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Unter dem schwarzen Bären

Karl Gutzkow: Unter dem schwarzen Bären - Kapitel 18
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authorKarl Gutzkow
titleUnter dem schwarzen Bären
publisherVerlag der Nation
editorFritz Böttger
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Achtzehnhundertachtundvierzig

Inzwischen war »das Jahr 48« angebrochen. Kaum waren die Mittel beizutreiben, die Reise nach Berlin zu bewerkstelligen. Bankier Kaskel zuckte zu österreichischen Papieren die Achseln. Ich wollte sie ihm als Unterpfand für ein Darlehn geben. Meine Frau ließ die Kinder in der Obhut ihrer aus Frankfurt gekommenen Mutter. Das Wetter war unfreundlich. In Leipzig gab es Schnee und Regen. Aber die Welt war aus den Fugen. Auf jeder Station gab es eine Errungenschaft mehr, die von den Zeitungen ausgerufen wurde. Nur in Berlin war noch alles ruhig. Wieder schien hier, wie 1830, die Woge am Militär, an den Gendarmen sich brechen zu sollen. Ich bezog das Hotel de Russie, meine Frau wohnte bei meiner Schwester. Ich fand es so still, so friedlich, so patriarchalisch in Berlin, daß ich sogar daran dachte, mich nach 15 Monaten der angestrengtesten praktischen Tätigkeit am Schreibtisch zu erholen. Ich begann die Verwandlung einer meiner Novellen: »Die Selbsttaufe« in ein Drama: »Ottfried«.

Aber die Lüfte der Zeit ließen sich nicht mehr absperren. Es kam der Abend des 13. März. Düster lag der feuchtwarme Frühlingshimmel über den Straßen. Der Abendnebel löste sich in sanften Regen auf. Aus den Kaffeehäusern, erschollen die Stimmen der Vorleser, die bis jetzt nur noch berichten konnten von Louis Philippe, Lamartine, Ledru-Rollin, vom Bundestage und dessen flehentlicher Bitte, Deutschland möchte doch ja nur recht vertrauensvoll zu seinem alten Freunde sein, von der neugewährten Preßfreiheit, von Robert Blums friedlicher Revolution in Sachsen. Noch wußte man nichts von Wien. Noch glaubte man an alles, nur nicht an eine Erschütterung auch des preußischen Staates. Auch für Preußen stand Preßfreiheit in Aussicht. Dem Ausschuß des Vereinigten Landtags, der eben über ein Strafgesetzbuch beriet, schien es das größte Zugeständnis der königlichen Majestät, daß ihm durch Bodelschwingh eine Aussicht auf Periodizität eröffnet wurde. Nach einem glänzenden Diner trennten sich diese Herren, unter denen Vincke am freimütigsten gesprochen hatte, in der Erwartung, es würde ihnen von der Souveränität eine Konzession nach der andern – zutröpfeln.

Aber das soziale Element der Pariser Umwälzung bahnte sich den Weg nicht durch die Ständekammern und Kaffeehäuser, sondern durch die Herbergen, von Werkstatt zu Werkstatt. Man las an den Straßenecken Aufforderungen zu Volksversammlungen. Eine solche sollte am 13. abends in den Zelten stattfinden. Eine Volksversammlung in Berlin! Welche Änderung des preußischen Staates! Menschen, die keine Soldaten waren, sollten sich öffentlich versammeln! Es erschien den noch immer regierenden Gewalten, Thile, Eichhorn, Bodelschwingh, dem militärischen und höfischen Anhang des Königs noch unerhört. So wurden denn auch um sieben Uhr aus ihrer friedlichen Lektüre die Kaffeehausleser durch eine unruhige Bewegung in den Straßen aufgestört. Eine Schwadron Ulanen sprengte an das Brandenburger Tor. Hinter ihnen her schallt in der Ferne der Geschwindschritt der zu nächtlichem Biwak und förmlichem Angriff gerüsteten Bataillone. Die Stimmung über diese Herausforderung eines Konfliktes war gedrückt. Darüber waren alle einig, daß es die Zeit verkennen hieß, wenn man noch in alter Weise eine fern von der Stadt im Freien gehaltene Volksversammlung auseinandersprengen wollte. Noch in jedermanns Ohr klang das letzte Wort, das der König bei Entlassung des Ständeausschusses gesprochen hatte: »Während es überall gärt und siedet, kann Berlin und Preußen nicht auf dem Gefrierpunkt stehen.« Nun stieg das Thermometer. Dennoch wollte man zeigen, daß man in Berlin mit Volksbewegungen anders umzugehen wisse. Und so geschah es denn auch, die Massen an den Zelten liefen auseinander.

