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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 57
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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56.
Versuch, den Euphrat bei hohem Wasser hinabzufahren

Malatia, den 12. April 1839

Der Euphrat ist eben jetzt, wo wir ihn brauchen, um 15 Fuß gestiegen und der Pascha war sehr in Sorge, ob es möglich sein werde, ihn unter diesen Umständen zu befahren, und wen er mit dem etwas misslichen Versuch beauftragen solle. Die erfahrensten der Kelektschi oder Ruderer erklärten es für ganz unmöglich, die Stromschnellen hinabzukommen, da schon bei günstigem Wasserstand von drei Versuchen zwei verunglückt wären. Beim Abendessen schlug der Pascha mir die Partie vor; ich ritt daher denselben Abend noch nach Ecebeh am Murad, wo mein Kelek oder Floß bei Fackelschein schnell gebaut wurde und war bald nach Mitternacht flott; gegen Sonnenaufgang kam ich nach Kymyrhan, wo die schwierigen Stellen anfangen. Das war nun freilich arg; was früher Stromschnelle gewesen, war jetzt Wasserfall und vor den Jilan Degirmeni musste ich meine Arche in ihre integrierenden Teile zerlegen, Stangen, Schläuche und Gepäck über Land tragen und unterhalb des Katarakts wieder zusammensetzen lassen, worüber drei Stunden vergingen. Es regnete viel, was mir jedoch gleichgültig schien, da wir ohnehin schon von den Wellen ganz eingeweicht waren, die an manchen Orten uns überschütteten. Oberhalb Telek musste das Floß nochmals auseinander genommen werden; es war nicht daran zu denken, durch die Wasserfälle und die Brandung von dort durchzukommen.

Bei Stockfinsternis landeten wir in Telek, wo wir die Nacht blieben und uns notdürftig trockneten; wir hatten in diesen Tagen in sechs Stunden eine Strecke zurückgelegt, zu der ich später vierundzwanzig brauchte. Mit mir waren ein Ingenieuroberst, Mehmed-Effendi, und sein Begleiter; diese erklärten mir, dass sie sich nicht berufen fühlten mich ferner noch zu begleiten, sie hätten genug, wogegen ich nichts einzuwenden hatte. Außer einem Aga des Paschas hatte ich vier Kalektschi oder Ruderer an Bord und nahm noch einen fünften aus dem Dorf als Piloten mit; als ich mich aber am anderen Morgen früh einschiffen wollte, erklärte mir mein Tschausch oder Sergeant ebenfalls, dass er nicht die Ehre haben könne. Da machte ich nun keine Umstände und bat ihn Platz zu nehmen, wenn er nicht gebunden nach Malatia zurückgeschickt werden wollte. Der arme Teufel meinte, zu Land wolle er mit mir durchs Feuer gehen, aber das Wasser sei nicht seine Sache; als er indes sah, dass es nicht anders ging, bequemte er sich. Es wäre mir aber bald leid geworden, ihn gezwungen zu haben; kaum stießen wir vom Ufer, so ging es pfeilschnell davon, ich glaube kaum, dass wir 10 oder 15 Minuten brauchten, um eine Stunde Wegs zurückzulegen – aber wie? Der Murad, der oberhalb 250 Schritt breit ist, verengt sich zu 100, zu 80 und weniger Schritt; die ganze gewaltige Wassermasse stürzt nun durch diesen Trichter und über Felsblöcke steil hinab, wodurch so gewaltige Strudel und Wellen entstehen, dass an einigen Stellen Wassergarben von 5 Fuß Höhe sich senkrecht emporrichten, während zu beiden Seiten die Flut schnell, und als ob sie siedete, dahinschießt; die Wogen schlugen buchstäblich auf unsere Köpfe nieder und das Floß war zuweilen ganz und gar unter Wasser. Aber die Hammelhäute arbeiteten sich beständig wieder empor und die Gefahr war nur bei dem steilen Auf- und Absteigen über die hohen kurzen Wellen umzuschlagen; an ein Rudern war gar nicht zu denken; zwei der Kelektschi fielen über Bord, sie waren aber mit Stricken festgebunden; unter der übrigen Besatzung herrschte die größte Bestürzung und das Kelek trieb wohl eine Drittel Wegstunde so fort, bis Allah uns in einen Strudel seitwärts führte und uns dort ein Dutzend Mal um und um drehte, aber doch etwas wieder zur Besinnung kommen ließ. Die Ruder wurden nun mit aller Anstrengung gebraucht, aber es schien eine Zeit lang zweifelhaft, ob wir das Ufer erreichen oder, von dem Strom gefasst, einem neuen Wasserfall zugeführt werden würden. Die Stangen, aus welchen das Floß gefügt ist, sind 1½ bis 2 Zoll dick, es waren davon drei mitten durchgebrochen, vier der Schläuche geplatzt, zwei davongeschwommen; indes näherten wir uns glücklicherweise dem Ufer. Suleman-Tschausch, um sich der Lage zu entziehen, in der er sich befand, machte mit augenscheinlichster Lebensgefahr, wie Wilhelm Tell, einen Satz aus dem schwankenden Fahrzeug auf eine Felsklippe, dort fiel er nieder, wendete sich nach der Kaaba und erhob die Hände zum Gebet; Aly-Aga gelobte ein Lamm als Kurban zu schlachten.

