl der Beklemmung, daß man beim Unterlassen der von der Gemeinde mitgemachten Zeremonien als Ketzer erkannt und ausgewiesen werden könnte. Die Pracht des Hochaltars, die Kleidung der Geistlichen, das Klingeln der Chorknaben, der Duft des Weihrauchs, das Opfer am Altar, wo der Priester für alle trank und die gebrochene Hostie an der Balustrade wie ein Manna austeilte, wonach sich die Sehnsucht drängte, das Ausbieten und Darreichen des Kruzifixes zum Küssen, alles das war an sich ergreifend, doch schüttelte den Schauer die Erinnerung an Luther ab und mahnte zur Prüfung. Auf der Freitreppe draußen, unter dem von Kardinal Quirini auf eigene Kosten erbauten Portal und den drei steinernen Aposteln umwehte uns wieder die Königlich Preußische Welt. Die Janitscharenmusik der Garde schmetterte von der Wachtparade, oder aus den Fenstern des Opernhauses lärmte eine Spontinische Opernprobe.

Die neueste Warenauktionsliste kann der Kaufmann, den Börsenkurszettel der Kapitalist nicht aufmerksamer durchlesen, als wöchentlich an jedem Sonnabend in großen Städten das unverdorbene, stille und noch gottergebene Volk die Liste der Geistlichen liest, die am nächsten Sonntag predigen werden. Diese Menschen suchen sich da nicht nur den Lieblingsredner, den sie hören wollen, heraus, sondern sie erläutern auch die vorkommenden Gast- und Antritts- und Kommunionreden, die Probeversuche von Kandidaten, das lange Schweigen bekannter Namen und das zu häufige Auftreten anderer. Vetter Apokalyptiker wußte noch eine schärfere Kritik zu üben. Er sah auch unter diesen »berufenen und verordneten Dienern am Worte« seine drei Menschheitsgattungen, die Wiedergebornen, die noch Christum erkennen werdenden Halbwüchsigen und die Dahinfahrenden. Die letzteren waren ihm die Irrlehrer der reinen Vernunft, deren Zahl jedoch bei dem immer mehr heraustretenden kirchlichen System der Regierung nicht besonders groß sein konnte. Der Wiedergebornen gab es schon so viele, daß die Wahl schwer wurde und oft an einem Sonntage zwei Kirchen besucht werden mußten ohne die Wochenerbauungen. Die beliebtesten waren auch beim Vater diejenigen Redner, die offen und frei mit der Sprache herausrückten und bekannten, daß wir allzumal Sünder sind und des Ruhmes ermangeln, den wir vor Gott haben sollten. Die Selbstgerechtigkeit, hieß es, wäre der alte Adam, der ausgezogen werden müßte. Keine »Rechtfertigung« ohne Christi Dazwischenkunft und den Glauben. Die Gnade Gottes wußte der in allen Dingen so auch hier wieder feurige, bildergewaltige und aufbrausende Sinn des Vaters als einen Akt der erhabensten und großartigsten Willkür darzustellen. Wen Gott selig machen wollte, den nähme er sich heraus, und über die anderen ließe er den Teufel schalten. Die hohe fürstliche Frau im Schlosse hatte dem Vater gelegentlich gesagt: »Hat nicht der Heiland für uns alle sein Blut dahingegeben?« Und von Stund an waren alle Sprüche der Bibel im Vater wieder erwacht, alle Lehren seiner bettsiechen, kranken Mutter, und unter den heißesten Tränen wußte er stundenlang nichts mehr von Paris, nichts von der Sattlermeisterin und dem Cirque Frankoni, sondern nur noch von Golgatha und dem Ölberge zu erzählen. Die grübelnde Genugtuungslehre des Herrnhuterischen Vetters in ihrem Seelenläuterungs-Kalvarienberge blieb dem Vater verschlossen; aber die Geschichte, die Chronik des Alten und Neuen Bundes ging ihm in dem ganzen phantastischen Reize auf, dessen seine lebhafte Einbildungskraft auch hier bedurfte. Der Neuerweckte erzählte von den Juden und den Pharisäern so lebendig, daß die kritischere Mutter, die auch hier wieder das Maß überschritten sah, oft einwendete: »Aber du bist ja nicht dabei gewesen!