Das Brandenburger Tor zur Zeit Gutzkows

Das Brandenburger Tor zur Zeit Gutzkows

Doch hatte die Truppenentwicklung die Stadt aus ihrem alten Vegetationsschlafe geschreckt. Die Hegelianer würden sagen, der Bruch war dem Philisterium gegenständlich geworden, und das Philisterium fing an, darüber zu reflektieren. Weil man keinen rechten Feind sah, weil dieser nur in den geheimen Drohbriefen, die vielleicht die Polizei empfing, existierte, so verlor selbst der loyale Bürger die Geduld über diese militärische Alarmierung der Straßen, die sich jeden Abend wiederholte und immer mehr Truppen in Tätigkeit brachte. Nun kam auch die Kunde, daß hie und da ein Stein jemand an den Kopf geflogen, ein Säbelhieb tödlich gewesen; der ruhige Beobachter überzeugte sich bald, daß die Soldaten, dieser nächtlichen Promenaden überdrüssig, erbittert, von ihren Führern fanatisiert zu werden anfingen. Wenn einige fünf oder sechs Menschen, die sich eine neue Nachricht mitteilten, beisammenstanden, so sprengte ein Dutzend Kavalleristen heran und trennte sie mit einer Heftigkeit, die eine immer mehr zunehmende Kampflust dieser Leute verriet. Auf ein Spottwort, einen einzigen aus einem Menschenhaufen fliegenden Stein ließ man Pelotonfeuer geben. Stob dann der Haufe (da man wohl blind schoß) auseinander, floh durch die Straßen, schrie Rache! so kann man sagen, daß die militärischen Evolutionen die Revolution hervorgerufen haben. Der Telegraph auf der alten Sternwarte unterhielt sich am Tage aufs vertraulichste mit den Provinzen, berichtete nach Köln die Gewährung alles dessen, was man nur verlangte, aber Deputationen kamen und stellten bei alledem neue Gefahren in Aussicht.

Die tägliche Aufstellung des zum Kampf bereiten Militärs weckte bei dem ohnehin necksüchtigen Charakter der Berliner Bevölkerung den Kitzel des Widerstandes. Man versuchte auf dem Petriplatz eine Barrikade zu errichten, so hieß es in den polizeilichen Berichten über die neuen Plänkeleien am Mittwoch und Donnerstag. Ich sah diesen unschuldigen ersten Versuch in der modernsten aller Gattungen der Baukunst! Es war eine von der Umzäunung des Petrikirchbaues abgerissene Bretterlatte, die mit ein paar Sandkarren und einigen Mauersteinen garniert war. Die löbliche Straßenjugend hatte ihre Freude daran, daß die ihr nachsetzenden Ulanen an dieser Stelle immer erst einen Satz machen mußten. Aber der Charakter der Berliner ist gelehrig. Sie zeigten am Dönhoffsplatz Fortschritte in diesem Bauwesen und hörten aufmerksam zu, wenn an den Straßenecken zuweilen eine heisre vansenartige Stimme vorübergehend krächzte: »Dumme Jungen, ihr habt doch keine Courage!« Waren das die Emissäre, von denen man später berichtete? Ich glaube nicht. Die Furcht vor der Revolution machte die Revolution. Der Zustand Berlins wurde darüber unerträglich. Abends sein Haus zu finden, war mit Gefahr verbunden. Man konnte einer ergrimmt in voller Breite der Straße anrückenden Truppenkolonne begegnen und fand, wenn man sich bergen wollte, nach polizeilicher Vorschrift alle Haustüren verschlossen. Wem noch möglich wurde, sich an die Häuserwand zu drücken, der konnte froh sein, mit einem barschen: »Scheren Sie sich nach Hause!« davonzukommen.

