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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 46
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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45.
Zug gegen die Kurden

Karsann-Dagh, den 4. Juni 1838

Der Widerstand der Kurden war mit dem Fall Sayds nicht so allgemein beseitigt, wie wir gehofft hatten; es befindet sich zwischen Musch und Hasu ein Hochgebirge, das bisher allen türkischen Armeen, selbst der Reschid-Paschas, unzugänglich gewesen ist. Dort erheben sich schroffe Kegel und Rücken, von welchen der Schnee noch heute 1000 bis 2000 Fuß tief hinabreicht und die zu den höchsten Bergen ganz Kleinasiens gezählt werden. Diese Gegend wird allgemein Karsann genannt und ist mit reichen Dorfschaften, Feldern, Bäumen und Bächen ausgestattet; keine der Ortschaften zahlt den Salian, keiner der Einwohner lässt sich zum Militärdienst zwingen.

Um nun das Karsann-Gebirge der Pforte zu unterwerfen, wurde eine sehr bedeutende Rüstung unternommen; denn nicht nur, dass mein Mehmed-Pascha mit seinem Korps durch das Herz von Kurdistan selbst heranzog, sondern es brach auch der Kommandierende von Diarbekir mit dem 19. Infanterieregiment, zwei Kavallerieregimentern der Garde, einigen hundert Sipahis, mehreren hundert Irregulären und drei Geschützen, insgesamt 3000 Mann, auf. Entboten war ferner der Schirvan-Bey, welcher östlich von Karsann sitzt, mit seinen irregulären Kurden, der Pascha von Musch, der aber selbst ein Kurde ist, und sogar der Erzerum-Valessi, von dessen Eingreifen ich jedoch bis heute noch nichts erfahren habe.

So sollte Karsann rings umschlossen und von allen Seiten zugleich angegriffen werden. Man rechnete die Gegner auf 30 000 Gewehre; es fehlt ihnen aber aller Zusammenhalt, kein Führer steht an ihrer Spitze, kein Schloss, keine Festung gibt ihrem Widerstand dauernde Kraft.

Unser Weg nach Karsann durch die oberen Paralleltäler der Tigriszuflüsse mit beständiger Überschreitung der 1000 bis 2000 Fuß hohen Wasserscheiden war ungemein mühsam. Wir hatten zehn starke Pferde vor jedem Geschütz, und so ging es über Steine und Geröll, in Flusstälern, an Berglehnen hin; oft aber war der Pfad so gewunden und steil, dass Menschenhände das Beste tun mussten. Es war schwer, in diesem hohen Gebirge die Lagerplätze für Zelte zu finden. Niemals hätte ich gedacht, dass bei einem Krieg in der Türkei mir die Saatfelder ein Hindernis beim Lagerabstecken sein würden, und doch war dies der Fall. Wir zogen durch befreundete Kurdendörfer und respektierten die Saat, als ob es Teltower Rübenfelder wären; dies Verfahren ist sehr klug und nicht genug zu rühmen. Der Pascha selbst hält zuweilen eine Stunde vor einem Dorf, bis der Zug vorüber war, damit niemand sich Erpressungen erlaube; auch kamen die Kurden ohne Furcht nach dem Basar in unserem Lager, wo sie ihre Waren zum Verkauf brachten. Das ist ein mächtiger Schritt zur guten Ordnung.

Die Flüsse setzten uns große Hindernisse in den Weg; das Doghan-suj war 150 Schritt breit und noch viel reißender als der Tigris; die Flöße kamen über 1000, selbst über 1500 Schritt unterhalb des Abfahrtspunktes an; wir brauchten volle zwei mal vierundzwanzig Stunden, um unser kleines Heer nebst unseren Herden überzusetzen, währenddessen ich eine Exkursion nach dem nahen Sert oder Söört machte, einer schönen Gebirgsstadt, die aber seit dem letzten Krieg noch zum Teil in Ruinen liegt. Einen Marsch weiter standen wir wieder an einem Wasser, dem Jesid-hane-suj, der 300 bis 400 Schritt breit, aber seicht war; wir wollten hier nicht wieder liegen bleiben, sondern um jeden Preis durch; beim ersten Versuch wäre mein Pferd beinahe mit mir davongeschwommen, kaum dass es noch Grund fasste. Wir fanden eine Stunde weiter oben eine bessere Stelle und dort setzte das Korps sofort über, die Infanterie bis über die Brust im Wasser; die Geschütze verschwanden ganz, und obschon sie sich an 8000 Fuß über dem Meeresspiegel befinden mochten, so waren sie doch vollkommen unter dem Flussspiegel.

