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Unter dem schwarzen Bären

Karl Gutzkow: Unter dem schwarzen Bären - Kapitel 6
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authorKarl Gutzkow
titleUnter dem schwarzen Bären
publisherVerlag der Nation
editorFritz Böttger
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Schönhausen – Charlottenburg – Spandau

Jener Prinz, in dessen Diensten beide Schulmeisterwaisen standen, der Maurer und der ehemalige Schneider, wohnte des Sommers in Schönhausen, einem kleinen, hinter dem Dorf Pankow bei Berlin gelegenen Schlosse. Von einem Parke eingefriedigt, der seine Alleen, Bowlinggreens, Blumenterrassen, Wasserfälle, kleinen Springbrunnen, seine künstlichen Felsen und von Birkenholz gezimmerten Brückchen hatte, wie nur im größeren Stil ein Park von Kassel, Stuttgart oder Versailles, hatte dies Schlößchen ehedem zum Aufenthalt der Gemahlin Friedrichs des Großen gedient, einer Braunschweigerin, die in den ihr aufgedrungenen und mit sanftester Weiblichkeit ertragenen Mußestunden französisch zu schriftsstellern versuchte, während sie, die Schwester der Amalie von Weimar, kein deutsches Wort orthographisch schreiben konnte. Dem Schlosse gegenüber lagen Wirtschaftshäuser, die zur Hofhaltung gehörten. Ringsum lagen nichts als Felder, Wiesen, Dörfer, wie eben die märkischen Dörfer sind, mit Stroh- und Schindeldächern, mit großen Wassertümpeln in der Mitte für die Gänse und die Dorfjugend, mit einer freundlichen, oft uralten Kirche. Die herrlichen Eichen am Parkrande sollten schon allein zu einer kaiserlicheren Erhaltung Schönhausens auffordern.

In diese Herrlichkeit ging es schon des Morgens in aller Frühe. Zwar nicht in einem Staatswagen, aber auch vor einem Wirtschaftswagen holten die mutigen edlen Rosse kräftig aus. Eine herrliche Fahrt, wenn sich die blühenden Kastanienbäume der von Berlin abführenden Allee damals noch fast zu einem Dache zusammenschlossen. Auf Naturleben, Lerchen, Amseln, Kuckuck zu achten, hatte des Vaters Beispiel jederzeit gelehrt. Unvergeßliche Tage der Freude! Alles ringsum still, feierlich, morgenfrüh, sonntagsweihevoll. In Pankow schnurrte schon die Orgel in der kleinen, erst jetzt wieder neuerbauten Kirche. Der Onkel empfängt die Ankommenden unter einem Heck von weißem Flieder, das sich an den gelbgetünchten Wänden der Dienstwohnungen hinzog und die Aussicht nach den Kirschbäumen von »Deutsch-Buchholz« bot. Wie brannte die Sonne! Wie summten die Käfer! Wie klopfte das Herz, als im Freien der Tisch gedeckt wurde und aus blendweißem Prinzenporzellan mit gemalten goldenen Wappen Reis in Milch oder gar eine Tafelreliquie verzehrt werden konnte. Hier waltete ein Arkadien. Der Mensch ging mit dem Menschen. Alles war Idylle, selbst bei den Bewohnern des von dem intriganten Schweden Eosander von Goethe erbauten, durch Friedrichs des Großen Gemahlin vielfach veränderten Schlosses. Damals, als es hier Orangerien und Fasanerien gab, wurde selbst Seidenbau betrieben. Von letzterem hatten sich nur die Maulbeerbäume erhalten. Die Prinzessin lud die Dorfkinder von Schönhausen ein und ließ sie mit den eigenen Söhnen und Töchtern auf einige Stunden Kameradschaft schließen. Wenn die Lakaien den Bauernjungen die Nasen geputzt und die Kammerjungfern die Mädchen untersucht hatten, ob sie ordentlich gewaschen und gekämmt waren, durfte der Troß mit den größeren und kleineren Hoheiten an langgedeckten Tischen frischgestrichene Buttersemmeln verzehren, Milch trinken oder Kirschen und Birnen essen. Gewiß wird in dieser Form das Talent zur Herablassung bei den Großen herangebildet; ob aber auch wahre Demut und Bescheidenheit, läßt sich bezweifeln. Wenn arm und reich, gering und vornehm zusammengehen, so tobt sich der Necksinn, der Haschegeist der Jugend bei den letzteren allein aus. Der Vornehme erhält die erste Gelegenheit, seine Kraft, sein Vorrecht zu üben. Die Unbill der jungen Löwen müßte schon besonders wild und übermütig werden, wenn die zuschauende Brille des Hofgelehrten bei einer Gewalttat den Ausschlag nach der leidenden Seite hin geben sollte. Und mit dem fünfzehnten Jahre hört auch all diese angebahnte »Popularität«, dieser Umgang mit Menschenspielzeug auf. Dann bekommen die jungen Göttersöhne »ebenbürtige« Gesellschaft, und grade umgekehrt – wäre besser gewesen. Bei erwachender Kraft sogleich Aufforderung zur Selbstbeschränkung, im ersten Vollgefühl sogleich der Bruch durch feinere Spielkameradschaft, die sich nicht unbedingt ergibt, sondern zu wehren versteht, und dann dem gereiften Jüngling Bauer- oder Bürgerknaben – als Einblick in die Werkstätten der Arbeit und zum Studium des wirklichen Lebens!