Schon gab es Verwundungen und einige Tote, als die Nachricht von den Wiener Vorgängen und Metternichs Sturz alles elektrisierte. Metternich gestürzt, und wir können noch Bodelschwingh behalten! Die Massen träumten jetzt nur noch von »ordentlichen« Barrikaden. Am 18. März kam die in ihren Anfängen dünn gestreute, dann aber gewaltige Mine zum Ausbruch. Von jenem Moment des sogenannten »Mißverständnisses« bin ich Zeuge gewesen. Es war am Sonnabendmittag um halb drei Uhr. Der schönste Frühlingssonnenschein lag auf dem Schloßplatz. Herüber vom verschlossenen Königsschloß vernimmt man schon das Rufen eines nicht übergroßen Menschenhaufens: »Militär weg! Militär weg!« Der König hatte soeben jene bedeutenden Zugeständnisse des 18. März gegeben. Die Deputationen vom Rhein und von Breslau hatten, jene von einer Losreißung, diese von einer Republik gesprochen. Die neuen Lappen auf das alte Kleid genügten nicht mehr. Bodelschwingh trat ab, die Grundsätze einer offenen und ehrlichen konstitutionellen Monarchie wurden vom Balkon des Schlosses versprochen. Graf Arnim-Boytzenburg, dem Kundigen längst als eine wenig Vertrauen erweckende ehemalige Größe bekannt, doch der Masse ein veränderter Name, stand dem König zur Seite, als er dem neuen Geist seiner Regierung auch seine beredte Zunge als erster Herold lieh. Shakespeare würde gesagt haben:

Der König, Wappenherold seiner selbst –
Und seines Willens eigene Drommete!

Dies Schauspiel war vorüber. Das Volk jubelte, kaprizierte sich aber immer wieder auf den Ruf: »Entfernung der Soldaten! Keine fernere Reizung, keine Provokation mehr!« Die Soldaten standen am Königs- und am Staatsratsportal, man muß gestehen, mit rührender Geduld. Sie standen wie jene Ungarn, die in Italien die Empörungsrufe kaum verstanden. Man verlangte das Zugeständnis, daß die Stütze auf Militär und Polizei nunmehr überflüssig sei, und hatte dabei die Verwundeten und Toten der letzten Tage im Sinne. Es waren nicht mehr als etwa zwanzig, aber anständig gekleidete Menschen, die den Ruf unausgesetzt wiederholten, offenbar Bürger, die diesen Wunsch aus loyaler Anhänglichkeit an die Ordnung und das königliche Haus, und zwar mit einer sich wie unglücklich fühlenden, verzweifelnden Dringlichkeit aussprachen. Da zog das Erscheinen einiger Magistratsmitglieder die Aufmerksamkeit der Masse, die sich zu zerstreuen anfing, hinüber nach der alten Stechbahn. Eine zu gleicher Zeit von dort heranrückende Infanteriekolonne hatte ohne Zweifel nur die Absicht, das Manöver einer Säuberung des Platzes und der Befreiung des Portals von den Rufern auszuführen. Die Entschlossenheit dieser Bewegung, das laute Kommando, der nun schon seit acht Tagen panisch gewordene Schreck über solche Evolutionen trieb die Menschenmasse, die am zweiten Portal im allgemeinen ruhig stand und sich nur neugierig um die Magistratsherren drängte, in wilder Flucht nach der Breiten Straße hinüber. Und hier sollen jene zwei Schüsse des Mißverständnisses gefallen sein. Ich muß gestehen, daß ich sie nicht gehört habe. Ich füge aber hinzu, daß die, welche sie gehört zu haben versicherten (die Akustik dieses Platzes ist durch die einmündenden Straßen gebrochen), nicht wie Emissäre aussahen. Ein Bursche von sechzehn Jahren in blauer Bluse mit einem Topf voll Anschlagzettelkleister vor der Brust, schrie neben mir mit halb zorniger, halb weinender Stimme: »Ich bin dem Magistrat sein Zettelankleber! Ich soll die Proklamationen ankleben, und sie schießen auf mir!«

