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Unter dem schwarzen Bären

Karl Gutzkow: Unter dem schwarzen Bären - Kapitel 15
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authorKarl Gutzkow
titleUnter dem schwarzen Bären
publisherVerlag der Nation
editorFritz Böttger
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Predigt in Schwarzensee

»Ich war kaum vier Monate von der Schule«, erzählte Blasedow, »kaum entwöhnt von den sogenannten Brüsten des klassischen Altertums, als ich in mir den Luftballon meines Ehrgeizes, der wenigstens so hoch steigen wollte, als eine Kanzel ist, nicht mehr zurückhalten konnte. Je leerer der Kopf, desto höher will er hinaus. Ich hatte mich noch ungewiß zwischen dem Christentum und dem Altertum gehalten und ließ mich während eines Semesters mehrere Male aus einer Fakultät in die andere überschreiben, weil es bald hieß: für dies Stipendium muß man Philosoph, bald: für jenes muß man Theologe sein. Ich hatte die Kirchengeschichte gerade bis zur ersten Christenverfolgung gebracht und in der Einleitung in die Bibel bis jetzt nur gelernt, welche Bücher unecht waren. Die echten ließ der Professor zurück und wurde am Schluß des Semesters so in die Enge gebracht, daß er in der Tat seine Vorlesungen mit dem Bedauern schloß, er hätte uns freilich nur die Unechtheit der Bibel während des Halbjahres bewiesen, woll' es aber unserm eigenen Studium dringend anempfehlen, uns um die echten Bestandteile derselben selbst zu kümmern. Das Evangelium Matthäi hatte ich von einem Gelehrten erklären hören, der es mit seinem ätzenden Verstande in lauter verbrannte Trümmer verwandelte und uns allen, als er seine Vorlesung später schloß, vorkam, als stieg' er wie Scipio von dem Aschenhaufen des ehemaligen Numanz herab. Das war Schleiermacher. Was wußt' ich von der Homiletik? Dennoch wollt' ich predigen.

Ich begab mich eines Morgens in die Umgegend von ... in das Dörfchen Schwarzensee, welches aber lieber Weißensee hätte heißen sollen, der vortrefflichen Schafmilch wegen, die man dort auf guten Zichoriendekokt erhalten konnte. Ich suchte den Pfarrer auf und bat für den nächsten Sonntag um seine Kanzel. Er bewilligte sie mir unter zwei Bedingungen. Erstens, daß ich meine Predigt vom Propst Reuter unterschreiben ließe, zweitens, daß ich ihm erlaubte, ein wenig zu lachen. Ich wurde rot, weil ich dachte, daß die letzte Bedingung mir galt. ›Nein‹, sagte er, ›ich lache nur, weil Sie keine Zuhörer haben werden.‹ Er wollte damit sagen, daß er selbst keine hätte. Ich versprach also, mir selbst eine Gemeinde mitzubringen.

Meine Predigt war schnell hingeworfen. Es war eine kühne Abhandlung über das Nosce te ipsum. Ich wollte zeigen, daß der Reue die Selbsterkenntnis vorangehen müsse, und war ehrlich genug, die Predigt aus meinem innersten Herzen herauszuschreiben. Es waren Rousseausche Selbstbekenntnisse, die ich auf die Kanzel von Schwarzensee bringen wollte. Ich war erst achtzehn Jahre alt, hatte aber schon manches erlebt und war in der Tat ein Enthusiast für das Christentum. Ich riß mir das Kleid meiner Selbstgerechtigkeit vom Leibe und zeigte mich in jener christlichen Blöße und Armut, die lieber verhungern und erfrieren will, als prächtige Kleider tragen und kostbare Speisen genießen. Das jugendliche Werk übergab ich dem Propst Reuter.