In Prinzessin Marianne wohnte ein idyllisch-poetischer, gemütvoller Sinn. Die hohe Dame, aus Süddeutschland gebürtig, hätte am liebsten allzeit im Freien gelebt unter dem blauen Himmelszelt und wäre auf Wiesenteppichen durchs Leben gewandelt. Wenn irgend möglich, so wurde ihre Tafel unter einigen Orangebäumen und Blumenterrassen an der Gartenfront des kleinen dumpfdüstern, etwas feuchten Schlosses aufgeschlagen. Sie trat gern mit werktätiger Teilnahme mitten ins Leben der Armen hinein und suchte dabei für christliche Wiedergeburt zu wirken, die damals immer mehr im Preise stieg. Die Prinzessin hat viel zu verantworten für die Zeit des preußischen Abwärtsgehens von den Bahnen des Lichtes und des Fortschritts. Solche hochgestellte Günstlinge des Glücks haben gut reden von Wiedergeburt! Bei ihnen sorgt selbst für das Prinzip der Entsagung die Kunst, der Luxus. Die einen dekorieren ihre Zimmer mit frivolem Tand, die anderen im nazarenischen Geschmack, wofür aus Gold, Silber, Bronze, Sammet, Seide, Holz genug Kostbarkeiten geschaffen werden. Die Großen haben leicht ausrufen: »Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen!« Der Herr schmückt ihnen ihr Haus mit Kruzifixen von Silber, Breviarien mit Miniaturen, Bibeln mit Handzeichnungen, bunten gebrannten Fensterscheiben, geschnitzten Betstühlen aus Jakarandenholz. Sammetpolster erleichtern das Knien. Fransen spielen um die zum Beten gekreuzten Hände. Der vornehme Pietismus kann auch an Pascal, Paul Gerhardt, Angelus Silesius ein allgemein-literarisches, poetisch-gestimmtes Interesse, wie nur an Goethe und Jean Paul, nehmen, während Schmolke und Arndts wahres Christentum für die geistige und leibliche Armut ganz anders wirken als Pascal, Paul Gerhardt, Angelus Silesius für die vornehme Bildung. Friedrich Wilhelm IV., unter seinen Kupferstichmappen, seinen Grundrissen zu byzantinischen Bauten, dem Studium des Puseyismus und der anglikanischen Kirche hingegeben, befriedigte mit diesem exklusiven Geschmack ein spezifisch anderes Bedürfnis seiner innersten Natur, als sein Volk mit dem Oberkirchenrat, der Gemeindezucht und der Sonntagsfeier oder der Arme mit seinem Porstschen Gesangbuch befriedigen soll. Die grünen Pfingstmaien, die das Haus des Armen schmücken, werden nicht von jenem Zedernbaum gebrochen, unter dessen Schatten sich die exklusive Bildung in reizendster Geistigkeit gehoben fühlt. Euch tischt der Pietismus goldene Früchte in silbernen Schalen auf, dem Armen auf kahlem Sandboden nur die ewig dürren Tannenzapfen der Entsagung!

Freilich beißen Heuchelei und – zugegeben – der Fanatismus auch auf solche Tannenzapfen an. Was wird nicht in der Nähe der Großen geheuchelt und gelogen! Diese Fürstin mahnte jeden zur Bekehrung. Sie fuhr aus einer pietistischen Predigt in die andere. Bei Schleiermacher sah man sie nicht. Wie schlugen die Sünder ihre lügenhaften Augen vor ihr nieder, andere Wiedergeborne wieder entzückt empor! O wohl! Eine einzige gute Seite läßt sich der Heuchelei nicht absprechen. Sie mildert wenigstens zum Schein die Sitten; sie läßt einen Menschen herauskehren, der seine Leidenschaften bezwingt. Die Großen brauchen lange, bis sie den faulen Grund um sich her, die Lüge und Verstellung erkennen; ja sie wollen auch lieber alles ununtersucht lassen, wenn nur nicht die Täuschung von selbst sich aufdrängt und die Heuchler, denen Güte und Vertrauen die meisten Wohltaten geschenkt hatte, sich zuletzt so scheußlich undankbar und als gemeine Betrüger enthüllen. Von dem Tage an, wo die hohe Herrin pietistisch wurde, trat in ihrem und ihres Gatten Hofstaat, von den hohen Regionen bis in die untersten, Veränderung über Veränderung ein.

