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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 22
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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21.
Die Kaiks

Bujukdere, den 30. November 1836

Ihr werdet jetzt wohl schon tief im Winter sitzen, während wir hier noch den herrlichsten Herbst genießen; freilich, wenn der Nordwind (Poiras) weht, sieht es zuweilen verdrießlich aus; sowie aber der Südwind (Lodoss) die Oberhand gewinnt, bietet die Aussicht von meinem freundlichen Zimmer den herrlichsten Anblick auf den Bosporus, Therapia und die asiatische Küste. Tagsüber flimmert die Sonne auf den kleinen Wellen und das Leben auf einem Dutzend großer Schiffe, die hart unter meinem Fenster ankern, gewährt Unterhaltung, wenn man sonst nichts zu tun hat. Dann kommen die Fischer in großen Kähnen, unter deren Ruderschlägen das Meer ächzt; mit lautem Geschrei verfolgen sie Scharen von Fischen, die man bei der Klarheit des Wassers deutlich ziehen sieht; sie umstellen sie mit ihren Kähnen und treiben sie so mit Geräusch in die Netze. Da gibt es denn eine bunt geschuppte Gesellschaft: den wohlschmeckenden Thun, den silbernen Palamyd, den seltsamen Steinbutt, den Goldfisch, den Skorpionfisch, welcher jeden, der ihn anfasst, lebensgefährlich verwundet; da gibt es Schwertfische mit ellenlanger Nase, Makrelen, Antipalamyden und viele andere Gattungen. Der Delphin allein hat das Recht ungestört zu bleiben, weil das Vorurteil ihn schützt, wie bei uns die Schwalben und Störche; er tanzt in der Strömung, folgt den Schiffen, springt schnaubend in die Luft und schießt pfeilschnell nieder.

Ununterbrochen ziehen Kaiks vor meinem Fenster vorbei, es sind die Fiaker des Bosporus. Wirklich kann man nichts Zierlicheres und Zweckmäßigeres sehen als ein Kaik.

Das leicht gezimmerte Gerippe ist mit dünnen Brettern umgeben, die mit Pech von innen und außen ganz überzogen werden. Das Innere des Fahrzeugs ist mit einer dünnen Verkleidung aus weißem Holz versehen und wird aufs Sauberste rein gehalten und gewaschen. Die Ruder haben an den oberen Enden dicke Klötze, die den unteren Enden das Gleichgewicht halten und so die Arbeit erleichtern; sie bewegen sich an ledernen, fettigen Riemen um hölzerne Pflöcke, welche, um die Friktion so gering wie möglich zu machen, aus dem härtesten Buchsbaum, kaum fingerdick, gemacht sind. Das Fahrzeug ist hinten breiter, läuft nach vorn immer schmaler zu und endet mit einer scharfen eisernen Spitze. Wenn der Passagier auf dem Boden des Fahrzeugs sitzt (denn nur die unwissenden Franken setzen sich hinten auf den Sitz), ist es völlig im Gleichgewicht. Der Ruderer befindet sich im Schwerpunkt des Bootes und der Nachen folgt nun dem leisesten Druck der Hand; selbst bei schlechtestem Wetter scheut man sich nicht die aufgeregten Fluten in diesen leichten Fahrzeugen zu durchschneiden. Die Wellen spielen mit dem Kaik wie mit einer Feder und stoßen es vor sich her; bald schwebt es auf der Spitze einer Woge, bald entschwindet es dem Auge ganz zwischen den Wasserbergen und die scharfe Spitze wirft, indem sie die Flut durchschneidet, den schneeweißen Schaum zu beiden Seiten hoch in die Luft.

Der wohlhabende Effendi fährt in einem dreirudrigen Kaik, er sitzt auf einem Teppich, in zwei oder drei Pelze gehüllt, einen persischen Schal um den Leib gewickelt; vor ihm kauern die Pfeifenstopfer und der Kaffeeschenker hinter ihm; ein oder zwei Diener von geringerem Rang halten ihrem Herrn einen großen Regenschirm gegen die Sonne über den Kopf. Der Schirm darf jedoch nicht rot sein (das steht nur dem Großherrn selbst zu) und wird zusammengefaltet, sobald ein Pascha vorüberfährt oder das Kaik an einem der Schlösser des Padischahs vorbeikommt. Die Kaikschi oder Ruderer, große prächtige Leute, sind gleichmäßig gekleidet: ein weites baumwollenes Beinkleid, ein halbseidenes Hemd und ein kleines rotes Käppchen auf dem kahl geschorenen Kopf bilden die ganze Toilette, selbst im Winter.

Bei ruhigem Wetter sieht man wegen der großen Klarheit des Wassers den Grund des Meeres mit überraschender Deutlichkeit und das Fahrzeug scheint über einem Abgrund zu schweben. Ein völlig glatter Spiegel ist auf dem Bosporus selten, zuweilen aber ist die Fläche scheinbar eben, dennoch ziehen sehr große breite Wellen, die aus dem Schwarzen Meer kommen, hinein. Auf der Wasserfläche bemerkt man sie kaum, aber am Ufer verursachen sie eine starke Brandung; dann ist es überraschend, bei ganz stiller Luft und spiegelblanker Oberfläche des blauen Wassers den schneeweißen Saum am Ufer zu sehen und das Ächzen des Meeres zu hören, das sich an dem dunklen Gestein des Ufers schäumend bricht.

Heute früh zog eine Gesellschaft griechischer Fischer ihr Netz mit lautem Geschrei an Land. Das Netz enthielt wohl eine halbe Million Makrelen im Wert von etwa tausend Gulden; ich habe mir so etwas nie vorgestellt. Nachdem das Netz nahe genug ans Ufer herangezogen war, langte man mit kleineren Netzen an Stielen wie mit großen Löffeln hinein und schöpfte so zu tausenden die silberhellen zappelnden Tierchen an das Licht der Sonne. Zuweilen gesellt sich auch wohl ein Delphin dieser zahlreichen Versammlung bei, das ist aber ein übler Gast; so wie er sich umstellt sieht, springt er gewaltig herum, zerreißt die Fäden und befreit nicht allein sich, sondern auch alle übrigen Gefangenen.

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