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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 61
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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60.
Die Schlacht bis Nisib

Asbusu bei Malatia, den 12. Juni 1839

Du bist sehr lange ohne direkte Nachricht von mir geblieben, weil in der letzten Zeit die Ereignisse sich so drängten, dass kein Augenblick zum Schreiben blieb. Jetzt sitze ich wieder in meinem schattigen Quartier auf der Brücke unter dem Corneliuskirschbaum in Asbusu; aber manches hat sich geändert, seit ich diesen Ort verließ.

Zu unserem festen Lager zu Biradschik standen wir so unbeweglich den ganzen Monat Juni still, dass die Schwalben anfingen sich Nester an meinen Zeltstangen zu bauen und Zeit und Weile uns lang wurde. Ein furchtbares Ereignis unterbrach jedoch die Einförmigkeit, als am 29. Mai mittags unser Pulvermagazin mit mehr als 1000 Zentner fertiger Munition in die Luft flog; man hatte zur Unterbringung derselben ein Hann oder gewölbtes steinernes Gebäude am Ufer des Murad innerhalb unserer Stellung gewählt. Nur auf wiederholte Vorstellung war es mir gelungen, sechzig Mann Wache aus dem inneren Hof des vierseitigen Gebäudes zu entfernen, die dort kochten und rauchten; es ging aber später noch, wie bei allen türkischen Pulvermagazinen, so arg her, dass ich bei dem ersten Knall keinen Augenblick im Zweifel war, welches Unglück uns betroffen hatte.

Mein Zelt stand etwa tausend Schritt weit auf einer Höhe, die Tür gegen das Hann gewendet, entfernt genug, um außer aller Gefahr zu sein, nahe genug, um das Schauspiel deutlich mit anzusehen. Sobald der erste heftige Knall meine Aufmerksamkeit erregte, sah ich eine Feuergarbe aus dem inneren Hof emporsteigen, wo man eben Kisten mit Infanteriemunition öffnete; unmittelbar darauf flog das Hann selbst auf. Eine dichte Rauchsäule erhob sich bis zu einer unglaublichen Höhe in die klare blaue Luft, aus ihr aber zuckten helle Blitze, und ein Regen von Gewölbsteinen und Kugeln rasselte herab; das Platzen mehrerer hunderter gefüllter Granaten in derselben Minute verursachte ein Getöse, das viele Stunden weit in den Bergen widerhallte. Nun musst du wissen, dass in einer Entfernung von 80 Schritt zu beiden Seiten des Hanns 200 geladene Munitions- und Granatwagen standen; eine Protze flog wirklich in die Luft, und doch wurde wunderbarerweise der ganze Rest des Fuhrwerks gerettet. Einer meiner Kameraden, der Hauptmann Laue, war in größter Gefahr gewesen; er arbeitete zur Zeit der Explosion nur einige hundert Schritt weit vom Magazin und wurde an drei Stellen leicht verwundet; dennoch war er der Erste, der mit Hilfe einiger Artilleristen eine bereits brennende Granatprotze wieder löschte. Als wir mit der Infanterie herbeikamen, wurden schnell alle Munitionswagen aus der Nähe des Vulkans fortgezogen; viele Granaten und ganze Kisten mit Patronen waren, ohne sich zu entzünden, zwischen die Wagen geschleudert, sie wurden von den Soldaten fortgetragen. Zum Glück ist, wie es scheint, gleich bei der ersten Explosion ein Teil des Gewölbes niedergedrückt worden; die Kisten waren alle sehr sorgfältig in Überzüge aus Filz und dann in Leder verpackt, und so war es möglich, dass eine Feuersbrunst, nur durch Pulver genährt, vom Mittag bis auf den Abend fortdauern konnte; noch in der Dunkelheit platzten Granaten, aber seit der ersten heftigen Explosion nur im Innern des Hanns oder seiner Trümmer. Wenn die ganze Masse Pulver auf einmal sich entzündet hätte, so dürften auch die Wagen erfasst worden sein und die Verwüstung wäre ungeheuer gewesen; fünfhundert Zentner Pulver wurden gerade erwartet und kamen glücklicherweise erst zwei Tage darauf an. Wir hatten einen Oberst und über zweihundert Tote und Verwundete zu beklagen.

Wenige Tage später brachten wir in zwei Kolonnen nach Nisib, drei Stunden westlich von Biradschik, auf, wo wir uns lagerten und sofort verschanzten. Die Hitze war sehr groß und stieg im Schatten bis auf 30, selbst 35 Grad Reaumur; eine wahre Plage waren die Fliegen, die uns keinen Augenblick Ruhe ließen. In diesem Land sind die Bäume selten, aber wo sie sich finden, sind sie prächtig; mein Zelt steckte in einem Granatwäldchen, überragt von mächtigen Nuss- und Aprikosenbäumen; tausende von Granatäpfeln glühten in den lichtgrünen Blättern, die Nachtigallen, die hier Andelib heißen, sangen in den Zweigen, und kleine Chamäleons kletterten die Stämme auf und ab. Aber auch an garstigem Gewürm, an Taranteln, Ohrwürmern und Schlangen, fehlte es nicht; die Schildkröte schob sich schwerfällig durch das Gras, und tausende von Johanniswürmchen funkelten in der Finsternis.

Wir brachten in diesem Lager wieder drei Wochen zu, eine Zeit, die für mich umso unerfreulicher war, als ich, schon seit langem von der epidemisch gewordenen Dysenterie erfasst, das Lager hüten musste und so manches gegen meinen Rat und meine Überzeugung geschah, was uns dann endlich einer traurigen Katastrophe entgegenführte.

Ich habe dir aus bekannten Gründen in meinen früheren Briefen nie etwas über meine dienstliche Stellung geschrieben; die Begebenheiten aber, von denen ich sprechen will, gehören nun der Vergangenheit an und stehen als vollendete Tatsache dar.

Vollauf beschäftigt mit den dringendsten Angelegenheiten des Augenblicks, war die europäische Diplomatie froh, die orientalische Streitfrage, welche unlösbar schien, in möglichst ferne Zukunft hinauszuschieben. Seit dem Frieden von Kutahia hatten die Waffen in diesen Ländern geruht und man forderte allseitig und bestimmt von der Pforte wie von Mehmed-Aly, in dem jetzt bestehenden Zustand der Dinge zu verharren, vielleicht ohne genau zu wissen, ob dieser Zustand erträglich und haltbar sei und ob er nicht auf die Dauer beide Parteien unausweichlich zu Grunde richten müsse.