Ohne Zweifel hatte ein Mißverständnis stattgefunden. Aber die Menschen waren seit Montag gereizt, sie wollten sich nichts mehr aus-, nichts einreden lassen. Was war ihnen Graf Arnim? Was sollte der Masse die Preßfreiheit und die künftige konstitutionelle Verfassung? Das Herz dieser Leute war voll Kummer. All die verhaltenen langjährigen Empfindungen der Unterdrückung kamen zum Ausbruch. Sie hörten von Freiheit, gestürzten Königen, fallenden Ministern, und doch hörte die alte bekannte Brutalität der ausübenden Gewalt, der Gendarmen, der Hochmut der Offiziere, die blind zufahrende Roheit der in Uniform gesteckten Bauernjungen nicht auf. Das Gedruckte war den Leuten papierner Kram, die eigne Haut war nicht sicher, »der Stern des Auges in seiner Höhle!« Wie ich Gesellen, Kleinbürger, Frauen so rennen, mit zornglühenden Mienen gen Himmel um Rache schreien hörte, wie ich sah, daß sich den Menschen das Weiße im Auge verkehrte und ihr Geschrei: »Waffen! Waffen! Man verrät uns!« vernahm, da fühlte ich, wenn hier ein äußeres Mißverständnis stattfand, ein inneres gab es nicht. Es sollte zusammenbrechen diese alte Herrschaft des roten Kragens, eine Bevölkerung sollte aus ihrer faselnden und nur witzelnden Unbedeutendkeit, aus ihrer anerzogenen Knechtschaft und Polizeifurcht sich erheben. Die alte Frau, die in der Breiten Straße den Fliehenden zurief: »Feiglinge, steht!«, der junge, glühend exaltierte Gesell, der an der Brücke bei der Neumannsgasse aus einer Trödelbude mit einem alten Säbel gerannt kam und mit bloßem Kopf durch die Straßen lief und zum Kampf aufrief, der kleine Handwerker, der vor mir her lief und mit starrem Auge wie geistesabwesend, immer mit Zähneknirschen vor sich hinmurmelte: »Nun muß Er dran!«, alle diese Menschen waren weder Emissäre noch Wühler, noch irgend etwas anderes als Sklaven ihres Temperaments und beim ersten Anblick geradezu Opfer des Todes, dem sie sich selbst zu weihen entschlossen schienen. Es war das einfache verletzte Menschenrecht, das beleidigte Kleinbürgergefühl, das sie zu Politikern machte. Und so floh und rannte denn alles wie die Möwen vorm Sturme.

Ein grauenvoller Anblick, diese plötzliche Entleerung der Straßen! Alle Läden schlossen sich. Am hellen Tage! Die Häuser, wurden verriegelt. Gleich nachdem die erste fliegende Militärkolonne vom Schlosse durch die Jägerstraße an der Bank vorüber war, erhob sich zauberhaft schnell, wie von selbst, die erste Barrikade, die den Namen einer solchen verdiente. Das Rollen der Fässer, das Aufheben der Kanaldielen hallte weithin durch die Straßen. Hier befand sich die »Zeitungshalle«, ein Institut des Dr. Julius, eines ungewöhnlichen Charakters, mit dem ich studiert hatte. Julius, ehemaliger Theolog, getaufter Jude, fand sich in der Rolle eines Armand Carrel hinein, die man ihm beinahe oktroyierte. Er wurde Redakteur des ersten Blattes, das die Preßfreiheit mit Energie benutzte, der »Zeitungshalle«.

Um drei Uhr rasselte die Artillerie über die Schloßbrücke. Um vier sah ich von meinem Hotel den Rektor und die Professoren der Universität in ihren langen, schweren Sammetmänteln, die Friedrich Wilhelm IV. aus Oxford mitgebracht hatte, zum König eilen. Sie wollten ihm den Wunsch vortragen, ob sich nicht die Studenten bewaffnen dürften. Diese wollten zum größern Teile die Gelegenheit benutzen, theatralische Polizeikomödie auf der Straße aufzuführen, wie sie dies später am 20. April am Alexanderplatz taten. Stipendiaten, Freitischler, junge, über den Liberalismus erhabene studierende Junker und Geheimratssöhne haben die Berliner Studentenschaft weit hinter die in der deutschen akademischen Welt sonst so wenig anerkannt gewesene österreichische Aula in den Schatten gestellt. Doch um halb fünf Uhr krachten die ersten Pelotonsalven. Man muß an sein Vaterland und die nächste engere Heimat einer Vaterstadt so mit Banden des Gemüts und der Knabenerinnerung gefesselt sein wie ich, um den Schmerz zu verstehen, der mich bei diesen Erschütterungen der Luft ergriff. Als gar die Kanonen erdröhnten, gestehe ich, daß mir Tränen kamen. Doch mußte ich mich ermannen, an mein Unterkommen vom Spargnapanischen Kaffeehause aus zu denken; alle Straßen füllten sich mit Soldaten. Man sagte, daß man sich in der Breiten Straße verteidigte. Das Knechtsgewand schien abgeworfen.

