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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 42
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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41.
Das turkmenische Lager – Der mittlere Lauf des Euphrats – Rumkaleh – Biradschik – Orfa

Orfa, den 6. April 1838

Nur ungern wendete ich mich vom schönen Syrien abwärts, dem ich in Marasch so nahe war, und lenkte die Zügel meines Pferdes wieder dem Euphrat zu.

Am 29. März hatte ich einen achtzehnstündigen Ritt mit demselben Pferd zu machen, denn auf dieser ganzen Tour gibt es kein Dorf, kein Haus. Wir passierten die Bazardschik-ovassi, eine weite Ebene, auf der drei Turkmenenstämme, Atmaly, Kilidschli und Sinimini, lagern, die zusammen 2000 Zelte bewohnen.

Suleiman, der Pascha von Marasch, hatte einen Boten an den Aga des Stammes Sinimini vorausgeschickt, um ihn zu benachrichtigen, dass ein Giaur kommen werde, dem allerlei Ikram oder Ehrenbezeugungen zu machen wären. Nach mehrstündigem Ritt über grüne Reisfelder und flache Hügel und nachdem wir den Fluss Akdere durchfurtet, sahen wir uns zwischen einer Menge von Zelten, die in kleine Dorfschaften an den Berglehnen und auf der Ebene gruppiert waren. Wir hatten einige Mühe die Residenz des Kurdenfürsten zu finden, und endlich entdeckten wir in einem kleinen Tal ein Zelt, das wohl 100 Fuß lang und halb so breit war. Der Aga, ein Greis mit schönem grauen Bart, von ehrwürdigem Aussehen, aber in ganz einfacher Tracht, empfing mich am Eingang. Das Innere des Zeltes (wie alle übrigen aus schwarzem Ziegenhaar) war durch niedrige Schilfwände in mehrere Gemächer abgeteilt, in denen die Fremden, die Frauen, die Pferde, Kamele, Kühe, Ziegen, jedes seinen Platz fand; ein mächtiges Feuer brannte in der Mitte. Die Kurden halten sich immer in der Nähe des Waldes auf, sonst wäre es auch fast unmöglich, im Winter, der mindestens ebenso streng und länger als der unsrige ist, in einer solchen Wohnung auszuhalten. Die Wirtschaft des Agas hatte ein ganz patriarchalisches Aussehen; er setzte mir Brot, Milch, Honig und Käse vor, er selbst aber ließ sich erst nieder, nachdem ich ihn dazu aufgefordert hatte. Nirgends war ein Anschein von Macht und Herrlichkeit und doch gebietet dieser Mann über 600 Familien.

Ein zwanzigstündiger Marsch auf halsbrecherischen Gebirgswegen und durch angeschwollene Bäche führte uns nach Gerger, einem alten Schloss auf einer Felsenspitze am Euphrat. Das Kastell, verfallen wie es ist, wenn es nur Proviant hat, ist uneinnehmbar und hat nur den Fehler, dass eben niemand es nehmen wird in der wegelosen Einöde, wo es liegt.

Fast alle Brücken, Karawansereien, Straßen und Hanns in diesem Land sind vom Sultan Murad angelegt. Die Türken haben aus gerechter Anerkennung den berühmten Fluss, den Euphrat, mit seinem Namen getauft. Der Murad oder Euphrat ist bei Kieban-Maaden, wo ich ihn zuerst sah und nachdem er den großen Zufluss von Erzerum aufgenommen hat, ein Strom ganz wie die Mosel; eng zwischen hohen wilden Bergen eingeschlossen.

Bei Gerger tritt der Strom aus engen senkrechten Sandsteinwänden wieder zu Tage; von hier breitet sich der Euphrat aus und fließt in weiten Windungen am alten Kastell Choris vorüber, der berühmten Stadt Samosata zu; dort ist das Tal weit und der Fluss gleicht der Oder nahe oberhalb Frankfurt.

Rumkaleh bietet einen ganz überraschenden Anblick; bei Regen und Sturm schleppten wir uns den ganzen 4. April mühsam vorwärts durch die Steinwüste, als plötzlich das tief in dieser Ebene eingeschnittene Tal des Frat sich vor uns öffnete. Tief unten windet sich der auf 100 Schritt verengte Strom und jenseits erhebt sich die überraschend stattliche Festung Rumkaleh.