Sultan Mahmud ist ganz unstreitig seit Anfang Januar unwiderruflich entschlossen gewesen sich dem drückenden Zustand durch Krieg zu entziehen; neue große Opfer wurden gebracht, kein Geldaufwand gescheut, Auszeichnungen und Beförderungen verschwendet, Truppenergänzungen gewaltsam durchgeführt, das Material der Artillerie vervollständigt, Vorräte angehäuft und jede Forderung des kommandierenden Generals bewilligt. Geängstigt durch die europäischen Gesandtschaften, wurden mittlerweile in Konstantinopel die bündigsten Friedensversicherungen offiziell erteilt, und während seit sechs Monaten schon die Kriegsfrage entschieden, während wir bereits die Grenze überschritten, versicherte man aus Konstantinopel immer noch, dass der Status quo erhalten werden würde.

Die Pforte hatte in Kleinasien drei Korps aufgestellt, die zusammen 70 000 Mann stark waren; diese Truppen bestanden zur größeren Hälfte aus Rediffs, d. h. Landwehren, gebildet aus eben ausgehobenen Mannschaften, die schnell etwas von der europäischen Taktik lernen mussten, und aus Offizieren, die, nach Gunst gewählt, nicht die geringste Kenntnis ihres Standes besaßen; auch die Linientruppen bestanden zur Hälfte aus Rekruten. Es herrschte eine so furchtbare Mortalität, dass wir während der Dauer unseres Hierseins die Hälfte der Infanterie begraben haben. Der ganze Ersatz lastet nun fast ausschließlich auf Kurdistan; die Bewohner der Dorfschaften flohen in die Berge, sie wurden mit Hunden gehetzt, die Eingefangenen, oft Kinder und Krüppel, an lange Seile gebunden und mit geknebelten Händen abgeführt. Diese Soldaten, die nicht einmal die Sprache ihrer Offiziere verstanden, mussten fortwährend als Gefangene behandelt werden; dichte Postenlinien umstellten das Lager eines jeden Regiments; oft aber entwichen die Wachen selbst. Man zahlte 20, ja später 100 Gulden für jeden Deserteur, ohne das Ausreißen hindern zu können; es gab Beispiele, wo 50 Mann mit Pferden und Waffen von den Vorposten desertierten. Der Soldat war gut bezahlt, wohl gekleidet, reichlich ernährt und milde behandelt; aber fast kein Kurde hielt länger als zwei Jahre aus, er ging ins Hospital, starb oder lief davon. Neben dieser Disposition von zwei Dritteln des Heeres muss der gänzliche Mangel an tüchtigen Offizieren genannt werden; man sollte daher glauben mit solchen Militärs sei gar kein Krieg zu führen.

Indes, wenn Ibrahim-Paschas Heer besser, so war es auch nur im Vergleich mit dem türkischen erträglich zu nennen; es hatte im vorigen Jahr, namentlich gegen die Drusen, furchtbare Einbußen erlitten, bestand zum großen Teil auch aus neuer Mannschaft und war an Zahl sehr viel schwächer. Zur Schlacht hatte später Ibrahim-Pascha alles versammelt, was er in ganz Syrien besaß; selbst die Besatzung Adanas erlaubte man ihm heranzuziehen, und doch war er nur etwa 10 000 Mann stärker als das Korps Hafiz-Paschas allein. Die gesamte Streitmacht der Pforte in Asien, wäre sie vereint gewesen, konnte ihm fast um das Doppelte überlegen sein. Ibrahims Truppen waren manövrierfähiger als die türkischen, seine Artillerie zahlreicher und gut bedient, aber der Geist des Heeres war um nichts besser als im Korps Hafiz-Paschas.

Seit wir dem Gegner gegenüberstanden, verging fast kein Tag, wo nicht zwanzig bis vierzig Überläufer, Offiziere und Soldaten, mit ihren Gewehren ankamen. Während im türkischen Lager ungeheure Geldsummen ausgegeben wurden, herrschte in der ägyptischen Armee Not; die Ration betrug kaum ein Drittel der unsrigen, die Leute lagerten ohne Zelte und nicht weniger als achtzehn Monate Sold war rückständig. Die Verpflegung war sehr schwierig und die Bevölkerung von ganz Syrien, namentlich die der großen Städte, erwartete nur ein Signal zum Aufstand.

Die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs war auf der Seite der Pforte, aller Vorteil aber wurde aufgehoben durch einen Kardinalfehler: In Syrien befehligte ein Mann, um dessen Existenz es sich handelte; in Asien vier unabhängige Feldherren, jeder mit besonderen Interessen und einer eifersüchtig auf den anderen. So kam es, dass wir schon in Scharmützel verwickelt waren mit dem Gegner, als das Korps Isset-Paschas noch in Kalsarieh 150 Stunden rückwärts stand und das Hadschi-Aly-Paschas zu Konieh sich in einer solchen Passivität verhielt, dass Ibrahim diese Pässe fast von allen Verteidigern entblößen und sich dadurch verstärken konnte.

Hafiz-Pascha wollte den Krieg und war gewiss, dadurch den geheimsten Wünschen seines Gebieters zu entsprechen; den Vorwand suchte er in einigen Plänkeleien der Araber. Es war mir zu jener Zeit sehr peinlich, immer abzuwehren, stets der Hemmschuh für alle Unternehmungen zu sein, immer auf die Ankunft der übrigen Korps zu verweisen und es blieb mir, um meinen Kredit zu retten, nur übrig, den tätigsten Anteil an solchen Expeditionen zu nehmen, deren Ausführung zu hintertreiben mir nicht gelungen.

