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Unter dem schwarzen Bären

Karl Gutzkow: Unter dem schwarzen Bären - Kapitel 10
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authorKarl Gutzkow
titleUnter dem schwarzen Bären
publisherVerlag der Nation
editorFritz Böttger
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Frauenzauber

Daß es »zweierlei Leute in der Welt gibt« – bemerkt ein Kind erst allmählich. Vater und Mutter – sind ihm eins, jede Hälfte gilt ihm für das volle Ganze.

Allmählich ahmen dann Kinder die Familie nach. Sie spielen Vater und Mutter und geben sich sogar selbst wieder, ihre eigenen Personen mit allen Unarten. Der Trieb zur Strafe zeigt sich da als ein angeborener. Jedes Kind züchtigt. Man muß ihm oft zurufen, aus dem ewigen Kriminalton herauszukommen.

In solchen Spielen erwachen rätselhafte und dunkle Gefühle. Sinn für Zärtlichkeit senkt sich ins Gemüt über Nacht. Er kommt wie auf Blumen der Tau. Die Unschuld berührt spielend und scherzend selbst das Verfänglichste. Worte, Empfindungen, Begriffe, die dem Erwachsenen voll gefährlicher Widerhaken erscheinen, fassen die Kinder mit sorgloser Sicherheit an und nehmen das geschlechtliche Doppelleben der Menschheit wie ein Urewiges, selbstredend auf die Welt Gekommenes, das keiner Erklärung bedarf. Da werden aus raschelndem Herbstlaub, zerlassenen Strohbündeln Hütten und Nester gebaut, und halbstundenlang kann ein völlig unschuldiger Knabe neben seiner Gespielin stumm und wie von Liebesahnung magnetisiert liegen. Zum Küssen kommt es nicht einmal. Freilich steht da die Gefahr einem solchen Bilde kindlicher Naivität ganz nahe, und das übrige tut die Strafe, die Unarten voraussetzt, über die man erst zu grübeln anfängt wie nach dem ersten Besuch eines katholischen Beichtstuhls. Die Strafen des Meisters Schubert, die gewisse Sünder traf, wurden damals nicht verstanden. Erst eine unvergeßliche Mahnrede, die der Knabe ohne alle Veranlassung von seinem Bruder in der Artilleriekaserne erhielt, deckte ihm im zehnten, elften Jahre schreckliche Dinge auf, die ihm vollkommen unbekannt geblieben waren.

Aber daß »zwei einander sich liebhaben können«, das wurde entdeckt. Denn man sieht, daß man Frauen und Mädchen jagt und verfolgt um einen Kuß. Allmählich kommt auch heraus, daß die Schwester eine besondre Freude oder ein besondres Leid hat. Der Bruder vollends, gehoben von Lebensübermut, Jugendlust, Abenteuerdrang, nimmt kein Blatt vor den Mund. All seine Liebesaffären, ehe er heiratete, wodurch er gezähmt wurde, waren Don Juannerien. Auf »Schürzenstipendien« ging jeder Gemeine und Spielmann aus. Aber auch die Liebesabenteuer der Chargierten, Fähnriche und Leutnants wurden erzählt ...