Aber wie ritt dieser drüber her! ›Mensch, Mann, junger Mann‹, sagte er mit etwas lispelnd westfälischer Stimme,›solche Dinge wollen Sie auf eine christliche Kanzel bringen? Wo ist die Einteilung? Wo ist erster, zweiter, dritter Teil? Groß K, klein a, lateinisch A, dann griechisch ???greek usf.? Diese Verwirrung kann Ihnen unmöglich bewilligt werden. Denn gesetzt auch, Sie hätten Ihr Thema, statt zu variieren, nicht karikiert, so muß der Gemeinde doch klar werden, wo Sie Ihre Ruhepunkte haben. Die Ruhepunkte des Predigers sind die Erweckungspunkte des Zuhörers. Wo Sie einen Absatz machen, macht die Aufmerksamkeit der Zuhörer einen Ansatz. Was Sie da geschrieben haben, flimmert jedem, der es lesen oder hören soll, vor den Augen. Arbeiten Sie es jedenfalls um!‹

Ach, alle selbsterbauten Triumphpforten waren mit dieser pröpstischen Erklärung eingerissen. Die schönen Selbstlobfestons, die sich über sie hinzogen, verwelkten. All meine Unsterblichkeit verwandelte sich in eine vom Lehrer rot angestrichene Schülerarbeit. Ich hatte allerdings mit so großer Aufrichtigkeit gegen mich selbst in meiner Predigt gepredigt, hatte mich an den langen christlichen Demutshaaren mit meinem Plato- und Sokratesstolze im Staube der eingestandenen Unzulänglichkeit aller Selbstrechtfertigung geschleift, daß sich eine Dorfkanzel, von diesen Predigtwolken eingehüllt, in den Dreifuß der pythischen Göttin würde verwandelt haben, in ein unauflösbares Rätsel. Ich bemitleidete jedoch den Propst Reuter, der mir noch ganz mit dem alten Geschirr der Wolffschen Philosophie das Christentum aufzuzäumen schien. Meinen Fixsternhimmel ahnte er nicht, meine Sonnen zogen sich in anderen als Krummacherschen Parabeln über das Firmament.

Dennoch begann ich die tropische Pflanzenpracht meiner exotischen Abhandlung zu säubern. Der Unterschrift des Propstes opferte ich als Unkraut alle duftenden Phantasieblüten, alle wilden Kaktus, die ich in meinem Garten gepflanzt hatte. Ich setzte an ihre Stelle ländliche, perikopische Gänseblümchen. Gegen das Ende zu, wo ich wie ein rasender Ajax am meisten gegen mich gewütet, wo ich meiner stoischen Selbstgenügsamkeit den Todesstoß versetzt und aus meiner klaffenden Wunde einen ganzen Glockenwald von Hyazinthen hatte hervorklingen und duften lassen, schnitt ich die herrlichen Blumen oben ab, so daß nur noch die Zwiebeln unten zurückblieben, die auf den Gebrauch der Schnupftücher in der Gemeinde wirken sollten. Ich verflachte meine idealische Schweiz, die dem Propst Reuter wie eine Sammlung logischer Pockennarben erschienen war. Ich warf meinen Rigi in den Züricher See, steckte von Meile zu Meile eine rote Fahne der logischen Feldmeß- und Disponierkunst auf und klopfte zum zweitenmal auf den kahlen Dornbusch, aus welchem das rote Antlitz des Propstes leuchtete. Allein er war verreist. Meine Predigt hätte nicht gehalten werden können, wenn ich nicht den Mut gehabt hätte, Christi wegen eine Lüge zu wagen.

