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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 54
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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53.
Reise nach Orfa – Das Dscheridwerfen – Die Höhlen – Das Schloss des Nimrod

Biradschik, den 27. Januar 1839

Am 19. verließ ich Malatia und war recht froh, dass ich das Städtchen einmal im Rücken hatte. Ich reiste mit eigenen Pferden, da aber der Weg sehr schwierig und mein Tschausch mir eines meiner besten Tiere gleich auf dem ersten Marsch lahm geritten hatte, so schickte ich meinen Seïs zurück und nahm Postpferde. Den zweiten Tag erstiegen wir das steile Gebirge Göslen-Dagh und übernachteten im Dorf Erkenek am Hang eines tiefen Felstales; es lag auf der Höhe sehr viel Schnee und unsere kleine Karawane wanderte auf einem schmalen Steg, auf dem der Schnee festgetreten war. Zu beiden Seiten aber waren ellentiefe Löcher, welche die Kamele mit ihren langen Beinen eingetreten hatten; wenn daher der nur einen Fuß breite Pfad verfehlt wurde und eines unserer Pferde oder Maultiere von diesem herunterglitt, so kostete es immer viel Mühe und Zeit, das Tier aus dem Schnee wieder herauszuziehen.

Am folgenden Tag überschritten wir die höchste Stelle des Gebirges am Fuß des Sakaltutan-Dagh und stiegen in das tiefe Felstal des Goksuj oder Himmelwassers hinab. Wenige Stunden versetzten mich aus dem Winter in den Frühling; bei Malatia war noch alles weiß, hoher Schnee bedeckte die Ebene wie die Berge, am Südabhang des Gebirges hatten starke Südwinde und Regen allen Schnee, selbst in großer Höhe, schon geschmolzen; die Saaten grünten unten in der Flur, Lerchen schwirrten in der Luft und die Bäume trieben große Knospen; die Sonne schien heiß, aber der Boden war unbeschreiblich aufgelöst und die Bäche so angeschwollen, dass wenig fehlte, dass meine Packpferde nicht fortgeschwemmt wurden. Nach einem mühsamen Marsch erreichte ich, über Adiaman und Samsat, Orfa am Abend des fünften Tages.

Diese Stadt liegt am Abhang eines niedrigen, finster und seltsam aussehenden Gebirges und am Anfang der Tschöll oder Wüste, auf der Grenze der kurdischen und der arabischen Bevölkerung. Innerhalb der Ringmauern erheben sich eine Menge Kuppeln, Minaretts, Zypressen und Platanen, und die aus Steinen sehr zierlich erbauten Häuser mit dünnen Säulen, Spitzbögen und Fontänen erinnern an das, was die Araber einst waren, als sie, durch Mohammeds Lehre begeistert, die Eroberer eines Teils der gesitteten Welt und selbst die Bewahrer der Gesittung, der Wissenschaft und Künste wurden. Vor den Toren der Ringmauer erblickst du, was sie heute sind: Eine Menge von Trümmern bedeckt da eine beträchtliche Fläche, dorthin kommen die Kinder der Wüste, niemand weiß woher, hausen einige Wochen und ziehen eines Tages wieder ab, niemand weiß wohin, hunderte von Stunden in die meerähnliche Fläche hinaus. Zwischen jenen Steinhaufen, die man kaum Wohnungen nennen kann, begegnet man den braunen Gestalten mit kurzem schwarzem Bart und brennenden Augen; sie weichen schüchtern aus, blicken unstet umher und man sieht es ihnen an, dass sie fremd sind und fremd bleiben wollen, wo ihre Kamele nicht weiden und wo Mauern den Blick begrenzen.

In Orfa stehen jetzt die meisten der Truppen, mit denen ich im Sommer gegen die Kurden gezogen war; hier wurde ich als alter Bekannter empfangen und die Aufnahme, die mir zuteil wurde, macht mir in der Tat viel Freude; Mehmed-Pascha, der Gouverneur von Orfa geworden ist, behielt mich gleich bei sich und hat mir Zimmer im Seraj eingeräumt, welches eine Art Zitadelle bildet; Pferde, Dienerschaft und gute Mahlzeiten, Ehrenbezeugungen und Komplimente, kurz, alles, was man in diesem Land anbieten kann, stehen zu meinem Dienste.

Der folgende Tag war ein Freitag, der Sonntag der Türken, an dem es hier Sitte ist, auf einem Platz vor dem Tor zusammenzukommen, um den Dscherid zu werfen; der Pascha, die Beys, die vornehmsten und die geringsten Bewohner der Stadt, wer nur ein gutes Pferd hat, stellen sich ein. Die Araber, den weißen Mantel über die linke Schulter geworfen, den Dscherid hoch in der Rechten, tummeln da ihre kleinen mageren Stuten zwischen den schön gewarteten, reich gezäumten Rossen der Türken, die nach der alten prächtigen Art gekleidet mit ihren Turbanen und roten, blauen und gelben Gewändern einen höchst stattlichen Aufzug machen.