Ibrahim-Pascha hatte offenbar nicht die mindeste Lust den Streit anzufangen, er ließ sich viel gefallen. In einem Gefecht der irregulären Truppen hatten wir ihm achtzig Gefangene abgenommen und unsere Rekognoszierungen, bei der die Kavallerie ihre gänzliche Untauglichkeit dokumentierte, überschritten fünf Stunden weit die Grenzen; in Aintab hatten die Einwohner ihre Garnison in die Zitadelle gesperrt; diese hielt eine sehr schwache Kanonade aus, ergab sich aber nicht nur gegen Zusicherung ihres rückständigen Soldes von achtzehn Monaten, sondern nahm sogar Dienst bei uns. Das war nun mehr, als der syrische Generalissimus vertragen konnte, und am 20. Juni erschien er mit seinem ganzen Heer, überschritt gegen Mittag das Defilee von Misar und lagerte in dichten Haufen diesseits desselben, nur anderthalb Stunden vor unserer Front.

Es zeigte sich sogleich, trotz aller schönen Nachrichten unserer Kundschafter, dass Ibrahim weit stärker war als wir. Unsere irregulären Reiter und eine Brigade Gardekavallerie mit einer reitenden Batterie wurden sogleich aus Misar herausgeworfen und überließen dem Feind ihre Zelte; das Korps Hafiz-Paschas rückte mittlerweile schnell und voller Ordnung in seine Gefechtsstellung, ungefähr 1000 Schritt vor dem Zeltlager, ein Manöver, das mehrmals eingeübt worden war. Wir erwarteten mit Zuverlässigkeit, dass wir an diesem Tag angegriffen werden würden; Ibrahim aber blieb den Rest des Tages und die Nacht stehen. Unser Korps brachte die Nacht unter Waffen zu.

Am folgenden Morgen (21. Juni) vor Sonnenaufgang begab ich mich auf einen spitzen Felskegel, der auf unserem rechten Flügel besetzt und verschanzt war und von wo man mit dem Fernglas alles übersah; von hier aus war der Anmarsch des Gegners in allen seinen Details sehr deutlich zu erkennen und man konnte seine Gegenmaßregeln beizeiten treffen.

Bis 9 Uhr blieb alles ruhig im feindlichen Lager, dann setzten sich 9 Kavallerieregimenter, 18 reitende Geschütze und eine Infanteriebrigade in Marsch gegen die Front und gegen die linke Flanke unserer Stellung. Da der Rest des Korps in seinen Biwaks verblieb, so benachrichtigte ich meinen Pascha sogleich schriftlich, dass es auf eine bloße Erkundung abgesehen sei. Es kam zu einer Kanonade aus sehr großer Ferne und nur die irregulären Truppen wurden handgemein; hierauf zog sich der Feind zurück. Es scheint, dass man unsere Aufstellung zu stark gefunden, wenigstens erfolgte kein Angriff auf diese Rekognoszierung; ich schlug vor unsere Truppen in ihre Zelte zurückkehren und abkochen, höchstens das erste Treffen unterm Gewehr zu lassen; man fand dies aber bedenklich und wir blieben auch diese Nacht unterm Gewehr. Unsere Stellung lehnte rechts und links an nicht leicht zu ersteigende Höhen, die verschanzte Front war sanft einwärts gekrümmt. Nach unseren Grundsätzen hatte die Stellung etwas viel Front und wenig Tiefe, auch war viel Artillerie aufgestellt; aber wie ich die Fechtart der Orientalen kenne, waren eben diese Eigentümlickeiten vorteilhaft, und auch Ibrahim-Pascha scheint sie so beurteilt zu haben. Das Gefecht dauert unter diesen Völkern nur wenige Stunden, der erste Anlauf entscheidet, zur Anwendung großer Reserven bleibt keine Zeit, es ist geraten, schon anfangs viel Kräfte ins Spiel zu bringen und seine besten Trümpfe gleich auszuspielen; deshalb standen auch die zuverlässigsten Gruppen in erster Linie, die schlechtesten in Reserve.

Am 22. Juni früh war große Bewegung im feindlichen Lager. Mehrere tausend Kamele gingen durch das Defilee von Misar zurück, dann folgten starke Kavalleriemassen und etwas Infanterie. Man glaubte allgemein an den Rückzug; ich benachrichtigte aber bald den Pascha, dass die Richtung des Marsches auf eine Umgehung unserer linken Flanke deute. Gegen 10 Uhr ritt ich zum Kommandierenden hinab, ihm die Gewissheit dieses Manövers zu geben: Die Avantgarde war uns fünf Viertelstunden nahe, zwei Stunden von ihrem Gros entfernt, das zu drei Viertel noch diesseits des Misarbachs stand. Mühlbach, Laue und ich schlugen einstimmig unter diesen Umständen einen allgemeinen Angriff vor, der aber auf eine nichts bedeutende Demonstration unserer traurigen Kavallerie reduziert wurde.

