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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 33
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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32.
Reise durch Rumelien, Bulgarien und die Dobrudscha – Der Trajanswall

Varna, den 2. November 1837

Nach kurzem Aufenthalt in Bujukdere wurden meine Kameraden und ich dem Großherrn vorgestellt, der uns zu Beglerbey sehr gnädig empfing; bald darauf erhielten wir den Befehl zu einer Reise zur Donau. Bei uns würde man sich auf die Schnellpost setzen und wäre in zwei bis drei Tagen da; hier macht das etwas mehr Umstände; unser Gefolge bildet eine kleine Karawane von einigen vierzig Pferden und als wir über die Brücke von Konstantinopel ritten, sah der Zug ganz stattlich aus: Voraus eilte ein Tatar in seinem roten Anzug mit Pistolen und Handschar, der die Quartiere macht und die Pferde auf den nächsten Posten zusammentreibt; zwei andere Tataren schließen den Zug, um alles zu überblicken und die Nachzügler vorwärts zu treiben. Die militärische Bedeckung bilden drei Kawassen oder Gendarmen; außer ihnen folgen zwei armenische Dolmetscher, zwei griechische Bediente, ein Koch, drei türkische Offiziere, vierzehn Packpferde, vier oder fünf Surudschi oder Pferdejungen und ein paar Reservepferde.

Auf der großen Straße nach Adrianopel bewegte sich dieser Zug schnell vorwärts; bald aber fingen die Bedienten an zu klagen; der eine hatte Kopfschmerzen, der andere Fieber und alle hatten sich durchgeritten. Von Tschatall-Burgas bogen wir aus nach Kirklisse. Die Berge wurden immer höher, die Wege schlechter und der Regen strömte reichlich herab. Die Quartiere in den Dörfern waren unbeschreiblich elend; am vierten Tag kamen wir nach Umur-Faki, das auf der Karte mit großen Lettern geschrieben, aber in der Tat nur ein ganz elendes Dorf ist. Zwei Drittel der Häuser standen leer, weil die Bewohner an der Pest gestorben oder vor ihr geflohen waren. Als wir in die Wohnung des Tschorbadschi, des Dorfältesten, einzogen, musste die Familie zum Hause hinausgetrieben werden; wir zündeten ein mächtiges Feuer an und breiteten unsere Decken von Ziegenhaar aus; einer eben vorübergehenden Gans wurde ohne weitere Umstände der Hals abgeschnitten und kaum gerupft, spazierte sie in den Kessel, wo sie sich mit einigen Hühnern und einer reichlichen Portion Gerstengrütze zusammenfand und uns Hungrigen ein recht nahrhaftes Mahl gab. An dieser ganzen Prozedur war nichts Ungewöhnliches, außer dass wir am nächsten Morgen die Leute bezahlten und beschenkten.

Unser Zug teilte sich nun in mehrere Kolonnen; Baron von Vincke und ich begaben uns nach Burgas am Schwarzen Meer, schifften uns nach Sizepolis und von da nach Achiolu ein, überschritten bei fortwährendem Regenwetter den Balkan und ruhen uns jetzt in Varna aus, wo uns der Pascha aufs Zuvorkommendste aufgenommen hat und wo man für uns so gut gesorgt hat, wie es die Umstände erlauben.

Ich kann der ovidischen Klage von den eisigen Ufern der Donau nur beistimmen. Ungewöhnlich früh trat dieses Jahr die raue Jahreszeit ein, und schon Anfang Oktober waren kleine Wasser des Morgens zugefroren. Am schlimmsten aber war der Regen und noch schlimmer die Entbehrungen, zu welchen die Vorsichtsmaßregeln zwingen, die wir gegen eine furchtbare Pest zu nehmen hatten, die diesen Herbst ganz Rumelien und die Ostküste Bulgariens heimsuchte. Wenn man nach einem langen Ritt abends durchnässt ins Nachtquartier kam, so hatte man eigentlich nur die Wahl zwischen einer möglichen Pest und einer gewissen Erkältung; die erste Frage war: Wie steht es hier mit der Krankheit? Die Türken zuckten mit den Achseln, die Rajahs jammerten, alle Häuser waren verdächtig und es blieb nichts übrig, als ein von seinen Einwohnern verlassenes Konak zu erbrechen, alle Gegenstände daraus zu entfernen, in Ermangelung von Fensterscheiben die Läden zu schließen und ein mächtiges Feuer anzuzünden, an dem gekocht und getrocknet wurde.