Auch hier hatte der Apokalyptiker den richtigen Maßstab. Vom Frommsein der Großen machte er nicht viel Wesens. Wenn an der Spittel- oder George- oder Böhmischen Kirche die Karossen dicht gedrängt standen, so daß die Armen kaum zur Tür hineinkonnten, lächelte er über so viel geputzte Herrlichkeit und kam auf die Pharisäer zurück und den Spruch vom Nadelöhr, durch das eher ein Kamel hindurchginge, als daß ein Reicher ins Himmelreich käme. Er erklärte, wohl den Wahn der Großen zu kennen, daß sie sich einbildeten, dermaleinst auch im Himmel, wie in der Spittelkirche, die ersten Plätze reserviert zu bekommen. Sehr verdächtig war ihm die neue Hof- und Domagende mit ihrer katholisch anmutenden Liturgie. Auch darin witterte er etwas von den geheimen Künsten der »Propriande«, die immerfort im geheimen wühle und nicht eher ruhen würde, bis nicht »in Berlin ein römischer Bischof säße«. Sind diese apokalyptischen Zeiten nicht schon da?

Charlottenburg und die Feste Spandau wurden dem Bruder zuliebe besucht, der alle zwei Jahre dort in Garnison stand. Diese Reisewanderungen begannen gewöhnlich sonntags in erster Morgenfrühe. Grau und leichenhaft lag noch die scheidende Nachtdämmerung auf allen Straßen; sogar der weltberühmte Berliner Staub war vom Tau niedergeschlagen. Durch den grünen Kastanienwald der Universität schimmerte ein lichter Streifen, der purpurrotgelbe Herold der Sonne. Schlimme Vorbedeutung, wenn auf dem nahen »Hühnerhof«, neben dem jetzigen chemischen Universitätslaboratorium, die Hähne krähten. Dann konnte es Regen geben. In solchen Fällen vertauschten sich die Charaktere der Eltern; der Vater wurde Optimist, die Mutter Pessimist. Unter den Linden, in den Palästen der Vornehmen lag alles noch im tiefsten Schlummer, selbst diejenigen Läden, die sich am ersten zu öffnen pflegen, die der Bäcker, waren noch geschlossen. Im Tiergarten zwitscherte es von allen Zweigen. Die breite, wohlgepflegte Kunststraße entlang ziehen sich rechts und links niedere Wege, die in frohem Gleichschritt erwartungsvoll durchmessen wurden. Durch die Säulen des Brandenburger Tores mehrte sich die Glut der erwachenden Sonne. Die Hähne hatten unrecht gehabt. Es gibt das herrlichste Wetter. Der Tiergarten, wildverworren, sumpfig-üppig, wurde noch von einem Herrn Fintelmann, nicht dem Parkologen Lenné beherrscht. Hinter dem früheren »Venusbassin«, späteren prosaischeren Karpfen-, dann Goldfischteich, linker Hand vom Wege, wucherte es von Schafgarben, Winden, Farnkräutern, Schierling und Wolfsmilch. Es war die volle Vegetation des Sumpfes. Eidechsen huschten unter den hohen Gräsern dahin. Rechts hatte man den Blick nach dem Schloß Bellevue, das sogar Delille besungen hat, mit der vielbewunderten bronzenen Kanone, welche Prinz August (ein berühmter Held auch in der Prusse galante) eigenhändig von den Franzosen erobert haben soll. Nun kam das freundliche »Rondell«, das mit einigen finger- und nasenlosen Sandsteinfiguren geziert war und vom Volke »die Puppen« (hochdeutsch: »die Pupfen«) genannt wurde, sonst aber schon zu Knobelsdorfs, des Tiergartenschöpfers, Zeiten poetischer der »große Stern« hieß. Rings geschnittene Hecken. Die Grenze Bellevues bezeichnete ein erhöhter chinesischer Pavillon, im Volke Regenschirm genannt. Weiterschreitend mehrte sich die Sumpfvegetation. Lazerten, Frösche huschten vor den Frühwanderern in ein Dickicht, wo auf moorigem Boden die fächerpalmartigen Farnkräuter sich streckten, die lockenden Blüten der giftigen Aronswurzel auf schwarzbraunem Stengel sich wiegten, gelbweiße große Pilze sich von einem inzwischen abgebrochenen grünen Wanderstecken eine rasche Zerstörung gefallen lassen mußten.