« Jene lebhaften, feurigen Redner in der Georgen- und Spittelkirche, die mit dem »heiligen Bibelbuch« unaufhörlich auf den Kanzelrand schlugen, diese waren dem Vater und auch dem Vetter die liebsten. Zu den Nierenprüfern, zu den Zuchtmeistern im Herrn und in deren immer volle Kirchen rannten sie, wie ihr in ein Gastspiel von Sängern und Tänzerinnen rennt! Sie verlangten vom geistlichen Redner die Gabe des Geistes wie sichtbar anzuschauen am Pfingsttage, als über die Apostel die feurigen Zungen herniederfuhren. An den Wundern durfte nicht gedeutelt werden. Dem Vater kam es, wenn einmal Christus Gott der Herr selbst gewesen war, auf ein paar Unglaublichkeiten mehr oder weniger nicht an. Sein Glaube war kavaliermäßig: entweder Christus ist Gottes Sohn oder nicht, und ist er das, so ist ihm ein Lazaruswunder eine Kleinigkeit. Die Mutter seufzte zu manchem, was sie glauben sollte, und tröstete ihre immer flügge Vernunft mit Gottes einmal nicht zu ergründender Allmacht. Der Vater dagegen bedurfte förmlich des Wunders. Steine in Brot, Wasser in Wein verwandelt, Tote auferweckt, Kranke geheilt zu wissen, das gehörte ihm zu einer reputierlichen Religion. Ihre Moral mußte den Menschen scharf zusammenreiten, mit den Sporen kitzeln, ihm die Zügel so kurz halten, daß man auf den Kandaren der Zucht sich die Leidenschaften zerbiß. Luther war der Held des Hauses. Luther, der Mann des Volkes, auf dem wiederum ganz sichtbar Gottes Hand geruht hatte. Luther faßte alles zusammen, was solche Volksbildung von einem Propheten verlangt. Luther kam von der Armut, hatte Mut, trotzte den Fürsten, putzte Kaiser und Reich tüchtig herunter, erlebte romantische Abenteuer, sprach kernige, kurze Schlagworte und war mit der Bibel, die er übersetzt hatte, gradezu identisch. Elias, Paulus, Luther standen auf derselben Linie. Es waren die wilden Feuer- und Hitzköpfe der Religion, wie der deutsche gemeine Mann seine Helden in allen Fragen haben will, auch im Staat, in der Schule, in der Kunst und in der Poesie.

Eigentümliche und wunderliche, aber frischweg redende Prediger erhielten ungeteilten Beifall. Es wurde in der Böhmischen Kirche keine montagliche Nachmittagspredigt versäumt, solange sie ein seltsamer Geistlicher der in Berlin früher eingewanderten »mährischen Brüder« hielt, der bekannte, von den Weltkindern vielbelachte Jänicke. Dieser greise Sonderling, Vorgänger des heut an derselben Stelle wirkenden Knaak, vertrat anfangs ziemlich allein in Berlin die pietistische Richtung. Nach den Befreiungskriegen währte es immer noch einige Zeit, bis sich der öffentliche Geist aus seinem Zusammenhang mit den großen Erlebnissen der Epoche, aus dem Verbande mit unsrer klassischen Philosophie und Poesie, der Romantik, Herder, Fichte, Schleiermacher losriß und ganz in jenes ausschließlich »Evangelische« überfloß, das bald darauf alles, selbst das Unkirchlichste, verklären sollte. Jänicke, lange Zeit der einzige Pietist auf Berlins Kanzeln, wußte seine Zuhörer zu fesseln, trotzdem, daß seine Predigten Konversationen waren, bei denen vorkam, daß er diesen oder jenen in der Gemeinde anredete oder auf Stühle verwies, wo Menschen von ihm erblickt wurden, die ihm nicht aufmerksam genug oder wohl gar nur gekommen waren, »um hinter den Hüten ihr Lachen zu verbergen«. Seinem Publikum gefiel diese Natürlichkeit. Schuhmacher, Weber, »Raschmacher«, besonders aus dem oberen Teil der Wilhelmsstraße, den man dieser mährischen Einwanderer wegen mit wenig Kenntnis der Geographie »die Walachei« nannte, fanden es ganz im Stile der Volksberedsamkeit, wenn Jänicke sagte: »Der Geist Gottes fuhr auf die Jünger herab nicht im Sturmgebraus wie ein Donnerwetter, sondern sanft und lieblich wie eine Taube, zirp, zirp, zirp!« Als Vorstand des Missionsvereins vermittelte Jänicke die Phantasie seiner Gemeinde mit den fernsten Völkern der Wildnis. Er wußte insofern die eigentliche und beste Wirkung alles Missionswesens zu treffen, die eben keine andere ist als die Erhebung und Begeisterung derer, welche die Missionen absenden.