Jeder von uns führte große Säcke aus Haartuch mit sich, welche der Ansteckung nicht ausgesetzt sein sollen, diese wurden ausgebreitet, unsere eigenen Betten darauf gelegt und so ging's alle Tage weiter. Unsere griechischen Bedienten hielten das aber nicht lange aus, einer wurde nach dem anderen krank, und den meinigen musste ich schon von Varna aus zurückschicken; einer meiner Kameraden bekam Fieber und hatte die ganze Reise krank mitmachen müssen; am besten waren unsere Türken dran, die lachten über alle unsere Vorsicht, legten sich auf die weichen Kissen zur Ruhe und blieben eben auch gesund.

Das Land hat fürchterlich gelitten; gewiss ein Drittel der Häuser stand leer. An vielen Orten, namentlich in Bulgarien, hatten alle Einwohner die Flucht in die Berge genommen. Das schöne Tirnowa, das ich dies Frühjahr so heiter gefunden, gewährte den finstersten Anblick; Kasanlik war fast verödet; in einigen Dörfern sah man kaum einen Menschen. Nördlich des Balkans war es besser, die Krankheit war fast erloschen, hier aber hatte der Krieg fast ebenso schreckliche Spuren hinterlassen wie die Pest; dass zwei Geißeln, Pest und Krieg, ein Land grausam verheeren, ist begreiflich, dass aber nach acht Friedensjahren solche Spuren übrig sind, klagt die Verwaltung des Landes laut an. Man glaubt, die Russen seien gestern erst abgezogen: Die Städte sind buchstäblich Steinhaufen, nur in einzelnen Hütten, aus den Trümmern zusammengebaut, hausen die Einwohner und an den überall gründlich geschleiften Werken liegt noch ein Minentrichter neben dem anderen, als ob sie eben gesprengt.

In Schumla hatte ich ein zierliches Haus, in welchem Fürst Milosch früher gewohnt hatte. Hier empfing uns Sayd-Pascha, der Kommandant von Silistria, Pascha von drei Rossschweifen und Wesir, mit der ausgezeichnetsten Artigkeit.

Von Schumla fuhren wir mit unserem Pascha die Donau schnell hinab, verweilten in Silistria und begaben uns mit dem Wesir auf einen Pachthof bei Rassova, der ihm dort gehört. Unterwegs machte der Pascha die Honneurs; jeden Abend waren wir zum Diner bei ihm geladen. Der Champagner fehlte nicht; an Essen war eine entsetzliche Fülle, die Zahl der Schüsseln endlos und wohl die Hälfte davon süß. Dabei saß ein Arnaut in einen Winkel gekauert, der die Romaika, eine Art Gitarre mit sehr langem, dünnem Hals, spielte und dabei eine Liebesgeschichte sang oder vielmehr aus allen Kräften seiner Lunge schrie, die zu Sultan Urchans Zeiten vor der Eroberung von Konstantinopel sehr anziehend gewesen sein mochte. Während der Mann mit angeschwollenen Stirnadern musizierte, tanzten Zigeunerinnen mit Kastagnetten in seltsamen, bettelhaften Anzügen und mit abenteuerlichen Verdrehungen ihrer Glieder.

Ein für mich neuer und interessanter Terrainabschnitt war die Dobrudscha, das Land zwischen dem Schwarzen Meer und der Donaumündung.