Herr Cleanth ging von der Ansicht aus, daß ein Knabe früh lernen müßte, den Reiz der Weiblichkeit sozusagen – auszuhalten. Der Weise hatte recht. Worin liegen die Gefahren der späteren Jugend mehr als in diesem noch nicht gekannten Zauber der schönen und dem Ideal entsprechenden Weiblichkeit? Dagegen stumpft ein früh an anmutige Geselligkeit, schöne Lebensformen, man möchte sogar behaupten an rauschende seidene Kleider und malerische Trachten gewöhnter Knabe den Reiz ab, den uns das Anstreifen am Frauenwesen verursacht. Ein wilder, blindlings den Frauen nachrasender Freund gestand einst dem Erzähler mit Trauer: »0 Freund, ich bejammere, was ich von Phantasie, Glauben, Lebensmut, Lebenskraft an die Frauen verschwendet habe! Nie hatte ich als Knabe in der Nähe zarter, schöner, froher Mädchen gestanden, hatte nie diese zauberische Berührung von Atlas, Sammet, Seide empfunden, nie mich an einem schönen Arm oder an einem Handschuh gestreift, der zierliche Finger umschloß. Da erwachte im Jüngling diese glühende, zurückgehaltene Sehnsucht zum Schönen, und wo war es zunächst zu finden als beim Weibe! Ich hatte das Wissen in seinem schweren und nur halbbelohnenden Erwerbe hinter mir, nun wollte ich ein höheres Licht, wollte das wahre Leben, die Schönheit und das beseligte Herz – wohin führte mich der Taumel einer solchen Sehnsucht? Es mag unglaublich klingen, aber es ist wahr, ich suchte in jeder weiblichen Begegnung, die dem Auge gefallsam erschien, mein Bedürfen nach Hingebung, mein Hangen und Bangen nach dem Geheimnis glücklicher Liebe zu befriedigen. Ich liebte edle Mädchen, aber der lange Roman des Hoffens und Werbens rieb mich auf. Ich wollte besitzen, wollte nicht besitzen des flüchtigen Genusses wegen, nein, ich wollte den Edelstein des Frauenzaubers finden und suchte ihn selbst im Schutte auf, vor dem mich hätte schaudern sollen. Putz, selbst da, wo keine Schönheit war, reizte ein Auge, das in schönen Formen nie Kunde und Übung hatte. Ich fühlte das Bedürfen, irgendwie dem Weibe nahe zu sein, irgendwie in diese Existenz einer andern Welt einzublicken, an diesem so glücklichen neutralen Prinzip in allen Alternativen des Denkens und des Lebens mich anzusiedeln. Denn wie ruht es sich so schön an einem Haupte aus, das allein nur an dich denkt, in diesem Augenblicke wenigstens auch ihr Vergessen in dir nur findet! Im Doppelleben der Menschheit als Mann und als Weib liegt eines der Zauberworte, das uns die Tür des Jenseits entriegelt. Dieses einzig und allein wollte ich selbst aus wilden und rohen Klängen abhorchen. Selbst aus der Asche bemitleidenswerter Frauen schlug noch manchmal eine reine Flamme auf, rührte mich und konnte mich und sie auf Augenblicke verklären.«

Ein an Liebe reiches Herz bedarf der Liebe. Herr Cleanth schien ähnlich zu denken wie unser Freund. Sein Malertalent mochte zweifelhaft sein; aber ein Lebenskünstler war er gewiß. Er verlangte gefällige Tracht, gewandtes Benehmen, konventionelles Entgegenkommen, Artigkeit gegen alle Frauen, junge und alte. Er selbst gab das Beispiel der Galanterie. Er hielt seine Zöglinge an, die Worte zu wählen, den Körper in Schick zu bringen, Damen die Hände zu küssen, gewandte Formeln der Höflichkeit zu sprechen. Gesellschaften wurden gegeben, wo sich die Mädchen mit den Knaben zum Spiele vereinigten. Er beförderte die Besuche gerade bei solchen Familien, wo junge Mädchen, oft recht ausgelassene, wilde, den Ton im Hause angaben. Ganz gegen die neue Lehre der Erziehung war Herr Cleanth grade für die Kinderbälle. Ihm schien bei diesen jungen Stutzern und kleinen Koketten hinlänglich gesorgt, daß noch niemand Gefahr lief, überreizt zu werden. Zur Liebe waren ihm ja die beiden Geschlechter der Menschheit einmal bestimmt, die Eitelkeit und die Galanterie waren ihm Erbschaften unsrer Natur. Wozu sich also da den Vorteil entgehen lassen, Knaben schon beizeiten zu »Artigkeiten« »gegen die Damen« zu dressieren und sie an einen Verkehr mit dem schönen Geschlecht zu gewöhnen? Welche Verlegenheiten haben oft zwanzigjährige junge Männer, bei einem Ball Tänzerinnen zu gewinnen oder in einem Salon mit Damen eine Unterhaltung anzuknüpfen! Cleanth ließ seinen Sohn tanzen, französisch sprechen, Damen die Hände küssen, die Kinderbälle besuchen.

