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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 34
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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33.
Altertümer in Konstantinopel – Die St. Sophia – Der Hippodrom – Das Forum Constantinum – Säulen und Kirchen – Die Stadtmauer

Konstantinopel, den 28. Dezember 1837

Solche Fluten von Verheerungen sind über Konstantinopel zusammengeschlagen, dass fast jede Spur ihres Altertums verwischt worden ist. Dennoch ragen einige Denkmäler aus der Vorzeit und ich will dich an ihnen vorüberführen.

Die meisten Erinnerungen haften an dem Tempel, den Konstantin der göttlichen Weisheit errichtete, und dessen Kalkwände und Bleikuppeln, durch vier riesenhafte Strebepfeiler gestützt, sich noch heute hoch über den letzten Hügel, zwischen dem Propontis und dem Goldenen Horn erheben. Dort steht noch immer die alte Sophia, wie eine ehrwürdige Matrone im weißen Gewand mit grauem Haupt auf ihre mächtigen Krücken gestützt und schaut über das nahe Gedränge der Gegenwart weit hinaus über Land und Meer in die Ferne. Feuersbrünste und Belagerungen, Aufruhr, Bürgerkrieg und fanatische Zerstörungswut, Erdbeben, Stürme und Ungewitter haben ihre Macht gegen diese Mauern gebrochen, welche christliche, heidnische und mohammedanische Kaiser unter ihre Wölbung aufnahm.

Aber so viele Jahrhunderte gehen dennoch nicht spurlos an einem Menschenwerke vorüber. Die Kuppel der Sophienkirche ist mehr als einmal eingestürzt, das Innere durch Feuer verheert und riesenhafte Anbaue wurden nötig, um den Dom von außen zu stützen. Die Türken haben zu drei verschiedenen Zeitabschnitten vier unter sich ungleiche Minaretts hinzugefügt, die lange nicht so schlank und zierlich sind wie die der später erbauten anderen Moscheen und obwohl fast alle Reiseschriftsteller über den Anblick der Aya Sophia in Bewunderung ausbrechen, so will ich dir nur gestehen, dass sie auf mich weder den Eindruck eines großen noch eines schönen Bauwerks gemacht hat, bis ich hineintrat.

Die Sophia ist darin das Gegenteil der türkischen Moscheen überhaupt, welche von außen gesehen durch ihre geschmackvolle Bauart überraschen, deren Inneres aber keinen Ehrfurcht erweckenden Eindruck macht. Sie entbehrt eine der größten Zierden jener Moscheen, des Vorhofes, und man findet nirgends einen günstigen Punkt, um sie zu beschauen. Aber wenn man durch den Nartek oder Portikus, unter welchem die Büßenden zurückblieben, unter die weite Hauptkuppel tritt und einen Raum von 115 Fuß im Durchmesser ganz frei, ohne Säulen und Stützen vor sich sieht, über dem 180 Fuß hoch eine steinerne Wölbung in der Luft zu schweben scheint, dann staunt man über die Kühnheit des Gedankens, über die Größe der Ausführung eines solchen Baues.

Die breiten Hauptkuppeln an den Seiten enthalten zwei geräumige Tribünen, getragen durch die acht Riesensäulen, die Konstantin aus Ephesus, Athen und Rom zusammenbrachte. Die Tempel Europas, Asiens und Afrikas wurden geplündert, um diese christliche Kirche zu schmücken, und du findest auf der zweiten Tribüne einen Wald von Säulen aus Porphyr, Gallo antico, Granit, Jaspis und Marmor.

Das Licht fällt hauptsächlich durch eine Reihe von Fenstern, die den Fuß der Kuppel umgeben. Längs derselben befindet sich unter der Wölbung ein Umgang, von dem aus man einen schauerlich-schönen Blick 150 Fuß tief hinab in das Innere des Domes hat, auf die Gruppen von Betenden, die den weiten Fußboden bedecken.

Das Innere ist ganz frei von Bildwerken, Gemälden, Standbildern oder Denkmälern. Der einzige Schmuck der Wände sind die prachtvollen Inschriften aus dem Koran, die äußerst geschmackvolle Arabesken bilden; die Buchstaben sind vergoldet, sechs bis acht Fuß hoch, ziehen sich in langen Streifen auf dunkelblauem Grund um die Kuppeln oder sind in Tafeln zusammengestellt.

Ich führe dich nun auf einen nahen freien Platz, den größten und fast einzigen, den du in Konstantinopel findest, dies ist der alte Hippodrom, der heute den gleichbedeutenden Namen Atmeidan oder Pferdeplatz führt. Der Hippodrom war ein 400 Schritt langer, 100 Schritt breiter Zirkus, der Atmeidan hingegen ist ein unregelmäßiges Viereck, 500 Schritt lang und durchschnittlich 200 Schritt breit. Ein Teil der früheren Ausdehnung ist jedoch durch die Vorhöfe der schönen Moschee Sultan Ahmeds und der dazugehörigen Gebäude, die Imarete oder Armenküchen, die Medresseh oder Schulen überdeckt.