Der Pfarrer von Schwarzensee hatte schon fest auf meine Kreuzesabnahme für den nächsten Sonntag gerechnet. Er ahnte nicht, daß er einem Schismatiker ohne pröpstisches Visa seine Kanzel, seinen Talar und seine Bäffchen einräumte. Er hatte auf meine Logik gerechnet, das Visa als erhalten vorausgesetzt und sich ins freie Feld beurlaubt. Ich fuhr am Morgen des verhängnisvollen Tages in einer großen Familienkutsche, in welcher alle meine Angehörigen Platz genommen hatten, auf den Richtplatz hinaus und grüßte alle Welt nach Art hoffnungsloser Delinquenten. Meine Schwestern und Tanten empfanden heute zum ersten Male eine Art heiliger Scheu vor mir und äußerten zu öfteren Malen die Besorgnis, daß ich vielleicht selbst welche hätte. Kurz vor Schwarzensee stieg ich aus, zog noch einmal meinen unvidimierten Paß zur Reise auf die Kanzel hervor und überlas einige Stellen, die ich nicht gut memoriert hatte, weil meine Schwestern den Puppenkopf, vor welchem ich die Rede einstudierte, einige Augenblicke selbst brauchten. Damit ich jedoch nicht vom Dorfe aus als noch in meiner geistlichen Toilette und Sonnabendarbeit begriffen beobachtet würde, ging ich die Landstraße rückwärts voran. Ich mußte endlich die Nähe des Dorfes berücksichtigen und ergab mich denn blindlings meinem Gedächtnisse, indem ich, unbekümmert um die Spottgrüße und Ahasversatiren einiger akademischer Freunde, mein Kreuz in die Pfarrwohnung hinauftrug. Hier erwartete mich längst der Küster. Nach dem Visa meiner Predigt fragte niemand als höchstens mein Gewissen. Ich schlüpfte in die äußeren Zeichen meines Amtes hinein, hätte aber beinahe Unglück gehabt mit jener großen Mütze, die, einem umgekehrten Suppennapfe ähnlich, doch weit lieber den Namen eines Hutes verdient hätte. Diese Mauerkrone kommender Verdienste war für meinen Kopf viel zu groß und für die Tätigkeit meines erhitzten und memorierenden Verstandes viel zu schwer. Nicht ohne Besorgnis, ich möchte das Gleichgewicht meines Oberkörpers und dazu die Mütze selbst verlieren, setzte ich mich in Bewegung. Indem ich hinten aus der Pfarrwohnung schritt und mich durch die Gräber des Kirchhofs in die schon im vollen Glockenspiel begriffene Kirche begab, hatt' ich meine Not, mit dem Kopfe hin und her zu balancieren. Diese äquilibristische Beschäftigung nahm meine Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß ich nicht einmal vor der Kirchentür daran dachte, mich von der Bürde zu befreien, sondern wie ein jüdischer Hoherpriester zog ich mit meinem Pfannendeckel durch die Kirche hindurch, die glücklicherweise zu klein war, als daß ich mich unterwegs noch hätte besinnen und in der Nähe des Altars nun gar noch auffallenderweise erst entblößen können. Der Küster sagte nichts zu dieser jüdischen Neuerung, als ich hinter die spanische Wand, welche die Sakristei vorstellte und mit ländlichen Freskogemälden geschmückt war, trat, sondern er spielte schon tapfer auf der Orgel herum, obschon noch kein Ton vernommen wurde. Mir wurde himmelangst, wie ich den Mann so vergeblich in das lautlose Nichts hineintasten sah. Endlich war aber von hinten (denn nun bemerkte ich bald auf einer Leiter zwei flachshaarige Bauernbuben, die hinten die Stricke zogen) Luft in die Pfeifen gekommen, und ein taumelnder Rhythmus bemächtigte sich allmählich der musikalischen kleinen Maschine. Ich hatte vielleicht acht Zuhörer gezählt. Der Chor würde auch ganz ausgeblieben sein, wenn nicht ein Schulknabe, der wahrscheinlich ein Stipendium genoß, das ›Vom Himmel hoch, da komm' ich her!‹ aus irgendeinem entlegenen Winkel des Schiffes, wo ich ihn nicht sah, dreist hervorgekräht hätte.