Der Gespiele, der nur ab und zu dies sein Lebensparadies betreten durfte, sah in so viel Herrlichkeit nur von weitem ein. Wie konnte er sich auch ganz aus seiner häuslichen Erde entwurzeln! Ohnehin war das Tanzen den Eltern ein ebenso arger Greuel wie die Komödie. Der Gespiele sah den Freund über die geglättete Diele schweben und sich anmutig im Kreise drehen, während er selbst nur – manchmal Tränen im Auge – mit Bärenfüßen nachtrottete. Gewandt entschlüpfte dem Freunde die Phrase: A vot' sante, ma chère tante, die auch der Gespiele nachsprechen sollte, die Reihe herumgehend beim Dessert am Tisch und jedem Erwachsenen die Hände küssend. Wieder stand eine Ohrfeige in Perspektive. Der Versuch wurde schon mit Widerstreben gemacht. Eine alte Tante schalt eines Tages, eine andre lachte, der Knabe wurde verwirrt, erzürnte sich, brüskierte die Gesellschaft, stürzte in ein Nebenzimmer und schlug die Tür zu, um sich einer solchen Dressur zu entziehen. Es waren vornehme »Tanten« des Hauses, polnische Verwandte aus Militärkreisen. Aber so gut russisch sie taten, die Knute blieb diesmal aus. Herr Cleanth verlegte sich auf ein vernünftiges Zureden. Er schien etwas von der wahren Ursache der Verzweiflung des rebellischen Jungen zu ahnen. Die beiden Tanten gaben sich in der ganzen, auch ihm unausstehlich breiten Förmlichkeit russisch-polnisch-französelnder Etikette.