Die Zelte im Tiergarten

Die Zelte im Tiergarten

Endlich war der Schlagbaum der Wegegeldabgabe erreicht. Hier hatte noch vor kurzem ein Wagenlenker des Königs, anfahrend an Säulen, die nicht mehr vorhanden sind, den Hals gebrochen. Der Unfall wurde vom Vater in den kleinsten Details und ganz so erzählt, wie die Mutter seine schauerliche Ausführlichkeit und allzu lebhafte Phantasie »in den Tod nicht leiden konnte«. Schon blitzten inzwischen die Sonnenstrahlen mit voller Kraft und vergoldeten Charlottenburg, wo sich bereits Leben zeigte. Rüstete sich doch der fast ganz aus einstöckigen Häusern bestehende Ort, in seinen Wirtschaften und Tanzböden die Gäste der großen Residenz zu empfangen. Eben öffneten sich die Jalousien der »Sommerwohnungen«, die Blumen vorm Fenster, die Lieblinge jener Epoche, die Hortensien, wurden erfrischt, die Wege vorm Hause wurden gegen den drohenden Sonntagsstaub im voraus benetzt. Links belebte sich der große Platz, wo der berühmte Kolter seine halsbrechenden Seiltänzerkünste zeigte. Die Bäckerläden sind offen! Vorräte für Spandau werden den vom noch heißen Brett gekauft! Wie knisterte das warme gelbe Brot! Wie wird die Ware von Charlottenburg gerühmt, verglichen mit Berlins so »elender«! Wie wird die Berliner Bäckerinnung als die selbstsüchtigste, hochmütigste und »bredalste« (brutalste) aller Berliner Gilden nächst der Schlächter- und Brauerinnung attackiert! Das stolze Schloß zur Rechten mit seinem grünen Kupferdach und der goldnen Krone unterbricht diese mit den baldigen Strafgerichten der Polizei drohenden Vergleiche. Schlüter und Eosander von Goethe bauten es gemeinschaftlich, obschon sie sich haßten; für den Knaben aber lag die ganze Herrlichkeit dieses Schlosses nur in einer Gartenglocke, die in einem Teiche des darangelegenen Parks alte bemooste Karpfenhäupter auf den oberen Wasserspiegel lockte. Aber diesmal gab es hier keine Rast. Immer vorwärts, und immer zu Fuß! Zwei Meilen hin und zwei Meilen am Abend zurück! Die Trompete aus den linksliegenden Ställen der helmbebuschten, zu Charlottenburg in Garnison liegenden Eisenreiter gibt Mut –! Morgenreveilletöne – ach! ob in Kirchenvigilen oder im zweiten Akt von Méhuls »Joseph in Ägypten« oder wie hier bei den Kriegern –, wie rufen sie so beredsam zum Leben auf –! Die Reveillekadenz der damaligen Berliner Signalhörner, erst aufsteigend, dann sich senkend, dann lang hingezogen und in den Sonnenaufgang hinein melancholisch verfallend, ist des Knaben erste musikalische Erinnerung. Hier bei den Reitern hatte die Trompete nicht den schönen Tonfall wie das Signalhorn von der Königswache in Berlin herüber durch den Kastanienwald hindurch. Aber! Vorwärts! Vorwärts! Keine Träumerei! Es geht den Sandberg hinauf, der jetzt als »Westend« für die Berliner ein Paradies geworden ist, wenigstens in den Prospekten der Aktienbaugesellschaften. Damals existierte noch nicht einmal die Chaussee, von welcher man erzählte, daß ein gewalttätiger bürgerlicher Gutsbesitzer, der vielberufene Grützmacher, der im Jähzorn einen Knecht erschlagen hatte, zur Ablösung der Strafe sie hätte erbauen müssen. Die mühselige Wanderung über diese sandige Steppe, diese dünngesäeten Kornfelder, diese unabsehbaren Kartoffeln! Das ist wahr, die Lerche sang so gut wie auf der goldnen Aue in Thüringen. Sie hob sich, schwebte, wirbelte nieder und machte Mut, tapfer auszuharren. Hinter einer großen, einsam gelegenen Windmühle kam endlich eine Waldstrecke, die gegen den nun schon immer heißeren Sonnenstrahl Schatten bot. Nur Tannen, nur Birken sah man, aber sie standen dichtgeschart. Über ihre knorrigen, aus der Erde starrenden Wurzeln hinweg schritt sich's so wohlig. Hier, wo sich der Buchhändler Schaefer, geadelt als Herr »von Schäfer-Voit«, von den Erträgnissen seines Modejournals »Bazar« eine Villa erbaut hat, war für den Knaben die klassische Stelle, wo der Bruder, von Berlin nach Spandau wandernd, trotz seiner Uniform von »Räubern« angefallen wurde und sich erst mit dem Säbel hatte Weg bahnen müssen. Endlich öffneten sich die Niederungen zur Spree, die sich mit gefälligster Waldumkränzung darbietet. Vom »Spandauer Bock« (oder »Bug« oder »Beuge«–?) ging der Weg abwärts und bot in den sich senkenden Baumgruppen, durch welche die Sonnenlichter, die grünen Wiesen, die Wogen des Flusses und schon die Türme Spandaus mit ihren goldenen Zifferblättern blitzten, während links der Wald an Dichtigkeit zunahm und emporstieg zur »Bergkette« der Pichelsberge, einen malerischen Anblick. Nun ging es quer um Heck und Zaun herum über die Wiesen, wenn diese trocken waren. An einem langen Erdwall wurde stillgehalten. Hier, unter Hunderttausenden weißer Sternblümchen, lagen die gefallenen jungen Freiwilligen, die 1813 Spandau von den Franzosen säubern wollten. Schon läuteten die Glocken der bald erreichten Stadt herüber zur Kirche. Rechts lag die wasserumgürtete, uralte, von Italienern, unter Leitung des florentinischen Grafen Lynar, erbaute Festung mit der schwarzweißen Fahne. Der Fluß, malerisch umkränzt vom dunklen Grün der Jungfernheide, belebte sich mit kleinen Booten. Die größeren »Schifferkähne« hielten Sonntagsrast um die schwarzweiß bemalte Zugbrücke, die endlich in die Stadt führte, deren Tor ein gewaltiger Turm schützte. Knabenphantasie dachte sich ihn über und über mit Pulver gefüllt. Der Vater öffnete sogleich den Deckel seiner Pfeife, schüttete vorsichtig die Asche in den Zusammenfluß der Spree mit der Havel, steckte den noch heißen Pfeifenkopf ein, wünschte dem Brückenmeister einen frisch aus Berlin gekommenen Guten Morgen!, und wir waren in Spandau.