Nachmittags kam der Pascha zu mir auf den Spitzberg, um sich mit mir über die Lage zu beraten; ich zeigte ihm die Kolonnen Ibrahims, die sich nun auf eine Brücke zubewegten, welche den Bach von Nisib, anderthalb Stunden unterhalb unserer Aufstellung, überquert. Aufgefordert, erklärte ich, da wir den Gegner während der Umgehung nicht haben angreifen wollen, so hätten wir jetzt keine andere Wahl, als bevor sie vollendet ist, zurückzugehen. Wir hatten drei Stunden hinter uns die feste Stellung von Biradschik; nach europäischen Grundsätzen hatte diese Stellung den großen Fehler, ganz ohne Rückzug zu sein; nach allem, was ich schon damals gesehen, war dieser Umstand in meinen Augen der größte Vorzug derselben. Jeder, auch der letzte Kurde, sah, dass er dort standhalten oder untergehen müsse; von Umgehung war nicht die Rede, beide Flügel lehnten an den Euphrat, der auch den Rücken sperrte; die Front war mit guten Verschanzungen versehen, hinter uns hatten wir ein festes Schloss mit ungeheuren Vorräten, vor uns eine glacisartige Ebene, auf der unsere Fouragierungen dem Feind auch nicht einen Grashalm übrig gelassen hatten. Der Pascha erklärte es für eine Schande zurückzugehen; dabei fürchtete er, Biradschik sei eben allzu stark, der Feind würde uns überhaupt da nicht anzugreifen wagen usw., worauf ich ihm erwiderte, er möge hier meine rechte Hand abhauen, wenn Ibrahim ohne eine Schlacht nach Aleppo zurückginge. Da es sich um die wichtigsten Interessen handelte, so nahm ich nicht Anstand, mich in Gegenwart der höheren Offiziere des Heeres, Mustapha-Paschas, Mashar-Paschas, Han-Effendis u. a. m., aufs Freimütigste und Nachdrücklichste auszusprechen; ich stellte dem Pascha die geringe Zuverlässigkeit seines Heeres und die Stärke der Gegner vor, wie unsere Verstärkungen von allen Seiten im Anzug seien, und es also nur darauf ankäme, Zeit bis zu ihrer Ankunft zu gewinnen, dass es sich ja nur um einen freiwilligen Rückzug handele, der vom Feind nicht gedrängt werden könne, endlich, dass alle kleinlichen Rücksichten, selbst der momentane Verlust von Aintab, gar nicht in Betracht kämen, wo so viel auf dem Spiel stände. Schließlich erklärte ich ihm, dass ich in der Stellung, in welche Sultan Mahmud mich gestellt habe, ihm diese Sprache schuldig sei und von Stund an alle Verantwortlichkeit für die Folgen von mir ablehne, die nach meiner Überzeugung ein längeres Verweilen bei Nisib nach sich ziehen müsse. Laue, welcher zugegen war, trat, auf Befragen, ganz dieser Ansicht bei, und das Resultat war, dass trotz der ersten Abneigung der Rückzug bis Biradschik fast schon beschlossen, die Zeit des Aufbruchs, Zahl der Kolonnen usw. beraten wurde.

Nach einer Stunde ritt ich zum Pascha, ihm zu melden, dass jetzt das Gros ebenfalls den Weg nach der Kerssun-Brücke eingeschlagen habe und dass die Avantgarde in einer halben Stunde jenen Punkt erreichen würde. Ich fand den Kommandierenden unter Mullahs und Chodschas (Lehrer) sitzen, die seit kurzem großen Einfluss gewonnen hatten; er war völlig umgestimmt. »Meine Nachricht könne kaum richtig sein, der Gegner beabsichtige nur sich morgen früh nach Aleppo zurückzuziehen. Die Sache des Sultans sei gerecht, Allah werde ihm Hilfe verleihen und aller Rückzug sei schimpflich; ich möchte eine Stellung auf dem linken Flügel suchen, Front gegen die Brücke.« Dies lehnte ich auf das Bestimmteste ab und ritt in mein Zelt zurück.

Als die erste Nachricht von Ibrahims Anmarsch ankam, lag ich krank; ich hatte mich während der Rekognoszierungen der letzten Tage nur mit Anstrengung zu Pferde halten können und jetzt war eine Stunde Ruhe dringend nötig. Im Vorbeireiten benachrichtigte ich die Herren A. und R. von der Geographischen Gesellschaft zu London, die seit einigen Tagen im Hauptquartier verweilten, ihr Gepäck bereitzuhalten, da wir uns wahrscheinlich morgen in einer schlechten Stellung schlagen würden und für den Ausgang nicht mehr zu stehen sei. Kaum hatte ich mich aber auf mein Lager geworfen, als der Pascha nach mir schickte: Die Nachricht von dem Eintreffen des Feindes an der Brücke war nun auch von dorther eingegangen und die Bestürzung jetzt ebenso groß, als kurz zuvor die Sicherheit gewesen war. Man erwartete den Angriff noch diesen Abend, woran gar nicht zu denken war. In Gegenwart sehr vieler Offiziere und der Engländer wiederholten meine Kameraden und ich, dass bis jetzt noch nicht das Mindeste verloren, dass aber der Marsch auf Biradschik ohne Zeitverlust nun unerlässlich notwendig geworden sei. Der Pascha war in großer Aufregung, wollte sich aber zu dieser Maßregel nicht verstehen, hauptsächlich wohl, weil er seinen schlechten Truppen so wenig traute, dass er fürchtete, jeder Rückzug werde sie demoralisieren. Alle Paschas wünschten inständigst jenen Marsch und doch wagte keiner zu sprechen; ich rief Mustapha-Pascha, den Generalleutnant der Garde, und Han-Effendi zu, meiner Meinung, die sie auf dem Spitzberg ja geteilt, laut beizustimmen; ich forderte Hafiz-Pascha auf, nicht Leuten Gehör zu schenken wie den Mullahs, die nichts von militärischen Angelegenheiten verständen, erinnerte ihn, dass morgen, wenn die Sonne wieder hinter jenen Bergen untergehe, er wahrscheinlich ohne Heer sei. Alles vergebens!

Schon fing es an zu dämmern und noch war kein Entschluss gefasst. Der Pascha begab sich mit großem Gefolge nach unserem linken Flügel, um dort selbst eine Stelle aufzusuchen; auf Befragen erklärte ich dem Kommandierenden, dass das Terrain zwar nicht entschieden ungünstig, aber für Truppen wie die seinigen keine genügende Garantie biete; forderte ihn nochmals auf, Befehl zum Abmarsch zu geben, und verlangte, da er es bestimmt verweigerte, meine Entlassung. Es verstehe sich von selbst, dass ich das Gefecht, wie jeder andere Soldat, mitmachen werde, dass aber meine Stellung als »Müsteschar« oder Ratgeber von Stund an aufgehört habe. Im ersten Verdruss hatte Hafiz-Pascha meinen Abschied bewilligt, aber schon nach wenigen Minuten rief er mich wieder: Er erwarte, dass ich ihn in diesem Augenblick nicht verlassen werde, nach Biradschik gehe er nicht, eher lasse er sich in Stücke reißen und ich möge die Stellung nehmen, wie ich könne. Ich sah, dass es unmöglich war, ihn nach Biradschik zu bringen, und hielt es nun für meine Pflicht, aus den misslichen Umständen, in die wir uns ohne Not begeben, das Beste zu machen, was daraus zu machen war. Demnach forderte ich, dass sogleich sämtliche Truppen auf die Höhe, wo wir uns befanden, hinaufgeschickt würden; die Brigaden trafen auch bald eine nach der anderen ein und wurden bei Vollmondschein in ihrer neuen Position aufgestellt. Um 3 Uhr morgens waren wir fertig. Jedes stand an seinem Platz und die Leute blieben die dritte Nacht unterm Gewehr.