An zunehmender Blickschärfung für menschliches Tun konnte es unter solchen Umständen nicht fehlen. Die Charaktere wurden durch den Kontrast erkannt, der nicht greller sein konnte als z. B. zwischen dem apokalyptischen Vetter und dem Freigeist Cleanth. Das sah der Knabe frühe, wie sich alles den Machtbegabten zudrängte, sich dem Glanze unterordnete, die tiefste Ergebenheit sich nach der Sonne der Gunst neigte. Der Vorteil stand da als Regulator aller Lebensverhältnisse. Mancher Stachel der Zurücksetzung oder des erlittenen Unrechts blieb im verwundeten Gemüt haften. Beklemmend war ihm das Durcheinander der Interessen, das Laufen und Rennen der Menschen um nichts, soweit ihm wenigstens scheinen wollte, und dabei eine Geschwätzigkeit, die für jene Kreise, in denen er zuweilen leben durfte, durch etwas speziell Lokales noch eine besondere Färbung erhielt. Man kennt die Berliner Hofräte. Sie sind ausgestorben; an ihre Stelle ist der Berliner »Geheimrat« getreten. Der Hofrat war liebenswürdiger. Die Geheimräte erstarren nächstens zur Mumie. Sie geben sich mit beständiger Betrachtung des Schattens, den sie werfen, mit Verwunderung gleichsam über sich selbst. Da war die alte Berliner hofrätliche Emsigkeit, das windigste, charakterisierte Nichts, die Abhängigkeit von einigen aufgerafften und höchst sicher vorgetragenen Phrasen, die immer blindlings angenommene Tradition, die süßeste Unterwürfigkeit gegen Obere, ein stetes Zummundereden von einer Gesellschaftsstufe zur andern, die Sucht nach Auszeichnungen und leeren Titeln, besonders nach Ordensverleihungen, wie sie auch jeden 20. oder 21. Januar wie bei Schulprüfungen erwartet wurden, doch noch amüsanter, leutseliger, kulanter. Aber der Knabe wurde mit einer wahren Angst vor dieser jenseits seines eigenen Lebens liegenden Welt erfüllt. Es kam ihm vor, als wenn seine ursprüngliche Lebensheimat zwar die der Armut, aber die Welt der gesinnungsvollen Ehrlichkeit war. Der biblische Vetter Wilhelm schwebte so hoch über vornehmtuender Lüge und Narrheit, er wußte so treffend die Endlichkeit alles glänzenden Elends der Erde zu bezeichnen, er wußte die wahre Wahrheit und das lebendige Leben so an die ewige Quelle des Lichts und der Erlösung zurückzuleiten, daß der Knabe zwar in die vornehme Welt mit mächtigstem Reize ging, aber doch wie gefeit gegen Lug und Trug. Eine Abenderzählung des Vaters von einem Wintersturm auf der pommerschen Heide, von jenem Prallschuß bei Leipzig, von einem Biwak im Ardennerwalde erkräftigte den Knaben, daß er nicht zagte und bangte in dem Getändel von Formen, die ihm ungeschickt gelangen oder die man ihm als Fallen legte, um sich über seinen Sturz zu belustigen. Auch der mit Liebe und Inbrunst erfaßte Gottesgedanke half ihm oft hinweg über erlittene Unbill. Er gab ihm beim einsamen Nachhausegehen im Abenddunkel von so vielen nur halbverstandenen rauschenden Gesellschaftsleerheiten Trost und so viel Erhebung, daß er stark und kräftig, wenn auch oft nach dem bittersten Weinen, in das er (eigentlich um nichts) ausbrechen mußte, immer wieder in seine häusliche Welt zurückkehrte mit dem wachsenden Mute des Selbstvertrauens.

