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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 26
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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25.
Audienz beim Großherrn

Pera, den 21. Januar 1837

Vorgestern erhielt ich den Befehl zu einer Privataudienz beim Großherrn zu erscheinen. Es ist bekannt, wie früher die Repräsentanten der mächtigsten Monarchen stundenlang im Vorhof des Serajs warten mussten. Dort befindet sich ein Portal mit zwei Türen hintereinander. Da die äußere hinter dem Eintretenden eher geschlossen, als die innere wieder geöffnet wird, so war dies der Ort, wo den Wesiren und den Großen überhaupt gelegentlich die Köpfe abgeschlagen wurden. Diese freundliche Lokalität hatte man benutzt, um die zur Audienz gelassenen Fremden in der Tugend der Geduld zu üben. Erst nachdem sie so eine Vorstellung von der Gerechtigkeit und Milde, von dem Reichtum und der Macht, hauptsächlich wohl von dem Hochmut des Padischahs erhalten hatten, wurden sie durch das Tor der Glückseligkeit, »Bab seadet«, in einen halbdunklen Kiosk vor das Antlitz des Großtürken gelassen. Der Beglückte wurde von zwei Kapitschi-Baschi oder Obertürstehern geführt, die ihm die Arme festhielten und zu tiefen Verbeugungen zwangen. Die Gesandten richteten ihre Reden an den Großherrn, dem jedoch nur einige wenige Worte übersetzt wurden, und sodann durften sie ihre Geschenke überreichen. Se. Hoheit gaben dem Wesir einen Wink, irgendetwas zu sagen, und damit war die Sache zu Ende. So, oder doch mit wenig geänderten Formen, bestanden die Audienzen bis vor zehn Jahren. Nach der Vernichtung der Janitscharen oder vielmehr seit die Russen den Türken etwas näher gelegt hatten, dass sie nicht mehr unüberwindlich sind, hat dies nun zwar aufgehört, aber noch immer ist der Großherr der am wenigsten zugängliche aller europäischen Fürsten; ich will dir daher meine Audienz beschreiben.

Um 10 Uhr morgens begab ich mich mit dem Dragoman der Gesandtschaft, der mich auf allen meinen Zügen begleitet hat, ins Mabeïn oder den Versammlungsort der Großwürdenträger des Reiches. Dieses Gebäude liegt unmittelbar neben dem Winterpalais des Großherrn, ist aber durch eine hohe Mauer von demselben getrennt. Wassaf-Effendi, der Geheimschreiber und mächtige Vertraute des Sultans, nimmt hier die Fremden an, welche oft mehrere Stunden zubringen müssen, um alles mit ihm gehörig durchzusprechen, was man dem Großherrn mitteilen will. Dieser Effendi begibt sich sodann zu seinem Gebieter, mit welchem die Antworten beraten werden und der dann genügend vorbereitet ist. Das war mit mir nun nicht nötig, da ich nichts Politisches vorzubringen hatte. Der Kapudan-Pascha, ein äußerst freundlicher Herr, kam bald hinzu; es wurden zahlreiche Pfeifen geraucht, Kaffee getrunken und um 11 Uhr erhielten wir den Befehl vor Sr. Hoheit zu erscheinen.

Durch eine kleine Nebentür traten wir in den von hohen Mauern umringten Hof, der nach dem Bosporus zu durch dichte Drahtgitter geschlossen ist, welche die Aussicht nach Skutari und dem Propontis offen lassen. Einige Blumenparterres mit Buchsbaum eingefasst, Rosenhecken und zwei Bassins mit Springbrunnen füllten den inneren Raum aus. Am Ende des Hofes erhebt sich ein dreistöckiges Wohnhaus aus Brettern, in dem der Sultan den Winter zubringt. Dahinter fangen die weitläufigen Gebäude des Harems an.

