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Unter dem schwarzen Bären

Karl Gutzkow: Unter dem schwarzen Bären - Kapitel 3
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authorKarl Gutzkow
titleUnter dem schwarzen Bären
publisherVerlag der Nation
editorFritz Böttger
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Vater erzählt

Es hat zahllose Menschen gegeben, die auf untern Lebensstufen standen und doch dem Auge seltene und zuweilen verhältnismäßig ganz wunderbare Kräfte der Seele und Eigentümlichkeiten des Herzens verrieten.

Die gewöhnliche Lebenschronik eines Gebildeten ist meist monoton. Dagegen gibt es Tausende von Entwicklungen, die sich nur im niedersten Striche des Strebens hielten und doch nie so dumpf oder bewußtlos auf plattem Boden hinkrochen wie die Lebensmomente der bevorzugten Klassen, die nur aus Vergnügen und Gähnen bestehen.

Aber auch der Bauer, der deutsche Handwerker, welcher letztere seinen Auerbach oder Jeremias Gotthelf noch sucht, steht an Reiz zurück gegen gewisse Erscheinungen der Mittelsphäre, des Kaufmannsstandes, des abenteuernden Unternehmers und der dienenden Klassen. Eine Bauersmagd auf dem Dorfe ist bald erschöpft in dem Wert, den sie für den Menschenforscher oder Dichter beanspruchen kann, oder man müßte denn bei Schilderung ihrer Lebensverhältnisse übertreiben, künstlich hinzusetzen, Unmögliches, wie seither genug geschehen, mit rosigsten, saubersten Aquarellfarben, die hier so selten passen, darstellen. Aber eine Bauersmagd, die zum Dienen in die Stadt kommt, eine andere, die nach einem Fehltritt den Ort, wo zu leben sie sich schämen muß, verläßt, sich als Amme verdingt und aus wunderlichen und verschnörkelt-verworrenen Lebensverhältnissen oft nicht wieder herauskommt, regt das ganze Interesse an, das wir den Abenteuern der spanischen Schelmenromane schenken, wo die Gil-Blas oft gescheiter und bedeutsamer sind als die Prälaten und Hidalgos, die sie zu bedienen vorgeben. Manche Staatsaktion ist geeignet, eher auf die »Gran Tacanos« (die Erzschelme) als die Alberonis zurückgeführt zu werden.

An Begegnungen mit solchen wunderlichen Erscheinungen war die Jugend des Knaben ausnehmend reich. Seine Familie stammte väterlicherseits aus Pommern. An Pommerns und der Uckermark Grenze liegen die Ortschaften Löcknitz, Klempenow, Dorotheenwalde. Sie müssen den ganzen Charakter der dortigen Landschaft tragen, müssen umgeben sein von feuchten, fruchtbaren Sumpfstellen (»Bruuche« genannt) und müssen walddurchwachsen sein. Denn so lebt diese grüne Urheimat in des Knaben Gedächtnis. Die Vorfahren müssen nichts Gewöhnliches gewesen sein. Kenner der pommerschen Geschichte wissen sogar, daß die Grafen Gutzkow die bekannte Stadt gleichen Namens gründeten, die jetzt zu Mecklenburg gehört, Greifswalde und Stralsund anlegten und eine Zeitlang Rügen beherrschten. Die Grafen Gutzkow kamen mit den Ottonen, denen Pommern sein Christentum verdankt, aus Franken, sind auch kein slawisches Geschlecht gewesen. Sie ritten schon im neunten Jahrhundert beim Magdeburger ersten Turnier ein; dann wurden sie brandenburgische Amtshauptleute in Stendal und Salzwedel. Von dort die Elbe überschreitend, bekämpften sie die Reste des obotritischen Heidentums, wurden in Pommern lehnspflichtig, blühten bis in die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, sahen sogar, daß die große Königin Margareta, die alle drei Kronen Skandinaviens zugleich trug, eine Enkelin aus ihrem rügischen Stamme war, und verloschen mit unverheirateten Frauen und Geistlichen. Der Schild des altdeutschen, nicht slawischen, ursprünglich Gutzgauch (Kuckuck) geheißenen Geschlechts, zwei gekreuzte Knochen mit vier Rosen in den Winkeln, kam mit dem Lehnheimfall ins pommersche Wappen, dann ins Königlich Preußische, wo es lange zu sehen war. Jetzt ist letzteres an Schilden so reich, daß auf den neugeprägten Talern die Erinnerung an die Grafen Gutzkow nicht mehr vorkommt.

