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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 48
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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47.
Ritt durch das Gebirge vom Tigris an den Euphrat – Reise auf dem Euphrat durch die Stromschnellen – Asbusu

Karput, den 20. Juli 1838

Am 30. Juni saßen wir in dem großen Zelt des Paschas auf roten Samtkissen beim Abendessen, als er plötzlich den Befehl gab aufzubrechen. Herzlich froh war ich, denn unser Lager am Fuß des Karsann-Dagh war höchst unangenehm; die Hitze ist dort furchtbar, wir hatten bis zu 32 Grad Reaumur im Schatten. Unsere armen Pferde standen vom Morgen bis zum Abend in der Gluthitze der Sonne gefesselt, nur durch ihre dicken Filzdecken geschützt; das Ungeziefer quälte sie schrecklich und ihre ganze Nahrung war das frisch geschnittene Heu, das Wasser wurde in Schläuchen herbeigeholt. Aber uns in den Zelten ging's nicht viel besser; eine Menge Taranteln krochen an der Leinwand herum, die Schlangen suchten Schutz unter ihrem Schatten und zahllose Skorpione hausten zwischen den Steinen. Ich ließ mein großes, geräumiges Zelt jeden Tag fünfmal mit Wasser besprengen und der außerordentlichen Reinlichkeit und Sorgfalt eines Dieners gelang es, mein Lager frei von allem Ungeziefer zu halten; aber die Luft war so drückend, dass man eigentlich nur nach Sonnenuntergang sich erhob und umherging.

Nach einer Stunde war alles marschfertig und mit einem Gefolge von etwa sechzig Pferden zogen wir während einer mondhellen Nacht westlich längs des Fußes des hohen Karsann hin; zur Rechten hatten wir das Gebirge, zur Linken die schöne weite Ebene, die von Diarbekir sich zwanzig Meilen weit östlich erstreckt und von vielen und großen Wasserläufen durchschnitten wird.

Zuerst überschritten wir das Battman-suj auf einer prachtvollen alten Brücke, die sich in einem gewaltigen Bogen über den reißenden Bergstrom spannt. Als wir um eine Felsecke bogen, standen wir plötzlich vor einem ungeheuren Bauwerk; das ehrwürdige alte Gemäuer, der brausende Strom und die bewegte Szene eines türkischen Reiterzuges gewährten in der lauwarmen Mondnacht einen malerischen Anblick.

Gegen Morgen erreichten wir Meja-Farkin, das alte Tigranocerta, den Sitz der einst mächtigen Könige von Armenien. Die Stadt liegt auf der untersten Stufe des Gebirges, aus dem ein reicher Fluss hervortritt und in schönen Windungen durch die Ebene dem Tigris zuzieht; aber das Innere zeigt fast nur Trümmer und die frischen Spuren des Zerstörungskrieges, der die Kurden unlängst mit Mühe unter die Herrschaft der Türken gebracht hat. Diese Eroberung hat tausenden nicht bloß von Bewaffneten, sondern auch von Wehrlosen, von Weibern und Kindern das Leben gekostet, hat tausende von Ortschaften zerstört und den Fleiß vieler Jahre nutzlos gemacht. Es ist betrüblich zu denken, dass sie wahrscheinlich auch diesmal, wie so oft früher, nur vorübergehend sein wird, wenn eine bessere Verwaltung den Kurden nicht ihre Unabhängigkeit ersetzt.

Nach kurzer Rast auf einer feuchten Wiese, während unsere Pferde sich in dem hohen Gras erholten, weckten uns die brennenden Strahlen der aufgehenden Sonne; wir setzten unseren Marsch in derselben Richtung über den steinigen, öden Gebirgsfuß fort. Die Hitze war sehr groß; die Kalkwände glühten, kein Baum, kein Busch gewährte Schatten und alle Vegetation schien abgestorben; aber ich werde nie die köstliche Quelle vergessen, die wir bald nach Mittag erreichten. Unter einer Felsmauer brach das Wasser von allen Seiten sprudelnd hervor und bildete ein großes Becken von unbeschreiblicher Klarheit; riesenhaftes Schilf und Schlingstauden, mannshohes Gras und blühende Hyazinthen, der reichste Pflanzenwuchs und das üppigste Grün fassten die Quellen ein, die rings von starren Felsen und Steingeröllen umgeben waren. Wir sprengten frohlockend mit unseren schweißtriefenden Rossen in die kühle Flut und ließen uns gern von oben bis unten durchnässen; die Pferde, denen tagsüber jeder Trunk versagt bleibt, schlugen mit den Vorderfüßen, um sich zu benetzen und zu erfrischen, und sprangen vor Freude.