Wir näherten uns jetzt dem Städtchen Hasu, das feindlich gesinnt ist. Am folgenden Morgen rückten wir vorsichtig in zwei Kolonnen heran, die Artillerie sollte uns sofort den Eingang öffnen, als wir erfuhren, dass niemand außer wehrlosen Rajahs dort zurückgeblieben waren, alle Moslems aber in die Gebirge entwichen seien. Wir bezogen ein Lager vor der Stadt; der Pascha schickte mich zu einer Erkundung vor, um das Lager für den nächsten Tag aufzusuchen; dazu gab er mir ein paar Dutzend kurdische Reiter mit, die nur mit Lanzen, Säbeln und Schilden bewaffnet waren.

Das Dorf, wohin ich wollte und dessen Lage sehr günstig war, um von dort weiter ins Gebirge einzudringen, war zweieinhalb Stunden entfernt; als unterwegs von den Bergen ein paar Schüsse fielen, wollten die Irregulären nicht mehr weiter, und da ich mit ihnen nicht sprechen konnte, so blieb mir nichts übrig, als allein weiterzureisen, worauf ein Kurde mir folgte. Ich fand das Dorf verlassen, den Lagerplatz äußerst günstig. Nachdem ich dem Pascha diesen Bericht gemacht hatte, nahm ich Gelegenheit ihm zu sagen, dass man bei uns einem rekognoszierenden Offizier eine Patrouille Infanterie, auch wohl, wenn nötig, ein Bataillon mit einigen Geschützen mitgäbe.

Am folgenden Morgen rückten wir früh in das neue Lager; alle waren entzückt über eine mächtige Quelle, die ein silberhelles Bassin bildet, über große Nussbäume, weite Kornfelder und einen fahrbaren Weg. Das Dorf wurde sofort in Brand gesteckt, ich suchte vergebens dagegen einzureden: Man müsse den Flüchtigen Strenge zeigen, denen, die blieben, hingegen Pardon schenken, sonst käme man nie zu Ende. Kaum waren wir angekommen, so erschien der Befehl des Kommandierenden uns mit ihm zu vereinigen; mit Zurücklassung der Geschütze rückte die Infanterie sogleich in der befohlenen Richtung ab. Unterwegs wurden wohl ein Dutzend Dörfer angezündet; endlich gelangten wir in einem tiefen Gebirgstal an ein großes Dorf, Papur, dessen Einwohner nicht geflohen waren; sie standen vielmehr auf den flachen Dächern ihrer Häuser, feuerten schon aus der Ferne auf uns und riefen: Wir möchten nur näher kommen. Wir erfuhren, dass Hafiz-Pascha gestern mit Verlust vor diesem Defilee zurückgeschlagen worden war. Das Dorf lag etwa 200 Fuß hoch am Fuße einer steilen Felswand; ich schlug Mahmud-Bey auf Befragen vor mit Tirailleuren das Dorf links zu umgehen, wo ein Hügelrücken und Bäume uns gegen sein Feuer deckten, dann die hintere Felswand zu ersteigen und so von oben herab das Dorf zu stürmen, wodurch den Einwohnern jeder Rückzug abgeschnitten wurde, denn sonst hatte man sie morgen noch einmal zu bekämpfen.

Die Tirailleuren gingen unverzagt vor, zwar kam oben vom hohen Kamm des Gebirges von den dorthin Geflüchteten einiges Feuer, es war aber ohne sonderliche Wirkung; bald standen wir den Einwohnern über den Köpfen; ein Hagel von Schüssen vertrieb sie von ihren flachen Dächern, und mit Schrecken sahen sie ihren Rückzug bedroht. Jetzt ging es mit »Allah! Allah!« in das Dorf hinab; viele Flüchtlinge wurden mit dem Bajonett niedergestoßen, andere entkamen auf Umwegen.