Auf Wollin an der Ostsee führen die ersten Familiennachrichten zurück. Einer dieser wie so viele mit den Ottonen nach Norden eingewanderten fränkischen Adligen und nur im Namen slawisierten Grafen war daselbst Bischof. Der Vermutung, daß eine Zölibatübertretung ein bürgerliches Bastardgeschlecht des Namens erzeugte, entspricht das stete Leben der weiter verfolgbaren Ahnen in der Nähe der Kirchen – nicht als Bauer oder »Kossäten« (Kotsassen, Beihufner), sondern als Schreiber und Schulmeister. Wäre der alte Graf Moor in den »Räubern« Bischof gewesen, er hätte seinem Bastard Hermann gewiß einen Küsterdienst verschafft. Der Kuckuck, der von Walther von der Vogelweide und allen Dichtern des Mittelalters wie die Nachtigall gepriesene Gutzegauch (der Name des holländischen Malers Koeckoeck kommt euch weniger komisch vor, die ihr doch an die Grafen Taube und Fink und Geyer gewöhnt seid), singt das monotone Lied von Armut und Entbehrung in dem verkommenen Geschlecht. Gerichtsschreiber, Schullehrer, Küster sind armuts- und kindergesegnete Lebensstände. Der Großvater war anfangs Patrimonialgerichtsschreiber in einer Zeit, wo zu den erlaubten Justizmitteln der ländlichen Gerichtspflege noch ein großes, dem Kinde oft geschildertes Faß gehörte, in dessen einen Boden ein Loch geschnitten war, groß genug, um den Kopf des Inquisiten hindurchzulassen, während die Beine durch zwei entsprechende Löcher im andern Boden hinlänglich Kraft zur langsamen Bewegung behielten. Der Großvater, erst Protokollant irgendeines pommerschen Don Holzapfel und seines juristischen Beisitzers Magister Schleewein, wurde »ob schwächlicher Gesundheit« Schullehrer »wie auch« Küster in Löckenitz, Klempenow oder »Dortenwalde«. Früh gestorben, hinterließ er, wie eben Schullehrer sterben, ein liebevolles Andenken und das Elend der Seinigen. Diesen Großvater überlebten die kranke, bettlägerige Witwe und zwei unmündige, kräftige, des Vaters »schwächliche Gesundheit« nicht dokumentierende Knaben. August und Karl rangierten als Schulmeisterswaisen mit den Vögeln unterm Himmel. Aber die Engel kamen von ebendiesem Himmel und erweichten die Herzen, daß sie ihre Mehlkästen aufschlossen und ihre Fleischtöpfe öffneten und mitten in unsre Zivilisation hinein keine Hungerleichen duldeten. Die Invaliden Friedrichs des Großen, denen die Schulranzen der Dorfjugend das Gnadenbrot zutragen durften, hatten doch noch eine kleine Pension für einen bei Leuthen verstümmelten Fuß; aber ein Schulmeister, der so seines Wissens und wirklichen Könnens wegen von der Schreiberbank weggenommen wurde, ein kalligraphischer Dorfgelehrter, hinterläßt seinen Kindern Regen und Schnee, Sturm und »Schlack«-Wetter, Zittern und Frieren auf der Heide, wenn sie reihherum bei den vermöglicheren Bauersleuten die Kost bekommen und wandern müssen tagein, tagaus von Löckenitz nach Klempenow, von Klempenow nach Dortenwalde, pochen müssen an Gehöft und Amthaus und Jägerhütte und Müllerhof und abends, wenn ihnen die Engel durch das Herz guter Leute noch für die ewiglich aufs Bett gebannte Mutter Brot, gedörrtes Obst, Eier, Speck mitgegeben, weit, weit damit nach Hause zurücktrollen müssen. Da war kein Wind, kein Regen, kein Schnee, kein Frost, der diesen beiden Schulmeisterwaisen einmal gesagt hätte: Ihr bleibt heut' am warmen Kachelofen! Der Bauer hier duldet euch! Die Bauersfrau gäbe gern noch sonntags vor dem Bettgang Eierbier und einen brennenden Kienspan, um ihr aus dem Pommerschen Gesangbuch ein Lied vorzulesen mit dem kindlich-frommen Stimmchen – die Jungen mußten durchaus zur kranken Mutter zurück mit ihren eroberten Brosamen. Denn sie konnte nicht einschlafen, wenn sie nicht die Jungen gesehen, ihnen den Abendsegen abgehört und jeden Morgen das flachsblonde Haar gestriegelt hätte von ihrem Bett aus. Es war eine in ihrer Art gebildete Frau, diese kranke Schulmeisterwitwe. Alle liebten sie und gaben ihr und den Jungen. Im Novembersturm und Jännerschnee, in Julihitze oder Augustgewitter aßen ihre Söhne bei einem Pfarrer, einem Jäger, einem Müller, einem Amtmann, drei bis vier Erbpachtbauern. Letztere waren jene stattlichen fetten Bauern mit den silbernen Talerreihen auf den langen Röcken, die damals nach Berlin oder Stettin ihren Roggen, ihren Weizen, ihre Wolle oder Gänsebrüste selbst einfuhren.

Daher kam's nun auch, daß der Vater des Knaben so wunderbar erzählen konnte. Scheherezade hätte an ihm ihren Meister gefunden. Sein Erzählen war kein bloßes Berichten von Allgemeinheiten, Erinnern von Unbestimmtheiten, alles war Leben, die Wirklichkeit selbst, handgreiflich die Tatsache vors Auge gerückt; nun sieh dich satt und vergiß dich selbst darüber! Wie käme es anders, daß der Knabe das niegesehene autochthonische, spickaal- und gansbrustgesegnete Urland der Pommern kennt wie den Rhein oder seine Tasche! Säen, ernten, heuen, dreschen, das konnte auch die Umgebung Berlins, ja Berlin selbst lehren, in dessen Ringmauern damals noch gesäet, geerntet, geheuet und gedroschen wurde wie auf dem flachen Lande. Aber du treues Pommerland, das du gar zu langsam und bedächtig dem Geist der Zeit nachschleichst, woher lebt denn der abtrünnige Halbpommer wie leibhaftig in jenen »Bruuchen«, die soviel Heu für die Rindviehzucht abwerfen, sieht im Geiste diese Scharen von Gänsen, die »mit den Flügeln jauchzend«, wie Homer singt, deine Stoppelfelder wie weiße Linnen bedecken und winters mit ihren geräucherten Brüsten die Tafeln der Kenner schmücken? In des Vaters Schilderungen glänzte das dem Pommerland nahe gelegene Boitzenburg, die Stammburg der stolzen Arnim, als das Land der agronomischen Fabel, wo die Bodenkrume so fett wie mit Butter bestrichen ist, die Kühe in ihrer Milch schwimmen, das Gras von selbst auf die Heuböden hinaufwächst, das letzte Korn aus Mangel an Säcken ungeerntet bleibt und die Knechte vom Hofe mittags »kübelweise« Linsen und Speck aufgetragen bekommen. Wie gegenwärtig bist du, Pommerland, dem geistigen Auge bis hinab an die Niederungen der Insel Usedom und Wollin, wo am Strande die Kiebitze dahinschießen, deren beinunterschlagenes Wie-der-Wind-laufen in guten Stunden der Vater dem Sohn im Felde vormachte, dieselben Kiebitze, die uns die kleinen delikaten grünen Eier mit dem goldgelben Dotter und grünlichen Eiweißgallert geben. Woher stammt alles das so gegenwärtig her, als aus der Erzählerphantasie des Vaters, der schon seiner kranken Mutter Kunden aus der Welt zwischen Löckenitz, Klempenow und Dortenwalde hatte bringen müssen?