Gegen Abend, also nach fast vierundzwanzigstündigem Ritt, erreichten wir abermals einen Gebirgsstrom; längs seiner Ufer hinaufsteigend, wandten wir uns rechts in das Gebirge hinein und erblickten die zierliche Moschee und das freundliche Städtchen Hasru auf einem Hügel, umgeben von Weinfeldern und überschattet von Platanen, Nussbäumen und Pappeln.

Am nächsten Tag ritten wir durch das Gebirge nach Illidscha, und am 4. abends erreichten wir nach einem Gewaltmarsch Sivan-Maaden, nur die besten Pferde hielten noch neben der trefflichen arabischen Stute des Paschas aus, wohl die Hälfte des Gefolges war zurückgeblieben und die minder guten Tiere erlagen der Anstrengung.

Indem wir einen der Zuflüsse des Tigris hinaufritten, erreichten wir die hohe Wasserscheide zwischen diesem Fluss und dem Euphrat oder Murad; aber sehr überraschend ist es, wie nahe die Quellen des Ersten an dem Ufer des Letzteren liegen, der dort bereits zu einem mächtigen Strom herangewachsen ist. Die Entfernung beträgt kaum mehr als 1000 oder 1500 Schritt.

Ein sehr solides Floß aus sechzig Häuten wurde zu Palu gebaut, wohl verproviantiert und mit vier rüstigen Ruderern bemannt; ich bestieg es am 10. Juli in Begleitung von zweien meiner Leute und einem Aga des Paschas, alle gut bewaffnet, versah mich mit Bussole und Instrumenten und nahm von Ort zu Ort einen des Flusses kundigen Steuermann mit.

Der Strom, welcher bisher zwischen hohen bewaldeten Bergufern floss und bei Chun zwischen senkrechten prachtvollen Steinwänden über Felstrümmer brauste, tritt von Palu an in eine offenere Gegend und fließt schnell aber eben dahin. Bei Palu setzt eine elende Brücke über den Fluss, die letzte, die ihn überschreitet, und prachtvolle Ruinen einer alten Burg, die man hier den Dschenoves oder Genuesern zuschreibt, ragen hoch auf einem Spitzberg über die Stadt, diese ist rings von Gärten und Baumpflanzungen eingeschlossen.

Nachdem der Strom am Fuße der schönen Gebirgsgruppe des Mostar-Dagh vorübergeeilt ist, bildet die weite köstliche Ebene von Karput das linke Flussufer; der Euphrat aber wendet sich ab von derselben, tritt noch einmal in das hohe Gebirge und erreicht den Südrand jener Ebene auf einem vierzig Meilen weiten Umweg. Einige Klippen im Flussbett verursachen Strudel, die jedoch leicht durchschifft werden, und schnell gleitet man bis zu den Ruinen eines alten Bergschlosses, Perteck-Kalessi, fort, die sich auf einem hohen Felskegel am rechten Ufer erheben. Zwischen kahlen Bergen fuhren wir auf dem hier schiffbaren Strom die Nacht hindurch fort und erreichten gegen Morgen die Stelle, wo der Murad sich mit dem fast ebenso großen Frat vereint, der von Erzerum herunterkommt. Zwei Stunden weiter landeten wir in Kierwan oder Kjeban-Maaden.

Der Euphrat wird dicht unterhalb Kjeban-Maaden von rauen Bergen eingeschlossen; bald aber flacht sich das rechte Ufer mehr und mehr ab, und nachdem der Strom im weiten Bogen den Fuß des eirunden Berges umspült, auf dem die Ruinen einer weit sichtbaren alten Kirche sich erheben, hat man rechts die weite Ebene von Malatia. Erst bei Kymyrhan treten hohe wilde Gebirgsmassen von beiden Seiten zusammen und der Strom fließt von nun an in tiefen schauerlichen Felsenspalten fort. Mit außerordentlicher Schnelligkeit glitt unser Fahrzeug dahin und das Strombett war kaum zur Hälfte so breit, wie es oberhalb gewesen war; bald hörten wir ein fernes Brausen, von welchem die schroffen Felswände widerhallten, und die beschleunigte Schnelligkeit, mit der wir fortschossen, benachrichtigte uns, dass wir in die Nähe der Jelan-Degermeni oder Schlangenmühle gekommen seien.