Ich hatte die ganze Partie auf einem Maulesel mitgemacht, weil ich schon seit einigen Tagen aus Erschöpfung unwohl und zu schwach zum Gehen war. Die Häuser waren voll gestopft mit Sachen, wahrscheinlich aus den nächsten Dörfern, und die Soldaten kehrten mit Beute beladen aus ihnen zurück; ein Kavallerist bat mich ganz treuherzig sein Pferd zu halten, was ich tat, bis er seine Taschen gefüllt hatte. Aber der Aufenthalt im Dorf war sehr unfreundlich, da man von oben noch immer schoss; der Kologassi, der Oberst der Wache, erhielt neben mir einen Schuss durch die Hand und ich gab ihm den Maulesel meines Agas, damit er sich entferne. Man musste sich dicht an die Mauern pressen; zuletzt hielt nur noch ein Haus, es widerstand vier bis fünf Stunden lang mit der wütenden Verzweiflung; der Häuptling des Orts hatte sich mit seiner Fahne dort verschanzt. Für ihn war keine Rettung auf dieser Erde, denn auf Gnade konnte er nicht hoffen, er wollte daher nur sein Leben teuer verkaufen; durch dieselben Fensteröffnungen schoss man hinein und heraus.

Ich war inzwischen zu Hafiz-Pascha geritten, der dem Kampf unten von einem kleinen Hügel zusah; dorthin brachte man die Trophäen und Gefangenen; Männer und Weiber mit blutenden Wunden, Säuglinge und Kinder jeden Alters, abgeschnittene Köpfe und Ohren, alles wurde den Überbringern mit einem Geldgeschenk von 50 bis 100 Piastern bezahlt. Mühlbach wusch den verwundeten Gefangenen die Wunden aus und verband sie, so gut es gehen wollte; der schweigende Kummer der Kurden, die laute Verzweiflung der Frauen gewährten einen herzzerreißenden Anblick.

Das Schlimmste ist, wie soll man einen Volkskrieg im Gebirge ohne jene Scheußlichkeiten führen? Unsere Verluste sind nicht unbedeutend. Mehmed-Bey und Mehmed-Pascha traf ich beim Sturm in der vordersten Reihe der Tirailleuren; Letzterem wurde das Pferd erschossen. Den folgenden Tag war Ruhe, dann ging es weiter in die Berge, wo eine unglaubliche Menge Gefangener aller Art eingetrieben worden sind; ich konnte diesem Zug nicht mehr folgen, nur mit meinen letzten Kräften und unter Eskorte des Paschas kam ich hierher in das Lager, welches außerhalb der Berge zurückgelassen ist und wo ich vier Tage recht elend krank gewesen bin. Der Krieg ist aber zu Ende und alles bittet um Gnade.

Seitdem ich mit den türkischen Truppen diese freilich unbedeutende Kampagne mitgemacht habe, habe ich einiges Vertrauen gewonnen; wenn sie nur alle so sind wie diese zwei Regimenter. Die Leute gingen prächtig ins Feuer; der Fatalismus in ungeschwächter Kraft und Beutelust sind freilich bei dieser Gelegenheit mächtige Hebel für ihren Mut, denn ihre Gegner sind wohlhabend. Unsere Ausrüstung ist schlecht, aber der Himmel ist milde; den schwierigen Marsch hierher über steinige Gebirgspfade und durch zahllose Bäche und Flüsse machte unsere Brigade barfuß, die elenden Schuhe in der Hand; zum Gefecht wickelt sich der Soldat seine ganze Toilette samt dem Mantel als Gurt um die Hüften, was gar nicht übel ist. Die Gewehre sind schlecht und machen wenig Anspruch auf Treffen; auch zielen die Leute gar nicht. Während man das Dorf stürmte, bemerkte ich einen Tschausch, der mit abgewandtem Gesicht in Gottes blaue Luft hineinfeuerte. » Arkardasch – Kamerad«, sagte ich, »wohin hast du denn eigentlich geschossen?« » Sarar-jok Babam – es schadet nichts, Väterchen –, inschallah vurdu! – Will's Gott, so hat's getroffen«, antwortete er und feuerte rasch noch eins in dieselbe Richtung. Es ist aber auch wahr, dass wir die meisten Verwundeten von unseren eigenen Kugeln hatten, die immer von hinten über uns wegpfiffen.

Hier wird manches statuiert, was gar sehr gegen unsere Lagerordnung verstoßen würde; sobald der Soldat ankommt, füllt er zuerst seine Matara oder Wasserflasche, trinkt oder wirft sich, von Schweiß triefend, ins Wasser, wenn ein solches da ist, dann schläft er eine oder zwei Stunden, und wenn die brennende Sonne etwas sinkt, so kriecht er hervor und gräbt sich ein Kochloch neben seinem Zelt. Dort wird das Brot gleich mit der Mahlzeit bereitet; das gelieferte Mehl wird zu einem dünnen Fladen ausgeknetet und auf Eisenblech-Platten, die man über das Feuer stülpt, wie eine Omelette schnell gebacken.

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