Man führte mich in einen schönen, sehr geräumigen Kiosk, der über dem Meer erbaut, eine prächtige Aussicht gewährt. Dort fanden wir einen Schwarm von Kammerherren, Pagen, Sekretären, Militärs und anderen Beamten des Hofes. Ein ältlicher Gentleman sagte mir besonders viel Verbindliches, er hatte entdeckt, dass ich mir ein großes Verdienst um das Land erworben hatte, und ich erfuhr nachher, dass dies Se. Exzellenz der Hofnarr des Großherrn sei. Nach kurzer Frist traten wir in das Wohnhaus; da etwas Antichambrieren aber unerlässlich ist, stellte man Stühle für uns auf die mit schönen Teppichen belegte, aber niedrige Treppe. Nach einigen Minuten wurden wir aufgerufen, worauf Wassaf-Effendi sogleich seinen Degen ablegte; ich war in Zivilkleidern. Die Zimmer, die wir durchschritten, sind weder groß noch sehr prachtvoll; sie sind nach europäischer Art möbliert, man sieht da Stühle, Tische, Spiegel, Kronleuchter, sogar Öfen; alles, wie man es bei einem wohlhabenden Privatmann in unseren Städten auch findet.

Nachdem der Teppich von einer Seitentür weggezogen worden war, erblickten wir den Großherrn in einem Lehnsessel. Nach üblicher Weise machte ich ihm drei tiefe Verbeugungen und trat dann bis an die Tür zurück. Se. Kaiserliche Majestät trug die rote Mütze (Fes) und einen weiten violetten Tuchmantel oder vielmehr einen Mantelkragen, der seine ganze Gestalt versteckte und der durch eine Diamantagraffe zusammengehalten wurde. Der Sultan rauchte eine lange Pfeife aus Jasminrohr, die Bernsteinspitze mit schönen Juwelen besetzt. Sein Stuhl stand neben dem langen Diwan, der sich hier immer unter den Fenstern befindet. Mit einem Blick nach links konnte Se. Hoheit den schönsten Teil seines Reiches, die Hauptstadt, die Flotte, das Meer und die asiatischen Berge überschauen. Rechts vom Großherrn bis zur Tür, durch die ich eingetreten war, standen sechs oder sieben seiner Hofbeamten in tiefem Schweigen und in ehrfurchtsvoller Stellung, die Hände vorn über den Leib gekreuzt. Ein schöner französischer Teppich bedeckte den Fußboden und in der Mitte des Zimmers glimmte ein Kohlenfeuer in einem prachtvollen Bronzemangall.

Der Großherr äußerte sich zuerst anerkennend und dankbar über die vielen Beweise von Freundschaft, die er von unserem König empfangen habe, und sprach sich sehr günstig über preußisches Militär im Allgemeinen aus. Sobald Se. Majestät geendet hatte, blickten alle Anwesenden sich mit dem Ausdruck der Bewunderung und Beistimmung an und der Inhalt wurde mir von meinem Dragoman wiedergegeben. Da ich hierauf nichts zu sagen hatte, so begnügte ich mich mit einer Verbeugung. Se. Hoheit geruhte hierauf, mit mir von meinen Arbeiten zu sprechen, ging auf mehrere Details ein und setzte hinzu, dass ich ihm inschallah, »so Gott will«, noch fernere Dienste leisten solle. Indem er seine Zufriedenheit äußerte, ließ er mir durch Wassaf-Effendi seinen Orden überreichen. Nachdem ich diesen auf übliche Weise, ohne das Etui zu öffnen, an Brust und Stirn erhoben hatte, rief der Großherr: »Zeigt ihn ihm und fragt ihn, ob er ihm gefällt!«, worauf denn der Nischan mir feierlichst um den Hals gebunden wurde. Sodann erhielt mein Dragoman ebenfalls eine Dekoration geringerer Art mit dem Vermerk: »weil er mir bei meinen Arbeiten beigestanden«, und wir waren entlassen.

Der lebhafteste Eindruck, der mir an dieser ganzen Szene geblieben ist, ist der Ausdruck von Wohlwollen und Güte, welcher alle Worte des Großherrn bezeichnete.

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