Ich hatte meine Dienerschaft verloren und schlief eine Stunde auf der Erde; vor Sonnenaufgang aber ließ der Pascha mich rufen, er ritt die ganze Aufstellung entlang und war höchst zufrieden und glücklich, nicht nach Biradschik zurückgegangen zu sein. An diesem Morgen (dem 23. Juni) defilierte Ibrahim-Pascha über die Kerssun-Brücke; die gänzliche Untätigkeit unseres Korps, namentlich unserer Kavallerie, gab ihm die Dreistigkeit, sich eine Stunde vor unserer Front in dichten Biwakshaufen, das Defilee im Rücken, aufzustellen und den ganzen Tag in diesem Lager ruhig stehen zu bleiben. Ich schlug dem Pascha vor, diese Kühnheit durch einen nächtlichen Angriff zu strafen.

Mit Hauptmann Laue war ich gegen Abend ganz dicht an das ägyptische Biwak herangeritten; wir fanden vor uns keine Vorposten, nur auf den Höhen links schwärmten einzelne Hannady-Araber und vierzig Geschütze standen dicht vor der Front aufgefahren. Unsere türkischen Begleiter waren rückwärts auf einem Berg stehen geblieben und beobachteten uns und den Feind durch Ferngläser. Sie behaupteten, dass man damit beschäftigt gewesen sei , ein Geschütz auf uns zu richten, was sehr viel Ehre gewesen wäre und, wie jeder weiß, wenig Gefahr hat. Nachdem wir eine sehr günstige Aufstellung für zwölf Haubitzen in einer Vertiefung 1600 bis 1800 Schritt vom Feind gefunden hatten, kehrten wir zurück.

Abends, eine Stunde vor Mitternacht, brachen wir mit der Infanteriebrigade Ismael-Paschas (die ich vom Kurdenkriege her als die Beste von allen kannte) und mit zwölf Haubitzen auf. Es war Vollmond, der Weg eben und gut, und alles ging in tiefster Stille vonstatten; die Infanterie marschierte in Kolonnen nach der Mitte zu beiden Seiten der Artillerie. Eine kleine Avantgarde ging nur achtzig Schritt voraus; ohne auf eine feindliche Patrouille zu stoßen, erreichten wir den Punkt, den wir uns ausgesucht hatten. Man hat nochmals gesagt, warum man das Unternehmen nicht in größerer Stärke ausführte; die so sprachen, waren freilich nicht zugegen, um die Verwirrung zu sehen, die eintrat, als nur zwölf Geschütze in gewisser Nähe vom Feind abprotzen sollten; auch von der Infanterie kamen verschiedene hohe Anfragen, ob es nicht schon nahe genug sei, worauf immer geantwortet wurde: »Noch lange nicht.« Zu einem allgemeinen Überfall hätte gehört, in getrennten Kolonnen einen Nachtmarsch und auf demselben eine Rechtsschwenkung auszuführen mit Leuten, von denen die größere Hälfte eben nur auf einen Nachtmarsch wartete, um sich zu entfernen. Konnte man aber wohl von Truppen, mit welchen ihr Anführer nicht gewagt hatte, drei Stunden weit zurückzugehen oder unter den günstigsten Verhältnissen (am 22.) einen Angriff zu machen, konnte man von solchen Truppen erwarten, dass sie durch das Feuer von vierzig Geschützen hindurch sich auf überlegene Massen stürzen würden, denen die Möglichkeit einer Flucht durch den Fluss in ihrem Rücken genommen war und welche nicht etwa, wie wir, in Zelten lagerten, sondern zwischen ihren Gewehren biwakierten; Truppen, die nur von der Erde aufzustehen brauchten, um bereit zum Empfang ihres Gegners zu sein? Der Pascha war gewohnt, von mir nur solche Vorschläge zu hören, deren Ausführung ich selbst in die Hand nahm und für welche ich die Verantwortlichkeit tragen konnte.

Nachdem Hauptmann Laue jedes Geschütz einzeln revidiert und ich die Infanterie zu beiden Seiten aufgestellt hatte, wurde das Signal »Feuer!« gegeben. Gleich die erste Granate schlug mitten unter die Wachtfeuer ein und platzte dort, nun folgte Schuss auf Schuss und die Granaten zogen in feurigen Bogen am nächtlichen Himmel entlang; fast alle platzten unmittelbar nach dem ersten Aufschlag und bei den dichten Haufen, in welchen der Feind lagerte, muss die Wirkung furchtbar, die erste Bestürzung groß gewesen sein. Bald aber erwiderte der Feind unser Feuer; das Gras vor unseren Geschützen hatte sich zu einer leichten Feuersbrunst entzündet und zeigte sie dem Gegner; dieser mochte uns aber nicht so nahe glauben, wie wir wirklich waren, die meisten Kugeln gingen über unsere Köpfe hin und erst auf dem Rückzug, als unsere Granaten verschossen waren, passierten wir ein ziemlich starkes Strichfeuer. Indes hatte nur die Infanterie einige Verwundete, die Artillerie gar keine und die Geschütze kamen alle in guter Ordnung zurück.

Dieses kleine Unternehmen machte einen sehr guten Eindruck auf unsere Leute, die hier zum ersten Mal selbst handelnd aufgetreten waren. Bei der Rückkehr empfingen wir die Glückwünsche der Paschas; sie waren alle auf eine Höhe geritten, von wo sie glaubten, dass der Angriff vor sich gehen werde, diese aber lag gewiss zweitausend Schritt hinter unserer Aufstellung. Die Leute haben hier ganz eigene Begriffe von Nähe und Ferne.

In dieser Nacht schlief ich drei Stunden, dann ließ der Pascha mir sagen, das Korps Ibrahims sei im Anmarsch. Wirklich war dasselbe früh aufgebrochen und bewegte sich in drei Kolonnen gerade auf Biradschik zu, so, dass es bald zwischen uns und unseren Magazinen stand. Ibrahim setzte alles aufs Spiel, wurde er geschlagen, so hatte er jetzt gar keinen Rückzug mehr; aber er hatte vollkommen Recht, so zu handeln, er war in der Lage, wo er nur alles gewinnen oder alles verlieren konnte.