Diese mühselige vierstündige Wanderung mit Weib und Kind, mit Verwandten und allerlei liebendem Anhang! Und abends wieder zu Fuß zurück und mit gleicher Ausdauer! Nichts von Eisenbahn oder Tramway oder »Kremser«! Die Belohnung, den Bruder mit dem stolzen schwankenden Haarbusch auf dem »Tschako« beim Appell zu sehen, seine kommandierende Stimme bei der Kirchenparade zu hören, sein Quartier hinterm Zuchthause (Kinkelschen Andenkens) zu besuchen, nachmittags in die innere Festung zu wandern, den Juliusturm, die Baukünste der Italiener und jenes poetischen, abenteuerlichen Lynar, der, am Tassohofe von Ferrara erzogen, die Mark mit Italien vermitteln wollte, zu bestaunen, sich daselbst wiegen und seine Schwere in einem uralten Wagebuch notieren zu lassen, dann auf dem Schützenhause die Philister kegeln zu sehen, alles das war die Reisebelohnung! Zu fragen und zu träumen, zu gaffen und zu hören gab es hier die Fülle. Nicht nur die großartigen Tatsachen vom »Glacis«, von den »Laufgräben« »Pallisaden«, Schanzkörben, den Überschwemmungsschleusen, Kasematten, Mörsern, Bomben (die Festung hat mit ihrem Wasser, ihren Bauholzplätzen, pappelgeschmückten Eingangstoren einen holländischen Charakter, zumal mit Winterstaffage würde sie sich wie ein van de Velde ausnehmen –), nicht nur die Chronik des Zuchthauses gehörte dazu, die von den galgenwürdigsten Verbrechern, oder die Chronik der Festung, die von Studenten mit langen Demagogenhaaren und -bärten erzählte, sondern auch die kleine Bürgerwelt, das ganze menschliche Sein in Spandau. Alles nahm den gaffenden, horchenden, lauernden Kindersinn gefangen, eine Spandauer Tischler-, eine Schmiedewerkstatt, durch deren sonntägliche Ruhe man hindurchschreiten mußte, um ins Quartier des Bruders zu gelangen. Da erzählt ein Kamerad des Bruders von seiner schlesischen Heimat Wunderdinge. Oder die Frau des Feldwebels entwickelt Großartigkeit und tummelt sich, die fremden Gäste lukullisch zu bewirten. Wie wurde jetzt wieder das Brot von Spandau gerühmt! Letzteres war nun noch vollkommner als das Charlottenburger. Wie wurden Fleisch, Mehl, Hülsenfrüchte in ihren laufenden Preisen, ihrer unverfälschten, quellenreinen Güte mit der Teurung in der schon damals, bei nur 200 000 Einwohnern schon als sündenverloren, lug- und trugergeben bezeichneten Hauptstadt verglichen! Die halbe Welt der Kleinen dreht sich um nichts als um die eigene Existenz, um die Chronik des Markts. Man reichte sich das Weißbrot im Kreise, pries die Krume, wie locker, wie ausgebacken sie sei. Man bewunderte einen Reichtum an kleinen weißen, rotflossigen Fischen, den die hier zur Havel gewordene Spree abwarf. Konnte man einen so glücklichen Ort verlassen, ohne sich nicht noch einen Sack gedörrten Obstes mitzunehmen? Wie glücklich wurde der gepriesen, der sich hier im Bunde mit vier oder fünf Nachbarn ein Schwein mästen oder für sich allein im Koben drei Gänse »nudeln« konnte! Ein unerschöpfliches Thema dieser Kampf der geringen Mittel mit dem großen Bedürfnis des Lebens. Und wie weiß es einer besser als der andre! Wie reich sind die Erfahrungen, wie mannigfach die Methoden zum richtig und gut Leben! Sparen, zu etwas kommen, sich einrichten, das sind die gemeinsamen Ziele des gemeinsamen Wettlaufs, doch fängt es dabei die eine kleine runde Frau so an, die andre magere lange anders. Die Männer müssen denken und sollen es auch, sie hätten mit ihren Hälften Hennen, die goldne Eier legen, geheiratet. Sie schweigen höchstverwundert zu all den Frauenprahlereien, blicken ganz verdutzt, hören den Zungenherrlichkeiten mit holländischer Geduld zu, lange tönerne Staatspfeifen dabei im Munde, und erfahren erst jetzt, was ihnen in ihren Ehehälften für wunderbare Bescherungen zuteil wurden. Fällt ihnen aber dann, im Bewußtsein, daß ihr Schweigen zu so viel Prahlerei Anerkennung verdient haben müßte, ein, ein wenig mit der Frau des Feldwebels zu schäkern, sich mit der Frau Tischlermeisterin von nebenan zu necken, schmunzeln sie mit einer Witwe, die schon zwei Männer begraben hat, so entwickeln sich auf all die Herrlichkeit, all den idyllischen Genuß tragische Heimgangsdialoge, schmollende Ermüdungsvorwürfe, zuletzt Gardinenpredigten. »Kein Mensch mehr brächte einen dahinüber nach Spandau –«, heißt es dann wohl. Und kochen sich dann gar hintennach die mitgebrachten gebackenen Dürrfrüchte ganz erbärmlich, sind sie steinhart und reichen nicht im entferntesten an die schöne ausgezeichnete Ware, die man von dem großstädtischen Vorkosthändler an der Friedrichs- und Dorotheenstraßenecke geliefert bekommt, so ist die Bescherung voll, und vor Jahr und Tag wird ein Ereignis nicht wiederholt, das man nur noch mit einigen wunderlichen Lebensverwicklungen zu verbinden hat, um die Welt des norddeutschen kleinen Bürgers und seines Lebens bescheidene Romantik mit »dorfgeschichtlicher Treue« vor Augen zu haben.