Und lag auch nicht eine Erhebung darin, daß der Knabe mitten in dem prächtigen Gewebe vom Laufen im Zirkel, Blinddahinrennen, devotesten Grüßen, Schmeicheln, Speichellecken so vielerlei schwarzen Schicksalseinschlag bemerkte? Es ist ein schaudervoll grausames Wort, das den über die geraubte Tochter jammernden und über die von der Tochter vergeudeten Reichtümer schier verzweifelnden Shylock tröstet, wenn ihm Tubal von des Antonio untergegangenen Schiffen sagen kann: »Andre Leute haben auch Unglück!« Es gibt aber Lebenskompensationen solcher Art. Sie sind da und wirken beruhigend, wenn man sich auch schämt, es einzugestehen. Man fühlt diese Ausgleichungen der ewigen Nemesis, ohne sie herzlos anzurufen oder rachelechzend zu bejubeln. Andre Leute haben auch Unglück! Andre Leute entbehren auch! Die Reichen haben kummervolle Nächte! Der Große muß sich wieder Größeren unterwerfen, noch Mächtigeren dienen! Auch sie werden gezerrt von den Armen geringerer Verwandtschaft, die sich an sie klettet und Hilfe für ihren Ruin verlangt! Da waren ehrenvoll genannte Namen. Jedes Geschäft wurde ihnen zugewiesen, jede Vermittelung anvertraut. Plötzlich – ein Flüstern, wenn man sie nannte. Es waren Kaufleute, die eben falliert hatten. Sie entflohen oder wanderten in lange und nicht immer bequeme Gefängnisse. Das Wort Bankrott weckte dem Knaben erschütternde Vorstellungen von namenlosestem Menschenweh. Der Bankrott der »Gebrüder Benecke« erfüllte die ganze Stadt. Andre Namen wurden plötzlich wie totgeschwiegen. Ihr Stand, ihr Ehrgefühl, ihre Liebenswürdigkeit hatte sie nicht gehindert, Verbrecher zu werden. Von unglücklichen Ehen wurde gesprochen, von Scheidungen, mißratenen Kindern. 0 diese Welt war immer im Fluß, in schwatzhafter Bewegung, scharmant, liebenswürdig, aber plötzlich stockte sie. Dann war etwas geschehen, was alle erschütterte, eine Tat, ein Schicksal war dazwischengefahren, und schmerzlich genug fühlt bereits ein Kind, daß jener Schlag, der die Pause am längsten andauern ließ, nicht immer der Tod war. Und freilich dann auch der Tod! Ja man sah Tränen und hörte Klagen. Für die roten Gewänder rauschten schwarze auf. Aber manchmal wurde dann die Geschwätzigkeit des Glücks abgelöst von der Geschwätzigkeit des Unglücks. Man hörte prahlende Reden, wie man ertragen, entbehren, dulden, sich einrichten wollte. Und das Kind sah, welch ein Behagen aus dem neuen Zustande erwuchs. Die Erbschaften wurden besprochen. Oft entwickelte sich aus dem Tode eine noch größere Pracht, eine noch größere Freude. »Lachende Erben –!« Das war dem Kinde ein Wort, anfangs unverständlich, dann so häßlich wie das Lachen der Lachtauben, das ihm nie gefallen konnte. »Lachende Erben!« Er hatte ein Bild an allen Buchbinderläden gesehen, wie ein reiches sogenanntes »Hundefräulein« einen geliebten verstorbenen Favoritmops begraben läßt und den eingeladenen mitleidbezeugenden Pöbel mit Kuchen und Wein traktiert. Die Geschichte war soeben passiert. Und so kamen ihm alle »lachenden Erben« vor. Ein Hund auf einem Katafalk mit Lichtern und ringsum lachende Heuchler, die zu weinen vorgeben und Kuchen essen und Wein trinken. Ein Toter war in der vornehmen Welt oft längst vergessen, und nur ein Kind, das ihm völlig fernstand, trauerte noch um den alten Herrn, der dort immer am Fenster bei den Hyazinthen gesessen, gescherzt, so präzis nach der Uhr gesehen hatte, an deren Kette man spielen durfte. Dann war er einmal gegangen und nicht wiedergekommen.

Je stärker die Stöße und Angriffe werden, die das Leben auf ein junges Gemüt richtet, desto besorgter wird es sich nach Schutz und Beistand umsehen. Die Welt wimmelt von Haß und Feindschaft. Wo ist Liebe? Der Mensch, kaum geboren, sucht Liebe. Der tote hölzerne Hund, das bärtige Kätzchen von Papiermaché gewinnen des kaum lallenden Kindes erste Zärtlichkeit. Bald freilich zertrümmert die wilde Menschennatur, wie auch in späteren Jahren oft grausam genug, ihr erstes Spielzeug der Liebe. Die süßen Himmel werden gestürzt, die stumme Gegenliebe wird zerrissen, immer Neues will sich der flatterhafte Sinn erobern, um das Ausgekostete, Genossene für wieder Neues auszutauschen. So wird der Arm um einen Gespielen, so um eine Nachbarin geschlungen, und wie bald sind sie vergessen! Der Knabe empfand zwei Neigungen zu gleicher Zeit; ein Fall, der seinem Doppelleben entsprach. Die Liebe in der Armut galt einer Tochter jenes Selbstmörders in der Sattelkammer; die Liebe im Reichtum war ein lebhaftes, witziges, ausgelassenes Mädchen, eines Rates Tochter. Beide Phantasien ähnelten sich zum Verwechseln. Sie wurden mit demselben Herzen, demselben Munde durchlebt, die eine auf den dunkeln Schleichwegen des akademischen Turms und im Wiesengras der Alltagswelt, die andre sonntäglich auf dem Teppich ihres väterlichen Salons. Beide hatten dasselbe krause, schwarze, weiche Haar, beide kurzgeschnittene sogenannte Schwedenköpfe, beide hatten feurige braune Augen, beide dieselben weißen Zähne, dieselben kleinen Stumpfnäschen, beide waren behend wie Gazellen, älter als der Knabe, der auch in beiden Körpern nur eine und dieselbe Seele liebte. Und diese Neigungen, die eben nur Gefühle waren, ausdruckslose Stimmungen, wurden erwidert. Von beiden Wesen fand sich der Knabe bevorzugt – wie man eben von Frauen bevorzugt wird – zum Necken, zum Gehänseltwerden; was ist den Frauen Männerliebe? Dienen und Apportieren! Diese beiden Mädchen, älter geworden, schenkten im Spiel nur diesem ihre Gunst oder wußten es vollkommen, wie sie ihn verletzten, wenn sie andre wählten. Auch der Haß, wenigstens Zorn und Schmollen, ist eine Form der Liebe bei so junger Neigung. »Ich möchte ihm die Augen auskratzen –« oder: »Der infame Bengel –!« Alles das ist Liebe, und darum schwärmte der Knabe auch mit der Tochter des Erhenkten unter den Sternen und mit der Tochter des Rates unter duftenden Zimmerblumen.