In der Nacht waren mehrere hundert Deserteure angekommen, auch in allen vorhergehenden fanden sich Offiziere und Soldaten mit ihren Waffen ein.

Nachdem wir einmal auf unsere gute Stellung von Biradschik freiwillig verzichtet hatten, mussten wir die Schlacht da annehmen, wo Ibrahim sie uns bot. Es kam jetzt darauf an, schnell eine neue Front herzustellen, deshalb ließ ich den rechten Flügel, die große Batterie und die Garden stehen, sie bildeten den rechten der neu zu nehmenden Aufstellung; links von ihnen kamen drei Linien-Infanteriebrigaden; die Rediffs oder Landwehrbrigaden blieben in Reserve, eine hinter dem rechten, eine hinter dem linken Flügel und zwei hinter der Mitte. In der ersten Linie standen 14 Bataillone und 92 Geschütze, in der zweiten Linie 13 Bataillone, in der Reserve 24 Bataillone, 9 Kavallerieregimenter und 13 Geschütze. Vor der Front befanden sich zwei während der Nacht durch den Hauptmann von Mühlbach aufgeworfene Schanzen, der rechte Flügel lehnte an Ravins, der linke stand in einem lichten Olivenwald; die Reserve befand sich in einer Vertiefung des Terrains, ungesehen, die irregulären Truppen waren ganz links in das Gehölz gestellt.

Nachdem jedes Bataillon, jede Batterie und jedes einzelne Kavallerieregiment auf seinen Platz gestellt war, befand sich der Gegner noch auf dem Marsch in Richtung Biradschik. Ich hatte Zeit, mit dem Hauptmann Laue ein Huhn gemächlich zu verzehren, wobei die Umstehenden unseren guten Appetit bewunderten: Dann ritt ich noch etwa tausend Schritt vor die Stellung und brachte dem Pascha, der noch immer um seine linke Flanke besorgt war, die Versicherung zurück, dass dem rechten ebenso bedeutende Massen gegenüberstanden wie dem linken Flügel. Ibrahim-Pascha hatte in allen früheren Schlachten diesen Flügel umgangen und sein Marsch am Morgen deutete dieselbe Ansicht an. In der Schlacht am 24. Juni aber fand durchaus kein Überfall statt, und der Umgehung war vor Anfang des Gefechtes bereits durch eine neue Aufstellung begegnet. Alles stand seit einer Stunde bereit und die Soldaten hatten ihre Tornister hinter sich gelegt, um bequemer zu feuern. Die Bataillone der ersten Linie hatten deployiert, die des linken Flügels ihre Tirailleurs vorgezogen, die Reserveinfanterie stand in Kolonne nach der Mitte.

Im gerechten Vertrauen auf die Untüchtigkeit unserer Kavallerie hatte der Feind in Entfernung von einer Stunde vor unserer Front seinen Flankenmarsch ausgeführt; uns zunächst marschierte der größte Teil seiner Kavallerie und Artillerie, wohl 120 Geschütze, rechts derselben die Infanterie und die Reserve von allen Waffen; die Tiefe dieser Kolonne betrug wohl drei Viertelstunden. Es wurde ein kurzer Halt gemacht, dann ging die Artillerie im Trab vor und eröffnete ihr Feuer; die Infanterie blieb anfangs ganz aus unserer Schussweite zurück, zur Deckung der Artillerie ging die Kavallerie mit vor. Diese Anordnung war sehr verständig, sie hatte die Folge, dass unser sehr lebhaftes Feuer sich auf einen weiten Raum zersplitterte und die feindliche Reserve gar nicht erreichte, während das des Gegners den ganzen Raum unserer Aufstellung mit Kugeln überschüttete. Die feindliche Artillerie war in sehr großer Entfernung abgeprotzt, von unserem rechten Flügel war sie gewiss 2000 Schritt entfernt, auf dem linken etwas näher, sie schoss daher mit einem großen Erhöhungswinkel. Die Kanonenkugeln kamen wie die Granaten von oben herab, auch so matt, dass man sie mit den Augen verfolgen konnte; dieser Umstand war besonders ungünstig für uns: Rückte der Feind gleich nahe heran, so konnte die erste Linie allerdings noch mehr leiden, die zweite aber stand schon zum Teil, die Reserve ganz gegen den geraden Schuss gedeckt; so aber hatten wir schon in wenig Minuten kaum ein einziges Bataillon, das nicht durch Verluste moralisch erschüttert worden wäre. Sieben Achtel dieser Leute hatten noch nie eine Kugel sausen gehört; wenn zuweilen eine Granate in eine Kolonne einschlug und dort krepierte, so stäubten ganze Kompanien auseinander.

Der Pascha hatte mich nach dem rechten Flügel gesandt, um zu sehen, ob eine Vorwärtsbewegung desselben vielleicht mit den Garden und einem Teil der Reserve auszuführen sei. Der Feind war aber für die Offensive noch viel zu weit entfernt; Hauptmann Mühlbach war beschäftigt die rechte Flügelbatterie etwas näher an den Feind zu bringen, aber auf kurze Entfernung protzte diese schon wieder ab und ließ sich nicht abhalten, ein lebhaftes Feuer zu beginnen. Indes war auf dem rechten Flügel während der ersten drei Viertelstunden alles in guter Ordnung, ebenso hatte Hauptmann Laue den linken Flügel verlassen, der noch näher und lebhafter angegriffen war. Einen Hauptmann, der mit seiner halben Batterie abgefahren war, hatte Laue mit vorgehaltener Pistole wieder in die Schlachtlinie zurückgeführt. Aber bald darauf änderte sich alles.