Wohin horcht nicht alles das Kinderohr und schleicht sich in die Menschenzustände ein! Früh ahnen Kinder und nehmen wahr die zerreißende Dissonanz des Lebens. Dem Erzähler wenigstens kann der Glaube nicht genommen werden, daß das Kind eine ursprüngliche Anlage nur zum Aufnehmen des Schönen, Guten, Harmonischen hat. Die Verwilderung muß schon eine weitausgedehnte sein im Bereich seiner Existenz, wenn Unschönes, Böses, Unharmonisches ihm nicht mehr wehe tut. Es schreit auf, wenn der Druck des rauhen Daseins und der Unbildung zu hart, zu gewalttätig wird. Es möchte ja so gern alles in Liebe verbinden, jeden Zwiespalt versöhnen, überall nur Glück und Freude verbreitet sehen. Nicht ängstlicher können die Vögel vor dem Sturm flattern, als ein Kinderherz bangt, wenn die Wolken ehelichen Unfriedens heraufziehen, die Leidenschaften schon im voraus zu plänkeln anfangen, noch nicht einmal pelotonweise losstürmen. Kommen dann aber die vollen Salven, die Kreuzfeuer, Ladung auf Ladung, o wie fliegen da die jammernden Friedensstifter hin und her und beschwören die Parteien bei allen Himmeln, bei allen Paradiesen, abzulassen von so schnöder, wilder Menschennatur, die selbst Eltern, nächst Gott den heiligsten Begriff, entstellen kann! Mit der Zeit freilich kommt die Gewöhnung, die Gewöhnung selbst an ein solches Familienunheil. Ja es kommt die Gewöhnung an tausend Rechnungen, die nicht mehr aufgehen. Was ist das Leben so ernst! Da kommt ein Haufe Menschen. Ein Reiter stürzte, er wird herbeigetragen, das Pferd zerschlug ihm mit dem Huf die Brust; er sieht noch etwas wie irr im Kreise um sich, das Auge bricht, er ist tot. Ein lieber Gespiele legt sich aufs Krankenbett, sie fahren ihn im Sarge hinaus auf den Kirchhof. Die Erfüllung eines Wunsches, die ein Großer den Eltern versprochen, trifft nicht ein. Eines Tages kommt der Vater händeringend, er ist eben in den Staatsdienst getreten und debütiert mit dem Verlieren eines Geldbriefes. Der letzte Heller wird geopfert, ein vermögender Verwandter mit großem Umstand um Hilfe angegangen. Bei einem andern aus der Familiensippe wird eingebrochen, gestohlen, der Armut noch ihre geringe Habe geraubt. Der Druck schlechter Zeiten, das Zurückgehen der Geschäfte sind Dämonen, die sich mit kummervoller Miene, das Haupt aufstützend, in einem Winkel der Stube wie der jüdische Dalles zeigen, keine Antwort geben, wenn man sie anredet, starr zur Erde blicken und im Kinde die ersten Zweifel an Gottes »Vatergüte« wecken. Wie verdunkelt sich immer mehr der blaue Wolkengrund, wo man sich leibhaftig thronend auf goldnen Sonnenstrahlen den Herrn der Erde, den »Vater im Himmel« gedacht hatte! So leibhaftig, wie im Bilde gemalt, schwebte im Abendsonnenlicht der ernste Patriarch mit ehrwürdigem Bart, der die Welt geschaffen hat, vor dem vertrauenden Auge des Kindes; aber die Macht Satans wächst, immer weiter rückt das Gute hinweg, und das Böse siegt. Und immer, immer klopft die Sorge an die Tür. Sie kommt auch ohne unser Herein! Sie wird Gast im Hause, ein täglicher, sie bläst alle Kartenhäuser des Kindes um, wirft alles Spielzeug in die Ecke, rauft alle Blumen aus, beirrt den Wuchs, den freianstrebenden des jungen Lebensmutes, legt Bleigewicht an jede zu weit ausholende Pendelschwingung, verkümmert, verringert, beängstigt die Atemzüge. Und warum? Für dreißig Taler mußten dem Verwandten (»der sie selbst von andern geborgt hatte«) fünfzig gezahlt werden. Darüber kam alles in Verwirrung.