Wo Liebe ist, ist auch Leid. Und das Leid der Liebe kommt dann noch, wie alles Unheil, selten allein. Wo die einen Blüten welken, sinken ihnen ungeahnt die anderen nach. Das erste große schmerzliche Weh sollte den Knaben treffen, der Verlust seines Paradieses. Nicht durch eigene Schuld. Das Wetter fuhr aus den Wolken, nachdem schon lange selbst bei lichtem Sonnenschein ferne Donner das Nahen eines Sturmes verkündet hatten. Ach, diese Zeichen kamen weit her, von einem Lande des Ostens! Im Reiche des Zaren lebte Herrn Cleanth ein Bruder, ein Kriegsoberster des Kaisers Alexander, nach Warschau kommandiert zum Geniekorps. Schon lange hatte es geheißen, der spekulative Maler sollte ebenfalls mit der deutschen Romantik, die ihm ohnehin ein Greuel war, brechen, sollte aber auch sein aufgeklärtes 18. Jahrhundert, die Freimaurerei, Voltaire, aufgeben und nach Rußland ziehen, dort das neue Wunder der Zeit, die Lithographie, lehren, Karten des Zarenreiches zeichnen und der Regierung überhaupt in ihren militärisch organisierten Kulturspekulationen zur Hand gehen. Noch sträubte sich das deutsche Gemüt gegen die polnischen Wälder. Aber der Kriegsoberste des Zaren schickte seine Gemahlin, seine Schwägerin; es kamen die Neffen der Brüder, die schon in Warschau erzogen waren und polnische Sitte, polnischen Ehrgeiz mitbrachten. Cleanths Hausstand erweiterte sich durch diesen Zuwachs. Russinnen, adlige, stolze, anspruchsvolle Wesen, brachten Wagen, Rosse, Bediente und jene den Sarmaten eigene luxuriöse Umständlichkeit mit, die daheim alles viel besser hat, ausgenommen das, was soeben in der Fremde gekauft wurde. Das bauschte sich, das rauschte, das mäkelte, flanierte durch die »Butiken«, die Gold- und Silberläden, die Modemagazine. 0, hieß es, in Deutschland kann man nicht heizen, in Deutschland nicht kochen, in Deutschland kann man nicht waschen, ja auch nicht singen, nicht tanzen, nicht gehen und stehen. Nur noch in Warschau und Petersburg war die Kultur zu Hause. Wer hätte nicht von den vielen beurlaubt reisenden Titular- und Kollegienräten noch jetzt, selbst in Italien, die Überzeugung gewonnen, daß nur in Petersburg die Goldorangen glühen! Dies russische Selbstgefühl in den Damen, das polnische in den Kindern und Bedienten kam oft zu gewaltsamem Ausbruch. Bei beiden Parteien gab es sich in solcher Lebhaftigkeit kund, daß das ohnehin damals traurig zurückgehende Deutschland wie in nichts verschwand. Willusch, ein Spielgenosse, Neffe Cleanths, ergriff bei Tisch eine Gabel und rief, als von Polen und seinem »verschuldeten« Geschick die Rede war, mit Verzweiflung: »Ich mir möchte stechen diese Gabel in die Brust, wenn ihr beschimpft mein Vaterland!« Die anderen wehrten dem Knaben, der später bei Ostrolenka focht. Herr Cleanth bestrafte sogar den sich so revolutionär vor den russischen Tanten äußernden jungen Polen. Dem deutschen Gespielen blieb Willuschs Drohung unvergeßlich. Sich erstechen können um sein Vaterland! Untergehen um eine Idee! Heilig halten können etwas Verspottetes! Das Wort eröffnete ihm einen Blick auf Gebiete, die von Herrn Cleanths Hause so entlegen waren wie die Turnerei in der Hasenheide von dem Salon des Fürsten Hardenberg. Ideen, Ahnungen stiegen aus dem Herzen in den Kopf.