An seinen geliebten Lehrer Gädicke, den schon längst die Wilden verzehrt haben konnten – nach Robinson und Gumal und Lina war grausamere Lektüre gefolgt –, dachte immer der Knabe mit Wehmut, wenn er an des Vaters Hand in eines jener Konventikel trat, die damals sich überall eröffneten. Beim gemeinen Mann hießen sie Betstunden. Auch sie hingen zunächst mit dem Missionswesen zusammen. Unstudierte Missionäre übten sich im Sprechen. Aber auch Handwerker sprachen. Meist in dem entlegenen Klassenzimmer einer Schule oder in einem sonstigen Privatlokal versammelten sich abends fünfzig bis sechzig Gläubige beim Schein eines einzigen Talglichts und hörten die Rede oder das Gebet eines Inspirierten an, der seinen Vortrag zuletzt mit »Nachrichten aus dem Reiche Gottes«, die über Nürnberg und Basel gekommen, und mit Sammlungen für die fernen Heidenbekehrer endete. Diese Betstunden wurden anfangs untersagt oder nur dann geduldet, wenn der Erleuchtete, der auftrat, einen gedruckten Vortrag ablas oder nur ein Gebet aus dem Stegreif hielt. Die Redner wollten aber nichts Fremdes ablesen; so blieb ihnen nichts übrig, als der Rede die Form des Gebetes zu geben. So beteten sich hier dann manche Schuster und Schneider rein von der Erde hinweg. Die Verzückung sah den Himmel offen. Die Dringlichkeit betete den Himmel zur Erde nieder. Man sah Christus den Herrn (Gott Vater war in diesem Kreise nicht grade abgesetzt, hatte aber mehr die Rolle des »Alten vom Berge«, der hinten, im äußersten Libanon, in einer dunkeln Höhle sich in den Ruhestand versetzt hatte) leibhaftig auf seinem Throne sitzen. Herzzerreißende Klagetöne, die fast eine Stunde dauerten, lösten hier alle Weltlichkeiten auf. In der engen Stube, unter den ernsten, dunkelgekleideten Männern, bei dem einzigen Taglicht, das oft am Erlöschen war, im fahlen Dunkel so sich zu unterhalten mit dem Bräutigam der Seele – es mußte sich aller »Brüder« und »Schwestern« ein heiliger Schauer, aber auch jene Selbstzufriedenheit bemächtigen, die den Pietisten eigen ist, wenn sie von ihrer Gottesfreundschaftshöhe auf andere Menschen herabblicken. Wer wird aber in diesem seltsamen Gottesdienst lediglich Heuchelei sehen wollen? Ein guter Redner wußte in dies einzige Gebet, das erhalten durfte, das ganze Leiden der Armut hereinzuziehen. Schlechte Zeiten, Arbeitslosigkeit, die Maschinen als Stellvertreter der Händearbeit, die neuen Moden, die z. B. die Filzhüte verdrängten und nur noch die Seidenhüte gelten ließen, die drückenden Abgaben, Krankheiten und Unglücksfälle, alles sprach sich hier in diesem Hilferufe aus. Hätten sich nicht die Vornehmen eingemischt, hätte nicht der Staat verraten, wie gerade ihm an dieser Auffassung des Himmels schon auf Erden gelegen war und er eine Menge Belohnungen dafür in Bereitschaft hielt, diese Gottesverehrung hätte sich nicht so bald getrübt, wie später geschah. Denn wer könnte leugnen, daß auch die freien Gemeinden und der Deutschkatholizismus auf gleichen Seelenstimmungen beruhen, so verschiedenartig der Inhalt des Bekenntnisses auch ist? Es ist der Reiz des Separatismus, der, richtig organisiert, die Quelle einer neuen Menschwerdung der Generation und einer tiefgreifenden Erlösung unseres Jahrhunderts werden könnte.