Als ich nach dem Zentrum zum Pascha zurückkehrte, fand ich zu meinem Schrecken die Linienbrigade, welche ich auf dem linken Flügel aufgestellt hatte, in der Vertiefung der Reserve stehen; ich rief dem Kommandeur des zweiten Regiments namentlich zu, forderte ihn auf noch einmal vorzugehen, der Gegner ziehe sich schon zurück, es komme darauf an, nur noch eine halbe Stunde auszuhalten – aber umsonst. Schon kamen einzelne Geschütze, selbst Pferde mit abgeschnittenen Strängen zurück; einige Munitionswagen waren aufgeflogen; fast alle Bataillone standen mit erhobenen Händen und beteten, wozu freilich der Kommandierende den Befehl erteilt haben soll. Unter dem Vorwand, Verwundete wegzubringen, entfernten sich Trupps von vier, fünf Mann; die Reserve rückte hin und her, um dem Strichfeuer auszuweichen; kurz, moralisch war die Schlacht schon verloren. Eine lebhafte Kanonade war allerdings das Unangenehmste, was dieser Truppe begegnen konnte. Ein Bataillon von 480 Mann hatte nach Aussage des Kommandeurs 60 Tote. Die des linken Flügels werden wohl ebenso viel gehabt haben, dennoch glaube ich nicht, dass wir auf dem Schlachtfeld mehr als 1000 Tote und Verwundete gehabt haben.

In dem Augenblick, als ich den Pascha aufmerksam darauf machte, dass es unerlässlich sei, den linken Flügel wieder vorzunehmen, stürzte die Gardekavalleriebrigade ohne Befehl, wohl nur aus Unbehagen, aus der Reserve zu einem Angriff vor, der nicht einmal bis über unsere erste Infanterielinie hinaus gekommen ist; einige Granaten schlugen in diese Massen ein, sie kehrten in wilder Eile um und brachten die Infanterie in Verwirrung. Der Pascha war nach dem rechten Flügel geritten, wo er wohl den Tod suchte. Er selbst führte die Fahne eines Garderediffbataillons vor, aber das Bataillon folgte nicht. Von dem weiteren Verlauf der Schlacht lässt sich wenig sagen: Die Brigade Halid-Paschas wurde durch den Tod ihres tapferen Anführers erschüttert, dem eine Kugel den Kopf fortriss, während er vor der Front durch sein Fernglas sah; die Brigaden Ismael und Mustapha wichen zuletzt zurück, nachdem sie einen Kavallerieangriff abgeschlagen hatten; das erste Regiment der Brigade Heider-Pascha, das zuerst seinen Platz auf dem linken Flügel verlassen hatte, hielt nachher am längsten stand gegen die feindliche Infanterie, und sein Anführer wurde gefangen genommen; sonst aber ist ein eigentliches Nahgefecht gar nicht vorgekommen. Die Infanterie feuerte in ungeheurer Entfernung, oft aus der Kolonne, das Gewehr in die Höhe ab, die Kavallerie zerstreute sich und bald löste sich alles auf. Die Artillerie hatte sich eigentlich noch am besten gewehrt.

Da ich so glücklich gewesen war mit meinen zwei Kameraden gegen Ende des Gefechts im Zentrum zusammenzutreffen, so beschlossen wir uns aneinander zu halten. Uns kam es besonders darauf an, einen Vorsprung vor den Flüchtlingen zu gewinnen, denn sobald der Rückzug angefangen hatte, waren alle Bande der Disziplin gelöst. Die Kurden, und diese bildeten die größere Hälfte unseres Korps, waren unsere Feinde; sie schossen auf ihre eigenen Offiziere und Kameraden, sperrten die Gebirgswege und machten mehrere Angriffe auf Hafiz-Pascha persönlich. Andere Flüchtlinge warfen die Gewehre weg, streiften die lästige Uniform ab und wanderten fröhlich und singend ihren Dörfern zu. Wir gelangten am Abend bis Aintab, neun Stunden weit; dort aber ergriffen noch in derselben Nacht sämtliche Einwohner die Flucht aus Frucht vor Ibrahims Rache; wir mussten daher auch diese Nacht noch mit unseren müden Pferden aufbrechen, ritten den ganzen folgenden Tag ohne Lebensmittel für uns und ohne Gerste für die Tiere und trafen abends an einem Bach, vier Stunden vor Marasch ein, wo sich wenigstens Wasser und Gras vorfand.

Ich selbst war bis zur gänzlichen Kraftlosigkeit erschöpft, als wir am 26. morgens in Marasch eintrafen, wo wir einige Erholung fanden. Mein Pferd hatte ich in der Nacht vor der Schlacht, dann während derselben und zwei Tage und eine Nacht danach geritten, ohne dass das Tier etwas anderes als dürres Gras zu fressen bekam.

In Marasch sammelten sich allmählich viele Flüchtlinge. Bemerkenswert schienen mir die Äußerungen der Offiziere, welche die früheren Schlachten von Homs, Baylan und Konieh mitgemacht hatten, wo die Türken ihren Gegnern an Zahl weit überlegen gewesen waren; sie behaupteten, dass die von Nisib weit blutiger und der Widerstand besser und kräftiger als in allen vorhergehenden Gefechten gewesen sei!! Der Rückzug aber kostete fünf Sechstel des ganzen Korps und außerdem das ganze Material der Artillerie; die Landwehr ging fast in corpore nach Hause. Die Brigade Mahmud-Paschas besteht heute aus 65 Mann, die von Bekir-Pascha, welche 5800 Mann stark war, aus 351 usw. Nur die Kavallerie, welche aus Spahis (Lehnsmänner) besteht, ist größtenteils beisammen. Du siehst hieraus, mit was für Elementen wir zu tun hatten.

Die Unordnung in Ibrahims Korps muss indes fast ebenso groß gewesen sein. Am Tage einer siegreichen Schlacht gingen zwei Bataillone zu uns über und ägyptische Kürassiere begleiteten unsere Reiter auf ihrer Flucht; 3000 Gewehre wurden an diesem Tag im Lager von Biradschik von Flüchtlingen abgeliefert, die sich dort über den Euphrat retteten, und es wurde behauptet, dass Ibrahim auf seine eigenen zurückweichenden Bataillone gefeuert habe, was ich jedoch nicht für bestimmt ausgeben kann. So hing die Entscheidung an einem Fädchen, und so kam es, dass der Sieger auch nicht die kleinste Verfolgung unternahm. Bei der Disposition unserer Truppen schien dies freilich kaum noch nötig, aber dadurch wurde es möglich, dass der größte Teil der Flüchtlinge sich rechts in die Berge warf und auch Hafiz-Pascha den Weg nach Rumkaleh und Bohesne einschlug, auf dem aber kein einziges Geschütz fortgebracht werden konnte.

