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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 32
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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31.
Der Turm von Galata

Bujukdere, den 14. September 1837

Zu meiner großen Freude trafen am 28. August drei meiner Kameraden, die Hauptleute Baron von Vincke und Fischer vom Generalstab und von Mühlbuch vom Ingenieurkorps in Konstantinopel ein. Das Dampfschiff wurde aus Triest erwartet und ich bestieg einmal über das andere den gewaltigen runden Turm von Galata, von dem ich über das Gewimmel des Hafens, über Konstantinopel und die Bogen des Valens fort in den flimmernden Propontis hinausspähte. Die Prinkipos-Inseln und der raue Fels von Prot tauchen in blauen Umrissen aus der lichten Fläche empor, welche von dem Felsgebirge von Mudania begrenzt wird; dahinter erhebt wie eine weiße Wolke der zackige Olymp sein beschneites Haupt über die warme Seelandschaft und in kaum erkennbarer Nebelgestalt zeigen sich am fernsten Horizont noch Katolymnia und die Berge von Cyzikus. Warten ist an sich ein fatales Ding, aber der Turm von Galata ist der Punkt, von wo man es noch am ehesten eine Weile aushält; vierzig Schritte führen dich rings um die Balustrade des Turms, aber welche Mannigfaltigkeit von Gegenständen erblickt das Auge während dieser vierzig Schritte! Von dem östlichen Rand des Umgangs schweift der Blick über die mächtige Vorstadt Skutari, das alte Chrysopolis, welche mit zahllosen Häusern, prächtigen Moscheen, Bädern und Fontänen amphitheatralisch an einer Höhe emporsteigt, deren Gipfel durch einen schwarzen Zypressenwald gekrönt ist.

Ich führe dich jetzt an den nördlichen Rand des Turms, von wo aus der staunende Blick die Ufer des Bosporus bis zum »Riesenberg« (Juscha-Dag) verfolgt; wie ein mächtiger Strom windet die Meerenge sich zwischen lauter zusammenhängenden Ortschaften, zwischen Palästen, Moscheen, Kiosken und Schlössern hindurch, zwei Meere verbindend und zwei Weltteile trennend. Sie bildet eigentlich die Hauptstraße von Konstantinopel, wenn man unter dieser Benennung das ganze Aggregat von Städten, Vorstädten und Ortschaften versteht, in welchen 800 000 Menschen dicht beisammen wohnen. Dort ziehen die mächtigen Schiffe hinauf. Ihre stolzen Maste tragen die rote Flagge mit dem Halbmond hoch in die blaue Luft. Tausende, ja viele tausende von leichten Nachen durchkreuzen schnell und geschäftig in allen Richtungen diese majestätische Hauptstraße.

Dicht unter dir hast du das Getümmel im Goldenen Horn, im Arsenal auf den Schiffswerften, auf der neuen Brücke und in Galata. Die Mannigfaltigkeit dieser Aussicht ist so groß, dass man tausende von Gegenständen achtlos übersieht, vor denen man an einem anderen Ort staunend stehen bleiben würde.

Mich interessiert diesmal nichts so sehr wie eine kleine schwarze Rauchwolke am blendenden Horizont des Propontis, die immer näher rückt und sich bald in ein breites Dampfschiff verwandelt; die Wellen stiegen schäumend an seiner schwarzen Brust empor und flossen schneeweiß zu beiden Seiten hinab, weithin einen Silberstreif auf die blaue Fläche zeichnend. Jetzt kämpfte das Dampfschiff mit der starken Strömung an der Spitze des Serajs, aber siegreich schoss es hinter den alten Mauern hervor, wendete in dem Hafen und mit lange anhaltendem Gerassel sank der Anker auf den tiefen Grund herab.

Ich brachte meine Kameraden sogleich nach Bujukdere, wo freundliche Wohnungen für sie bereitstanden, und es war ein großes Vergnügen, zu Pferd und im Nachen ihr Führer durch diese schönen Umgebungen zu sein, die ich durch meine Aufnahme schon gründlich studiert hatte.

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