Sehr viel wichtiger ist die Lage von Beledschik oder Biradschik, das die Karten Birth oder Bir nennen. Der Strom tritt hier aus steilen Bergwänden hervor, bleibt dann bis zu seiner Mündung in der Ebene und wird jetzt schiffbar.

Von Beledschik ostwärts zieht nur eine enge, schlechte aber fahrbare Straße durch die Steinwüste über Orfa nach Diarbekir. Dies ist der einzige Weg aus dem weiten assyrischen Binnenland durch das große Defilee zwischen Libanon und Giaur-Dagh hindurch zu den syrischen Städten und zum Meer.

Auf dem Weg nach Orfa übernachteten wir in einem Dorf eigener Art. In dem ganzen oberen Teil von Mesopotamien, der Steinwüste, wie ich sie dir oben geschildert habe, findest du keinen Baum, keinen Busch, nicht so viel, um ein Schwefelholz daraus zu schnitzen, oft ist nicht Erde genug da, um Grashalme zu treiben. Die Menschenwohnungen sind daher meist in den weichen Sandstein eingehöhlt und liegen auf den Spitzen der Hügel.

Orfa, das alte Edessa, war Hauptstadt des Königreichs Osroene und wurde 216 eine Kolonie der Römer, welche unter Severus dort und durch die Befestigung von Nisibis festen Fuß jenseits des Euphrat fassten.

Orfa ist noch immer eine große und schöne Stadt, ganz aus Steinen erbaut, mit stattlichen Mauern und einem Kastell auf einem dominierenden Felsen. Am Fuße des Kastells sammelt sich das Wasser mehrerer Quellen in zwei Bassins, die von hohen Weiden, Platanen und Zypressen umringt sind und neben denen sich eine Medresseh mit schönen Kuppeln und Minaretts erhebt. In der klaren Flut schwimmen eine zahllose Menge von Karpfen, die niemand anrührt, weil sie heilig sind und jeder, der davon isst, blind wird.

Orfa liegt an kahle Felsen gelehnt, aber von hier abwärts gegen Süden fängt die Tschöll oder Wüste an, eine unabsehbare Fläche, zurzeit mit Grün bekleidet, bald aber verdorrt. Orfa bildet mit seinen Obst- und Weidenbäumen eine Oase zwischen der Sand- und der Steinwüste. Scherif, Pascha von zwei Rossschweifen, empfing mich sehr freundlich; ich musste bei ihm wohnen, und obwohl es Freitag war, veranstaltete er ein Exerzieren im Feuer.

Von Orfa bis hierher nach Diarbekir, denn ich habe meinen Brief hier fortgesetzt, ist die traurigste Einöde, die man sich denken kann. Außer der Stadt Süverek habe ich auf dieser vierzig Stunden weiten Strecke nur vier bewohnte Dörfer gesehen, alle Übrigen sind Steinhaufen, in die nur im Winter sich Araber einnisten. Brunnen gibt es wenige, die Täler sind ohne Wasser, selbst ohne Spur, dass je Wasser in denselben gewesen ist, indes findet man hin und wieder Airats, d. h. überwölbte Zisternen, in welchen im Winter das Wasser von dem nackten Steinboden zusammenläuft. Die Airats sind fromme Stiftungen und während des Sommers findet man Turkmenen und Araber mit hunderttausenden Stück Vieh um sie gelagert, deshalb ist ihr Vorrat im Juni meist schon erschöpft; zuweilen liegen sie sehr tief, und lange Stiegen führen hinab bis an den Spiegel des heiß ersehnten Elements.

So ritt ich denn bis in die Nacht bei hellem Mondschein durch diese Einöde. Selten begegnete man einem Trupp Reiter mit ihren langen Lanzen und wechselte den Gruß »Selam aleikon!«, »Aleikon selam!« Hin und wieder sah man eine Kamelherde, die ihr Futter mühsam zwischen den Steinen aufsuchte, und die schwarzen Zelte der Hirten daneben. Der Surudschi sang dasselbe Lied, dessen Refrain »Aman! Aman!« (»Erbarmen! Erbarmen!«) nach derselben eintönigen Weise, die an der Donau wie am Euphrat erklingt, und mir war es manchmal, als müsste ich aus einem Schlummer erwachen, in dem mir geträumt in Mesopotamien zu sein.

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