Schon war eine Ausartung über diesen Isolierungstrieb des religiösen Bedürfnisses gekommen, als auch einmal der Knabe zu einem langen, hagern Studenten geführt wurde, der auf seiner »Kneipe« in einem Hinterhofe der Kurstraße eine Gemeinde von vielleicht sechs Erwachsenen und ebensoviel Kindern zu erbauen suchte. Für dies kleine Auditorium gab es mindestens vier Lichter, lange, schlanke neue Wachskerzen. Ein Klavier stand unter einem Spiegel. Ein Tisch war theatralisch als Altar aufgestellt und mit einer grünen Decke behangen. Der junge Gottselige mit gescheiteltem Haar empfing seine kleine Gemeinde mit feierlichem Gruß und zählte wie ein Taschenspieler auf seiner Uhr die Minuten, bis sich hinlänglich viel Auditorium versammelt hatte. Dann schlug er auf seinem Klavier eine Kirchenmelodie an, ließ in einem dichtbevölkerten, Hinterhofe rücksichtslos laut einen Choral singen und trat feierlich an den Altar, um seinen Text zu lesen und diesen zu paraphrasieren. Es war der Bibelspruch vom verglimmenden Docht und vom zerstoßenen Rohr, dessen breitgetretener inhaltsloser Anwendung der Knabe sich noch wie heute erinnert. War das Ganze eine homiletische Übung des jungen Mannes? Oder war der laute Gesang und das Aufsehen, das die Feier im Hofe machen mußte, für einen im Vorderhause wohnenden Geheimrat bestimmt? Oder lag dem Ganzen die erste Schwärmerei eines Theologen zugrunde, wie sie allerdings auch ohne irdischen Nebenzweck in einer angeregten Jünglingsseele leben kann?

Für dieses jungen Prädikanten reine Absicht möchte kaum einzustehen sein, aber erwiesen ist, daß die religiöse Stimmung des Jugendgemüts wie die erste Regung der Liebe kommt. Dem in Rede stehenden Knaben wurde seine Religionsschwärmerei wie ein physisches Erlebnis. Es war ein Wachsen, ein krankes Wachsen der Seele, ein neues Bedingtwerden und Umstimmen des reizbaren Nervensystems. Diese Himmelssehnsucht ist wie der Frühlingstrieb gewisser Bäume, wo die Rinde harzige Tropfen ausläßt, die Birke einen Saft von sich geben kann. Die Mitbedingungen unserer christlichen Offenbarung sind poetisch. Sie werden in der Jugend so nachgefühlt, daß nur das Schöne und Tiefe, nichts von ihren Mißlichkeiten im Gemüte haften bleibt. Manche Glaubensselige bleiben ewig in diesem jugendlichen Religionsbann und können sich nie wieder aus dem einseitigsten Verschönern und Zerflossensein zur besonnenen Prüfung erheben.

