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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 60
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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59.
Das Lager

Lager von Biradschik am Euphrat, den 10. Juni 1839

Es ist so lange her, seit du keine Nachricht hast, dass ich dir gern heute einen langen Brief schriebe, aber das wird kaum mehr möglich sein, der Tatar geht morgen früh ab und mein Lichtstümpfchen ist beinahe schon in die Bajonettdille hinabgebrannt, die als Leuchter neben mir in die Erde eingepflanzt ist. Um dich jedoch nicht länger ohne Kunde von hier zu lassen, melde ich für heute nur das Wichtigste, dass wir von Malatia aufgebrochen und mit unserem ganzen Korps hier im Lager stehen, dass ich gesund und wohl, bei sehr starkem Appetit und etwas abgerissenen Kleidern und Stiefeln bin, denn wir haben einen beschwerlichen Marsch durch den Taurus hinter uns. Hoher Schnee, tiefer Dreck, ein neunundzwanzigtägiger Regen und beschwerliche Gebirgswege haben uns viel zu schaffen gemacht; jetzt wollen wir uns hier ein wenig ausruhen und uns die Zeit mit Exerzieren und Manövrieren vertreiben. Von der Höhe unserer Verschanzungen habe ich eine prächtige Aussicht; unten im Tal am Euphrat haben wir eine Stadt aus 4000 Zelten gebaut, der gewaltig angeschwollene Strom krümmt sich um drei Seiten unseres Lagers, und jenseits erhebt sich an der weißen Felswand Biradschik mit seinen Mauern und Türmen, Moscheen und Gärten, und über alles ragt das seltsame alte Schloss Kalai-Beda empor. Hunderte von beladenen Kamelen, je fünfundzwanzig unter dem Vortritt eines Esels, steigen langsam die Berge hinab, hoch auf dem vordersten sitzt ein Araber, der auf zwei Pauken verkündet, dass er uns Mehl, Zwieback und Reis zuführt; kleine Flotten von Flößen aus Hammelfellen eilen den Strom hinab, um Holz, Stroh und andere Bedürfnisse zu bringen; zahlreiche Herden von Schafen und Ziegen hüpfen an den Talhängen, und tausende von Pferden stehen angefesselt in den Gerstenfeldern. Die Bajonette, die Lanzen und Kanonen blitzen in der Sonne und von allen Seiten erschallen Trommeln und Hörner; dort zerren Hunderte von Soldaten einen uralten 36-Pfünder, der einst Bagdad beschossen hat, den Hügel hinan, hier schaufeln und hacken andere hunderte in der harten Erde, um Schanzen aufzuwerfen. Vor den Zelten wimmelt es von Menschen: Der eine backt Brot, wie man bei uns Eierkuchen macht, indem er einen dünnen Fladen auf einer Scheibe von Eisenblech über einem Feuer von Kamelmist breitet, der andere wäscht seine Hemden, dieser putzt sein Gewehr, jener flickt seine Schuhe und alle rauchen den Tschibuk, ich nicht ausgenommen. Mitten durch das Gewühl zieht ein Regiment Spahis auf Vorposten und blickt stolz auf die irregulären Reiter herab, die mit vierzehn Fuß langen Rohrlanzen und in der alten prächtigen Tracht ihre arabischen Hengste tummeln. Wie schade, dass ich nicht eine Camera obscura von Daguerre hier habe.

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