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Unter dem Halbmond

Helmuth Graf von Moltke: Unter dem Halbmond - Kapitel 18
Quellenangabe
typeletter
booktitleUnter dem Halbmond
authorHelmuth von Moltke
year1997
publisherEd. Erdmann
addressStuttgart; Wien; Bern
isbn3-522-60950-6
titleUnter dem Halbmond
pages3-303
created20000123
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1841
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17.
Der Thrakische Chersones

Bujukdere, den 5. September 1836

Der Aufenthalt hier in Bujukdere, wo ich mich jetzt eingerichtet habe, ist sehr angenehm; der beständige Nordwind hält die Temperatur niedrig und es ist kaum wärmer als in Berlin, dabei fortwährend schönes Wetter und blauer Himmel. Seit drei oder vier Monaten hat es nicht geregnet und in Pera fängt der Wassermangel an sehr fühlbar zu werden. Das gute Trinkwasser ist dort halb so teuer wie der schlechte Wein. Um Konstantinopel ist alles verdorrt, nur hier am Bosporus bewirkt die feuchte Seeluft des Schwarzen Meeres, dass die Bäume und der Zwerglorbeer, der die Bergwände bekränzt, noch immer mit frischem Grün prangen.

In einer Schaluppe machen wir oft Ausflüge, die uns bald ins Marmarameer, bald ins Schwarze Meer führen. Aber auch zu Pferde sind die Promenaden sehr unterhaltend. Die gerade Straße von Pera hierher führt über die Höhe und zieht sich zwei Meilen weit durch eine fortwährende Einöde. Der Weg am Ufer des Bosporus dagegen ist länger und beschwerlich wegen des Steinpflasters, aber sehr unterhaltend. Diese ganze drei Meilen weite Strecke bildet eine einzige fortlaufende Stadt aus Wohnungen und Lusthäusern, Kiosken, Moscheen, Springbrunnen, Bädern und Kaffeehäusern. Die Gärten steigen auf Terrassen empor und die mächtigen Zypressenhaine der Begräbnisplätze krönen die Gipfel.

Oft nimmt der Weg plötzlich eine Wendung, du stehst vor einer Moschee, neben einem Springbrunnen und unter mächtigen Platanen am klaren plätschernden Strom des Bosporus; Knaben in weißen oder blauen Kleidern und farbigen Turbanen springen herbei das Pferd zu halten; der Kaffeewirt hält schon die lange Pfeife bereit und gießt den unausbleiblichen Kaffee in die kleine Tasse, schiebt einen niedrigen Rohrsessel auf die Terrasse seines Hauses und ein Schwarm von Kaikführern streitet sich um den Vorzug dich für einige Para zwischen den paradiesischen Ufern zweier Weltteile hinzurudern.

Und zehn Minuten von dieser Szene des Lebens und des Überflusses entfernt kannst du in eine menschenleere Einöde treten. Du darfst nur auf die nächste Höhe hinaufsteigen, so liegt der Thrakische Chersones, ein Hügelland, vor dir, auf dem du kein Dorf, keinen Baum, kaum einen Weinberg, sondern nur einen steinigen Saumweg erblickst. In dem Maße, wie man sich dem Schwarzen Meer nähert, zeigen sich die Hügel mehr und mehr mit Sträuchern bedeckt. Bald kommt man in einen Wald von Ahorn- und Kastanienbäumen, wo tiefe Stille herrscht; da findet man mächtige Stämme liegen, die der Sturm hingestreckt hat und die, von Efeu überdeckt, aufs Neue begrünt sind; der wilde Wein steigt bis an die Gipfel der Bäume empor, an welche nie eine Axt gelegt werden darf, denn an diesem Wald setzen die Wolken das Trinkwasser für Konstantinopel ab. Die Rosen- und Brombeersträucher beschränken den Wanderer auf einen schmalen Pfad in den Tälern; nur hin und wieder streift ein Schakal durch die Büsche oder ein Adler oder Mahommedsvogel stürzt erschrocken und krächzend von seinem Lager empor. Plötzlich öffnen sich die Zweige und du stehst vor einem riesenhaften Gemäuer, einem Palast ohne Fenster und Türen; aber mit seltsamen Türmen, Zinnen und Spitzen, ganz mit Marmor bekleidet. Die Flügel jener Waldschlösser lehnen sich an die Talwände und wenn du diese bis zum obersten Rand des Gemäuers auf breiten Marmorstufen ersteigst, so erblickst du jenseits den klaren Spiegel eines künstlichen Sees, der zwischen den bewaldeten Höhen durch den mächtigen Steinwall zurückgehalten wird. Es ist eines der großen Reservoirs, welche eine halbe Million Menschen in einer Entfernung von vier bis fünf Meilen mit frischem Wasser versehen. Hier fangen die Wasserleitungen an, die auf ihrem Zug die Täler auf mächtigen Bogen überschreiten, die seit Valens', Justinians, Severus' und Suleimans des Großen Zeiten noch heute unerschüttert dastehen.

Das Neueste aus Konstantinopel ist, dass Achmed, der Capudan-Pascha, der bisher Muschir der Garden war, eine Brücke über den Hafen hat bauen lassen, die erste, die seit dem strengen Winter zu Kaiser Theodosius' Zeiten Galata mit Konstantinopel vereinte. Die Aufgabe war leicht, denn Läden, Gartenmauern, Häuser und Cafés, die im Wege standen, wurden ohne weiteres niedergerissen und Sultan Mahmud war der Erste, der vorgestern in einem Wagen von Galata zur Moschee Bajasids fuhr. Die Brücke wurde vorher mit einer religiösen Weihe eröffnet; der Padischah vollzog den Kurban oder das Opfer, indem er das Messer berührte, mit dem dreizehn Widder an der Landschwelle der Brücke geschlachtet wurden.

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