Vorsichtig legten wir an und beschauten an einer vorspringenden Klippe die Örtlichkeit, ehe wir uns in die Wirbel hineinwagten; diese Stromschnellen liegen stets an solchen Punkten, wo das jähe Bett eines kleinen Gießbachs in den Strom mündet. Aus der Schlucht sind im Laufe der Zeit eine Menge größerer und kleinerer Felstrümmer herabgestürzt; sie haben vor der Mündung des Baches eine Landzunge angesetzt, welche die Breite des Stroms vermindert, und oft sind noch zum Überfluss gewaltige Steinblöcke bis in das Bett selbst gerollt, die bei niederem Wasserstand hervorragen, bei höherem aber von der Flut überspült sind, der sie einen unbesiegbaren Widerstand entgegensetzen. Der reißende Fluss, verengt und aus seiner Richtung geworfen, braust gegen die Unebenheiten an, bildet über denselben eine hohe Wassergarbe und jenseits eine gewaltige schäumende und wirbelnde Strömung, wie wenn du Wasser aus einem breiten Gefäß in eine enge Rinne gießt.

Die weniger schlimmen Stellen, die wir bereits passiert hatten, hatten mir schon einen ungefähren Maßstab von dem gegeben, was ein Kelek oder Floß wie unseres zu leisten vermag. Ich ließ »Bismillah– – »im Namen Gottes« – vom Ufer abstoßen; alsbald erfasste uns der allgemeine Wasserzug und ehe wir uns noch recht besinnen konnten, waren wir schon glücklich durch, obwohl zwar vom Kopf bis zu den Füßen durchnässt, denn von allen Seiten schlugen die Wasserwellen über uns zusammen; bei einer Hitze aber von vielleicht 40 Grad war das nur eine angenehme Erfrischung.

Solche Stromschnellen, wie ich dir eben beschrieben, die meisten aber von geringerer Bedeutung, liegen nun, über dreihundert an der Zahl, eine hinter der anderen, und bilden auf einer Strecke von etwa zwanzig Meilen die cataractae Euphratis. Kaum bist du durch eine hindurch, so hörst du schon die nächste brausen; das Kelek dreht sich beständig herum und gibt dir Gelegenheit, ohne deine Stellung auf weichem Pfühl zu ändern, die wildromantische Gebirgsgegend von allen Seiten zu betrachten; hoch oben kleben einzelne Kurdendörfer unter schattigen Nussbäumen, und Wasserfälle schäumen die steilen Berghänge hinab. Die schlimmsten Stellen sind bei dem Städtchen Schiro und dann drei Fälle, einer unmittelbar hinter dem anderen, dicht oberhalb Telek, wo heiße Schwefelquellen dampfend aus dem Gestein dringen. In der gezackten Felsspalte, nahe unterhalb dieses Dorfes, wird der oben schon 200 bis 300 Schritt breite Strom durch einen Erdsturz auf 35 Schritt verengt; diese Stelle heißt »der Hirschsprung«, Geiklasch. Schließlich passierten wir noch eine sehr missliche Stelle unter einer Kreidefelswand, dicht oberhalb des alten Bergschlosses Gerger, und von nun an ändert sich der ganze Charakter des Strombettes.

Mit sehr verminderter Geschwindigkeit fließt der Euphrat jetzt zwischen hohen senkrechten Wänden, aber die Gebirge treten auf beiden Seiten zurück und die Nebentäler sind von niedrigen, mauerartigen Basalthängen eingeschlossen.

Von dem merkwürdigen alten Schloss Choris an beschreibt der Fluss zwei große Windungen; er tritt nun aus dem Fels in ein offenes Hügelland und sieht der Oder bei Frankfurt ähnlich, bis er, bald unterhalb Samosata, in die Steinwüste tritt.

Ich beendete meine Wasserfahrt bei Samsat, da ich früher schon den Euphrat auf der Strecke von dort bis Birt oder Biradschik zu Lande begleitet hatte.