Auf die Länge widerstand Herr Cleanth den Reizungen des Zaren nicht. Die russische Regierung übertrug ihm vorläufig die Direktion einer neuzuentwerfenden Karte Polens und gab ihm außerdem die bestimmte Zusicherung weiterer Unterstützung, wenn er im Fache der praktischen Kunstanwendungen in Warschau Etablissements errichten wollte. Der Drang nach Bewährung seiner Umsicht und Regsamkeit lebte zu mächtig in dem ehrgeizigen Manne, der sich in einigen Jahren zum Minister der öffentlichen Arbeiten avanciert zu sehen träumte. Berlin bot keine Gelegenheit, seine Kenntnisse geltend zu machen; selbst etwas zu unternehmen, dafür fürchtete er das Risiko. So siegte denn der Entschluß, den russischen Damen und dem kleinen Willusch zu folgen. Das große Palais am Leipziger Achteck wurde der Regierung verkauft, noch ein märchenhaft schöner Winter im Nebenhause durchlebt mit Zeichenstunden, Spielen, Weihnachtsfreuden, strengen, aber unverstandenen Anleitungen zur praktischen Lebensphilosophie, Mißverständnissen zwischen mathematischem Konservativismus und sich schon meldender ungebundener Romantik, Neckereien durch die ausgelassensten Hofrats-und Rendantentöchter und der geduldig hingegebenen Schwärmerei für jene Doppelliebe. Dann nahte der Frühling. Im nahen Tiergarten sproßte und keimte es über dem vermoderten Laub. Auf der Luiseninsel, die noch nicht lange angelegt war, lagen Schneeglöckchen und Krokus unter düstern Bluttannen und Trauerweiden, die zu treiben anfingen. Die Stunde des Abschieds rückte heran.