Dann verschwindet der große sichtbare Gottvater in den farbestrahlenden Wolken auch schon allmählich dem rationellen Glauben des Kindes. Die von innen kommende Offenbarung regt sich. Stimmen fangen mit uns zu reden an, die nur vom zweifelnden Geiste kommen können. Gott ist ein Geist, und das Unsichtbare und darum dennoch Vorhandene mehrt sich im Bewußtsein des jungen aufstrebenden Keims. Oder glaubt ihr nicht, daß sich ein Kind mehr als Durchgang des Weltgeheimnisses fühlt als der erstarkte kräftige Stamm? Rätselhafte, unerklärlich entstehende Wehmut überschleicht oft des Kindes Herz. Das Ziel des Lebens ist so hoch, die Welt so weit, und du bist so allein und so hilflos! Wer wird deine Hand ergreifen, wer dich durch dies dunkle, weglose Labyrinth führen! Ist Kinderwehmut ein Heimweh zurück zum rätselhaften Lande des Nichts oder eine Vorahnung zukünftigen Lebens in Kraft und Bewährung? Debetur puero reverentia. Darin liegt mehr als nur die Aufforderung, sich nicht dem Kinde zu zeigen, wie sich Noah seinen Töchtern zeigte. Das Zarteste in eines Kindes geistiger Konstitution ist zu schonen. Denn wenn es sinnig ist, so nimmt es jeden Schmerz wie mit dem ganzen Nervengeflecht seiner Empfindung hin. Es geht ihm ans Leben, wenn es leiden, vollends Unrecht leiden sehen soll. Unverdiente Kinderkränkung wirkt nicht etwa bloß äußerlich auf den Stolz und duckt gleichsam ein Stehaufmännchen in seine Schachtel; sie erzeugt eine so tiefe Verlassenheit des Gemütes, eine Wehmut der Stimmung, daß es mehr als Roheit ist, wenn man glaubt, durch Spott oder lachende Zurede den inneren Brand des Schmerzes zu stillen. Schon allein die Armut eines Strebsamen weckt Klagetöne des Gemüts, die sich in Worten nicht aussprechen lassen. Die Schwere des allgemeinen, so endlichen, so halben Menschenloses fällt bei den Kindern der Armen so gewaltsam auf sie nieder, daß die Erzieher, die Lehrer nicht sanft genug die ihnen anvertrauten Pflänzchen emporrichten können.

Ein Kind wird krank. Dann der leise Ton der Stimme, die Ergebung, der zehrende, liebesuchende Blick! Sonst der wilde frohe Übermut und nun ein solches Gebändigtsein! Bei den Krankheiten entwickelt sich das Gemüt und der Geist der Kinder. Sie erstehen reifer vom Lager, innerlicher, als sie sich legten. Die Entwicklung des Körpers steht still und läßt dem Wachsen der Seele Raum. Dem Knaben macht schon das Klingen im Ohr eine wunderbare Wirkung, es war ihm wie das Rauschen eines unsichtbaren Meeres, das halb dem Leben, halb der Geisterwelt angehörte. Melodie und Farbe zugleich, Sehnsucht ins Unendliche, Anzustrebendes oder Geahntes weckte dieser Ton. Die grünen, blauen, roten Flecken vor einem Auge, das zu lange in die Sonne gesehen hatte, verzauberten ihm nicht minder die Welt. Den Träumer reizte es, sich die Augen zuzudrücken und sich an jenen kaleidoskopischen Bildungen zu weiden, an den bunten Formen und Lichtern, gestickten Teppichen, gemalten Fensterscheiben, die dann aus dem Dunkel aufstiegen in den reichsten symmetrischen Mustern, schöner als die zum Sticken bestimmten, die am Wittichschen Laden in der Jägerstraße hingen. Bei Erkältungsfiebern begann das »Phantasieren«, das bis in die Jünglingszeit eine Plage der Eltern blieb. Dann schien dem Erkrankten das Bett umzingelt von kleinen dicken Männern mit langen greulichen Nasen, einer drängte den andern; oder es begann ein Gefühl des Schwebens, des Aufsteigens in die Luft, das jammernde Hilferufen um Rettung vor dem jähen Niedersturz. Dies Schweben in den Lüften und Niederfallen aus den Wolken wiederholte sich bei jedem Unwohlsein. Der Knabe wußte, daß ihn Vater und Mutter in den Armen hielten, und doch jammerte er, er müßte ins Unendliche sinken und könnte sich nicht halten. Ein pommersches Gegenmittel: einen Kübel Wasser über den Kopf! vom Vater angeraten, wurde von der Mutter zurückgewiesen.