Wenn in der Türkei ein Mann von einiger Bedeutung ankommt, so ist es unerlässlich, dass einige der vornehmsten Einwohner ihm schon vor der Stadt entgegengehen, man hilft ihm vom Pferd, stützt ihn, wenn er die Treppe hinaufsteigt, zieht ihm die Stiefel aus und legt ihn auf das Kissen rechts vom Kamin. Der Müsselim, oder wer der Herr des Hauses sein mag, räumt sogleich das Zimmer; er lässt sich in der Nähe der Tür auf dem bloßen Fußboden nieder, und wenn man ihm gestattet, von seinem eigenen Kaffee zu trinken, so empfängt er ihn mit einer tiefen Verbeugung und dem Gruß mit der Hand an die Erde. »Das Haus ist deines« ist, so lange man bleibt, nicht bloß die übliche Redensart und ein solcher Gast muss zum Abschied noch obendrein reichlich beschenkt werden. Die größeren Paschas haben oft fünfzig Diener oder Agas, die nicht bezahlt und nur durch Reiseaufträge entschädigt werden; wo sie die Nacht bleiben, erhalten sie ein Geschenk. Mir führte der Müsselim ein junges Pferd, dem Aga einen Maulesel vor und meinem türkischen Diener dachte er einen halben Beutel zu; er war sehr betreten, dass ich mich weigerte, sein Geschenk anzunehmen, und beteuerte, dass in der ganzen Stadt kein edleres Tier zu haben sei; denn einen anderen Grund konnte er sich nicht denken, als dass mir die Gabe zu gering sei.

In übergroße Verlegenheit geriet Aly-Aga. Man durfte nur auf das elende Samsat blicken, welches sich in einen Winkel der alten prachtvollen Stadt verkrochen hat und kaum so viel Flächenraum bedecken mag, als einst der berühmte Circus von Samosata, um Erbarmen zu haben; denn der Müsselim tätigt solche Freigebigkeit keineswegs aus seiner Tasche, sondern erholt sich an den Einwohnern, besonders den christlichen. Diese Betrachtungen kamen meinem Begleiter aber nicht in den Sinn; dagegen fürchtete er, dass ich dem Pascha Unvorteilhaftes von ihm berichten könne, was ihm sehr schlecht bekommen wäre; er kämpfte einen harten Kampf und schlug endlich auch sein Geschenk aus. Das Tier muss sich aber irgendwie während der Nacht losgemacht haben und mit Gewalt mitgegangen sein, denn am folgenden Morgen fand ich es unter den Packpferden; dagegen hatte ich meinen ehrlichen Jacub zu entschädigen, der wirklich kein Geld angenommen hatte. Als ich vollends beim Wegreiten vergütete, was ich und meine Leute verzehrt hatten, da sank ich bedeutend in der Achtung des Müsselims, denn man muss in der Türkei schon sehr miserabel sein, um zu bezahlen; wer kann, der nimmt ohne Geld.

Ich glaube, in ganz Asien gibt es keinen Ort, der so voll Ungeziefer steckt wie Samsat. Länger als bis Mitternacht konnte ich nicht aushalten; ich ließ aufsitzen und als die Sonne aufging, hatten wir das sechs Stunden entfernte Adiaman erreicht. In der Ebene am Südfuß des Taurus und an den Quellen eines Flüsschens gelegen, bietet dieser Ort mitten in weiten Weinfeldern und Obstgärten einen schönen Anblick; die Trümmer einer Akropolis und eine große Zahl von Minaretts lassen eine große volkreiche Stadt erwarten, aber im Innern sieht man nur Schutt- und Trümmerhaufen.

Als wir im vollen Galopp auf den Hof des Müsselims zujagten und dabei durch einen breiten, seichten Bach setzten, konnte ich mich des Lachens über den Anblick meines Gefolges nicht enthalten; ich hatte nämlich die Ruderer mit mir genommen und meine vier Flussgötter saßen mit allen Attributen Neptuns, die Ruder auf der Schulter und die Schläuche zu beiden Seiten, auf den kleinen Pferden. Sobald die Rosse gewechselt waren, setzten wir die Reise fort; wir erstiegen eine Stunde nördlich der Stadt den steilsten Fuß des Taurus: Die Sonne brannte schrecklich und die kahlen Felswände glühten wie geheizte Öfen. Dieser Marsch wurde mir der mühsamste, den ich je gemacht; vier tiefe Täler mussten wir durchschreiten, zu denen man sich wohl 2000 Fuß hinabwindet, um jenseits ebenso hoch wieder hinaufzuklettern. Während des ganzen Tages bekamen wir keine menschliche Wohnung zu sehen; auf den Gipfeln der Höhen und im Grunde der Täler erquickte zuweilen ein schöner Anblick das ermüdete Auge, so in der Schlucht von Chadschaly, wo ein mächtiger Bach aus einer rötlichen Sandsteinwand bricht, schäumend 60 oder 80 Fuß tief hinabstürzt und dann unter breiten schattigen Platanen forteilt.