Der Platz ist freilich, wie man sich ihn bei uns nicht aussuchen würde, um Pferde darauf zu führen, denn er ist mit Stein und Geröll ganz überdeckt; aber man kann nicht rücksichtsloser reiten als diese Leute und wenn man sie in der gestreckten Karriere hinfliegen, das Pferd in kleinen Volten plötzlich herumwerfen oder kurz parieren sieht, so sollte man nicht denken, dass das Tier oft das halbe oder ganze Vermögen des Reiters ausmacht. Die Gesellschaft teilt sich ohne weitere Anordnung in zwei Parteien, eine der anderen gegenüber; wer will, sprengt hervor, sobald er umdreht, jagt ihm ein anderer nach, sucht ihn einzuholen und schleudert, hoch in den kurzen Bügeln aufgerichtet, den Dscherid mit aller Gewalt ihm nach. Der Dscherid ist ein Wurfspieß, dem die Spitze fehlt, ein drei Fuß langer Stock, der fingerdick, auch wohl etwas dicker ist; es gibt daher oft tüchtige Puffe, von einem Unglück aber hört man fast nie. Obwohl man stets nur im Verfolgen wirft, so wird die Gefahr, das Auge des Gegners zu treffen, dadurch nicht ganz beseitigt, denn der Verfolgte sieht sich um dem Wurf auszuweichen oder den Dscherid mit der Hand seitwärts zu schleudern; viele fangen den Stab und schicken ihn ihrem Verfolger zurück. Ich habe aber bemerkt, dass der Niedere gegen den Vornehmeren seinen Wurf sehr mäßigt und gewissermaßen nur markiert. Die Pferde scheinen ein ebenso großes Vergnügen an diesem Spiel zu nehmen wie die Reiter; da ich ein Pferd des Paschas ritt, das ich noch nicht kannte, so hielt ich mich zurück, das Tier stampfte und wieherte und als ich ihm die Zügel schießen ließ, jagte es mit solcher Gewalt und zeigte sich doch so folgsam gegen Zügel und Schenkel, dass der schlechteste Reiter mit Ehren hätte bestehen können.

Die ganze bewegte Szene an dem Fuß eines alten grauen Kastells, die unbegrenzte Wüste im Hintergrund, gab ein schönes und charakteristisches Bild.

Gestern besuchte ich die Höhlen, die sich auf dem Gipfel eines Berges nahe an der Stadt befinden. Es scheint, dass man alle die Steine zur Mauer, zu den Moschee, Karawansereien und Bädern hier geschnitten hat; die Höhlen, welche dadurch entstanden, sind von außerordentlicher Größe, ich ritt 150 Schritt in eine hinein, sie ist 8 bis 10 Ellen hoch, aber das Überraschende ist ihre Breite von 30 bis 40 Ellen, denn man erschrickt fast, ein steinernes nicht gewölbtes, sondern ganz waagerechtes Plafond von dieser Spannung, ohne alle Säulen oder Unterstützung, über seinem Kopf schweben zu sehen. Die Höhlen könnten an 2000 Pferde aufnehmen; leider ist kein Wasser da.

Auf einem der kahlen Felsen, etwa eine Stunde vor der Stadt, erhebt sich ein altes Gemäuer, welches die Araber Nimrods Schloss nennen. Es ist schwer zu erraten, für welchen Zweck es eigentlich erbaut wurde; keine Straße führt dahin, kein Baum, kein Grashalm gedeiht dort und das Wasser wird in große Zisternen gesammelt. Es scheint, dass ein Gebäude späteren Ursprungs in das ältere hineingebaut ist, welches sich durch seinen edlen einfachen Stil auszeichnet.

Der Pascha von Biradschik ist in Orfa und ich habe einstweilen Besitz von seinem Konak genommen. Ein Hauptmann und Kompaniechef, der mit meiner Bedienung beauftragt ist, steht unablässig mit gekreuzten Händen vor mir und reicht mir einen Tschibuk nach dem anderen, wobei fünf bis sechs Agas ihm helfen. Anfangs fiel mir diese Höflichkeit entsetzlich lästig, aber man muss sich daran gewöhnen; auch kann ich keinen Schritt aus dem Hause gehen, ohne den Tschausch oder Sergeanten auf den Fersen zu haben, welcher als Ordonnanz kommandiert ist; vergebens suche ich ihn abzustreifen; er folgt wie mein Schatten; da ich nun gern und schnell spazieren gehe und von der Topographie her lange Schritte mache, so kommt der arme Mensch ganz von Kräften. Die Türken begreifen überhaupt nicht, wie jemand, der ein Pferd oder einen Esel hat, zu Fuß gehen kann.

Die Truppen in Biradschik sind ebenfalls meine alten Bekannten, es wird täglich exerziert; die Offiziere vom höchsten bis zum niedrigsten zeigen die größte Bereitwilligkeit, sich zu unterrichten, und freuten sich über die Einfachheit der Manöver.

In Biradschik fand ich Anfang Februar die Felder mit grünen Saaten bedeckt; die Büsche hatten schon kleine Blätter und die Araber badeten im Fluss.

Ich nehme einen Plan der höchst interessanten Umgebung auf und durchkrieche das wunderbare alte Schloss; da sind weite Reihen von Gewölben, die seit Jahrhunderten verschüttet sein mögen. Es ist ein Riesenwerk, dieses alte Gebäude, und selbst das Erdbeben hat es nicht zu zerstören vermocht; ich habe dir früher schon davon erzählt. Von Biradschik machte ich einen kleinen Ausflug nach Nisib, einem Städtchen, hinter dem die ägyptische Grenze anfängt; das Städtchen liegt in einem Wald von Ölbäumen, der etwa 64 000 Stämme zählt. Die Zahl ist bekannt, weil jeder Baum mit einem Silbergroschen, nach unserem Geld, Steuer belastet ist. Ein großer Baum gibt 500 bis 600 Pfund Oliven.

Der Müsselim von Nisib glaubte sich verpflichtet dem vom »großen Pascha« Gesandten ein Pferd zu schenken, das natürlich die Stadt ihm wieder bezahlen musste, und wunderte sich sehr, dass ich es nicht annahm.

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