Auf dem Hippodrom hielt Mehmed der Eroberer ein furchtbares Blutgericht und auf ebendiesem Platz versammelte der gegenwärtige Großherr die Bewohner der Hauptstadt um die Fahne des Propheten gegen die Janitscharen, die er kraft seiner Würde als Erbe der Kalifen verfluchte und im Namen des Glaubens vertilgte.

Der Atmeidan ist immer noch ein schöner Platz; auf der nordöstlichen Seite erhebt sich in geringer Entfernung die St. Sophia und die südöstliche ist von den Vorhöfen der Moschee Sultan Achmeds begrenzt. Der innere Hof der Moschee bildet ein Viereck, das von prachtvollen Portiken umgeben ist.

Der äußere Vorhof ist von riesenhaften Platanen und Zypressen überschattet und von künstlich durchbrochenen Steingittern umschlungen. Die Achmedieh ist eine der schönsten Moscheen der Welt von außen gesehen, aber das Innere macht wenig Eindruck.

Als Konstantin Byzanz belagerte, hatte er sein Zelt auf einer Anhöhe vor den Mauern der Stadt aufgeschlagen, eben derselben, welche jetzt die Moschee Nuri-Osman krönt. Zum Gedächtnis seines Sieges gründete er hier das Forum. Es geht aus dieser Angabe hervor, dass das alte Byzanz zwar einen größeren Raum als jetzt das Seraj eingenommen, dass es sich aber nicht über den zweiten Hügel hinaus erstreckt hat. Das Forum Constantinum bildete ein geräumiges Oval, umgeben von prachtvollen Portiken, die mit vielen Standbildern geschmückt waren; zwei Triumphbogen bildeten die beiden einander gegenüberliegenden Eingänge und eine 110 Fuß hohe Säule dorischer Ordnung in der Mitte des Forums trug ein erzenes Standbild von der Meisterhand des Phidias; es stellte den Apoll mit der Sonne um das Haupt, Zepter und Weltkugel in der Hand dar und Konstantin, welcher selbst der Gott des Tages war, ließ sich die Attribute des Sonnengottes gefallen.

All diese Pracht ist verschwunden und von dem Forum nur ein kleiner enger Platz übrig, auf welchem die »verbrannte Säule« sich erhebt. Sie besteht nicht mehr aus acht, sondern nur noch aus fünf Porphyrstücken, jedes 10 Fuß hoch, mit einem Kapitell von weißem Marmor, und Zeit und Feuersbrünste haben sie so beschädigt, dass eiserne Reifen um die Steine gelegt werden mussten. Früher bildete die Säule Konstantins den höchsten Punkt der Stadt, jetzt sind ihr die Minaretts weit über den Kopf gewachsen.

Von den vielen Säulen, die einst die Bilder heiliger Männer, mächtiger Kaiser und Kaiserinnen trugen, stehen außer dieser Säule des Konstantin nur noch zwei aufrecht, die des Marcian, jetzt »Kis-taschi«, der Mädchenstein genannt, zwischen elenden Hütten, unweit der Moschee des Eroberers Mohammed, und die Gotensäule im Garten des Serajs.

Von den altgriechischen Kirchen sind mehrere noch vorhanden, aber in Moscheen umgewandelt; die Türken nennen sie Kilisse-Dschami, Kirchen-Moscheen, sie unterscheiden sich leicht von den übrigen durch die engen turmartigen Kuppeln, aber keine zeichnet sich sonderlich durch Größe oder Schönheit aus. Zu den interessantesten gehören die Kirche der heiligen Irene, jetzt eine Rüstkammer im Vorhof des Serajs, die kleine Sophia und die Kirche, in der die lateinischen Kaiser beigesetzt wurden.

Es bleibt mir noch übrig, von einem der ältesten und wichtigsten Denkmäler, von der gewaltigen alten Stadtmauer, zu sprechen, welche allein hinreichte den Sturz des oströmischen Kaisertums um hundert Jahre zu verzögern.

Das Viertel Blachernä wurde erst unter Kaiser Heraklius der Stadt einverleibt und daher kommt wohl die Verschiedenheit der Bauart des südlichen und nördlichen Teils der Mauer. Von den Siebentürmen bis Tekfur-Seraj ist die Umwallung doppelt; die Hauptmauer ist 30 bis 40 Fuß hoch und hat eine obere Stärke von 5 bis 8 Fuß; alle sechzig Schritt treten Türme aus der Mauer hervor, deren Bauart verschieden, rund, achteckig und oft sehr zierlich ist; sie sind hoch und eng, mehr oder weniger beschädigt; von einigen liegen große Stücke unzertrümmert an der Erde und dichtes Efeu überrankt das alte Gemäuer.

Der nördliche Teil der Befestigung hingegen, welcher sich dem Hafen anschließt, zeigt nur eine einzige Mauer ohne Graben. Die Türme sind groß und geräumig, die Mauer äußerst schön gebaut und vollkommen wohl erhalten.