Nachdem wir die größte Höhe des Gebirges erstiegen hatten, erblickten wir plötzlich tief unter uns ein reizendes Tal; die grüne, völlig waagerechte Ebene von wohl einer Meile im Durchmesser war mit Saaten und Feldern geschmückt, von vier schlängelnden Bächen mit kristallhellem Wasser durchzogen und rings von himmelhohen Bergen umgeben, an deren Fuß mehrere Dörfer lagen. Mit der letzten Anstrengung unserer müden Tiere kletterten wir hinab und erreichten mit Sonnenuntergang, also nach achtzehnstündigem Ritt, ein Dorf, das unter den riesenhaftesten Nussbäumen versteckt lag, die ich je gesehen. Aber wie groß war unser Verdruss, als wir alle Häuser verlassen und leer fanden.

Die Kurden ziehen während des Sommers oft aus ihren Dörfern aus und bringen die heiße Jahreszeit mit den Herden auf den kühlen Bergen zu; sowie der Schnee schmilzt und grüne Weiden sich bilden, steigen sie höher empor, und wir mussten noch eine neue Bergwand erklimmen, wo wir aus großer Ferne Rauch gesehen zu haben glaubten. Als wir aus dem Gebüsch heraustraten, befanden wir uns plötzlich mitten im Kurdenlager; die schwarzen Zelte standen in einem weiten Kreis herum, die Weiber waren mit den Herden beschäftigt, die Männer lagen auf Teppichen an der Erde und rauchten und Scharen von Kindern spielten um sie herum.

Unsere Erscheinung verursachte einen allgemeinen Aufstand. Wenn ich daran dachte, wie diese armen Menschen in letzter Zeit von den Türken behandelt worden waren, wie man ihre Dörfer verbrannt, ihre Saaten zertreten und ihre Söhne für den Dienst gewaltsam weggeführt hatte, so blickte ich nicht ohne einiges Misstrauen auf diese Szene. Meine Marinetruppe war in der Tat nicht sehr formidabel und mein bewaffnetes Gefolge schwach; aber der Empfang verscheuchte bald jede Besorgnis. Der Ichtjar (Älteste) des Lagers eilte sogleich herbei, hob mich vom Pferd, führte mich in sein eigenes Zelt auf seine besten Kissen und seine Frau ließ sich's nicht nehmen, nach altorientalischem Brauch ihrem Gast die Füße zu waschen; die Pfeife fehlte nicht, aber Kaffee war ein Luxusartikel, der in diesem Lager nicht vorhanden war, dagegen wurde sogleich eine junge Ziege und ein Pillaw von Bulgur oder Gerstengrütze zum Abendbrot bestimmt. Das widerstrebende Tier wurde vor das Zelt gezogen und mit dem Handschar als Kurban oder Opfer geschlachtet. Die Ältesten aus den verschiedenen Familien erschienen; sie kauerten nach erlassener huldreicher Aufforderung an der Erde nieder und boten mir einer nach dem anderen ihre Pfeife.

Die kurdischen Weiber gehen unverschleiert, aber die Angehörigen tragen Sorge, dass man die Hübschen nicht leicht zu sehen bekommt; sie haben Ringe in den Nasen und was von Geld im Lager vorhanden ist, tragen die Frauen im Haar. Ich verehrte meiner Wirtstochter ein ganzes Münzkabinett von schlechten Zwei-, Drei- und Fünfpiasterstücken, deren man, Dank sei es der Münze in Konstantinopel, eine ziemliche Menge für ein paar Taler beschaffen kann. Das Mädchen war nun in ihrem Stamm als eine reiche Erbin anzusehen, was Geld anbetrifft, und der Mutter machte ich eine große Freude, indem ich ihr meinen Vorrat von Kaffee zurückließ.

Am folgenden Morgen früh erreichten wir das Dorf Abdulharab mit den Ruinen eines alten Schlosses mitten in einem weiten Schilfmeer. Wir stiegen nun mehrere Stunden lang in das steinige nackte Tal aufwärts bis zur Höhe des Bey-dagh oder Fürstenbergs. Die Hitze war furchtbar und unsere armen Tiere noch von gestern sehr ermüdet; hinter jeder Felsecke glaubte ich, der Blick in die weite Ebene von Malatia müsse sich öffnen, aber eine Enttäuschung folgte der anderen. Plötzlich standen wir neben einer der gewaltigsten Quellen; das kristallhelle kalte Wasser sprudelt armdick an zwanzig bis dreißig Stellen aus dem Kalkstein hervor und strömt als rauschender Bach zwischen schönen Platanen und grünen Ufern über Felstrümmer und Gestein. Eine Gruppe großer Maulbeerbäume erquickte uns durch ihre Schatten und süßen Beeren.