Die Beamtenwelt, die am Morgen des 19. März alle Gefängnisse der Monarchie schon überfüllt sah, erschrak nicht wenig, als die Stellung des Schlachtfeldes, das sich ergeben hatte, so lautete: »Die Barrikade am Alexanderplatz wird von der Schützengilde verteidigt. Die Regimenter Kaiser Alexander und Franz wollen sich nicht mehr schlagen. General Möllendorff ist gefangen.« Dieser Umschwung der Positionen, dies Bulletin entschied das moralische Urteil über den Kampf. Die ohne allen Zweifel siegreich vorgedrungenen Soldaten hatten moralisch eine Niederlage erlitten; denn statt eines Pöbelhaufens, der nach ihrem Glauben ihnen gegenüberstehen sollte, zeigte der aufgehende Morgen das Gesicht der nächtlichen Kämpfer, jener aus wohlhabenden Bürgern Berlins bestehenden Genossenschaft der »Schützen«. Das Feldgeschrei lautete nicht etwa revolutionär, sondern nur, wie der Schwur der Schweizer: »Wir stehn für unsre Häuser, unsre Weiber, unsre Kinder!«

Man hat die Frage aufgeworfen, ob eine Fortsetzung des Kampfes am Sonntag möglich gewesen wäre. Mit den schon im Gefecht gewesenen Truppen, die seit acht Tagen fast immer im Freien biwakiert hatten, sich von Munition und Proviant entblößt sahen, war es kaum möglich. Die Wirkung, die das Herumtragen der Leichen Gefallener hervorbrachte, steigerte die Vorbereitungen zum Widerstand bei den Bürgern. Der König durfte nichts anders tun, als den faktischen Vorteil seiner Stellung aufgeben. Wagte er doch alles, Krone, ja Leben. Die Folgen der Bloßgebung des Schlosses sah ich selbst. Zwanzig entschlossene Menschen hätten den Treppenaufgang vollständig frei gefunden, dem Könige ein Abdankungsdekret vorlegen und die Republik proklamieren können. Es hätte eine Sache der bloßen Anregung eines einzelnen sein können. Das Schloß war nur gedeckt von größtenteils schlafenden, völlig apathisch gewordenen Kriegern. Die Aristokratie war entflohen oder hielt sich verborgen. Nicht eine einzige Tatsache schien übrig, die Gemüter zu beruhigen, den Brand in irgend etwas Gemeinsamem und Friedlichem zu ersticken. In den Stunden am Sonntag von elf Uhr vormittags bis zwei Uhr nachmittags gab es in Preußen weder Thron noch Regierung. Jede Gestaltung war möglich. An einer blutigen Bahre unter den Fenstern des Schlosses hätte nur eine Anrede an die vor Wut weinenden Menschen gefehlt, ein Gedanke der Sühne oder der Rache feurig ausgesprochen werden dürfen, und »alles war vorbei«. Wie lächerlich war das, als Fürst Lichnowski vom Schloß heruntergelaufen kam und rief: »Kinder! Graf Schwerin ist Minister!« Guter Gott, diese Blusenmenschen, jetzt zu allem fähig, sollten sich freuen, daß Graf Schwerin Minister war! Wer war ihnen Graf Schwerin? Was will dieser Mann? Kann der Tote auferwecken? Graf Schwerin, ich sah ihn selbst, ging sinnend und grübelnd langsam die Treppe hinauf, die ihn zum König führte, der ihn als einen ehemaligen Oppositionsmann empfangen mußte. Schleiermachers Schwiegersohn schien sich den Schritt zu überlegen, den er tat.