Ich hatte bei der ganzen Geschichte eigentlich die Überzeugung gewonnen, dass man wahrscheinlich doch durchkommen würde, denn ein zäheres Wesen als diese Keleks gibt es nicht; freilich muss man sich damit abfinden, komplett im Wasser zu sitzen, was zur Zeit der Schneeschmelze nicht erfreulich ist; aber so, wie die Sache einmal eingeleitet war, hatte ich ein großes Interesse sie zu Ende zu bringen, viel ärger konnte es nicht mehr kommen. Ich beschloss daher den »Kalabalik« zurückzuschicken und bot zweien der Kelektschis einen Beutel, wenn sie mit mir allein noch einen Versuch wagen wollten, denn gegen Mittag konnten wir bei der Schnelligkeit des Stromes in Gerger unterhalb der Wasserfälle sein. »Nicht um Venedig!« Niemand wollte mehr mitspielen. Die Frage der Schiffbarkeit war übrigens vollkommen beantwortet, die Unmöglichkeit, Güter hinabzuflößen, lag zu Tage, und ich fand mich genötigt umzukehren.

Eine neue Verlegenheit bereitete uns aber jetzt die Stelle, wo wir gestrandet waren; vor uns der Murad, von dem wir nun doch einmal nichts mehr wissen wollten, hinter uns eine Felswand, die bis zur Schneegrenze emporstieg. Nach zwei vergeblichen Versuchen blieb uns nichts anderes übrig, als in einem Bach oder vielmehr in einem Wasserfall emporzuklettern, und ich glaube gewiss, dass wir weit über tausend Fuß emporstiegen. Die Steine, die unsere Füße losstießen, rollten bis in den Fluss und dabei mussten wir ein paar Ocka Wasser mit hinauftragen, welche die Kleider eingezogen hatten. In Telek, wo alles zusammengelaufen war, um unsere Abfahrt zu sehen, hatte man uns verloren gegeben; das ganze Dorf wurde nun aufgeboten, um unser Wrack zu bergen, und gegen Mittag saßen wir auf Mauleseln, die uns den Weg, den wir so schnell hinabgekommen, langsam und mühsam zurücktrugen; denn bald erhob sich der enge Pfad bis zum Schnee, bald senkte er sich bis zum Ufer hinab, dabei waren die Bäche so angeschwollen, dass unsere armen Tiere nahe daran waren, den Grund zu verlieren, wodurch wir dann wieder dem »Chodja Murad« in die Arme geführt worden wären.

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