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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 36
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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35.
Amasia –Die Felsenkammern

Sivas, den 10. März 1838

Unser erster Marsch von Samsun betrug vierzehn Stunden; es gab mehrere Höhen und Täler zu überschreiten, die von Schnee eben erst entblößt, doppelt mühsam zu passieren waren; auch kamen wir spät in der Dunkelheit und von Regen durchnässe in Ladika an. Dieser Ort hat, wie wir am folgenden Morgen von den hohen schneebedeckten Bergen sahen, eine schöne Lage; wir stiegen nach einigen Stunden in ein breites angebautes Tal hinab, dessen Wände sich immer mehr näherten, bis sie dicht zusammentrafen und eine tiefe enge Schlucht bildeten. Schroff und fast ganz ohne Vegetation erhoben sich wohl 100 Fuß die Felslehnen zu beiden Seiten, während die enge Sohle des Tals zwei Stunden weit einen fortlaufenden Garten bildete, bedeckt mit Häusern und Maulbeerpflanzungen.

In dem Augenblick, als wir über eine kleine Anhöhe hervortraten, entfaltete sich plötzlich der eigentümlichste und schönste Anblick, den ich je gesehen – die uralte Stadt Amasia. Der Zusammenfluss zweier beträchtlicher Gebirgswasser aus ganz entgegengesetzten Richtungen, welche dann vereint nordostwärts abfließen, bildet einen tiefen Gebirgskessel, in den Kuppeln, Minaretts und Wohnungen von 20 000 bis 30 000 Menschen zusammengedrängt sind. Schöne Gärten und Maulbeerplantagen, die der rauschende Strom durchteilt, sind ringsum von hohen Felswänden umschlossen, und rechts auf einer hervorragenden Klippe thront ein uraltes, seltsam gestaltetes Kastell. Was aber den befremdendsten Eindruck hervorbringt, sind die wunderbaren Felsenkammern, die in den senkrechten Steinwänden eingemeißelt sind; lange betrachtete ich diese kolossalen Nischen, Gänge und Treppen, ohne mir eine Vorstellung davon machen zu können, was der Zweck einer so mühevollen, vieljährigen Arbeit sein könne. Fünf große Felsenkammern befinden sich nahe aneinander und sind durch Galerien und Treppen verbunden, die mit ihren Balustraden in die Felswand eingehauen sind. Wahrscheinlich waren es Gräber der Könige von Pontus. Obwohl über 2000 Jahre alt, sind die Linien so scharf erhalten, als wenn sie eben fertig geworden.

Der Anblick von der Zitadelle herab ist prachtvoll; es war eben Beiram, der größte Feiertag der Türken. Überall war Leben und sämtliche Frauen, in ihren grellen bunten Gewändern, kamen aus den Bädern. Von der Zitadelle wurde mit Böllern geschossen, die in den Tälern prächtig widerhallten, auch wir feuerten unsere Pistolen ab, um nach Kräften zu dieser Feierlichkeit beizutragen.

Wegen des Beiram konnten wir erst nach dem Morgengebet um 10 Uhr reiten; wir benutzten die Zeit, um die Felsengräber noch einmal zu besehen, entdeckten noch mehrere kleine Kammern und allerlei in den Felsen geschnittene schmale Gänge, die einst auf Verschanzungen führten.

Bei hellem Sonnenschein ritten wir am 7. weiter, oft zurückblickend nach der schönen Lage der Stadt und dem hoch ragenden alten Schloss. Wir folgten einem Nebental des von Tokat kommenden Tusanly-Flusses, an dessen Ufer Gänge in die Felswand gehauen sind; unser Tal schloss sich bald so, dass man gar keinen Ausweg sah, und in einer engen Felspforte, durch die ein wilder Gebirgsbach schäumte, kletterten die schwer beladenen Pferde mühsam empor. Wir erklommen jetzt schon eine bedeutende Höhe und stiegen dann durch ein schönes Gebirgstal mit einem rauschenden Bach hinab; abermals traten die Felswände bis auf einige Schritte zusammen, dem Weg und dem Bach kaum einen Durchgang gestattend. Bei einem einzelnen Häuschen an dieser schönen Stelle wurde gegen Abend einen Augenblick gerastet. Wir fanden ein Gerüst, oben mit 4 Fuß langen Messern besetzt; auf Befragen erfuhren wir, dass es für Straßenräuber bestimmt sei, die darauf gespießt noch drei bis vier Tage leben, und es stellte sich heraus, dass wir eben beim Schinder unter dem Galgen Kaffee tranken. Abends spät kamen wir nah Turhall.

Dieses Städtchen liegt in einer weiten, schönen Talebene, die durch den Zusammenfluss von vier beträchtlichen Wassern gebildet wird; mehrere einzelne Felskegel ragen aus der Wiesenfläche hervor; der, welcher der Stadt am nächsten liegt, ist von den Ruinen eines alten Schlosses gekrönt.

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