Wieder kam Fürst Lichnowski vom König herunter, ließ sich wieder emporheben und rief: »Kinder, ich gebe euch mein fürstliches Ehrenwort, ich werde auf dem Vereinigten Landtage für eure Rechte sprechen! Glaubt mir's, ich spreche für euch, mein fürstliches Ehrenwort darauf!« Und die Leute fragten: »Wer ist denn nur das? Sein fürstliches Ehrenwort?« Fürst Lichnowski war ein alter Bekannter von mir. Schon von Frankfurt her. Einmal wollte er mich sogar auf die Mensur fordern, weil in meinem »Ein weißes Blatt« ein humoristischer Ökonomierat von spanischen Schafen, die er verschrieben, ausrief: »Sind sie angekommen, die Karlisten?« Wir verständigten uns, lachten noch öfters zusammen und hatten uns erst vor kurzem bei Fürstin Hatzfeldt in Dresden wiedergesehen. »Ein neuer Gedanke muß in diese Leute geschleudert werden!« rief ich, selbst genug erregt. »Ich habe an den König geschrieben. Hier ist der Brief! Der König soll die allgemeine Volksbewaffnung, die Bürgergarde dekretieren!« – »Her damit!« Lichnowski riß den Brief, den ich nach der ersten Nachricht vom Stand der Dinge geschrieben, an sich und gab ihn dem Polizeipräsidenten Minutoli, der eben zum König wollte. – »Volksbewaffnung?« erscholl eine heisere Stimme hinter mir. »Was denken Sie sich denn unter Volksbewaffnung?« Es war Graf Arnim, der mich mit einem kalten, spitzen Polizeiblick musterte. »Gegen wen soll sich das Volk bewaffnen? Für wen? Warum soll überhaupt bewaffnet werden? Wir haben jetzt nur eines nötig, hier die Menschen vom Schloß wegzubringen! Können Sie das machen? Das ist das größte Verdienst, das sich jetzt hier einer erwerben kann!« Ein neuer Leichenzug, den man brachte, unterbrach diese Erörterung, die in dem Tumult kaum fortgesetzt werden konnte. Alle Hüte mußten abgenommen werden, selbst die Helme der Soldaten – der Leiche zu Ehren. Fürst Lichnowski, der Fürst vom Ehrenwort, der nimmer Ruhende, nie Verlegene, der damals in Berlin im besten Zuge war, ein Volksmann zu werden, und der vielleicht den Mirabeau jener Zeit gespielt hätte, wenn der später so Unglückliche nicht an den Konsequenzen seines polnischen Charakters gelitten hätte, benutzte die Pause und flüsterte mir zu: »Reden Sie in Gottes Namen von der Volksbewaffnung! Das ist etwas, was packt; sie kommt auch noch!« Und schon hatten mich auf seinen Wink zwei kräftige Blusenmänner ergriffen und hielten mich in die Höhe. Da sprach ich denn: »Mitbürger! Berliner! Wir haben große, ereignisreiche Tage erlebt! Die leider blutig ausgefallene Saat wird aufgehen, wird Früchte tragen für unser aller Wohl! Der Bau der neuen Freiheit soll sich vollenden durch die Volksbewaffnung! Seid heute nachmittag am Brandenburger Tor! Dort werden euch die Waffen zum Schutz der errungenen Freiheit ausgeliefert werden! Bis dahin lebt wohl!« – »Daß sie uns da wieder im Freien besser treffen!« rief wohl ein Zweifelnder laut. Aber der Haufe zerstreute sich doch. Die berlinische Phantasie war auf ein Gaudium angeregt. Waffen austeilen –? Am Brandenburger Tor –? Kurz, meine Worte beruhigten. Sie wurden dicht unter dem vergoldeten Gitter des Königsbalkons gesprochen.