Auf der Kanzel hätte ich beinahe ein Unglück gehabt. Ihr Pult war nämlich ein so einfaches Brett, daß nicht einmal eine Leiste rings herumging und mein Manuskript um ein Haar mit dem langen Priesterrockärmel hinuntergefegt worden wäre. Schon der Gedanke, daß dies hätte geschehen können, brachte mich in die größte Verwirrung. Wie sollte ich mich bei einer begeisterten Stelle halten, und wo die Arme? Konnte ich zum Himmel emporsteigen, ohne dabei ein wenig mit den Flügeln zu klatschen? Ich hatte mir ungemein viel Wirkung von einer Glanzstelle versprochen, wo ich den rechten Arm weit in die Kirche hinausstrecken wollte, um gleichsam als Schatzgräber das geweihte Erdreich von Menschenherzen unter mir zu beschwören und eine Vorstellung vom Jüngsten Gericht zu erwecken, zu welchem rechterhand ein Engel, der die Hauptverzierung der Orgel bildete, schon die Posaune blies. Diese Gebärde mußte ich aufgeben, weil sie mich nicht nur um meine Predigt, sondern auch um das Verzeichnis von Brautpaaren hätte bringen können, die gesonnen waren, in den Stand der heiligen Ehe zu treten. Dennoch erholte ich mich, als ich erst in voller Anstrengung war. Die Rede zündete wie ein Blitz all das verfaulte Holz, das ich mir von Christenseelen aus der Stadt mitgebracht hatte; ja einer Cousine, die sich ganz abseits gesetzt hatte, zerfloß ihr irdischer Mensch in so viel Rührung, daß ich selbst nur um so härter wurde, teils um mich zu wappnen, teils, weil mir's so gut gelang. Sie liebte mich und gestand mir später, daß ihre Tränen weit mehr mir als sich selbst gegolten hätten.

Ich hatte geendet und den acht bis allmählich zwölf Fischen, die in meinem Petrinetze zappelten, die Freiheit gegeben. Die Orgel spielte ein Rezitativ, welches man, weil keine Ordnung darin war, wahrscheinlich für eine Bachsche Fuge hatte halten sollen. Die Armenbüchse vor der Tür verwandelte sich in meinen Augen in ein ganzes Spital Lahmer und Blinder, so daß ich fast all mein Hab und Gut hineingeworfen, wenn ich mir nicht eingebildet hätte, mein Rock läge in der Pfarrwohnung. Ich hatte vergessen, daß ich ja den Talar nur übergeworfen hatte und keineswegs mit den Hemdärmeln darin stak. Der Pfarrer war noch immer von seinem lustigen Urlaub nicht zurück. Ich aber lief spornstreichs, um in die Familienkutsche zu kommen und mich noch recht an der Verheerung zu weiden, die ich soeben unter meinen Anverwandten gestiftet hatte. Meine Cousine, die ich doch am meisten zerknirscht, sprach mir Mut auf dem Wege der Selbstbesserung, den ich nun einschlagen dürfte, zu. Sie ermunterte mich, meine Fehler einzusehen und nach meinen Worten nun auch zu handeln. Die Sonnen, die sich in ihren Tränen spiegelten, verwandelten sich aber bei alledem in goldene Fingerringe. Sie gab sich das Ansehen, von der christlichen Märtyrerkrone zu sprechen, und dachte im Grunde dabei an die bräutliche Myrtenkrone und an meine ledige Hand.

Acht Tage nach diesem geistlichen Debüt«, schloß Blasedow seine Erzählung, »konnte ich das Glück haben, relegiert zu werden. Ich hatte die Kanzel bestiegen ohne Reuter als geistlichen Vorreuter. Ich hatte den Talar und die weißen Bäffchen erschlichen und wurde in einen weitläufigen Religionsprozeß verwickelt, der zwar nicht mit dem Holzstoß Hussens endete, aber doch damit, daß, wenn Hus bekanntlich eine Gans bedeutet, der Pfarrer von Schwarzensee von Gänsen ein Paar in die Propstei schicken mußte, um sich selbst von der Strafe zu befreien, die nun auch gegen mich gemildert wurde. Das am Spieß prasselnde Gänsefett genügte dem Propst Reuter, der etwas braten sehen wollte und zu meinem Glück dasjenige Opfer vorzog, das sich mit Anstand verzehren ließ.«

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