Eine Erziehung von soviel Religiosität konnte als erste Außerschullektüre nur eine religiöse darbieten. Die Bibel, das Gesangbuch und eine alte Hauspostille, eine echte Hansteinsche von 1740, waren die ersten Nahrungsquellen des Wissenstriebes. In der Bibel stand, wie unter allen deutschen Hütten, die Chronik des Hauses geschrieben, der Vermählungstag der Eltern, die Geburt der Kinder mit allen Zeugen, allen Taufpaten. Im untern Volk hat man Regungen, wie sie nur der Adel kultiviert. Auch da stemmt man sich gegen die Woge der Allgemeinheit, will nicht so mit fortgespült werden von der Masse des Nichtsbedeutenden. Man führt Buch über den festen Grund und Boden, wo man in der Welt steht, und wäre das Fleckchen Erde auch noch so klein. In der Bibel selbst fesselte dann alles, auch der rote Druck des Titels, das Privilegium des Königs Friedrich I. von Preußen mit allen seinen Würden und Besitzungen, auch die kleinen Vignetten zwischen den einzelnen Hauptstücken und die kunstvoll verschnörkelte Arabeske am Ende mit dem geheimnisvollen vor- und rückwärtsgelesenen Anagramm des Wortes E. N. D. E., lautend: Er Nahm Das Ei – (rückwärts) Er Darf's Nicht Essen, (vorwärts) Eine Nonne Darf's Essen! Dieser Unsinn, ein »vollkommener Widerspruch, gleich bedeutsam für Weise wie für Toren«, schien aus irgendeiner Faustischen Küche gekommen und bedeutete dem Kinde ein Abrakadabra der Art, wie wohl wirkliche Zauberei mit der Bibel getrieben wurde. Den Finger in die Bibel bohren, eine Stelle festhalten und nach deren Wortlaut handeln, das haben selbst große Geister getan, die als Atheisten vom Zufall nichts wissen wollten. Die Bibel ist dem Volke das Menschenleben von seiner kindlichen Märchenzeit an bis zur grübelnden theosophischen Zukunftserforschung. Leider wird dann aber auch die Bibel die erste Anlehnung des Gelüstes und der Leidenschaft. Die Bibel ist das Paradies, der Baum der Erkenntnis und die Schlange der Verführung. Ehe der Knabe noch von den Leidenschaften der Sinne weiß, pflanzt schon die Bibel die Versuchung in sein Herz. Gewisse Kapitel werden beim Lesen in der Schule überschlagen, die Neugier wird gereizt, und bald zeigt man sich heimlich die grellen Verse im Ezechiel, wo mit orientalischer Rücksichtslosigkeit die Bilder der Unzucht beschrieben werden. Diese und ähnliche Momente unsrer Erziehung gehören zu dem großen Patengeschenk, das uns Geschichte und Tradition für unsre christliche Geburt mit eingebunden hat.

Aus der »Postille« wurde sonntagnachmittags eine endlos lange Predigt laut und deutlich vom Knaben vorgetragen. Diese Aufgabe war die gesundeste Stärkung, wenn nicht der Seele, doch der Lunge. Sie hob die physische Stimme, gab ihr Kraft und Nachdruck. Die Mutter entschlummerte sanft. Doch gegen den Schluß wachte sie auf und hörte noch die Nutzanwendung und das erlösende Amen. Worauf der Kaffee folgte. Nebenbei hatte der Knabe noch eine geheime Lieblingslektüre. Es war ein einzelner Band eigentümlich gedruckter Predigten, der durch einen Zufall ins Haus gekommen war. Das Buch war schön gebunden, inwendig mit einem Wappen der Familie Steiner aus Winterthur in der Schweiz, zwei Arme hielten aus einem Helm einen Stein empor. Das Buch selbst war 1782 in der Schweiz verlegt und von Haefeli, einem Geistlichen aus Lavaters Schule, verfaßt. »Predigten und Predigtfragmente« hießen diese Betrachtungen, die in einem völlig andern Stil geschrieben waren als die alten Sermone von Propst Hanstein. Sie lauteten aber auch völlig anders, als man in sämtlichen Berliner Kirchen predigte. Haefelis Predigten waren in einem Schwung geschrieben, dem selbst der Vetter nicht folgen mochte, obschon sie nur im Interesse der strengsten Orthodoxie verfaßt waren. Die Bilder, die