Dem Fürsten Lichnowski mußte ich Vorwürfe machen über sein vorschnelles Handeln. Die Situation, in die er mich gebracht hatte, war für einen sächsischen Hofbeamten bedenklich. Aber, einmal ergriffen von vier kräftigen Fäusten, mit den Beinen mich wehren und schreien: Laßt mich aus! das hätte mir schon selbst einen zu komischen Effekt gemacht. Genug, es war geschehen und gelungen. Aber der bewegliche Pole war längst verschwunden. Nicht unmöglich, daß er sich das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten zutraute. Konservativ oder liberal, das schien ihm gleich, wenn nur seine Schulden bezahlt wurden. Am Nachmittage wurde in der Tat das Zeughaus geöffnet und jene Bürgerwehr organisiert, die – leider den Erwartungen so wenig entsprochen hat.

Die Gemüter verlangten an jedem Tage eine neue Anregung. Die Geschäfte gingen nicht nur schlecht, sondern gar nicht. Man las den ganzen Tag Zeitungen. Abends mußte es irgendeine Diskussion, am liebsten einen Zusammenstoß geben. Schon sprachen die konservativ und reaktionär Gesinnten von Versöhnung. Die Toten vom Zivil sollten mit den Toten vom Militär unter derselben Feierlichkeit beerdigt werden. Das Hotel de Russie, meine Wohnung, bot einen bequemen Saal zur Beratung der vielen Komitees, die jetzt auftauchten. Hier war auch Max von Gagern erschienen, um mit einer Anzahl »Vertrauensmännern«, zu denen auch ich eingeladen wurde, die künftige Verfassung Deutschlands zu beraten. Mancher der Versammelten saß wie vor einem köstlichen Baumkuchen, den man nicht zuerst anzuschneiden wagt. Bei jener Begräbnisdebatte wählte man Dr. B. G. Oppenheim und mich, um eine Erklärung gegen die zu zeitig ausgesprochene Versöhnung niederzuschreiben und sie dann in Gemeinschaft mit Dr. Klein, dem damals vielgenannten Dramatiker, spätern Geschichtsschreiber des Dramas, Minutoli zu überreichen. Der Polizeipräsident kam uns schon wieder mit der Erklärung entgegen, daß von obenher die Trennung des Begräbnisses bereits entschieden sei. Man regierte also schon nach dem Wort des Deputierten Mevissen: »Der Politiker muß den Ereignissen immer um einen Schritt zuvor sein.«

Nun erst illuminierte Berlin. Als die Lichter ausgelöscht waren, alles still und dunkel geworden war, hieß es plötzlich: Der Prinz von Preußen käme mit dem Militär von Spandau zurück! Die aus dem Schlafe geschreckte Bevölkerung die alarmierte neue Bürgerwehr nahm eine Haltung an, die Berlin in ein neues Saragossa verwandeln zu wollen schien, wenn man diesen Überfall und Kampf hätte wagen wollen. Der König schien entschlossen, sich auch nichts mehr von Potsdam oder Spandau aufdrängen zu lassen. Er unterhielt sich mit den Bürgern, die jetzt das Schloß bewachten. Patrioten, Hofmaler, Hoftapezierer präsentierten das Gewehr, wenn er vorüberging. So loyal sich bewacht zu sehen, so gemütlich reden, so sich verständigen zu können, das tat ihm wohl, und am Montag, den 21. März, setzte er sich zu Roß und hielt jenen bekannten Umritt durch die Straßen, bei welchem die deutschen Farben aufgesteckt wurden und mit ihnen offen der Gedanke ausgesprochen: Preußen müsse in Deutschland aufgehen. Wenn man diesen Umritt und die Verheißungen desselben später so maßlos außerhalb Preußens angegriffen hat, so begeht man die Ungerechtigkeit, gewisse Mittelglieder und jene bindenden Übergänge nicht zu beachten, die zwischen dieser neuen Gesinnung und den verflossenen Tagen in der Mitte lagen. Es war ungerecht, daß man dasjenige im egoistischen Sinne deutete, was nur im nationalen gemeint war, im Interesse Preußens und Deutschlands zugleich, im Sinne unserer gegenwärtigen, wenigstens urkundlich verbürgten Reichseinheit.