Die beiden Brüder August und Karl kamen mit der Zeit aus dem Lande, das da heißt Vorpommern, in das andere Land, das da heißt Hinterpommern. Die Schulmeisterwaisen strebten Großes an. Sie hätten Knechte werden können, die Kraft dazu hatten sie. Sie wollten aber dem Stammbaum des Hauses, wenn auch nicht dem Grafen Hermann von Gutzgowe, der beim ersten deutschen Turnier in Magdeburg in die Schranken ritt (siehe Rüxner), und Margareta der Großen, der bessern Semiramis des Nordens als jener andern in Petersburg, doch den Küstern, Schreibern und Schullehrern Ehre machen. Der Ältere lernte daher in Stettin das Schneiderhandwerk und der Jüngere Maurer. Für zwei solche Schneeflocken zur Osterzeit, die ein Sonnenstrahl wegtauen konnte, war es eine Heldenlaufbahn, sich fünf Jahre lang bis zum »losgesprochenen« Schneider- und beim Vater des Erzählers Maurergesellen ehrlich und bieder in Stettin obenauf zu erhalten. Sie wurden mit einem Stolz, der auf ihrer Lebensstufe die vollste Berechtigung hatte, zünftig gesprochen und konnten auf die Wanderschaft gehen.

Doch siehe! die unruhige, abwechslungsgewöhnte Dorffreiherrlichkeit regte sich mit der gewonnenen Freiheit. Erst kommt ja allerdings der Mensch, der da muß, dann aber, wenn es irgend geht, der Mensch, der da will, und noch mehr der Mensch, der das eine lieber will als das andere. Sie hatten jenen ausgehalten, nun kam dieser in Versuchung. Der Schneider ging nach Berlin, suchte »Kondition« und wurde – der Diener eines Grafen. Der Jüngre, der Maurer, folgte, arbeitete an einem Bau in der damaligen »Syrupsstraße« – die Zeit Friedrichs des Großen hatte der ersten so hochgepflegten und blühenden Zuckersiederei (1749) zu Ehren diesen süßen Namen einer der Straßen gegeben, die den Spittelmarkt mit der Waisenhausbrücke verbinden (Wallstraße) –, erlebte aber das Unglück, daß ihm von aufspritzendem heißem, eben gelöschtem Kalk das eine Auge geblendet wurde. Die Heilung dauerte lange. Der Bruder besuchte ihn und pries seine Lage. Der Graf war ein Graf Brühl, Erzieher der Kinder des Königs. Die Bedingung war nur die, daß er sich vor keinem wilden Pferde fürchtete. Da war keine Not. Die Koppeljungen von Löckenitz waren des Vaters beste Freunde gewesen. Mit ihnen hatte er sich auf jungen Fohlen getummelt, mit ihnen war er in die Schwemme geritten. Der Maurergesell brauchte nur die Reitpferde des Grafen zu sehen, und schon griff er nach der Striegel und dem Wassertrog. Der Graf wußte den neuen jungen Freund seiner Pferde so zu schätzen, daß er ihn, als einer seiner hohen Zöglinge seinen ersten eigenen »Hofstaat« erhielt, diesem Prinzen selbst empfahl, nicht minder auch den älteren Bruder. In der königlichen Manege wurde die Kunst des Reitens noch einmal methodisch vom Sattelschluß bis zum Grabensprung durchgemacht. Prinz Wilhelm, ein gemütlicher und bei den traurigen zurückgezogenen Verhältnissen, in denen der in Klios Annalen sattsam gewürdigte Vater die eigne königliche Familie zu leben zwang, in Bescheidenheit aufwachsender Jüngling, gewöhnte sich so an die beiden Brüder, an den ersten Kammerdiener, den er halten durfte, und an den ersten Pfleger seines neuen Marstalls, die jungen pommerschen Dorfsöhne, daß sie sich alle drei lebenslang nicht wieder aus dem Auge verloren. Die ersten selbständigen Reisen nach Böhmen, Sachsen, Schlesien, den Feldzug von 1806, den fluchtartigen Rückzug, den dreijährigen Aufenthalt in Königsberg, die Freiheitskriege und nach ihnen noch manches Jahr des Friedens und des gerüsteten Manövers hielten Herr und beide Diener, der eine in Gnaden, die andern in Treuen zusammen.