Mein Weg vom Schlachtfeld hatte mich durch unser altes Lager geführt und ich ritt heran, um zu sehen, was aus meinen Leuten und Pferden geworden war. Vor meinem von einer Kugel durchlöcherten Zelt fand ich einen meiner Maulesel erschossen, in dem Zelt meine sämtlichen Sachen zum Aufladen bereit und einen fremden Menschen; die Dienerschaft aber mit acht Pferden war davon. Unsere eigene irreguläre Reiterei war die erste gewesen, welche die Zelte plünderte, wobei sie von feindlicher Kavallerie gestört worden zu sein scheint. Der Tschausch, der mich im Gefecht begleitete, hatte sich auch etwas früh fortgemacht, ich traf ihn aber glücklicherweise später wieder, und unter diesen Umständen war eine türkische Bedeckung für unsere Sicherheit unentbehrlich. Ich bedauere hauptsächlich den Verlust eines Teils meiner Karten, von denen ich keine Kopien besitze.

Nachdem ich zwei Tage in Marasch der Ruhe genossen, die unentbehrlich war, und wir erfahren hatten, dass Hafiz-Pascha nach Malatia gegangen sei , brachen wir dahin auf. Alle direkte Kommunikationen waren jedoch durch die Kurden und durch die turkmenischen Wanderstämme unterbrochen; wir schlossen uns daher 80 Reitern an, die unter Mystik-Bey in Payas einen kleinen Insurgentenkrieg geführt hatten und auf dem Umweg durchs Gebirge zur Armee zurückzukehren suchten. Nach einem sehr anstrengendem Marsch erreichten wir ein befreundetes turkmenisches Aschiret oder Lager auf einer köstlich grünen Ebene mitten unter rauen Felsgebirgen; am folgenden Tag ging es wegen Ermüdung der Pferde nur bis Gebenn und den dritten Tag ritt ich mit Hauptmann Laue bis Gögsyn voraus über die schwierigen und verrufenen Engpässe von Mariamtschil-Kalessi. Der Umweg, den wir machen mussten, war wenigstens für meine Karten ein Gewinn.

In Gögsyn fanden wir durch einen glücklichen Zufall einen Wagenzug von vierzig zweirädrigen, mit Büffeln bespannten Karren, welcher dem Korps Isset-Paschas nachfolgte. Es war schon Abend und wir brachen, obwohl wir den ganzen Tag geritten, sogleich wieder, mit auf. Die Strecke von Gögsyn bis Jarpys war sehr unsicher durch Flüchtlinge und durch die Stämme Atmaly, Dschorid und Tschadarly. Man befürchtete angegriffen zu werden, da die Eskorte nur schwach war. Dieser Nachtmarsch ging nun natürlich sehr langsam und war so unerträglich, dass Laue und ich mit unseren zwei Tschauschen allein vorausritten; ermüdet legten wir uns gegen Mitternacht in einen Busch, um kurze Zeit zu ruhen. Wir wurden geweckt von unseren Leuten, die Menschen im Gebüsch herumschleichen gesehen haben wollten; da der Mond aufgegangen war und ich den Weg kannte, ritten wir weiter und erreichten mit aufgehender Sonne unangefochten Jarpys. Der Transport hingegen war angegriffen worden und hatte einige Leute verloren. In Jarpys erfuhren wir zu unserer Freude, dass das Korps Isset-Paschas hinter Albistan lagerte; wir ritten noch am gleichen Tag mit unseren müden Pferden weiter und hatten die Freude, meinen Kameraden, den Hauptmann Vincke, dort zu treffen, der uns mit der freundlichsten Herzlichkeit empfing und uns armen Erschöpften und Flüchtigen nach langer Zeit einmal wieder eine gute Aufnahme bereitete. Wir fielen sogleich über seine Esswaren, seine Kleider und Wäsche her, machten vier Teile und nahmen jeder einen, sodass er nicht weniger geplündert war als wir selbst. Wir folgten nun dem Korps zwei Märsche bis Derindeh, von wo wir mit Vincke zusammen in zwei Tagesmärschen durch den Agtsche-Dagh zu Hafiz-Pascha gelangten.

Hafiz-Pascha empfing uns so wohlwollend und gut, wie man es in seiner Lage nur erwarten konnte. Ein türkischer kommandierender General, welcher geschlagen ist, weiß nicht allzu gewiss, ob er einen Kopf auf den Schultern hat oder nicht. Alles Kommando hört dann auf, daher ist von einer Verfolgung des Sieges in diesen Ländern noch ein unendlich größeres Resultat zu erwarten, als überhaupt schon sonst. Die Korrespondenz mit Konstantinopel mittels Tataren erfordert mindestens sechzehn Tage und daher weiß Hafiz-Pascha heute noch nicht, ob er Seraskier des Orients oder ein verurteilter Verbannter ist. Diese Entscheidung wird täglich erwartet.

Seitdem man aber in Konstantinopel über den Fall beraten hatte, haben andere wichtige Ereignisse stattgefunden. Gleich bei unserer Ankunft hier erfuhren wir, dass das Korps Osman-Paschas von Kalsarieh, 3000 Mann stark, bei Göryn seine Gewehre weggeworfen und auseinander gelaufen sei; acht Tage später war das Korps Isset-Paschas, 12 000 Mann, bei Derindeh demselben Beispiel gefolgt. Diese schmähliche Desertion wirft ein Licht auf die hiesigen Zustände, schlimmer als alle verlorenen Schlachten.

Wir hatten uns hauptsächlich zu Hafiz-Pascha verfügt, weil zu erwarten stand, dass hier Rückzugsgefechte stattfinden würden; wir fanden aber die tiefste Ruhe. Ibrahim-Pascha ist nach seinem Sieg wie gebannt stehen geblieben. Wenn diplomatische Vermittlung diesen Zauber üben kann, nachdem das Unglück geschehen ist, so ist nur zu bedauern, dass sie nicht eingeschritten, um es ganz zu vermeiden; in der Tat glaube ich, hatte man in Europa von dem wahren Zustand keine richtige Kenntnis gehabt.

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