Ich werde nie den köstlichen Eindruck vergessen, den von hier an das Tal des Sultan-suj macht. Das Tal ist angefüllt mit einer fortlaufenden, vier geographische Meilen langen Reihe von Ortschaften, den Dörfern Hyndebeg, Tschirmigly, Vargasu und Asbusu, welche sich bis auf eine Stunde nahe an Malatia erstrecken. Das tiefe, schattige Grün des Tales, in dem 20 000 Menschen wohnen, kontrastiert wunderbar mit dem grauen und rötlichen Gestein der Höhe, die von der Sonnenhitze zu glühen scheint und auf der kein Busch, kein Grashalm mehr fortkommt; die breiten Kronen der Nuss- und Maulbeerbäume überdecken die Wohnungen, sodass selten nur ein flaches Dach oder ein Minarett zum Vorschein kommt; viele tausende schlanker Pappeln erheben sich aus der dunkelgrünen Masse, und die köstlichsten Obst- und Gemüsegärten, tausende von Häusern, Straßen und Brücken sind unter demselben Laubdach versteckt. Man muss einen Gebirgsmarsch in der Gluthitze gemacht haben und nach Asbusu kommen, um zu wissen, was Schatten und Wasser für Wohltaten sind.

 
Mesireh bei Karput, den 23. Juli 1838

Malatia ist ein Lagerplatz, wie man wenige findet; an jedem Ort, wo du sagst, hier will ich Wasser haben, leitet man dir einen Fuß dicken Strahl des klarsten Wassers hin. Die Lagerplätze sind hoch, etwas steinig, aber dem frischen Luftzug offen.

Leider ist der Kommandierende unpässlich, die kleinen Paschas wollen hier nicht fort und alles bleibt bei »Bakalum«, »wir wollen sehen«.

 
Karput, 3. August 1838

Wir liegen hier auf der Bärenhaut, und zwar alle krank; auch ich habe mich legen müssen, doch nur drei Tage. Der Pascha ist gestern zum ersten Mal wieder ausgegangen.

Hafiz-Pascha war unpässlich, als der durchreisende englische Konsul ihm seinen Arzt anbot; dieser stellte ihn bald her, es blieb aber die nach Krankheiten gewöhnliche Mattigkeit und Unbehaglichkeit. Der Pascha glaubte nun erst recht unwohl zu sein, behauptete, aus Gefälligkeit gegen den Konsul sich in diese Lage begeben zu haben, der englische Doktor habe ihn krank gemacht.

Die Pest ist in Siwas ausgebrochen, man hat dort sanitäre Anstalten getroffen. Bei dem großen Verkehr, in welchem wir stehen, ist aber doch eine fünftägige Quarantäne für alle von dort herkommenden Reisenden und Sachen beschlossen worden. Der Gesundheitszustand der Truppen ist so schlecht wie möglich; mehrere tausend Kranke und noch mehr Rekonvaleszenten. Alles ohne Arzt! Wir sind in diesem Augenblick fast unfähig einen Feldzug zu machen, wir würden die halbe Mannschaft unterwegs lassen.

Der Pascha ist nun seit sechs Wochen unpässlich und in all der Zeit hat er seine Truppen nicht gesehen; abends lässt er mich rufen; dann setzen wir uns auf unsere Maulesel und reiten nach irgendeinem nahen Garten oder Weinberg, breiten Teppiche auf die Erde, rauchen, trinken Wasser aus dem Euphrat, welches eigens herbeigeholt wird, und reiten mit der Dunkelheit friedlich nach Hause. So leben wir, vielleicht wenige Wochen vor Ausbruch eines entscheidenden Feldzugs.

Die Hitze ist hier immer noch sehr groß und die beste Zeit die Nacht; seit Monaten schlafe ich nun schon im Freien auf dem flachen Dach des Hauses. Meine Wohnung liegt hart an einem Abgrund und es ist von oben eine prächtige Aussicht; es ist ganz anmutig, sich bei hellem Sternenhimmel oder bei lauem Mondschein niederzulegen und zu erwachen, wenn die Sonne jenseits der hohen Berge am Euphrat aufsteigt und nach und nach die Gärten, Dörfer und Weinberge der weiten Ebene tief unter mir erleuchtet. Mich quält aber die Untätigkeit, in welcher wir leben.

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