Eine Fülle von Erlebnissen, deren Erzählung und winterabendlich wiederholte Darstellung die Phantasie des Knaben mit allen Zaubern der Ferne und der buntesten Lebensbeziehungen erfüllte, war die Folge dieser neuen Lebenslage. In Berlin gab es keine echten Berge zu sehen. Aber zum Greifen nahe hingen echte Berge über dem Haupt, wenn die Rede war von den Engpässen Böhmens, den Schluchten des Riesengebirges, Felsen, die über die Straße hinweggingen, so daß man sie »im Reiten mit dem Hut berührte«. Himmelhohe Gebirge, tiefe Täler, siedendheiße Quellen, wildreißende Ströme wechselten ab mit den verschiedenen Benennungen für das, was dem gemeinen Mann überall zunächst gerückt ist, Maß und Gewicht, Brot, Butter, Fleisch, Eier, Käse und die hunderterlei Abweichungen in der Volkssitte für Grüßen, Danken, Fluchen, Schäkern, Necken. Alles das stammte aus des Prinzen erster Bildungsreise mit seinem Gouverneur, dem Grafen Brühl, nach Sachsen, Schlesien, Böhmen. Nun aber kam die Erzählung vom »unglücklichen Krieg«. Wie wurde die spätere Überzeugung von einer Soldateska, die sich 1806 als überlebt gezeigt hätte, schon vorweggenommen und der siegesgewisse Auszug der gezopften »Werbe«- und »Handgeld«-Soldaten als eitel Verblendung geschildert, das Gebaren der Potsdamer Garden als törichter Übermut! Wie wurde die Kriegskunst der alten Überbleibsel aus Friedrichs des Großen Sagenkreise verspottet, der alte Möllendorf auf seinem Schimmel! 0, was sollte Napoleon Ursache haben – so hätten die »noch auf Spießruten dressierten« Regimenter geprahlt –, sich vor diesem Schimmel zu verstecken! Aber da wurde dem Prinzen schon bei Auerstedt ein Pferd unterm Leibe erschossen, als er auf Befehl seines Bruders, des Königs, eine Attacke mit Blücherschen Husaren versuchte. Es war ein Kummer um den Braunen, wie solcher nur so beim Cid um sein Roß Babiéça empfunden wurde. Dann die Jenaer Niederlage, die Flucht, der Jammer um den Prinzen Louis Ferdinand bei Saalfeld, die nun losplatzende Lächerlichkeit der alten Generale in Steifstiefeln, die unter Tränen die Leute zur Ruhe und nur immer zur Ruhe verwiesen und dabei doch noch Augen hatten, sich über die Verwilderung der Bärte zu ärgern, wie denn General von Rüchel den Prinzen in Potsdam ersuchte, doch den Offizieren nicht mit so schlechtem Beispiel voranzugehen und sich einen Schnurrbart wachsen zu lassen. Erzählt wurde der Rückzug über die Elbe, General L'Estocqs neues, hoffnunggebendes Zusammenraffen der Trümmer, die Schlachten bei Eylau, Friedland, die Königsberger Zeit. Alles rollte sich in wildem Getümmel und in rasender Flucht vor dem Kinderauge auf und war das schauerliche Vorspiel einer folgenden, dann aber auch ganz himmlischen Wunderzeit der Siege und des Triumphes. Napoleon wurde oft vom Vater in unmittelbarer Nähe gesehen. Er nannte ihn nur Bonaparte. Der Korse stand leibhaftig vor dem Knaben, der ihn mehr noch als der Vater, ja wie den Teufel haßte. Gelbes Gesicht, weißlederne Hosen, dünnes schwarzes Haar, grüner Oberrock, dicker, kurzer, gedrungener Wuchs, hohe schwarze Steifstiefel, ein lächerlich kleiner Hut – für den Vater war er, da ihn dieser in Tilsit auf der Memel mit den von Gottes Gnaden eingesetzten Kaisern und Königen ganz vertraulich hatte verkehren sehen, beinahe schon eine Respektsperson geworden – wenn auch wohl einmal hinzugefügt wurde: Man hatte ihn da gerade so, daß man ihn hätte treffen können, wenn einer hätte schießen wollen. »Mit einem Ruck hätte er da ins Wasser müssen.« »Aber«, setzte der vorsichtige Patriot hinzu, »die Generale, die Gendarmen, die Mamelucken, die Pracht und Herrlichkeit der gestickten Komödiantenuniformen, worin die ehemaligen Schneider, Schuster, Friseurs staken, ließen dergleichen doch nicht gut zu!« Jetzt beugten sich Kaiser und Könige vor dieser »Räuberbagage« und »dankten ihrem Schöpfer« für einen guten Frieden. Das ganze Leid der königlichen Familie lebte im Vater wie eines, das ihn persönlich getroffen. Diese Diener der »unglücklichen«, d. h. gedemütigten Großen sahen in der Tat die Tränen der Königin Luise fließen, sahen wirklich die Zurücksetzungen, ihren Herrschaften angetan. Die große zeitungsausposaunte Weltgeschichte, die Strategie der Kabinette und Diplomaten war diesen bescheidenen Umgebungen unbekannt, aber die unmittelbarste Wirkung aller neuen Zustände in den vornehmen Menschen selbst, im gedemütigten Stolz derselben, ihren ausbrechenden Leidenschaften, fühlten sie ganz in sich selbst wieder. Der vertriebene Kurfürst von Hessen freilich, der Alte mit dem Zopf, und sein Sohn, der spätere Spieler von Homburg, mischten Humor in diesen Schmerz. Man konnte namentlich vom letzteren nicht Albernheiten genug erzählen. Der junge Prätendent guckte in die Kochtöpfe der Stallbedienten und lud sich bei den Frauen derselben zu Gaste ein. Demoiselle Emilie Ortlöpp, die künftige Gräfin Reichenbach, wurde vom Vater geradezu unter die »Appelsinenmamsells« rangiert, die damals Unter den Linden hausieren gingen und nicht einmal jetzigen Bierkellnerinnen gleichkamen. Es bestätigte sich hier die alte Erfahrung, daß die Kleinen an den Großen es lieber haben, daß sie sich mit Impertinenz groß geben als klein ohne Würde.