Alle folgenden Stunden boten allerdings wieder eine Reihe von Demütigungen für die Monarchie. Die Polen wurden aus dem Gefängnis entlassen und auf einem zum Triumphwagen umgeschaffenen Fiaker unter die Portale des Schlosses gezogen. Der König hatte auch diesen, wie gestern den Leichen, die Honneurs zu machen. Ich beobachtete mit dem schärfsten Augenglase, in welchen Kampf und Zwiespalt ihn diese Szene versetzte. Die kurze und ungeduldige Art, die in seinen Mienen lag, war ohne Zweifel die Abneigung gegen ein so gefeiertes, mit Blumen bekränztes Polentum. Aber der letzte Kelch der Demütigung stand noch bevor. Das Begräbnis der Gefallenen. Ein Fürst, der das Bewußtsein des Sieges gehabt hätte, würde eine solche Verherrlichung des Aufstandes weder geduldet noch weniger ihr beigewohnt haben. Aber der Bedauernswerte trank auch diesen Kelch bis auf die Neige.

Mir persönlich wurde dieser Tag verhängnisvoll. Meine Frau, angegriffen schon von Dresden gekommen, war durch die Revolution in lebhafteste Aufregung versetzt. Sie wollte dem Leichenzuge zusehen. Einige Fenster wurden freundlich in der Königsstraße gewährt. Man sah das Betrübendste. Die Toten hatte man nicht etwa in Bausch und Bogen genommen und auf einige Wagen gestellt, die man mit Traueremblemen geziert hätte. Nein, man stellte dem gedemütigten Fürsten hundertundneunzig einzelne Särge vor, jeden mit den Zeichen der Liebe geschmückt, jeden auf sechs rüstigen Schultern getragen. Erschütternd war dies Nichtendenwollen, diese Bestätigung eines Faktums, das zu denen gehörte, die sonst so leicht übertrieben werden. Oft wurde die Reihe der Särge durch die Fahnen der Gewerke und das eigene zahlreiche Erscheinen der letzteren unterbrochen. Man glaubte dann, die Totenreihe sei beendigt. Da bog aber um die Ecke wieder ein neuer Zug. Es währte stundenlang, die Luft war rauh, meine Frau ging erkältet nach Hause. Schon am Abend trat Fieber ein.

Von jetzt ab war mein Herz aufs schmerzlichste geteilt. Im Hotel die stete Aufregung durch Klubs und neue Zumutungen zur Teilnahme am allgemeinen Aufschwünge; in den engen Wohnräumen der Schwester die immer mehr erkrankende Gattin. Bei alledem ließ ich, um der sich so außerordentlich beschränkt äußernden politischen Urteilskraft des Berliners, der so lange Jahre in systematischer Verachtung des Konstitutionalismus erzogen worden war, dann dem geringen Anteil am allgemeinen Schicksal Deutschlands, dem kalten Anstarren und Nichtverstehen der schwarzrotgoldnen Fahne in etwas zu steuern, bei Robert Springer eine »Ansprache an die Berliner« drucken und kämpfte dabei jede Einrede: Was wagst du für deine Rückkehr nach Dresden! mit Gleichmut über die Folgen nieder. Schon schrieb man mir von dort, daß die Worte, die ich am Schloß doch nur zur Beschwichtigung gesprochen, als aufwiegelnde gedeutet worden seien! Aber das Geschick selbst trat mir hemmend genug in den Weg. Ich mußte fehlen bei dieser Beratung, bei jenem Beschluß; der Zustand meiner Frau verschlimmerte sich zum Hoffnungslosen. Kaum konnte ich mich noch von ihrem Lager entfernen. Ich mußte die Welt toben, die nächtlichen Alarmierungen der Bürgerwehr rasen lassen. Wenn ich nur Ruhe im nächster Nähe hätte schaffen können! Einem Typhuskranken ist schon das geringste Geräusch wie Donnerton. Schon um fünf Uhr morgens breitete ich Stroh über die Straße aus, um wenigstens das Wagenrollen in einer der belebtesten Straßen abzudämpfen. Zwei Ärzte, Koner und Barez, umstanden das Lager, wo die Kranke in Phantasien lebte, die, ein leidiger Trost, nur glückliche gewesen schienen. Der Typhus ergriff in denselben Räumen auch den Sohn meiner Schwester. Ich harrte aus bis zur letztlichen Entscheidung, die in der Nacht vom Gründonnerstag auf Karfreitag erfolgte ...

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