Dieses ganze wohl 200 Quadratmeilen große Land zwischen dem Meer und einem schiffbaren Strom ist eine so trostlose Einöde, wie man sie sich nur vorstellen kann, und ich glaube nicht, dass es 20 000 Einwohner zählt. So weit das Auge reicht, siehst du nirgends einen Baum oder Strauch; die stark gewölbten Hügelrücken sind mit einem hohen, von der Sonne gelb gebrannten Gras bedeckt, das sich unter dem Wind wellenförmig schaukelt, und ganze Stunden lang reitest du über diese einförmige Wüste, bevor du ein elendes Dorf ohne Bäume oder Gärten in irgendeinem wasserlosen Tal entdeckst.

Niemals habe ich so viele und mächtige Adler gesehen wie hier; sie waren so dreist, dass wir sie fast mit unseren Hetzpeitschen erreichen konnten, und nur unwillig schwangen sie sich von ihrem Sitz auf alten Hünenhügeln einen Augenblick empor. Zahllose Völker von Rebhühnern stürzten laut schwirrend fast unter den Hufen unserer Pferde aus dem dürren Gras empor, wo gewöhnlich ein Habicht sie beobachtend umkreiste. Große Herden von Trappen erhoben sich schwerfällig vom Boden, wenn wir uns näherten, während lange Züge von Kranichen und wilden Gänsen die Luft durchschnitten. Wir ritten an einer Donauinsel vorüber, auf der Mutterstuten weideten; als sie unseren Zug nahen sahen, fingen sie an zu wiehern, einige der Füllen stürzten sich ins Wasser, um hinüberzuschwimmen. Die Enten schreckten auf aus dem Schilf, und eine Schar wilder Schwäne, mit schwerem Flug sich erhebend, schlug Reihen von Kreisen auf dem glatten Spiegel des Wassers.

Unten an der Donau wird die Gegend anziehender, die Inseln sind mit dichtem Weidengesträuch bewachsen; die Nebenarme des Stromes gleichen Seen und endlich erweitert sich die Niederung zu einem zehn Meilen breiten Schilfmeer, in dem man große Seeschiffe einherziehen sieht. Kaum erblickt man noch jenseits das steile weiße Ufer von Bessarabien.

In diese öde Gegenwart ragen die Trümmer einer fast zweitausendjährigen Vergangenheit hinein. Auch hier sind es die Römer, die ihren Namen mit unverlöschlichen Zügen dem Erdboden eingegraben haben. Der doppelte, an einigen Stellen dreifache Wall, den Kaiser Trajan von Czernawoda an der Donau hinter der Seereihe von Karasu weg, nach Küstendsche, dem alten Constantiana, am Schwarzen Meer zog, ist überall noch 8 bis 10 Fuß hoch erhalten.

Während der ganzen Reise ist uns übrigens alle mögliche Unterstützung zuteil geworden, besonders so weit Sayd Paschas Befehle reichten. Schon eine Stunde vor den Städten kamen berittene Seymen uns entgegen, die vor und neben uns herjagten und ihre Stäbe wie Dscherids schwenkten; dann erschienen die Tschorbadschi oder Häupter der Rajahs. In den Wohnungen war alles aufs Beste für unserem Empfang bereit und der Ayan oder moslemische Vorstand des Orts ermangelte nicht, sogleich seine Aufwartung zu machen. Speisen, Wein und besonders Komplimente waren in Überfluss vorhanden. Die Bauern aus den Dörfern arbeiteten an den Wegen, die wir passieren sollten, die Bäder durften keine Leute annehmen, solange wir da waren, und mit all diesem Aufwand und Umständen auf Kosten ganzer Gemeinden war es doch nicht möglich, uns die Bequemlichkeit zu verschaffen, die bei uns ein Reisender auf der normalen Post und für viel geringeres Geld genießt.

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