Wie wurde dagegen des Prinzen Wilhelm Art gerühmt! Der Vater erzählte: Du warst geboren! Ein schöner Märztag im Kometenjahr! Die Sonne schien aufs Bett der Mutter! Sie wollte hinaus, so prächtig roch's nach Hyazinthen und Frühjahr! Nach acht Tagen war die Taufe. Neun Paten; der zehnte war der Prinz. Am Abend, da der Sekretär eine goldene Bescherung vom Schlosse in die Wiege warf, ging es hoch her. Bis in die Nacht wurde gezecht, gesungen. Die Mutter wurde davon krank, recht krank. Eines Tages bestellt der Prinz die braune Venus, eine Stute, die er selbst gekauft hatte. »Bist ja so traurig?« redet er den Diener an. »Ich weiß schon, du hast die Landkarte beim Manöver verloren!« – »Hoheit!–« »Schon gut, es ist eine neue gekauft. Künftig für Landkarten Ledertaschen!« – Eine Stunde wird geritten. Alle zehn Minuten wendet sich der Prinz und will seine Venus gelobt haben, weil er sie selbst gekauft hatte. »Geht sie nicht süperb?« »Königliche Hoheit, ein Punkt im Auge –« »Wetter mit seinem Punkt! Bloß weil ich sie gekauft habe, muß sie jetzt einen Punkt im Auge haben ...« »Sie wird blind werden, Königliche Hoheit!« »Ist nicht wahr! Es war ein armer Rittmeister, dem ich das Pferd abgekauft habe; hat keinen Punkt...!« »Aber, Königliche Hoheit –« – »Hat keinen Punkt! Hättet ihr das Pferd gekauft, der Stallmeister und die andern, dann hätte die Venus keinen Punkt! Nun ich einmal eingekauft habe, nun soll sie einen Punkt haben! ...« Damit denn die Sporen gegeben. Und dann wieder innegehalten. »Bist ja aber so traurig? Was ist?« »Hoheit –« »Ist der Junge nicht gesund?« »Die Frau – die Frau –!« – »Krank?« – »Sterbenskrank!« ... »0 weh! Den Leibarzt kommen lassen! Und solange sie stillt, von meinem Tisch essen und Burgunder trinken!« – So wurde denn der Junge mit Milch aus Prinzenkost getränkt und hatte in späteren Jahren auf die bitteren Vorwürfe, die ihm gemacht wurden, namentlich vom Vater selbst, wie man sich bei solchen Verpflichtungen unter die »Turner«, »Demagogen«, die »Literaten«, ja »Gottesleugner« begeben könnte, kaum eine andere Antwort geben können als die: Es gibt eben zwei Welten, die des Herzens und die des Geistes! Die Pflichten und Rechte beider gleichen sich hienieden nicht aus!

Die Lichter, Farben, Raketen, Feuerwerke des Erzählungsstoffes aus den Befreiungskriegen lassen sich nicht wiedergeben. Nach dreijähriger Abwesenheit von Berlin kehrte der Hof Weihnachten 1809 von Königsberg in die bis dahin von den Franzosen gouvernierte Stadt zurück. Noch war die Zeit gar trübe. Schmalhans war der Küchenmeister selbst bei Hofe. Dann aber – nach dem Brande von Moskau! Die Niederlage der »großen Armee« durch Frost und Hunger wurde vom Vater mit dem ganzen parteiischen Gefühl vorgetragen, das im Naturmenschen das Unglück des Feindes für eine Quelle vollkommen erlaubter Freude für sich selbst nimmt. Niemanden mehr als den unter dem »Bonaparte« kämpfenden Deutschen wurde das Elend des Winters 1812 in alle Gliedmaßen gewünscht, zumeist den Bayern, die in Schlesien grausamere Wirtschaft getrieben haben sollten als die Franzosen. Die Erhebung war natürlich nur die Erhebung »Preußens«, nicht »Deutschlands«, das ein solcher angestammter Hohenzollernsinn nur unter dem Namen »Aller Herren Länder« zusammenfaßte. Preußen war es allerdings allein, das in Schlesien, der Lausitz und in Sachsen das blutige Vorspiel eröffnete und wieder an die Möglichkeit einer Niederlage des Franzosenkaisers glauben lehrte. Die zarteste Blüte der schlesischen und märkischen Jugend wurde wie mit einem einzigen Sensenschnitt bei Großgörschen hinweggerafft. Der Prinz stand bei Blüchers Hauptquartier, dessen Seele Scharnhorst war, der dem Knaben als grübelnder, denkender, ernster Genius des Schlachtenschicksals geschildert wurde. Bei Großgörschen, wo der Prinz gegen Marmonts Bataillone einen Kavallerieangriff kommandierte, fiel jener gewissenhafte Kritiker der braunen Venus, ein Stallmeister, der sonderbarerweise den Eigennamen »Major« führte, ein geliebter, lange beweinter brandenburgischer zweiter »Froben«. Nach dem Waffenstillstand und der noch mitgerittenen Schlacht an der Katzbach (denn aufs Reiten kam es bei jenem Treibjagen allein an) traf den Vater bei Leipzig, wo seine Erzählung regelmäßig das knatternde Niederfallen der Gewehrkugeln mit etwa in Kohlfeldern niederprasselnden Tausenden von Erbsen verglich, eine Prallkugel so empfindlich in den Rücken, daß er nach einem schmerzlichen Aufschrei ohnmächtig vom sich bäumenden Pferde fiel. Die besorglichst teilnehmenden, vom Prinzen und selbst von Blücher ihm zugerufenen Worte der Hilfe und des Bedauerns standen, wenn auch nicht sichtlich zu lesen, doch über der Tür des Hausee für ewig geschrieben. Der herzlichste Anteil des Prinzen kann ermessen werden nach einer Zeltkameradschaft, die sogar in Schlesien des Dieners Hemden trug und bei manchem einsamen Ritt, wo die standesmäßige Verpflegung fehlte, aus dessen Brotbeutel und Feldflasche vorliebnahm.

Die Wirkung des Schusses war glücklicherweise über eine betäubende Erschütterung nicht hinausgegangen. Bald schwang sich der Leibbereiter, der seine geladenen Pistolen im Halfter und den Säbel nie ungeschliffen trug, wieder auf seinen Braunen. Thüringen, Hessen, Nassau wurden mit Blücher rasch durchritten.

Nun fanden sich die Katten, Bajuwaren, Alemannen bei ihrer vaterländischen Fahne ein. Aber oft klagte der Abenderzähler die Wildheit an, die sein Korps schon auf deutschem Boden zeigte. »Die Bauernlümmel dachten immer, gleich hinter ihrer Garnison finge Feindesland an.« In Wiesbaden wurden die heißen Bäder, die an der Quelle gesottenen Eier und die sogar möglicherweise gebrühten Hühner bewundernd erwähnt. Bei Caub ging es in kalter Winternacht, als die erste Stunde des Jahres 14 schlug, über den Rhein.

