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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 25
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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24.
Die Tauben in der Moschee Bajasids – Die Hunde in Konstantinopel – Die Begräbnisplätze

Bujukdere, den 18. Januar 1837

Der Wohltätigkeitssinn der Türken dehnt sich bis auf die Tiere aus. In Skutari findest du ein Katzenhospital, und in dem Vorhof der Moschee Bajasids gibt es eine Versorgungsanstalt für Tauben.

In den Häusern trifft man niemals Hunde, aber in den Straßen leben viele tausende dieser herrenlosen Tiere von den Spenden der Bäcker, der Fleischer und freilich auch von ihrer Arbeit, denn die Hunde haben hier fast ganz allein das Geschäft der Straßenreinigung übernommen. Fällt ein Pferd oder ein Esel, so wird das Tier höchstens bis an den nächsten Winkel geschleppt und dort von Hunden verzehrt. Sehr auffallend ist es mir gewesen, wenn ich durch die Straßen von Stambul ritt, die Hunde stets mitten in den Straßen schlafend zu finden. Nie geht ein Hund einem Menschen oder Pferde aus dem Wege und Pferde und Menschen, die dies einmal wissen, weichen den Hunden, wenn es irgend möglich ist, aus. Täglich kommen indes die schrecklichsten Verletzungen vor, überall hört man die Wehklagen der armen Tiere und doch sieht man sie überall regungslos mitten im dichtesten Gedränge auf dem Steinpflaster schlafen. Allerdings wäre es ganz unmöglich für diese vierbeinige Polizei, sich zu flüchten; alle Häuser sind verschlossen und die Mitte der Straße ist immer noch der sicherste Platz für sie, weil es viel mehr Fußgänger als Reiter gibt.

Aber du hast von den türkischen Begräbnisplätzen hören wollen, deren Schönheit man mit Recht gerühmt hat. In der Gegend von Konstantinopel krönen sie die Vorgebirge am Bosporus, von welchen man die reichste Aussicht genießt.

Die regungslose Zypresse mit ihrem an Schwarz grenzenden Grün ist sehr passend zum Baum der Toten gewählt; der Stamm, die Zweige und das Laub streben nach oben, nur die schlanke Spitze ist zur Erde gebeugt, der Wind dringt durch ihre Äste, aber er bewegt sie nicht. Die Türken fühlen, dass sie in Europa nicht zu Hause sind, ihre Prophezeiungen und Ahnungen sagen ihnen, dass das Römische Reich ihnen nicht immer gehören werde, und wer die Mittel dazu hat, lässt seine Asche auf die asiatische Seite des Bosporus nach Skutari bringen. Das Antlitz des Rechtgläubigen ist zur heiligen Stadt Mekka gewendet und zu seinem Haupte erhebt sich ein Marmorpfeiler von zierlicher Form mit Versen aus dem Koran und den Namen des Hingeschiedenen, oft reich vergoldet und vom Turban überragt.

Die Grabsteine der Frauen sind mit Blumen geschmückt, die der Unverheirateten durch eine Rosenknospe bezeichnet. Das Grab eines Moslems darf nie gestört werden und man würde es für eine Ruchlosigkeit halten, den Friedhof nach einer Reihe von Jahren umzugraben, wie bei uns. Die Grabsteine der Rajahs liegen an der Erde, die der Türken aber stehen aufrecht. Die Türbehs oder Mausoleen der Großen sind oft sehr prachtvoll, aus dem schönsten Marmor und Jaspis erbaut, mit einer Kuppel überwölbt, von hohen Lorbeeren oder Platanen überschattet und von Rosenhecken umgeben. Der Sarkophag in der Mitte dieses Gewölbes ist mit einem kostbaren Kaschmirschal bedeckt.

Die Begräbnisplätze, wie ich sie dir hier geschildert habe, sind die einzigen Promenaden der Türken. Die Frauen fahren in einem Arabah, einem Fuhrwerk, das den schlesischen Planwagen sehr ähnlich sieht, aber ohne Federn und bunt angemalt. Die schwere Deichsel endet mit einem Drachenkopf, die Achsen und Buchsen sind unbeschlagen, denn der Prophet sagt: »Nur die Gottlosen schleichen im Finstern umher, ein guter Moslem aber fährt mit schreienden Rädern.«

Vor solche Equipage werden zwei Büffel oder Ochsen gespannt, denen mit gelbem Ocker prachtvolle Sonnen auf die graue Haut gemalt sind. Die Schweife werden an hölzerne Bügel mit bunten Bändern und Quasten aufgebunden, so geht es im langsamen Zuge einher. Vornehme Frauen sitzen in einer Art von Kutsche, hinter Gittern und Gardinen versteckt; die angesehenen Männer reiten, aber es wäre gegen allen Anstand, schnell zu reiten. Der Seïs oder Pferdeknecht geht daneben, die Hand auf der Kruppe des Pferdes, und so wie der Weg steigt oder fällt, unterstützt er seinen Herrn, indem er ihm die Hand um den Rücken legt. Vornehme Türken haben ein halbes Dutzend solcher Leute zu Fuß vor oder hinter sich und so geht es im langsamen Schritt vorwärts.

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