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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 40
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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39.
Ankunft im Hauptquartier der Taurus-Armee

Messre bei Karput, den 19. März 1838

Von Kleban-Maaden stiegen wir durch ein tiefes Gebirgstal drei Stunden aufwärts und erreichten dann ein flaches, aber hohes Hügelland, auf dem einzelne Kurdendörfer zerstreut liegen. Der Schnee bedeckte noch die hohen schroffen Gipfel, die uns umringten, und unsere Straße selbst war nicht überall davon befreit; je weiter wir vorrückten, je dichter war das Land mit Basaltstücken überdeckt wie ein aufgerissenes Straßenpflaster und doch war Korn zwischen diese Trümmer gesät. Gegen Abend endlich öffnete sich eine weite Ebene, mit Dörfern und Weingärten bedeckt und von Wegen und Bächen durchschnitten, Pappeln und Nussbäume trösteten das Auge für die kahlen Berge. Die Dörfer sehen stattlich genug aus, die Häuser sind hoch, aus Luftziegeln mit Lehm überzogen und mit Balken und Erdterrassen überdeckt. Mitten in der Ebene erhebt sich ein Hügel mit schroffen Felswänden, auf dem die Stadt Karput mit einer alten Zitadelle und einigen Minaretts in der Abendsonne glänzte; rings umher, aber in weiter Ferne, schlossen schneebedeckte zackige Bergreihen die Aussicht.

Wir hielten eine halbe Stunde vor der Stadt in dem Dorf Messre an, wo das Hauptquartier sich gegenwärtig befindet. Ein weitläufiges Gebäude aus Lehm mit flachem Dach, wie ich es eben beschrieben, war die Wohnung des kommandierenden Generals; eine kleine Wache und zahlreiche Dienerschaft, Kawassen, Tataren, Seymen und Hausoffizianten füllten den Hof.

Ich fand den Pascha in einem hohen, mit Balken eingedeckten Zimmer, dessen Fußboden und Diwan mit grauem Tuch überzogen und dessen Fenster mit Papier verklebt waren. An den Wänden hingen Waffen und auf den Sofas lagen eine Menge von Briefen in Stückchen Musselin eingewickelt und mit rotem Wachs versiegelt; Tische, Stühle, Kommoden, Spiegel, Gardinen oder anderes Gerät, welches wir für unentbehrlich halten, war so wenig hier wie in anderen türkischen Gemächern vorhanden; dagegen stand eine große Zahl von Dienern und Offizieren mit vor den Leib verschränkten Armen ehrerbietig schweigend da. Der Pascha saß mit untergeschlagenen Beinen auf einer Tigerhaut an der Erde; er war in einen blauen Mantelkragen mit Zobelbesatz gekleidet, den Fes auf dem Kopf. Se. Exzellenz empfingen uns mit einer leichten Bewegung des Kopfes, winkten uns niederzusitzen und sagten nach einer Pause, dass wir willkommen seien.

Hafiz-Pascha ist ein geborener Tscherkesse und wurde für das Serail des Großherrn gekauft, er hat daher eine bessere Bildung erhalten als die meisten seiner Kollegen; er liest und schreibt, kennt etwas von der persischen und arabischen Sprache, hat einige Kenntnisse und viel Interesse für die ältere Geschichte des Landes; er begleitete die Gesandtschaft, die vor fünf Jahren nach Russland ging; in Skodra in Albanien leistete er einen dreizehnmonatigen Widerstand gegen die ihn belagernden Arnauten und als Reschid-Pascha in Diarbekir starb, gab der Großherr ihm das Kommando über die damals mit den Kurden im Krieg begriffene Armee, deren Hauptauftrag jedoch die Beobachtung der ägyptisch-syrischen Armee war. Anders als die meisten seiner Kollegen ist der Pascha blass und mager; der Fes, den er zuweilen zurückschiebt, bedeckt eine hohe, tief gefurchte Stirn. Wenige Wochen, bevor wir ankamen, hatte er eine Tochter und einen Sohn verloren. Obgleich gewiss nicht unempfindlich, beachtete er doch die ruhige, gelassene Haltung, die überall, aber besonders hier, einen Mann von Stande bezeichnet. Nach einigen Fragen über unsere Reise und nachdem wir Kaffee getrunken hatten, waren wir entlassen. Der Diwan-Effendi, unser Begleiter, blieb aber zurück, um seine Briefe und mündlichen Aufträge mitzuteilen.

Man führte uns in ein großes Zimmer, ganz dem des Paschas ähnlich; obgleich noch niemand eigentlich wusste, was aus uns zu machen sei, empfingen uns die Leute doch freundlich; der Pascha schickte Betten aus seinem Harem und wir ruhten von den Beschwerden der Reise bis spät den folgenden Morgen. Wir waren noch nicht lange wach, als man vier prächtige arabische Hengste in den Hof führte; ein Geschenk des Paschas für uns. Ich war noch beschäftigt, meine beiden Tiere zu satteln und zu zäumen, als der Pascha selbst kam, uns einen Besuch zu machen; er interessierte sich sehr für eine Wegskizze, welche unsere ganze Reiseroute enthielt, ließ alle seine Karten holen und befahl, die Skizze darauf einzutragen.

Danach ritten wir mit dem Pascha nach der eine halbe Stunde von hier am Fuße des Hügels von Karput gelegenen großen Kaserne, die sein Vorgänger für 6000 Mann hatte erbauen lassen, und fanden alles in vollem Exerzieren. In Karput selbst exerzierten die Leute auf den Dächern der Häuser, als den einzigen horizontalen Ebenen dieser Gebirgsstadt. Bei unserem Nachhausekommen fanden wir große Schachteln mit Pistazien, getrockneten Pfirsichen, Äpfeln aus Malatia und Honig von den hiesigen Bergen, ein Geschenk des Paschas.

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