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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 64
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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63.
Reise durchs Schwarze Meer und auf der Donau bis Orsowa

Ibrail, am Bord des »Fernandos«, den 13. September 1839

Wir verließen Konstantinopel am 9. September mittags; es blies ein ziemlich frischer Nordostwind und unser Kalk hatte Mühe, an das Dampfschiff das in Bujukdere zu unserer Aufnahme anhielt, heranzukommen.

Kaum waren wir über die Leuchttürme hinaus, so schaukelte das Schiff so gewaltig, dass ein Reisender nach dem anderen krank wurde, und erst am folgenden Morgen, nachdem das Wetter ruhiger geworden war, sah man sich wieder; wir erreichten um Mittag Varna, wo wir dem Pascha einen Besuch machten, und setzten bei ziemlich ruhiger See und klarem Himmel unsere Reise fort. Anfangs geht es ziemlich nahe an der Küste entlang bis zum Kap Güllgrad, einem sehr schönen Vorgebirge, das von einer alten Ruine gekrönt ist und dessen hohe Wände senkrecht zum Meer abstürzen; von hier tritt die Küste weiter zurück, wird allmählich niedriger und verwandelt sich dann in einen flachen Morast, der vom Meer, von ausgedehnten Seen und von den Armen der Donau umschlossen ist. Dieses ganze, viele Meilen weite Land ist ein Alluvium des mächtigen Stroms, der hier mit dem Wasser der Alpen, des Balkans und der Karpaten das blaue Meer auf eine Strecke von drei bis fünf Meilen hinaus gelb färbt; aus diesem Umstand entnehmen die Schiffer, dass sie dem Ufer sich nähern, denn das Land selbst wird erst später sichtbar, und kein Leuchtturm bezeichnet bei Nacht die schwierige Einfahrt in die Donau.

Im Frieden von Adrianopel wurde der nördliche Donauarm den Russen, der südliche den Türken zugesprochen, das Land zwischen beiden aber, die großen Morastinseln zu beiden Seiten der Sulina, sollten unbewohnt bleiben. Wir fanden indes die russischen Quarantänekordons bis an das nördliche Ufer der Sulina vorgeschoben und an der Mündung selbst auf dem südlichen Ufer eine kleine russische Stadt, die gewiss schnell aufblühen und größer werden wird, denn eine Menge Schiffe gehen hier vor Anker. Von einem Leuchtturm, den die öffentlichen Blätter erwähnen, fanden wir keine Spur, wohl aber sahen wir ein paar Kanonierschaluppen und einige Geschütze am Ufer. Der russische Kommandant des Postens hat mehrere Versuche gemacht die österreichischen Dampfschiffe einer Art Visitation zu unterwerfen, was diese jedoch stets verweigert haben. Faktisch aber sind die Russen im Besitz der Mündung dieser wichtigen Lebensader Deutschlands.

Zehn Meilen weit fährt man in einem unabsehbaren grünen Meer von wogendem Schilf umher, aus welchem die Masten und Segel von großen Schiffen hervorragen, die den Wendungen des Stroms bis Gallatz und Brailow hinauffolgen. Nur ganz in der Ferne am südlichen Horizont waren die Gebirge von Baba-Dagh und Besch-Tepe sichtbar und die Sonne sank rot glühend hinter schönen Weidenbäumen.

 
An Bord des »Franz« auf der Donau,
den 10. Oktober 1839

Am 15. September morgens setzten wir unsere Reise weiter fort. Bis Rustschuk waren die Ufer der Donau mir bekannt, rechts Inseln mit Schilf oder Weiden, links die bulgarischen Ufer mit Hügeln, wenigen Dörfern und geringem Anbau, zuweilen mit etwas Wald. An mehreren Stellen bemerkte ich Wassermühlen.