aphoristische, phantasievolle Diktion, die, plötzlich im Übermaße der Rhetorik abbrechend, oft Wort nur an Wort reihte, aber so bedeutungsvoll mit Schwabacher Schrift gedruckt, daß man erkennen mußte, hier sollten Zentnergewichte liegen, die Fingerzeige auf die allgemeine Weltgeschichte, die Einmischung von Polemik gegen die Voltairezeit, alles das war so eigentümlich neu, daß es auch zunächst schon einen eigenen Vortrag bedingte, worin sich der Knabe in stiller Einsamkeit zu üben versuchte. Der Prediger mußte für diese Reden Schauspieler sein. »Ob Jesus von Nazareth lebender Retter und König, Souverän der Schöpfung, Erlöser von Sünd' und Tod oder ein hingerichteter Rabbi aus Galiläa war? Das ist die Frage!« Diese Gegensätze standen sich dann poetisch schroff in langer Ausführung gegenüber, ganz in dem Stil, der später erst aus der Schweiz und dem deutschen Süden über Westfalen und Bremen nach Norddeutschland gekommen ist. Vernehmlich sprachen Lavater und Klopstock aus diesem Buche, dessen Motto denn auch lautete: »Gesäet dem Tage der Garben.« Hier waren Betrachtungen zu lesen über die »heilige Einsamkeit«, über den Christ als »neue Kreatur«, über Jesus als die »Auferstehung und das Leben«, über die »Erwartung des neuen Himmels und der neuen Erde«, über »die Nahrungsmittel des himmlischen Lebens« und ähnliches Überschwengliche, das mit Feuer, bilderreich und blendend ausgemalt wurde. »Wer ihn gefühlt hat, den Fluch des dornichten Ackers und Adams auf all seinen Söhnen ruhende Strafe; wer gesehen hat Mammons Ehre und Trug und den blinden, tauben Götzen Baal mit dem Schwarm seiner Anbeter – sich müde gehört hat an stolzen Worten, da nichts hinter ist, und an dem Freiheitspreis der Sklaven des Verderbens, an dem Seufzen der mißbrauchten Kreatur und am dem tieferen Seufzen des mißbrauchten Brudergeschlechts und dem stolzen Gewühl ihrer Tyrannen – wie flieht der so gern in die Einöde ohne Menschen, unverspottet seine Tränen zu weinen, in der leblosen Natur zu suchen, was ihm die lebendige oft versagt – Einfalt, Harmonie, Größe, Adel, Gottesstrahl und ungekränkt sich mit dem Trost einer besseren, wenn auch fernen Zukunft zu trösten! Siehe, der Herr verließ das Gewirr seiner ihn mißkennenden, hassenden Welt, wandelte am einsamen Gestade im Schatten der Ölbäume und schöpfte – was ihm keiner seiner Jünger, auch sein Johannes nicht geben konnte – aus seinem Vaterland Stärkung und Mut auf Gethsemane, Gabbatha und Golgatha.« Schon in diesen letzten Namen der Bibel lag ein majestätischer Schwung! »Endlich, endlich kommt doch ein Wort Erklärung der harten Rede, aber ein wie andres Wort, als man erwartet hatte! So kurz! So abgebrochen! So hingeworfen!« Hier waren Lessing und Goethe zu spüren. Das ganze Buch ist der erste geistige grüne Anger gewesen, auf dem sich die Knabenseele schon von zehn bis zwölf Jahren aus dem dürren häuslichen Leben flüchtete. Das Lamm Christi weidete auch hier, aber die dumpfe, erstickende Stubenluft schnürte nicht mehr die Brust zusammen. Die Alpen standen in der Ferne. Sie waren der Schemel für Gottes Fuß, dessen Krone über allen Wolken und Wassern glänzte, und unter ihm schwang Christus die »Blutfahne« mit dem Wappen des Lamms. Der Gekreuzigte stand auch über allen Erdenthronen und richtete Majestäten und Verbrecher, die Reichen und die Armen, die Adler in den Lüften und den Wurm im Staube. Sein Kreuz stand riesenhoch, und im Erdbeben zitterte Jerusalem. Düstere Wolken rauschten über die Häupter der Welt, und die Vorhänge des Tempels zerrissen. Es war kein leidender, nur redender Christus, den der freie Schweizer predigte, sondern ein handelnder und selbst im Leiden triumphierender. »Sesostris, Cyrus, Pythagoras, Aristoteles – Kopernikus und Luther – Cartesius und Grotius – Gustav Adolph und Friedrich!