Es brach jene zweite Hälfte unsers glorreichen Befreiungskrieges an, die soviel Betrübendes brachte nach dem großartigen Anfang, die Uneinigkeit der Heerführer, die Leiden der Winterkampagne, die Unfähigkeit der Strategen gegenüber dem sich noch einmal in seiner ganzen Größe zeigenden Bonaparte. Gegenüber der Begeisterung im Bunde mit dem Verstande kämpfte bei den Preußen die Begeisterung im Bunde mit dem Gemüt, wiedergegeben in Blücher selbst, mit dem die große Sache wie der Schritt eines Nachtwandlers am Dachfirst entlang ging. Der Prinz kommandierte eine Brigade, stand speziell unter York, hatte den Major von Hedemann als Generalstabschef und durfte sich mancher schönen Waffentat rühmen. Aber die Weisung, die ihm wurde, mit 14 Kanonen Metz zu nehmen, wird man nach dem Jahre 1870 in ihrer ganzen Komik zu würdigen wissen. Einen Teil der Schlachttage um Laon bildete ein glückliches Gefecht bei jenem Dorfe Athis, das damals vollständig abbrannte und 1870 wieder verbrannt wurde, bekanntlich wegen der daselbst von den Ortsbewohnern ermordeten Husaren. Beim endlichen Vorgehen gegen Paris machte der Prinz einen Angriff auf La Villette. Bis dahin hatten alle Berichte des Vaters pessimistisch gelautet. Die Strapazen und Entbehrungen gingen über alle Kraft. Seine Erzählungen betrafen einsame Meierhöfe, verlassene Dörfer, versteckte Waldhinterhalte, niedergebrannte Städtchen, Plünderungen, Gewalttätigkeiten, Jammerszenen aller Art. Einreden von Humanität und Billigkeit machte sich zuweilen der Erzähler selbst. Aber die Achsel zuckend, sagte er wie später Bismarck: »Es ist eben Krieg.« Stereotyp war bei diesen Begegnissen, daß bei Fouragierungen die gewaltsamsten und rücksichtslosesten Tyrannen die Faulenzer waren, die Großsprecher, die »Schnauzmäuler«, die Kavaliere aus dem Gefolge der mitbummelnden Fürsten, die »Federfuchser«, die Wirtschaftsführer. Beute sollte gemacht werden, und da wurde derselbe Sarraß gezogen, der sonst zum Kampf in der Scheide blieb.

Hier drohte ein Feigling mit Niederschießen und führte ein »großes Maul«, während er da, wo nur ein paar Kugeln herüberpfiffen, mäuschenstill davonschlich. Von einer großen Zahl dieser »Heimtücker«, deren Heldentaten nur in Essen und Trinken bestanden – wie sie später auch die ewigen Tafelhelden und mit dem patriotischen Zaunpfahl nach Orden und Gratifikationen winkenden »Erinnerungsfresser« geblieben schienen – wie der Vater des Knaben charakterisierte –, wurmte es oft den scharfen Kritiker, daß später, als der Friede hergestellt war, gerade diese in Patriotismus aufschneidenden »Kameraden« die fettesten Anstellungen, die einträglichsten Ämter erhielten. Es ist die Menschenart, durch deren Schilderung dem Knaben früh ein Bild der ewigen Niedertracht der menschlichen Natur vorgeführt wurde, und in anderen Lagen, unter anderen Bedingungen, bei unseren neuesten politischen Kämpfen und dem mehrfachen Umschwunge der öffentlichen Meinung sind sie ihm ja auch oft genug wiedererschienen.

Nach den Schlachten von Laon und Montmartre bildete der Einzug in Paris den Glanz dieser Abenderzählungen, die jene Geschichte vom Ringe krönte. Frankreich, seiner Opfer, des Blutvergießens und der militärischen Despotie überdrüssig, öffnete durch Waffenstillstand und Friedensabschluß die Tore seiner Hauptstadt. Diese aber empfing die Verbündeten mit einer Begeisterung, die zu groß war, um sie anders zu erklären, als durch Veranstaltung der Royalisten und Emigranten. Jauchzen, Willkommen, Blumen, Kränze, ein Regen weißer Kokarden empfing die einziehende Armee. Der Vater blieb lebenslang von der Erinnerung wie berauscht. Die Boulevards, das war denn doch noch etwas anderes als Berlins Unter den Linden! Das Palais Royal, die Tuilerien, die Champs-Elysees – wahre Zauberworte für den jungen Hörer, der in dem Gewühl von Kosaken, rotröckigen Engländern, beinbaren Schotten, ungarischen Husaren und der eigentümlichsten aller Nationen, genannt die Pariser selbst, sich früh zurechtfand und sich auf die behaglichste Art bei einem Elsässer Sattler auf dem Boulevard Saint-Marceau einnistete, wo der Vater im Quartier lag und von der französischen Gattin des Landsmannes so viel galante Späße berichtete, daß die Eifersucht der Mutter rege wurde und ein liebevoll nachdrückliches Anstoßen und das drohende Wort: »Schäme dich, Alter!« diesen Schelmereien einen Übergang zum Zirkus von Franconi bahnte. Denn auch auf fremdem Boden blieb des Pommers Leidenschaft die Pferdedressur. Franconis berühmter Hirsch, der durch einen sprühenden Feuerregen gejagt wurde, war das letzte und prächtigste Bukett aller dieser Berichte. Unter den glitzernden Lichtern desselben, unter dem wie deutlich vernommenen Geschrei der Jäger und dem Lärm der Musik mahnte dann endlich den gaffenden Jungen der »Sandmann« zum Gehen ins Bett.