In Rustschuk machten wir einen Besuch beim Wesir Sayd-Mehmed-Pascha; dieser ist ein persönlicher Freund von Hafiz-Pascha und schien über die ganze Lage der Dinge sehr nachdenklich. In Nikopolis besahen wir die wohl erhaltene Festung auf einer schroffen Höhe an der Donau, und in Widdin besuchten wir den alten Wesir Hussein-Pascha, den Janitscharenvertilger; dieser ließ sogleich Pferde vorführen und bat uns, die neuen Befestigungen zu besichtigen und unsere Meinung über ihre Fortsetzung zu geben.

Uns war es interessant, auch diese türkische Festung noch kennen zu lernen. Widdin ist eine bedeutende Stadt in einer weiten Wiesenniederung an der Donau; sie ist mit einem bastionierten Hauptwall und trockenen Graben umgeben. Dort baut Hussein-Pascha eben jetzt geschlossene Bollwerke aus Stein, von denen die zwei an der Donau fertig sind. Wir fanden in der Stadt fast alle Läden geschlossen, weil selbst die angesehensten Bewohner schanzen mussten, als wäre man am Vorabend einer Belagerung.

Die Fahrt stromaufwärts geht nur langsam und wir brauchten fünf Tage, um von Brailow nach Gladowitza zu gelangen, obschon wir auch nachts fuhren, bis der Mond unterging. Wir brauchten einen ganzen Tag, um die nur zwei Meilen lange Strecke von Gladowitza nach Orsowa zurückzulegen, auf der das Eiserne Tor oder Demir-kapu passiert werden muss.

Das Eiserne Tor ist nun nicht so schrecklich wie sein Name; die Donau fließt zwischen nicht sehr hohen bewaldeten Bergen auf einer Strecke von etwa 1500 Schritt über mehrere niedrige Felsriffe. Nur bei ganz niedrigem Wasserstand sind die Klippen sichtbar; da aber die Donau 800 bis 900 Fuß breit und ihr Gefälle hier stärker ist als an anderen Stellen, so entsteht ein heftiger Strudel bei geringer Tiefe des Fahrwassers.

Reisende und Güter werden in große Donaukähne eingeschifft und von zwanzig Paar Ochsen bis gegenüber von Orsowa hinaufgezogen.

Die Festung Neu-Orsowa mit dem gegenüberliegenden Fort Elisabeth gewährt einen sehr schönen Anblick. Die Festung ist, soviel ich weiß, unter Kaiser Leopold I. von den Österreichern erbaut worden; kaum fertig, ging sie nach dem Fall von Belgrad ohne Widerstand an die Türken verloren, die sich damit begnügt haben, der Kirche ein hölzernes Minarett anzufügen und alles Übrige zu lassen, wie sie es vorgefunden haben.

Den Serben können wir das Zeugnis geben, dass sie ihre neuen Quarantänevorschriften gewissenhaft befolgen: Als wir beim Eisernen Tor an Land stiegen, waren wir von Wachen umgeben; jedes Läppchen Leinwand, jede Feder wurde aus unserem Weg entfernt, weil, wenn sie unseren Fuß berührte, das Eiserne Tor kompromittiert werden konnte. Der Posten, der mit geladenem Gewehr vor uns herging, uns also den Rücken kehrte, befand sich in einer schwierigen Lage, und die mit Silber- und Goldmünzen und Blumen geputzten serbischen Mädchen, die zu einer Hochzeit nach Fekie gingen, liefen schnell und in einem weiten Bogen um unsere verdächtige Gesellschaft herum. Uns kam diese Ängstlichkeit sehr komisch vor, aber wenn man den Zweck bedenkt, kann man sie doch nur loben.

Als wir in Alt-Orsowa österreichischen Boden betraten, sah man, dass hier die Sache nicht mehr so neu war; wir wurden ohne Pedanterie, aber doch mit Vorsicht in die eine Viertelstunde entfernte Quarantäne von Schupaneck abgeführt. Als Vorsichtsmaßregel waren aber doch die Schwänze der Zugochsen festgebunden, damit sie nicht etwa einen der Fremden und gleich darauf den Fuhrmann anwedeln möchten. In der Quarantäne wurden wir zu einem zehntägigen Zwangsaufenthalt verurteilt.

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