Die Vermittelung mit dem Arzte ist bei manchen Lebenslagen die einzige, die eine ganze Schicht der Gesellschaft in die Nähe der Bildung bringt. In solchem Grade arme Existenzen kann es geben, daß der Arzt der einzige ist, der aus der Welt des Fracks und der Handschuhe je mit ihnen in Berührung kommt, der einzige, der in gewählter Sprache nach ihrem Wohl und Wehe fragt. So sehr Paria war der Knabe nicht; aber in dem Vorfahren und dem Eintreten jenes kleinen, strengen, kurzangebundenen, scharfblickenden, raschbefehlenden Hofrats Kunzmann lag etwas so Vornehmes und Erschreckendes, daß allein schon damit jeder Krankheit ein momentaner Halt geboten schien. Hofrat Kunzmann wurde bei jedem Übel gerufen, doch hinderte das nicht, daß die Eltern, wie alle Menschen aus dem Volke, weniger der lateinischen Heilkunde als der traditionellen Hausmittellehre trauten. Auch sprachen sie gern von alten Frauen, die die Drüsen heilten und Kindern »den Zapfen hoben«, von alten Schäfern, die die Rose besprachen oder Warzen durch Sympathie vertrieben. Daß ein Stückchen rohes Fleisch, in die Dachtraufe gelegt, und eine Warze am Finger in Verbindung stehen können und eines das andre vertreibt, dafür fehlte es am festesten Glauben nicht. Die liebsten Formen des Heilmittels sind dem Volke Kräutertrank und Salbe. In Salben liegt ihm der Auszug aller Kräfte der Natur. Kräutermischungen, gewisse Fetteile des Tieres, »Bibergeil«, zerriebene Gallensteine oder ähnliche Mischungen sind ihm Panazeen. Die medizinische Polizei war damals auf ständiger Jagd gegen die Volksärzte, aber sie entstanden immer wieder in den Winkeln und Hinterhöfen und einsamen Vorwerken vor den Toren. Jetzt scheint die Polizei alles Quacksalbern freigegeben zu haben. Wer betrogen sein will, mag es also werden?

Berliner Vorstadtlandschaft um 1840

Berliner Vorstadtlandschaft um 1840

Man mag wohl noch selten solche alleinwohnende Hufelands oder Schönleins der Vorstadt antreffen, wie sonst nicht selten einen Schuster, einen Weber. Erschrocken, weil immer der Polizei gewärtig, springt der unzünftige Asklepiade von seiner Arbeit auf, fährt uns rauh und hart an, was man wolle, und hört mit Unmut, daß man ihn um Bewährung seiner Heilkraft bittet. Ist es die alte, schon in Delphi bekannt gewesene, sich sträubende Ablehnung jeder übernatürlichen Zumutung von Seiten solcher Übernatürlichbegabten oder nur Verstellung? Jedenfalls beschwichtigt man die Polternden, und sie rücken mit ihren Künsten heraus. So lernte der Knabe eine Art Hexe kennen, die, fast unglaublich, dicht im Schatten des eben neu gebauten Domes und des Königlichen Schlosses wohnte. Museum, altes und neues, Kißsche Amazone und dergleichen existierten noch nicht. Nur ein Quadrat von Pappeln, Lustgarten genannt, und auf einer seiner Flanken der jetzt auf den Wilhelmsplatz versetzte »Alte Dessauer«. Die altersgraue, von Bäumen beschattete Hofapotheke liegt in dem mittelalterlichen Flügelreste des Schlosses. Neben dieser Werkstatt Äskulaps, wo mit scheuer Ehrerbietung die ausgestopften Vögel des Vorgemachs bewundert wurden, lag die bescheidene Hütte einer Heilkundigen. Eine alte, lange, hagere Frau, der man sich nur nach vielem Bitten und Betteln um Hilfe nähern durfte, vertrieb hier den Kindern die Drüsen, drehte ihnen die steifen Hälse um, »hob die Zapfen«, wahrsagte auch aus Karten oder Kaffeesatz, trieb Sympathie und ähnliche wunderbare Abrakadabras der Volksheilkunde. Die finstre, unfreundliche Frau nahm für einen »eingerenkten« steifen Hals vier Groschen. Der Knabe hat den Besuch im kleinen düstern Zimmer der Hexe bis ins kleinste Detail behalten. Das wachsumhüllte Vogelbauer, das Bett mit dem gewürfelten Überzug, hohe Schränke, ein Stuhl mit Lehne wie bei einem Zahnarzt und – seltsam, doch gehört's in die ersten Kapitel einer Mnemotechnik – mit der Erinnerung an diesen Besuch hingen jahrelang braunglänzende ausgeschälte Kastanien zusammen, die auf dem Heimwege an der Universität gesammelt wurden. Des Jungen steifer Hals, gedreht, bestrichen, gedrückt von der griesgrämlichen Wundertäterin, hatte sich schon wieder bücken können. So wurden die Kastanien mit dem Halse in der Erinnerung eines und dasselbe. Ganz ebenso behält man später die Jahreszahlen der Hohenstaufenzeit und denkt dabei an irgendeine verhängnisvoll gewesene Hausnummer in der Großen Friedrichsstraße.

Das um 1830 errichtete Alte Museum

Das um 1830 errichtete Alte Museum

Dem inneren Drängen des Geistes, der endlich über die dämonische Macht des Körpers nachhaltigere Kraft gewinnt, kommt die Schule, die Kirche, die Bücherwelt mit kräftig helfenden Armen entgegen. Das sind dann Liebkosungen und sich so gewaltig ausstreckende Hilfeleistungen der bereits bestehenden Welt, daß sie bald ausschließlich das ganze Jugendleben gefangennehmen.

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