Die Mauer des Theodosius erfuhr die erste Belagerung 626 durch Perser und Awaren; aber damals waren die Byzantiner noch Herren des Meeres. Fünfzig Jahre später erschien eine arabische Flotte vor Konstantinopel; die Anhänger der damals neu entstandenen Lehre Mohammeds vermochten indes während sechs aufeinander folgender Sommer nichts gegen diese Mauern, denen der Osten Europas damals seine Rettung vor den Sarazenen verdankte. Die Flut ihrer Eroberung brach sich an diesem Bollwerk, sie wälzte sich zurück über Syrien, Ägypten und Nordafrika und überschwemmte Spanien und einen Teil von Frankreich; aber einen schwereren Stand hatte die Kaiserstadt gegen die Ritterschaft des Abendlandes im vierten Kreuzzug. Die fränkischen Barone vereinten sich mit den venezianischen Kaufleuten und 360 Schiffe, begleitet von 70 Proviantfahrzeugen und 50 zum Kampf bereiteten Galeeren führten 40 000 lateinische Christen durch den Hellespont nach Skutari. Die venezianischen Galeeren sprengten die große, von schwimmenden Balken getragene Hafenkette und zerstörten den Rest der byzantinischen Flotte.

Die Franken griffen die Mauer auf der Landfront an; sie benutzten 250 Kriegsmaschinen und gingen endlich zum Angriff auf Sturmleitern über, der jedoch zurückgeschlagen wurde. Die Venezianer hingegen bestürmten die Stadt von der Hafenseite; ihre großen Galeeren konnten bis dicht an das Ufer fahren und ließen Fallbrücken aus den Mastkörben bis auf die Türme hinab. Das vorderste Schiff war das des Dogen Dandolo, eines neunzigjährigen blinden Greises; er stand auf dem Vorderteil des Verdecks, eine hohe und ehrwürdige Gestalt, in voller Rüstung; vor ihm war die Fahne des heiligen Markus entfaltet und der Erste am Ufer war Dandolo. Bald besetzten die Venezianer fünfundzwanzig Türme und das Banner der Republik wehte von den Mauern der Kaiserstadt.

Ärger als später die Türken hausten damals die lateinischen Christen in Byzanz. Nicetas zählt die lange Reihe von Kunstwerken und Statuen her, welche von ihnen zertrümmert oder eingeschmolzen wurden.

Fünf lateinische Kaiser aus den Häusern Flandern und Courtenay herrschten zu Konstantinopel während eines halben Jahrhunderts; aber ihr Reich war so schwach, dass der Feldherr des Michael Paläologus die Hauptstadt durch einen Handstreich mit 800 Mann nehmen konnte. Diese erstiegen die Mauer auf Leitern und öffneten das Goldene Tor, das seit langer Zeit ungangbar gemacht war, von innen.

Zwar widerstanden die Mauern des Theodosius einer Belagerung von 200 000 Osmanen unter Amurad II., aber die Moslems breiteten sich in Asien wie in Europa aus. Sie besetzten Gallipoli, ihren Übergangspunkt, und machten Adrianopel zu ihrer Residenz; schon erhob sich eine türkische Burg auf dem asiatischen Ufer an der schmalsten Stelle des Bosporus.

Im Jahre 1453 begann Mohammed der Eroberer die letzte Belagerung, welche Konstantinopel bis auf die jetzige Zeit erlebt hat. Seine Scharen zählten 250 000 Streiter und verschanzten sich der Landfront gegenüber von Propontis bis an den Hafen.

Der Morgen des 29. Mai 1453 war der dreiundfünfzigste Tag der Belagerung und der letzte in der tausendjährigen Dauer des Römerreichs. Während zwei Stunden widerstanden die Griechen dem Angriff eines fünfzigmal überlegenen Feindes; der Sultan, mit einer eisernen Keule in der Hand, befeuerte und leitete den Kampf.

Nachdem der Kaiser vergeblich versucht hatte sein Volk zu kräftiger Verteidigung zu erwecken, nachdem er alle Gefahren geteilt und alle Hoffnungen verschwunden sah, beschloss er den Fall seiner Größe, den Sturz der römischen Herrschaft und den Untergang des christlichen Glaubens nicht zu überleben. »Ist kein Christ da«, rief er, »mir das Haupt abzuschlagen?« Um nicht erkannt und verschont zu bleiben, warf er den kaiserlichen Purpur ab, mischte sich in das dichteste Gewühl der Streitenden und wurde unter einem Haufen von Erschlagenen begraben. Dicht vor dem Tore Top-Kapu erhebt sich eine Gruppe Zypressen, welche den Ort bezeichnen, wo Konstantin Paläologus, der letzte Kaiser des Ostens, fiel.

Gleich nach der Erstürmung von Konstantinopel ließ Mohammed-Gasi, der Siegreiche, die am meisten beschädigten Stellen der Befestigung wieder ausbessern.

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