Die später erst halb und halb verstandene Geschichte vom Ringe bestand aus Fragmenten, die wohl einen Zusammenhang gehabt haben wie diesen: Ein Elsässer Sattlergesell, Kaspar Pfeffel, kommt nach Paris und sucht Arbeit und findet deren genug bei Michel le Long, sellier anglais, d. h. einem Pariser Sattler, der aber in glänzenden Riemen, blanken Steigbügeln und leichten blaßgelben Sätteln nach englischer Art arbeitet. Michel le Long hat das blühendste Geschäft, ein schönes, junges, gutes Weib, aber eine recht elende Gesundheit. Er ahnt sein Übel, die Schwindsucht, und bereitet sich vor, nächstens zu sterben. Voll Wehmut bedenkt er, was aus seinem Weibe, seinem Geschäft werden wird. Seine Ehe war nicht mit Kindern gesegnet. Kaspar Pfeffel, der Elsässer, sein bester Gesell, konnte den Jahren nach sein Bruder sein, aber er wurde gehalten wie der Sohn im Hause. Der deutsche Arbeiter war geschickt, fleißig, zuverlässig. Michel le Long hustet des Nachts und stöhnt am Tage. Er berechnet das baldige Ende seines Übels und weist die Tröstungen seines liebenden Weibes zurück. Wie er abzehrte, wie seine Hand abmagerte, sah er eines Tages an einem Ringe, wie ihm dieser, während er still am Fenster sitzt und sich von der Sonne wärmen läßt, vom Finger gleitet. Kaspar Pfeffel, in der Nähe arbeitend, hebt den Ring auf und behält ihn vorläufig, denn der Meister wurde am Fenster gerade angerufen, bei sich. Im Abwarten des Gesprächs am warmen Boulevardfenster kam der Ring in Vergessenheit. Kaspar Pfeffel hatte ihn an den Finger gesteckt, bis der Besuch abgefertigt war. Als er sich umsieht, war Michel le Long in seine Schlafkammer gegangen, hat sich gelegt, blieb liegen acht, vierzehn Tage lang, stirbt. Auf seinem Sterbebett mußte er seltsame Worte mit seinem Weibe gesprochen haben. Sie kam verweint heraus und schwankte, beschämt die Augen niederschlagend, durch die Werkstatt. Kaspar Pfeffel erinnerte an den Ring des Meisters. Sie hört nicht darauf. Öfter und öfter zog er ihn ab, und jedesmal nahm sie ihn nicht, und jedesmal ging der Ring auch langsamer von den dicken Fingern Kaspar Pfeffels, der gesund und frisch und wohlgenährt war. So behielt Kaspar den Ring einen Tag, vier Wochen, sechs Monate, ein Jahr und lebenslang. Denn nach einem Jahre wurde die Witwe sein Weib, Kaspar Pfeffel Michel le Longs Nachfolger. So lebten beide manches Jahr, getröstet durch die heilende Zeit und das treugebliebene Glück im Geschäft. Nur daß ihnen Kinder fehlten, auch ihnen wie dem ersten Bunde, das minderte das Maß der Freude. Da führte das sinkende Gestirn des »Korsen« die Fremden nach Paris. Kaspar Pfeffel erhielt deutsche Einquartierung. Seine neuen Hausgenossen, Monsieur Charles und der schöne Lorenz, konnten nicht angenehmer wohnen als unter eitel Riemzeug, Sätteln und Steigbügeln. Monsieur Charles, nicht so unzuverlässig wie der schwarzlockige Kamerad, wurde der Liebling des Hauses, der Gallopin Madames, der gemütliche Anschluß bei jeder Lustpartie nach Saint-Cloud oder Versailles, der gelehrige Schüler der Firma le Long Veuve im Französischparlieren. Necken und galantes Schäkern muß dabei so um sich gegriffen haben, daß es kein Wunder nahm, als die dicke, behäbige Frau Sattlermeisterin einst den vom Finger des guten Kaspar zufällig abgestreiften und von Monsieur Charles zum Scherz angesteckten Ring als ein Omen für ihre Zukunft erklärte. Charles sollte, es war ein Ausbruch des Übermuts, zum Ärger des gesundheitstrahlenden zweiten Gatten ihr dritter werden. Möglich dann, daß der deutsche Reitersmann schon Rechte auf seine künftige Stellung hin in Anspruch nehmen wollte und die Frau Meisterin zu einer Strafe veranlaßte. Sie holte ein Etui, verlangte den Ring, legte ihn hinein und übergab das Geschenk Monsieur Charles mit der Bedeutung, es à Madame son épouse mitzubringen! Aber siehe da! beim Öffnen war's ein andrer Ring, kein Trauring, sondern ein goldner Reifen zum Zierat. Das Geschenk war zu reizend, und die deutsche Epouse trug den Ring bis ins Grab. Im Ahnungsgefühl, daß dieser Ring denn doch den dritten Mann der Sattlerin bedeuten konnte, den Vater ihrer Kinder, wurzelte sich der Ring so fest ins Fleisch der Mutter, verwuchs das Symbol der Pariser Gefahren und der schalkhafte Gruß einer guten und auf die gemeinsamen, durch alle Welt gehenden Frauenrechte bedachten Französin so in dem Finger, daß man, als die Mutter hochbetagt starb, den Ring hätte durchfeilen müssen, wenn man ihn nicht hätte mit in den Sarg geben wollen. Er rostet jetzt auf dem Dreifaltigkeitskirchhof vor dem Hallischen Tore in Berlin.