« Ihr bezeugt, daß »kleine ohnmächtige Kinder« Männer werden konnten. Wieviel mehr dieser Christus, der »Zimmermannssohn« und doch in Gott Purpurgeborene! Das Kind kannte erst wenige von jenen Helden, aber die Vorstellungen erweiterten sich, diese Christusauffassung ging über die Spittelkirche und die Sonntagsnachmittagspostille hinaus. »Können wir uns einen anmutigeren, traulicheren Auftritt denken als Jesus – unter der Mütter- und Kinderschar? Alle Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater, allen Ernst des Lehrers, alle Majestät des Wundertäters, zur mildesten Huld, zur zartesten Liebe, zur trautesten Einfalt gemildert – voll einladender Zärtlichkeit sein Blick, sein Mund allen freundlich zulächelnd, seine Hände nach allen sich ausstreckend. Und um Ihn die Mütter mit ihren Lieblingen – auf den Armen die einen, an der Hand die anderen –, sie drängen sich zu Ihm, berühren seine Knie, blicken erst schüchtern, dann froh lächelnd an Ihm auf, mit jedem Blicke zutraulicher, froher, gesprächiger – und von Jesus aufgehoben, geherzt, gesegnet, mit einem liebreichen Glückwunsch, mit einer väterlichen Lehre den Müttern wiedergegeben! Können wir uns einen lieblicheren, wehmütig erquickenderen Auftritt denken! Einen lieblicheren und erquickenderen für Mütter, für Kinder, für englische und menschliche Zuschauer! Selig sind die Kinder, die Jesus also segnete, die auf seinem Schoße saßen, seine Wange berührten, mit seinen Haarlocken spielten! Ja, selig wird er uns zurufen, wenn ihr werdet wie die Kinder.«

Herrliches Buch! Was hast du die Seele des Kindes wie mit Engelsfittichen und in Himmel unendlicher Entzückung gehoben! Schweizermund voll Pracht und Hoheit, Lieblichkeit und Poesie! War's das Alpenglühen der schneebedeckten Firnen, das aus vergilbten Blättern in die ahnungsvolle Einsamkeit des träumenden Kindes blitzte? Waren es die Herdenglocken von Zürich, die den Sohn der nordischen Steppe wie auf grüne Bergeshalden riefen und ihm die Schauer einer Welt voll heiligeren Schwunges und reinerer Schönheit zauberten? Braucht das Auge lange zu wählen und weilt nicht mit Rührung auf einer Stelle wie dieser: »In der lieblichen Abenddämmerung der Einsamkeit erscheinen sie wieder, die Rosen unter der Morgenröte – die seligen Tage der Kindheit und Unschuld, wo unser Leben hinfloß wie durch Blumenauen der klare Bach, wo keine Wolke den reinen, lachenden Himmel trübte, kein feindseliger Sturm unser Inneres zerriß – wo wir im Schoß unserer Mutter frohlockten und mit den jugendlichen Gespielen um den blühenden Baum unseres mildgepflegten Gartens eines Herzens jauchzten. Da kommen sie wieder hervor aus dem verschlingenden Strom der Zeit, all die Stunden genossener Freuden – und die dunkleren Stunden der Trauer, die durchkämpften Nächte, die Tränen, die noch die Morgenröte beschien das ungezählte Heer der Sünden, bereut und unbereut, verziehen und unverziehen – vom ersten Lustgenuß am Baum der Erkenntnis bis zur Untreu im letzten Tagwerk. Alles zieht in namenlosem Schauer unsrer Seele vorüber – ein Vorschmack des Weltgerichts – wir genießen wieder und leiden wieder. Und aus diesem Bilde des Vergangenen geht das Bild unsrer Zukunft hervor, die Pfade öffnen sich, die wir noch wandeln sollen, und die Kämpfe, die uns fürgelegt sind – wir trinken itzt schon aus dem Becher der fernsten Freuden und Leiden, und unsre Seele faßt in lebendiger Hoffnung und Furcht das Unsichtbare, wie wenn es sichtbar wäre.« Stundenlang stellte der in der Stube eingeschlossene Knabe mit lauter Stimme diese Lektüre an. Er ahmte dabei den Berliner Predigern nach.

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