Der furchtbarste Schmerz zerriß des Knaben Brust. Nicht etwa nur die Herbigkeit des Verlustes allein war sein Kummer, wenn sich ihm die Tür seines Paradieses so plötzlich zuschlug und die Wonnen dieses Umgangs nicht länger gestattet sein konnten, er sah nur die Trennung von seinem Freunde und Gespielen selbst. Von diesem zu lassen, seinem halben Bruder, dem immer frohgestimmten Gesellen, der nie den Kopf hängen ließ, immer lachte, immer strebte, immer mit blitzendem Auge ins Leben sah, von diesem Namensbruder mit den frischen Wangen, dem braunen Auge, dem dunklen Haar, seinem eigenen vollkommenen Widerspiel in allem – scheiden –! Der Verlust war ihm herzzerreißend. Noch hielt, als Briefe versprochen wurden und baldige Rückkehr und Besuch, die Kraft aus; als aber der Reisewagen hochbepackt vor der Türe stand, das Horn des Postillions sich aus der Leipziger Straße meldete, die Rosse zum frühlingsgrünen Achteck einlenkten und sie eingespannt wurden, als es dann zum Abschied ging, zur letzten Umarmung, da brachen alle Schleusen der zurückgedämmten Wehmut, und so unaufhaltsam flossen die Tränen der innigsten Hingebung, daß Herr Cleanth, über die Heftigkeit dieses Schmerzes selbst erschüttert, seine üblichen Senekaregeln vom Beherrschen der Leidenschaften und alle seine stoischen Maurerphrasen aus »Royal York« und den »Vier Weltkugeln« diesmal unterließ und in wirklicher Bewegung von seinem Halbsohne Abschied nahm. Der Wagen rollte von dannen, der Postillion blies, Tücher wehten. Der Knabe sah sich um – er war mit seiner ebenfalls weinenden Schwester allein. Geschenke lagen noch genug da von Dingen, die man nicht hatte mitnehmen können, Spiegel, sogar Bilder in goldnen Rahmen für die Eltern, Bücher, die prächtige Beckersche Weltgeschichte sogar in zehn Bänden. Der loyale, auf die russischen Voraussetzungen schnell eingehende Herr Cleanth hatte diese als ein vom Zaren verbotenes Buch zurückgelassen. Konnte den Knaben von alledem etwas trösten? Er hatte den ersten wahrhaften Schmerz empfunden.

Daheim erwartete ihn sein altes, angebornes Los. Die Eltern führten keine Szene auf, aber in ihrem Gefühl und sonstigem Benehmen lag das, was die Bildung durch Szenen ausdrückt. Die Bildung würde die trauernden Kinder an ihr Herz gezogen und getröstet haben. Aber solche Eltern aus dem Volk helfen sich anders. Sie wagten den Umzug aus einer engen und unerträglich gewordenen Wohnung in eine neuere und größere, die sie von jetzt ab bezahlen mußten. Sie wagten sogar das Unglaubliche, dem Knaben den Gefallen zu tun, ihn »ins Gymnasium« zu geben.

In der Osterwoche wurde der düstre Turm in der Akademie verlassen und dicht in der Nähe des alten Zieten ein Häuschen bezogen. Nach Ostern führte der Vater den Sohn zum Direktor des Gymnasiums am Friedrichs-Werder. Nach dem Abschied von seinem geliebten Freunde war der Examinandus in allen Nerven noch so erschüttert, daß er die Ermahnungen des kleinen, runden, wohlgenährten, seltsamen, als komisch berufenen, aber warm empfindenden Schulmonarchen sogleich beim ersten seiner sanften Worte mit Tränen aufnahm. Die gute Sitte, die ihm die polnisch-russische Salonherrschaft zwangsweise beigebracht hatte, wirkte noch so in ihm nach, daß er auf des Direktors Wort: »Und nun, mein Sohn, gib mir auf dies Versprechen feierlichst die Hand!« nicht die Hand reichte, sondern im Gegenteil die zarte, weiche, wohlgepflegte Hand des Schulmonarchen ergriff und diese voll Inbrunst an seine Lippen drückte. Zimmermann, so hieß der Schulregent, war früher selbst in Polen gewesen, lächelte über die unberlinische Sitte, ließ sich aber die Ausnahme von der Regel gefallen. Gewiß verwilderte der Knabe mit der Zeit – aber von jenem Handkuß her war ihm eine gute Note im Gedächtnis des Rektors zurückgeblieben. Wenigstens hat der durch die ständige Führung eines spanischen Rohrs in seinen hohen Stiefelschäften berühmte Pädagoge ihn niemals – eigenhändig durchgebleut.

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