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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 35
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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34.
Reise nach Samsun – Die Häfen des Schwarzen Meeres – Dampfschifffahrt

Tokat in Asien, den 8. März 1838

Kaum finde ich Zeit, dir einige Zeilen zu schreiben, so schnell geht unsere Reise vorwärts; heute erst machen wir einen halben Tag Halt und ich setze mich sogleich neben ein loderndes Kaminfeuer, schichte eine Menge Sofakissen übereinander, um ein hier unbekanntes Möbel, einen Tisch zu konstruieren, und fange an meine Reiseschicksale zu erzählen; aber da kommt alle Augenblick ein Besuch, ein Oberst aus Konstantinopel, der mein alter Reisegefährte in Rumelien war und jetzt Kommandeur der Landwehr ist, ein Imam, ein Jude mit alten Münzen usw. Es werden zahlreiche Pfeifen geraucht und Kaffee getrunken, schon fängt es an dunkel zu werden und morgen geht es zwanzig Stunden über schneebedeckte Berge nach Siwas.

Ich bin dir noch den Bericht über die Abschiedsaudienz schuldig, welche von Mühlbach und ich beim Großherrn hatten; sie ist indessen für mich die vierte und weicht in nichts von den übrigen ab, sodass ich die Wiederholung erspare.

Mittags darauf reisten wir mit dem großen schönen Dampfschiff »Fürst Metternich« ab. Das Wetter war köstlich, die See ruhig, und mit Vergnügen schwammen wir die Küste entlang, die, überall hoch und steil, in der Ferne von noch höheren beschneiten und bewaldeten Kuppeln überragt ist. Das Schiff nahm in Sinope Kohlen ein und wir benutzten diesen Aufenthalt, um das alte genuesische Kastell bei hellem Mondschein zu besehen. Es liegt auf einer Landenge und sperrt die ungewöhnlich gut gebaute Stadt und eine bergige Halbinsel vom Kontinent ab. Der Ort hat schöne Schiffswerften; die milde Luft, die vielen Ölbäume und Zypressen, das leuchtende Meer, die alten Türme und Mauern geben ein schönes südliches Bild. Am zweiten Tag mittags schon liefen wir in den Hafen von Samsun ein; in zweimal vierundzwanzig Stunden hatten wir mit allem Komfort hundert deutsche Meilen zurückgelegt.

Der Anblick von Samsum ist höchst angenehm; ein altes genuesisches Kastell, mehrere gut gebaute türkische Konaks, einige steinerne Moscheen und Hanns zeichnen sich schon in der Ferne ab. Das ganze Städtchen ist von einem Olivenwäldchen umgeben, welches das Bergamphitheater bekleidet und aus dem freundliche Kiosks und Gartenhäuser hervorblicken; die Gipfel der Hügel krönt ein griechisches Dorf und dahinter ragen Waldkuppen, die ihre 3000 Fuß Höhe haben mögen. Ich benutzte den Abend, um einen Plan dieses Orts, des Hafens und der Umgebungen aufzunehmen, und es kam mir wirklich seltsam genug vor, in Pontus, im Lande Mithridats, meinen englischen Patentmesstisch aufzustellen.

Es hat sich so getroffen, dass ich nun fast alle Häfen des Schwarzen Meeres von der Mündung der Donau bis zum Kisil-Irmak genauer kennen gelernt habe; sie sind alle schlecht. Das schon von alters her so verrufene Schwarze Meer ist weder stürmischer noch so oft mit Nebel bedeckt wie unsere Ostsee und Untiefen und Klippen, wie jene, hat es gar nicht; die große Gefahr besteht hauptsächlich in dem Mangel an geschützten Reeden und gesicherten Häfen.

Der ostindische Handel nahm früher seinen Weg durch die Levante. Die Genueser waren Herren aller Hafenplätze an der kleinasiatischen Küste, wie an so vielen anderen Punkten des Osmanischen Reiches. Überall haben sie dauernde Spuren ihrer Herrschaft hinterlassen; ihre Anlagen zeichnen sich durch Solidität und Tüchtigkeit aus; ihre alten Schlösser stehen noch jetzt und verspotten durch ihr Profil die späteren türkischen Anlagen.

Persische Kaufleute besuchten auch früher schon die Leipziger Messe, von wo sie Fabrikwaren und Pelzwerk holten. Die Reise dauerte gewöhnlich fünfzehn Monate und war zahllosen Gefahren und Beschwerden ausgesetzt. Heute geht derselbe Handelsmann von Trapezunt mit den Dampfschiffen in vierunddreißig Tagen über Konstantinopel und Wien nach Leipzig und kehrt in zwanzig Tagen zurück.

Die »Metternich« hatte für eine Million Fabrikate an Bord; ein zerlumpter persischer Kaufmann, der unbeweglich in einer Ecke des Verdecks kauerte und dessen Mahl aus Oliven, Knoblauch, Zwiebeln und Brot bestand, hatte allein 5000 Piaster gezahlt. Aus den kleinen asiatischen Häfen bringt das Dampfschiff Tabak, Früchte, rohe Seide, persische Schals, Galläpfel und persische Gold- und Silbermünzen, die in Konstantinopel zu schlechtem Geld ausgeprägt werden. Die Reisenden sind stets viele, aber fast nur Verdeckpassagiere; der Türke führt sein Bett, sein dürftiges Mahl und seine Pfeife mit sich, wickelt sich nachts in seine Pelze und Teppiche und verlässt fast nicht den Platz, auf den er sich bei der Abfahrt hinsetzt. Ich reiste mit einigen Offizieren der neu geschaffenen Landwehr; sie waren nach Konstantinopel neunzehn Tage unterwegs gewesen, in zwei Tagen kamen sie zur See wieder zurück; uns dagegen steht jetzt der Landweg bevor. Unsere kleine Karawane besteht aus etwa dreißig Pferden und zieht so schnell einher, wie die Wege und Witterung es erlauben; die Straßen sind oft nur Fußpfade, die steile Höhen erklimmen oder angeschwollene Bäche durchschneiden. Wagen würden gar nicht oder doch nur mit Ochsen fortkommen können; zu Pferde aber geht es gut. Wenn ich beim Ausreiten zuweilen mein kleines kappadozisches Ross wegen wenig einnehmenden Exterieurs bedenklich ansehe, so hebt der Tatar die rechte Hand mit gespitzten Fingern empor und schlürft die Luft durch die Lippen, ein Zeichen der höchsten Bewunderung; »Rachwan!«, ruft er, »Ein Passgänger!«, und dies ist die schönste Empfehlung. Wirklich bin ich mit diesem Tierchen bis zu drei Stunden in ununterbrochenem Galopp geritten, wo die weiten Wiesenflächen längs den Strömen es erlaubten; oft aber geht es über Geröll und steile Hänge, sodass man nur im Schritt vorwärts kommt.

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