Dem sanguinischen, leidenschaftlichen, abenteuerlich bewegten Charakter eines solchen Vaters hielt das schalkhaft-blitzende, freundlich-lächelnde, grübelnd-zweifelnde Auge der Mutter immer den Widerpart. Der pommersche Reitersmann hatte etwas vom Beduinen; immer sich tummelnd, unruhig, rastlos, morgens mit der Sonne auf, im Gespräch das Ende vergessend, dabei alles mit Umsicht und Eifer erledigend, ehrgeizig, schnell verletzt, dann aufbrausend, lärmend, aber leicht begütigt und versöhnt. Sein Weib kam von den Prinzipien der Stabilität her. Ihr Vater war ein Zuckersieder bei den Schicklerschen Entreprisen in jener Gegend, wo jetzt die Raupach- und die Wallnerstraße münden. Weiter noch hinaus wohnte der Siedemeister Berg mit seiner Gattin, einer Mutter von – achtzehn Kindern. Das älteste davon war unsre Sophia. Viele Mitglieder von dieser fast biblischen Nachkommenschaft starben frühzeitig. Die Überlebenden waren Weber, Handschuhmacher, Hutmacher, alle Gewerbe durcheinander schienen vertreten. Wenn diese Onkels, diese Tanten zusammenkamen, schwirrte und summte es in der einzigen Stube, die hier eine ganze Wohnung vorstellen mußte. Was gab es da nicht zu Horchen, zu erlauschen, erst allmählich zu begreifen! Wie oft wurde plötzlich leise gesprochen, wie oft plötzlich leise geklagt und mit der Zeit ganz laut geweint! Was gab es da nicht zu fragen, zu erraten! Wieviel Leid und Freud hängt sich an das Leben so vieler geringen Menschen, und was bringen sie nicht, wenn sie zusammenkommen, für seltsame Nachrichten aus ihrem Pygmäendasein mit? Wieviel Not haben sie zu tragen, wieviel Kummer einzutauschen für ihre Freuden, die ihnen nur sonntags und an Festtagen zuteil werden können! Aber wie genügsam sind sie auch! Wie glücklich macht sie schon eine erwärmte Stube, ein knisterndes Feuer, ein brennendes Licht, ein Fidibus, ein Trunk Dünnbier, noch dünnerer Kaffee! Wie glücklich sind sie in dem sonntäglichen Reichtum frischer Wäsche, wohl gar eines neuen Rockes, immer aber einer guten Predigt und zuweilen eines jener in Masse unternommenen Spaziergänge, die man Überlandgehen nennt! All diese Menschen von der Mutterlinie hatten etwas Sinniges, Sanftes, Geregeltes, Feines, Bescheidenes.

Der eine von ihnen, ein Hutmacher, kam auf der damals noch zu Fuß mit dem Knotenstock und dem Felleisen auf dem Rücken unternommenen Wanderschaft bis nach Siebenbürgen. Er hatte in Wien für die feinsten Gewölbe auf dem Graben gearbeitet. Er hatte Ungarn durchreist und würde noch in die Türkei gewandert sein, wenn er dahin hätte Pässe bekommen können und die Zeit der ausbrechenden Griechenerhebung Fremden günstig gewesen wäre. Eines Tages, nachdem man ihn seit achtzehn Jahren tot und verschollen geglaubt hatte, erschien ein kleiner vertrockneter Mann mit einem Knotenstock, den Hut mit Wachstuch umkleidet, ein Felleisen auf dem Rücken, und sagte: »Kennen Sie mich nicht?« Die Schwester erkannte ihn sofort als den Bruder Christian. Brauchte er doch nur seine wie Leder gegerbte Hutmacherhand zu geben – die Hutmacher müssen in siedendes Wasser greifen –, um erkannt zu sein. Er redete in der Tat die Seinigen mit Sie an. Der Vetter aus Siebenbürgen war still, schweigsam und eigentümlich verheißungsreich. Als er sein Felleisen abgelegt hatte, schloß er es auf und gab jedem ein kleines Andenken von seinen weiten Reisen und zog sich dann den Rock aus. Wir glaubten, es fröre ihn und er wollte sich am Ofen wärmen. Nun zog er aber auch die Stiefel aus; wir glaubten, er hätte sich die Füße durchlaufen oder hätte Frostballen, die ihn schmerzten. Jetzt zog er sogar die Beinkleider aus. Aber, Vetter Christian, was habt Ihr denn vor? Ja, es war zum Totlachen, er stellte sich abseits gegen die Wand und zog sich auch noch das Hemd aus. Aber nun stand er erst recht bekleidet da. Ein Lederkoller vom feinsten, weichsten Ziegenleder bedeckte seinen bloßen Leib bis zu den Knien. Kommt, sagte er lächelnd, faßt an! Wir betasteten ihn. Das Wams strich sich hier und da gar sanft, hatte aber an anderen Stellen harte, kuriose Buckeln. Die Eltern ahnten schon. Vetter Christian zog das Koller aus und stand nun so lange abgewandt splitternackt, bis er sich wieder ganz angekleidet hatte. Die Eltern sahen die Bescherung. Ein Messer, eine Schere herbei! Jetzt ging es ans Auftrennen und Ausschälen. Die Buckeln in dem schweren Wams waren eingenähte Taler. So geharnischt war der fleißige und vorsichtige Hutmacher von seiner Wanderschaft nach achtzehn Jahren heimgekehrt. Auf die Art hatte er sein Gespartes in den Herbergen gesichert und sich von den Gefahren frei gemacht, die sein Felleisen bei einer Rast im Walde, einem Nachmittagsschlaf auf kühlem Rasen oder einem Nachtquartier auf Scheunenstroh hätte treffen können.

Was ist aber Vetter Christian gegen Vetter Wilhelm, den Weber! Dies war der älteste der Brüder. Auch dieser war wandernd bis Würzburg gekommen. Seine Kunst war die feine Weberei auf Musselin. Aber seinem mühsam erlernten Beruf traten die Engländer und die Maschinen in den Weg. Wenn der Vetter – doch wie kann man einen Helden so einführen, einen merkwürdigen Originalmenschen so gewöhnlich, so ohne Anrufung der Muse, ohne Beginn eines neuen Kapitels besingen! Steige herab, Klopstocks begeisternde Messiassängerin! Denn Eloah, keine andre rufe ich an. Aus deinen Händen empfing David die Harfe und sang die Taten Israels wider die Kinder der Philister, auch Klopstock durfte sich dir nahen, begeistre auch den Erzähler dieser Geschichten zum Preise eines Gottsohnes, der, wenn er die Feder ergriffen und nur ein klein, klein wenig mehr Schulunterricht genossen hätte, zu den beiden weltberühmten Schustern von Nürnberg und Görlitz, Hans Sachs und Jakob Böhme, ein ebenbürtiger Dritter gewesen wäre!

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