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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 3
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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2.
Zustand der Walachei – Die Spuren langer Knechtschaft – Konsulate – Geringe Einwirkung der Regierung auf das Land – Vergleich mit Serbien

Die Walachei ist seit fünf Jahren erst in die Reihe christlicher Länder getreten, und wenn dies zwar unter der Bedingung einer doppelten Abhängigkeit geschah, so hat sie doch das Recht erlangt ihre innere Verwaltung nach eigenem Ermessen zu regeln.

Die Physiognomie dieses Landes trägt die furchtbarsten Spuren einer langen Knechtschaft. Zur Hälfte noch in Trümmern und Schutthaufen liegen die Städte ohne Mauern, ohne Tore, denn jede Gegenwehr war bisher Verbrechen gewesen. Nachdem der Widerstand sich so oft fruchtlos gezeigt, nachdem er so oft verderblich geworden war, dachte der Walache an keine andere Rettung mehr als an die Flucht. Sobald eine türkische Schar über die Donau herangezogen kam, entwich, wer etwas zu verlieren hatte, in die Wälder nach Ungarn oder nach Siebenbürgen.

Von dem zum Ackerbau geeigneten Boden ist kaum der fünfte Teil bestellt und so gleicht denn dieses Land in der Tat nur einer weiten Wüstenei, einer Wüstenei freilich, die nur auf fleißige Menschenhände wartet, um jede Mühe überschwänglich zu lohnen.

Der Walache hat von seinem Vater gelernt, nie mehr anzubauen, als gerade ausreicht sein Leben kümmerlich zu fristen; ein Mehr wäre nur die Beute seiner Machthaber oder seiner Feinde gewesen. Gewohnt, sich mit dem Allergeringsten zu begnügen, kennt er keine der tausend Bedürfnisse anderer Nationen, scheut die Dürftigkeit nicht so sehr wie die Arbeit, den Zwang der Gesittung mehr als das Elend der Barbarei. Die Walachen sind ein auffallend schöner, großer Menschenschlag; ihre Sprache ist eine Tochter der römischen und noch heute der italienischen ähnlich. Aber das türkische Joch hat dieses Volk völlig geknechtet. Die Waffen sind ihm lange schon fremd geworden, es ergibt sich in jede Forderung. Jeder wohl gekleidete Mann imponiert dem Walachen, er hält ihn für völlig berechtigt ihm zu befehlen und Dienstleistungen von ihm zu verlangen. Nie wird man einen Walachen danken sehen, selbst wenn ein Geschenk alle seine Erwartungen übersteigt, aber ebenso stillschweigend nimmt er auch Misshandlungen hin; er hält es für unklug, seine Freude und seinen Schmerz zu verraten. Dagegen findet man ihn stets heiter, wenn er in einer elenden Erdhöhle am mächtigen Feuer seine durchnässten Lumpen trocknen, einen Maiskolben rösten oder gar eine Pfeife rauchen kann.

So viele unserer Landsleute wandern aus, um sich in fremden Weltteilen ein besseres Dasein zu gründen, und so wenige versuchen es aus dieses reichen Landes Quellen zu schöpfen, wo jede Arbeit ihren Lohn finden müsste, wenn nur Schutz und Sicherheit des Eigentums vorhanden wären.

Man hat in den Hauptrichtungen durch das Land Postverbindungen hergestellt und der Reisende wird in der günstigsten Jahreszeit äußerst schnell, aber auch äußerst unbequem befördert. Allein, da für Straßen und Brücken bis jetzt auch noch nicht das Allermindeste geschehen ist, so grenzt es fast an Unmöglichkeit, sich nach anhaltendem Regen in diesem schweren Lehmboden von einem Ort zum anderen zu bewegen. Die Flüsse, die von den Karpaten herabstürzen, füllen dann ihre breiten Betten in der Ebene und unterbrechen jeden Verkehr. Mit der Wegbarkeit sieht es in diesem Land noch sehr schlecht aus; Straßen gibt es nicht, die Donau zieht nur an der Grenze entlang und die Flüsse, die ihr zuströmen, sind nicht schiffbar und auch kaum schiffbar zu machen.

Man staunt, in dieser Wüstenei eine Stadt wie Bukarest mit fast 100 000 Einwohnern zu finden. In Bukarest gibt es Palais, Gesellschaften und Visiten, Theater, marchandes de mode, Zeitungen und Equipagen; aber so wie man den Fuß vor das Tor setzt, versinkt man in Barbarei. Man hat eine Gesellschaft von Naturforschern und eine Musterwirtschaft gegründet, aber selbst der Anbau der Kartoffel ist in der Walachei noch nicht eingeführt. In der Stadt sieht man den Hof, aber im Lande die Regierung nicht.

Serbien bildet in vielen Beziehungen das Gegenstück zur Walachei. In Serbien gibt es weder Bojaren noch anderen Adel, weder große Städte noch einen Hof, sondern nur Volk und Fürst. Milosch, dieser außerordentliche Mann, hat mit dem Schwert die Freiheit seiner Landsleute erkämpft, aber er hat es verschmäht, ihren bürgerlichen Zustand zu begründen.

Milosch Obrenowitsch war während seiner Anwesenheit in Konstantinopel mit seltener Auszeichnung empfangen worden und ist der Pforte noch wahrhaft ergeben, denn er ist klug genug einzusehen, dass nur durch sie sein Fürstentum bestehe. Im Innern seines Landes herrscht er durch das Andenken an große Verdienste, durch die Vereinigung aller materiellen Gewalt in seinen Händen und durch den Einfluss eines ungeheuren Reichtums. Nach außen ist er stark durch den kriegerischen, tüchtigen Charakter des serbischen Volkes, denn obwohl seine Miliz nicht zahlreich ist, so weiß doch jeder Serbe die Waffen zu führen, für deren Besitz er so lange gekämpft hat.

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